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Ausgabe:

1900 Nr. 14

Spalte:

411-413

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Omont, H.

Titel/Untertitel:

Manuscrit Grec de l‘Evangile selon S. Matthieu 1900

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 14.

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von Humboldt begonnen, von Wilhelm von Humboldt
fortgeführt und von Niebuhr vollendet worden!
Welche Akademie Europas kann fich folcher Stifter und
folcher Reformatoren rühmen I' (I, 598). Befonders fruchtbar
erwies fich die Verbindung mit der neugegründeten Uni-
verfität. Eines der einflufsreichften Mitglieder war jetzt
Schleiermacher, der in den Jahren 1815—1834 der philo-
logifchen Claffe den Stempel feines Geiftes aufgedrückt hat.
,Sein Name müfste genannt werden, wenn man für jene
Epoche in der Gefchichte jener Klaffe einen Heros epony-
mus erwählen wollte; denn fowohl ihre wiffenfchaftliche
Auffaffung als ihre Arbeitsweife ift ganz wefentlich von ihm
benimmt worden' (I, 848). Gleichzeitig wirkten, um nur
Vertreter der Geifteswiffenfchaften zu nennen, Karl Ritter
(I, 844), Ideler (I, 845 f.), W. von Humboldt (I, 850 f.),
Niebuhr, Buttmann, Boeckh, Bekker, Lachmann, Bopp,
Jakob Grimm, Raumer, Neander, Ranke. Die Aufnahme
Hegel's ift durch Schleiermacher verhindert worden.
Er fetzte (1826—1827) die Aufhebung der ,philofophi-
fchen' Claffe, deren Secretär er bis dahin felbft gewefen
war, durch, weil die wenigen Mitglieder der Claffe ausnahmslos
auch in anderen Gefchäftskreifen thätig und
zugleich Mitglieder anderer Claffen feien (I, 735—745).
War dies auch nicht direct gegen Hegel gerichtet, fo
war damit doch die moralifche Nöthigung, ihn zu wählen,
befeitigt.

Aus der Zeit Friedrich Wilhelm's IV. ift befonders
der Eintritt Schelling's in die Akademie bemerkens-
werth, nicht wegen deffen, was er wirklich noch für die
Akademie geleiftet hat, fondern wegen der pomphaften
Art, wie er fich (1841) in Berlin einführte, und wegen
der Hoffnungen, welche manche Kreife auf ihn, den
65jährigen fetzten (I, 919).

Wie nahe die wiffenfchaftliche Arbeit der Akademie
auch in den letzten beiden Menfchenaltern mit den
Intereffen der Theologie fich berührte, mag eine Reihe
von Namen zeigen, deren Träger die verfchiedenen
Geifteswiffenfchaften gepflegt haben; auf dem Gebiete
der Philofophie: Trendelenburg, Zeller, Harms, Dilthey;
der alten Gefchichte: Droyfen, Curtius, Duncker, Momm-
fen; der Aegyptologie: Lepfius, Brugfch; der orientalischen
Alterthumskunde: Rödiger, Olshaufen, Wetzftein,
Petermann, Dillmann, Nöldeke, Schräder, Schröder,
Euting; der mittelalterlichen und neueren Gefchichte:
Pertz, Waitz, Wattenbach, Sybel u. A. Unter diefen ift
kaum einer, deffen Arbeiten nicht irgendwie, direct oder
indirect, auch in die Aufgaben der Theologie fördernd
eingegriffen hätten. Seit Harnack's Eintritt in die Akademie
haben die Sitzungsberichte auch eine Reihe
fpecififch kirchengefchichtlicher Beiträge gebracht.

Unter den grofsen Aufgaben, welche die Akademie
in neuerer Zeit in Angriff genommen hat, bewegen fich
zwei direct auf theologifchem Gebiete: Die grofse Luther-
Ausgabe und die Ausgabe der vornicänifchen griechi-
fchen Kirchenväter. Aberauch die geplante Gefammt-
Ausgabe von Kant's Werken berührt die theologifche
Infereffen-Sphäre fehr nahe.

Göttingen. E. Schürer.

Omont. H., Manuscrit Grec de I' Evangile selon S. Matthieu,

enlettresoncialesd'orsurparcheminpourpre, recemment
acquis pour la Bibliotheque Nationale. [Extrait du
Journal des Savants. Mai 19CO.] (6 S. 4 m. 2 Tafeln.)

Der franzöfifche Capitain de la Taille hat im De-
cember vorigen Jahres auf dem Rückwege von einer
Reife nach Rufsland und Armenien in Sinope 43 Blätter
einer Purpurhandfchrift gekauft. Sie ift der Nationalbibliothek
einverleibt worden (Suppl. Grec Nr. 1286), und
Omont hat fie kurz befchrieben.

Die Handfchrift, in die Claffe der biblifchen Purpurcodices
gehörig, ift darin einzigartig, dafs fie ganz mit

Goldbuchftaben gefchrieben ift, während die verwandten
Codices mit Silber gefchrieben find und Gold
nur an befonderen Stellen angewendet ift. Das Format
ift 30x25 Cent, (alfo nicht ganz fo grofs wie das des
Roffanenfis; Cod. N = 34x29), auf der Seite fteht nur
eine Colume (vgl. Cod. N; der Roffan. hat zwei) mit 16
Zeilen (wie N) und 18—19 Buchftaben auf der Zeile (N
hat 10—12, Roff. c. 11). Omont hat berechnet, dafs das
Matthäusev. (die 43 erhaltenen Blätter flammen fämmtlich
aus ihm, und zwar aus c. 7, c. 11 und aus grofsen Theilen
von c. 13—24) in diefer Handfchrift einft 144 Blätter in 12
Heften umfafst hat, alfo etwa 2/7 des Matth. Ev. uns erhalten
find. ,L ccriturc est une magnifiqiic ouciale, dont
/es lettrcs mesurent 7 millim. de diametrc, et dont /es
formes elegantes se rapprochent egalcmcnt de l'ecriture die
Ms. N.' Dafs die Texte diefer Purpurhandfchriften aufs
nächfte unter fich verwandt find und auf einen Archetypus
zurückgehen, ift bekannt und wird durch die neue Handfchrift
wiederum beftätigt. Omont hat aus ihr Matth.
20, 9—18 (= fol. 26 des Ms.) abgedruckt: aufser einigen
Itacismen, die N bietet, und einer fachlichen Variante
im Roffan. (övvscpcovnöa 601 für ovvsqjojvrjOag fioi), find
die drei Texte wörtlich identifch. Die Zeitbeftimmung,
die Omont der neuen Handfchrift giebt: ,peut-etre con-
temporain des dernieres annees de Justinien1, ift diejenige,
die auch für den Roffanenfis (trotz Funk) die zutreffende
fein dürfte.

Die Hauptzierde der Blätter find aber fünf Miniaturen,
die fich am unteren Rande auf fünf Seiten finden (17x7
Cent.) und in der Publication wiedergegeben find. ,Les
5 mmiatures qui ornent ce manuscrit, admirablement
conservees a /' exception d'une seule, sont peintes au bas
des pages, dans /es marges, et rappellent, par leur dis-
position, leur composition et le mouvement des personages,
dune maniere generale le style d'ornementation de le Genese
de Vienne et surtout des Evangiles de Rossano. Elles
nous ont conserve cinq scenes du Nouveau Testament,
d'une fraicheur de coloris parfaite, et qui sont peut-etre
lesplus ancienncs representations qu on cnpossede: Herodiade
et la decollation de S. Jcan-Baptiste, les miracles des
deux midtiplications des pains, des deux aveugles de Jericho
et du figuier desseche. On remarque, ä droite et a gauchc
de cliacune de ces miniatures, les bustes nimbes de prophetes
de VAnden Testament, tenant devant eux, comme dans les
Evangiles de Rossano, le texte des propheties relatives
a la vie du Christi.

In der That — wer die Miniaturen des Roffanenfis
an der Hand der fchönen Publication von Hafeloff
ftudirt hat und diefe neuen mit ihnen vergleicht, wird von
der Uebereinftimmung frappirt fein. Irgend welche Unter-
fchiede in Stil und Ausführung, abgefehen von der
geringeren Gröfse der Figuren im neuen Mf., vermag ich
nicht zu entdecken. Die Malerfchule, der fie angehören,
wird doch wohl in Conftantinopel zu fuchen fein; die
Verbreitung der Handfchriften in den Pontus einerfeits,
nach Calabrien andererfeits ift fo am beften zu erklären.
Unter den Bildern intereffirt die Darftellung der Mord-
gefchichte des Johannes am meinen: links erblickt man,
auf Polftern liegend (vgl. die Darfteilung des letzten
Males Jefu im Roffan.), den König Herodes und feine
Genoffen; vor ihnen fteht die Prinzeffin, der ein Diener
auf einer Schale das coloffal gezeichnete, bärtige Haupt
des Johannes bringt. Rechts fteht der Gefängnifsthurm,
aus welchem der Diener herkommt; der Thurm ift auf
dem Bilde durch einen fchräg-horizontalen Schnitt durch-
fchnitten, fo dafs man in das Innere blickt; zwei Jünger
des Johannes flehen an dem enthaupteten Körper ihres
Lehrers, der Eine mit dem Ausdruck des furchtbarften
Entfetzens, der Andere den Leichmann erhebend, um ihn
zur Beftattung herauszutragen.

Omont kündigt an, dafs der neue Fund demnächft
vollftändig publicirt werden wird. Hoffen wir, dafs auch
noch die übrigen 101 Blättter des Matthäusev. irgend-