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Ausgabe:

1900

Spalte:

409-411

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Harnack, Adolf von

Titel/Untertitel:

Geschichte der Königlich preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin 1900

Rezensent:

Schürer, Emil

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"theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. zu Berlin, und D. E. Schürer, Prof. zu Göttingen.

Erfcheint , Preis

alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinnchs'fche Buchhandlung. jährlich 18 Mark.

N°= 14.

7. Juli 1900.

25. Jahrgang.

Harnack, Gefchichte der Königlich preufsifchen
Akademie der WifTenfchaften zu Berlin
(Schürer).

Omont, Manuscrit Grec de l'Evangile Selon

S. Matthieu (Harnack).
Sieffert, Das Recht im Neuen Teflament

(Holtzmann).

Gardner, Exploratio evangelica, a brief exa-
mination of the basis and origin of the
Christian belief (Lobftein).

Haack, Die Autorität der heiligen Schrift, ihr
Wefen und ihre Begründung (Lobftein).

Hehn, Die Einfetzung des hl. Abendmahls als
Beweis für die Gottheit Chrifti (Lobftein).

Reinke , Die Welt als That, Umritte einer Weltanficht
auf naturwiffenfchaftlicher Grundlage

(Otto).

Freybe, Die heilige Taufe und der Tauffchatz
in deutfchem Glauben und Recht etc. (Simons).

Harnack, Ad., Geschichte der Königlich preussischen Akademie
der Wissenschaften zu Berlin, im Auftrage der
Akademie bearbeitet. 3 Bde. in 4 Thln. Berlin, (G.
Reimer), 1900. (VI, 1091, XII,660 u. XIV, 588 S. Lex. 8.)

M. 60 —

Am 19. und 20. März.diefes Jahres hat die Akademie
der WifTenfchaften in Berlin das Jubiläum ihres 200jährigen
Beftehens glanzvoll gefeiert. Ein bleibendes Denkmal
diefes Jubiläums ift die eingehende Darflellung der Gefchichte
, welche A. Harnack im Auftrage der Akademie
verfafst hat. Die Arbeit wurde (nach dem Nachwort
zum 2. Bande) im Juli 1896 begonnen und im Mai 1899
abgefchloffen. Der Druck begann im März 1898 und
wurde (für Bd. I und II) im Juli 1899 beendigt. Die
Ausgabe erfolgte erft zum Jubiläum. Bd. I in zwei
Hälften enthält die eigentliche Gefchichte, Bd. II die
Urkunden, Bd. III die von dem Bibliothekar und Archivar
der Akademie O. Köhnke angefertigten ,Gefammt-
regifter über die in den Schriften der Akademie von
1700—1899 erfchienenen wiffenfchaftlichen Abhandlungen
und Feftreden' (und zwar ein alphabetifches Regifter
nach den Namen der Verfaffer und ein fyftematifches
Regifter).

Die Gefchichte der Akademie bewegt fich zwar
vorwiegend abfeits vom theologifchen Gebiete; aber Tie
bietet doch auch nicht Weniges, was für die Theologie
und deren Gefchichte von Intereffe ift. Ihr geiftiger
Urheber ift Leibniz, der Ariftoteles der neueren Zeit,
der mit feinem univerfalen Geifte das ganze Gebiet des

menfchlichen Wiffens umfpannte. Seine Pläne fanden j milch mufste es erfahren, dafs es faft ein Unglück war,
am hannöver'fchen Hofe kein Entgegenkommen; dafür an der Berliner Akademie nichts als ein deutfcher Fach-

pädifchen Kenntnifse ebenbürtig und übertraf Tie durch
fein ungewöhnliches praktifches Gefchick und durch die
Ausdauer, mit der er einmal gefafste Pläne verfolgte').
Auch zwei andere durch umfaffendes Wiffen hervorragende
Theologen, die Franzofen Des Vignoles und
La Croze gehörten in diefer erften Zeit der Gefellfchaft an.

Schlimme Zeiten kamen für die Societät unter
Friedrich Wilhelm I. Die Mifsachtung, mit welcher
er auf das feiner Meinung nach unfruchtbare Thun der
Gefellfchaft herabfah, war theilweife berechtigt: fie hat
in der That nach Leibniz' Tod (1716) nichts Erhebliches
geleiftet und war der Auflöfung nahe. Dafs der König
fie durch Ernennung unwürdiger Präfidenten, unter
welchen der bekannte Gundling noch nicht der fchlimmfte
war, verhöhnte (I, 220—225), hat fie freilich doch nicht
verdient. In diefe Zeit (1723) fällt auch die Vertreibung
Chriftian Wolff's aus Halle, an welcher Gundling wahr-
fcheinlich (die Sache ift nicht völlig aufgeklärt) einen
hervorragenden Antheil hatte (I, 232 f.).

Eine völlige Umgeftaltung erfuhr die Gefellfchaft
durch Friedrich den Grofsen. Es wurde ihr jetzt die
Aufgabe zugewiefen, franzöfifche Aufklärung und fran-
zöfifche Bildung in Deutfchland heimifch zu machen
(Statut vom 10. Mai 1746, abgedr. I, 299—302). Durch
Berufung hervorragender Franzofen wurde diefer Zweck
in hohem Maafse erreicht. In diefem Kreife konnte ein
deutfcher Theologe, der Confiftorialrath Süfsmilch
(I745—I767 Mitglied der Akademie), der durch feine
ftatiftifchen Arbeiten die neuere Socialwiffenfchaft begründet
hat, nicht recht zur Geltung kommen. ,Süfs-

gelang es ihm aber, die Churfürftin von Brandenburg,
Sophie Charlotte, eine hannöver'fche Prinzeffin für
feine Ideen zu gewinnen. Nach vielen Verfuchen und
Verhandlungen kam im J. 1700 die Stiftung zu Stande
(der Stiftungsbrief des Churfürften Friedrich's III., der
ein halbes Jahr fpäter die Königskrone annahm, ift vom
11. Juli 1700 datirt, abgedr. Bd. I, S. 93 k) Der urfprüng-
lich nur auf die Pflege der mathematifch-naturwiffen-
fchaftlichen Fächer gerichtete Plan wurde durch die
eigene Initiative des weitblickenden Churfürften auf das
Gebiet der Geifteswiffenfchaften ausgedehnt (abfonderlich
foll bei diefer Societet ,mit beforget werden, was zu
erhaltung der Teütfchen Sprache in ihrer anftändigen
reinigkeit, auch zur ehre und zierde der Teütfchen Nation
gereichet'). Einen hervorragenden Antheil an der Gründung
hatte ein Theologe, der Hofprediger D. E. Jab-
lonski, der 41 Jahre lang (1700—1741) Mitglied der
Societät war (vgl. über ihn bef. I, 112 f.: /Weder durch
glänzende Gaben noch durch bahnbrechende Leiftungen
ausgezeichnet, war er den Franzofen durch die Weite
und Umficht feines Blickes und feiner reichen encyklo-

gelehrter zu fein: fein Hauptwerk drang nicht in die Kreife
der europäifchen wiffenfchaftlichen Bewegung, und er
felbft galt nicht als lettre, denn er fchrieb nur über
Dinge, die er gründlich verftand'.

An die Stelle der franzöfifchen Aufklärung trat
unter Friedrich Wilhelm II. die deutfehe. Flache
Wortführer derfelben wie Teller und Nicolai kamen
jetzt in die Akademie; neben ihnen aber auch Woellner,
der Urheber des berüchtigten Religionsedictes (I, 503).

Unter Friedrich Wilhelm III. wurden ernftliche
Anftrengungen gemacht, die bellen deutfehen Männer
zu gewinnen. Verhandlungen mit Fichte im J. 1805
führten nicht zum Ziel, da die Akademie felbft mit 15
gegen 13 Stimmen die Wahl ablehnte (I, 540—551). Dagegen
wurde Goethe 1806 aufgenommen (I, 555f.). Eine
Neugeftaltung der ganzen Organifation erfolgte in derfelben
Zeit, in welcher Preufsen auch politifch aus tiefem
Fa.ll fich erhob, 1809—1812. Sie war hauptfächlich das
Werk der Brüder Humboldt und Niebuhr's. ,Die Reor-
ganifation der von Leibniz geftifteten, von Friedrich dem
Grofsen umgeftalteten Akademie ift von Alexander

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