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Ausgabe:

1900 Nr. 13

Spalte:

403-404

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wimmer, R.

Titel/Untertitel:

Das Leben im Licht. Ein Andachtsbuch 1900

Rezensent:

Bassermann, Heinrich

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Seite 1

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403

Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 13.

404

(cf. opp. XIV, 613 [Farel], Calvin felbft ebd. S. 615) die
Hinrichtung gerechtfertigt. Aber es machten üch auch
Stimmen gegen diefelbe geltend, la conscicnceprotestante
sentait cFinstinct dans ce supplice wie violation de l'esprit
du vrai chrisiianisme evangelique (Choify: la thcocratie
etc. S. 153; cf. opp. XIV, S. 666). Diefen Meinungen
Hellte die confessio Helvetica posterior die unumflöfsliche
Rechtsautorität — die Bibelautorität war flüffig — gegenüber
, die von nun an entfcheidende Bedeutung erhielt
(cf. die umftändliche Erläuterung in der Einführung,
auf die Kattenbufch fchon aufmerkfam machte). — Jener
evangelifche ,Inftinct' aber war im Grunde die alt-Luthe-
rifche Meinung, und es hat lange Zeit gedauert, bis fich
auf Lutherifcher Seite die Anerkennung des Rechtes der
Todesftrafe gegen Ketzer und damit die Juftinian'fchen
Gefetze durchfetzten. Bei Brenz kämpft noch das Ge-
wiffen gegen das Recht, er hat an den Gefetzen, die ihm
wohl Spengler in Nürnberg vorgehalten hatte, gedreht
und gedeutelt, um dann fchliefslich — echt Lutherfche
Gefchichtsbetrachtung! — die Gefetze der ,frommen'
Kaifer den Bifchöfen Schuld zu geben. ,Dazumal haben
die Kaifer geglaubt, was die Bifchöfe nur redeten, das
wäre eitel Wort Gottes' — folche erfchlichene Gefetze
gelten natürlich nicht (cf. Hartmann—Jäger: Joh. Brenz,

I, S. 304m aus dem Jahre 1529). Aber fchon Melanch-
thon hat die Juftinian'fchen Gefetze rund anerkannt, nach
ihm u. a. Urbanus Rhegius (cf. ebda. S. 306, Anm.; S. 310.
Rhegius' Teütfche Bücher, Teil 4, S. 213). Als Grund
für diefen Umfchwung, der ihm wohl bewirfst war, giebt
Bullinger die Münfter'fchen Wirren an (cf. Hess: Bullinger

II, S. 86). Mitgefpielt haben diefelben zweifellos (cf.
C. R. III, 195), aber die Anerkennung jener Gefetze ift
nur ein Theil des wachfenden Doctrinarismus, der viel
früher — wie übrigens jene Anerkennung auch — einfetzt
. Servet vertritt alfo in diefem Punkte die alt-refor-
matorifche Pofition, desgleichen in feiner Kirchenge-
fchichtsauffaffung. Seine Berufung auf Auguftin gegen
die Criminalftrafen für Ketzer, der fcharfe Einfchnitt in
die Gefchichte, den er das Nicaenum machen läfst u. a.
find echt Lutherifch. Nur in Einem, aber Wefentlichem,
ift er enfant terrible: die vermeintliche Einheit der Symbole
mit der ecclesia pfimitiva fprengt er durch die Gefchichte
felbft, und feinen patriftifchen Citaten gegenüber
kann fich Calvin letztlich nur mit dem Argument retten,
das Luther Latomus in analogem Falle entgegenhielt:
dafs es auf die Sache ankomme, nicht auf die Formel,
implicite ftecke erftere aber fchon in der h. Schrift.

Tübingen. W. Köhler.

Wimmer, R., Das Leben im Licht. Ein Andachtsbuch.
Freiburg i. B. 1899. Tübingen, J. C. B. Mohr. (XVI,
425 S. gr. 8.) M. 2.80; geb. M. 3.60

Der Verfaffer diefes Buches hat fich längft in weiten
Kreifen einen guten Namen als Erbauungsfchriftfteller
gemacht; diefe feine neuefte Veröffentlichung ift nur
geeignet, ihn zu erhöhen. Hier ift wirklich ein Erbauungsbuch
, d. h. ein Buch voll Religion, beftimmt und dienlich
zur Stärkung religiöfer Menfchen. Das gilt zunächft
ganz im allgemeinen Sinne: viele Partien können jedem
religiös-empfindenden Menfchen, welcher Religions-
gemeinfchaft er auch angehören und wie locker auch
das Band fein mag, das ihn mit der feinigen verbindet,
zur Erbauung gereichen. Mag das Manchem als etwas
Tadelnswerthes erfcheinen, ich halte es für lobenswerth:
gerade für folche, die an der Peripherie des Kirchlichen
flehen, find heute Erbauungsbücher nothwendig, aber
freilich auch nur derartige möglich; fie wirken im betten
Sinne apologetifch. Vor allem thut dies das W.'fche
Buch durch das, was es wegläfst, nämlich alle Dog-
matik und alles irgendwie Gelehrte, Theologifche. Es
ift undogmatifch, es ift auch in gewiffem Sinne unhiftorifch;
was es bietet, ift ausfchliefslich und direct aus der anima

I naturaliter christiana gefchöpft. Wimmer redet überall
aus fich heraus, von den Gedanken der verwendeten
Schriftabfchnitte nur angeregt und befruchtet. Es kommt
ihm weder darauf an, etwa darin enthaltene dogmatifche
Fragen zu löfen, noch exegetifche oder hiltorifche
Schwierigkeiten zu heben. Er will das gar nicht, fondern
geht überall energifch auf den religiösen und das heifst
zugleich praktifchen Grundgedanken aus, den er denn
auch faft durchweg glücklich zu treffen weifs. Hier
kann man recht lernen, was praktifche oder erbauliche
Bibelerklärung (beffer Bibelverwerthung) ift: ein religiöfer
Menfch fieht die Bibel rein nur auf ihren religiöfen
Gehalt an, und fo erft, durch die auf folche Weife ermöglichte
freie und grofse Art ihrer Betrachtung, entfaltet
fie die ganze Fülle ihres Reichthums. Da braucht
nichts hineingetragen zu werden, alles fliefst von felbft
heraus. Dies giebt auch den Betrachtungen und Gebeten
den Charakter vollkommener Natürlichkeit und gröfster
Einfachheit. Da ift nichts geiftreich-Gefuchtes, künftlich-
Gemachtes, vor allem nichts Phrafenhaftes (keiner Entartung
der Religion ift W. fo feind wie diefer); auch
das Rhetorifche fehlt zum Glück ganz. Und doch, wie
weit find diefe Betrachtungen wieder von trivialer Plattheit
entfernt, wie tief aus dem Innerften des Gemüthes
find fie gefchöpft! Daher auch die Wärme, die Herzlichkeit
und Innigkeit des Tones: man fühlt überall
durch, dafs der Verfaffer Selbfterlebtes, Selbftempfundenes
und Selbfterrungenes, dafs er uns feine eigene religiöfe
Perfönlichkeit in ihrem Kerne darbietet, dafs er uns auf
den Grund feiner frommen Seele fehen läfst. Und das
ift das eigentlich Erbauliche, zumal da diefer religiöfen
Perfönlichkeit nichts fremd ift, was die menfchliche
Seele bewegt und füllt, quält und befriedigt, herabzieht
und hinaufhebt. Ein Jeder findet hier feine eigenen
Kämpfe, Zweifel, Räthfel, Schwächen, Fehler, Sünden;

j aber alle diefe Dunkelheiten werden licht durch die
Berührung mit der Religion, fie löfen fich vor dem An-

1 gefichte Gottes, werden überwunden durch das kindlichgläubige
Fefthalten an ihm. Und fo ift es wirklich ein
,Leben im Licht', das uns der Verfaffer fchauen läfst,
und zu dem er den Lefer theils feelforglich hinzuführen
bemüht ift, theils von felbft, einfach betend, hinführt.
Deshalb gehen die Betrachtungen des erften Theiles alle

I in der zweiten Perfon: mit ,du' wird an unfere Erfahrung
und unfern Willen appellirt. Die Gebete aber
des 2. und 3. Theils (,allgemeinen Inhalts' und für ,be-
fondere Fälle') entftrömen dem ,ich'. Es mag noch
bemerkt fein, dafs dabei eine gewiffe Reihenfolge eingehalten
wird in der Weife, dafs der i. Theil im Allgemeinen
dem Gange der fynoptifchen Evangelien folgt,
jedoch mit Einfprengung einiger johanneifcher Stellen,
die Gebete des 2. Theils dagegen fich an gewiffe Textgruppen
aus der neuteftamentlichen Briefliteratur und
befonders aus den Pfalmen anfchliefsen, während der
3. Theil ohne Textunterlagen zuerft Wochen- und Tagesgebete
darbietet, dann ,das kirchliche Leben', ,Beruf
und Weltleben', ,Freude und Leid' mit feinen Gebeten
begleitet und endlich Krankengebete und Fürbitten fo-
wie eine betende Umfchreibung des Unfervater enthält.
Diefe Anlage des Buches ift praktifch, denn fie ift weit,
ungezwungen und vielfeitig; allein nicht hierin ift der
Werth des köftlichen Buches zu fuchen, fondern in
feinem edel-religiöfen Gehalt, von dem Vorgehendes nur
eine fo dürftige Skizze hat geben können, dafs ich zum
Schlufse nur nachdrücklichft zu eigener Einfichtnahme
oder beffer zu eigenem fortgefetzten Gebrauche rathen
kann.

Heidelberg. Baffermann.