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Ausgabe:

1900 Nr. 13

Spalte:

400-403

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kampschulte , F.W.

Titel/Untertitel:

Johann Calvin, seine Kirche und sein Staat in Genf 1900

Rezensent:

Köhler, Walther

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Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 13.

400

die urfprünglichen Quellen herangezogen, vor allem
natürlich die Vaticanifchen Bullenregifler und Rechnungsbücher
, dann auch die fehr werthvollen Berichte der
fienefifchen Abgefandten im Staatsarchive zu Siena.
Vielleicht hätte der Verf. fich noch die Mühe geben
follen, die hier und da in den Anmerkungen vollftändig
oder zum Theil veröffentlichten Bullen am Schlufs zeitlich
geordnet zufammenzuftellen. Wir machen ihm aus diefer
Unterlaffung keinen Vorwurf, denn dasRegifter zeigt,dafser
auch eine undankbare, aber die Benutzung erleichternde
Arbeit nicht fcheut. In der Einleitung (S. 4) nimmt er
einmal die avignonifchen Päpfte gegen ihre Verleumder
in Schutz und behauptet, fie feien alle tüchtige Männer,
aufserordentlich fromm, fittlich fehr hochftehend gewefen.
Es würde ihm aber wohl fchwer fallen, die beiden letzten
Eigenfchaften an Clemens V. — man denke nur an den
Ausgang des Templerordens — zu erweifen. Gregor XI.
wird fehr günftig beurtheilt. Drei leitende Gedanken
beherrfchten diefen Papft: Wiederherftellung des An-
fehens der Kirche im Abendlande, allgemeiner Kreuzzug,
Rückkehr nach Rom. Für die päpftliche Politik wurde
der Gegenfatz gegen die Viscontis in Mailand und fpäter
gegen die Republik Florenz entfcheidend. Die Verbuche
diefer beiden Mächte, Italien ihrem Einflufs zu unterwerfen
, bedrohten die Unabhängigkeit des Kirchenftaates.
Den Papft erinnerte die bedrohliche Entwickelung der
Dinge im Norden der Halbinfel immer wieder daran,
dafs er, der doch auch weltlicher Fürft war, dem italieni-
fchen Land das Haupt geben müfse, nach dem es verlangte
. Er verfchlofs fich keineswegs den Gefahren, die
der Aufenthalt in Avignon mit fich brachte. Dort galt
der Nachfolger Petri als Diener der franzöfifchen Politik.
Die Mehrzahl der Cardinäle waren Gascogner. Desgleichen
die Vewaltungsbeamten, die ihre italienifchen
Untergebenen bedrückten und auslaugten. Allgemein
war deswegen die Unzufriedenheit und Gregor mufste
mit dem vollftändigen Verluft des Patrimonium Pctri
rechnen, wenn er länger von Rom fern blieb. Nicht
gering waren aber die Hindernifse, die er zu überwinden
hatte, ehe er die im Februar 1374 dem Confiftorium mit-
getheilte Abficht der Rückkehr verwirklichen konnte.
Die Feindfeligkeiten zwifchen Frankreich und England,
die er beizulegen beftrebt war, der Gegenfatz gegen
Florenz, die Verfuche Frankreichs, ihn feftzuhalten, verzögerten
den Aufbruch immer wieder. Erft am 13. September
1376 verliefs die Kurie Avignon und zog am
folgenden 17. Januar feierlich in Rom ein. Das fog. baby-
lonifche Exil war beendet, Italien hatte wieder einen
Mittelpunkt, und es bahnte fich die Entwickelung an,
die zwei Jahre fpäter zur Kirchenfpaltung führte. — Im
Anhang veröffentlicht Mirot umfangreiche Auszüge aus
den päpfflichen Rechnungsbüchern, die freilich faft nur
über die materiellen Aeufserlichkeiten der Ueberfiedelung
berichten, aber jedenfalls ein fehr anfchauliches Bild vom
päpfflichen Hofhalt der Zeit gewähren. So wird man
beifpielsweife über die Verladung der Weine, die eine
grofse Rolle fpielte, und der fehr zahlreichen Pferde,
über Flotte und Landtruppen genau unterrichtet. Der
Hiftoriker wird mit Bedauern bemerken, dafs nicht
wenige der unerfetzlichen Regifterbände des Archivs damals
auf der Seereife zu Grunde gingen. Es folgt dann
noch die forgfältige Beftimmung des Weges, den der Papft
nahm, und die Schilderung der für den Empfang inüftia und
Rom gemachten Vorbereitungen. So wurde der Vati-
canifche Palaft gründlich in Stand gefetzt. Das Material,
das Mirot im Anhange bietet, wurde, nachdem er feine
Handfchrift fchon abgefchloffen hatte, von J. S. Kirfch
in deffen Buch über ,Die Rückkehr der Päpfte Urban V.
und Gregor IX. von Avignon nach Rom' (Paderborn 1898)
bekannt gemacht; Mirot hat aber eine andere Anordnung
befolgt.

Heidelberg. Alexander Cartellieri.

Kampschulte, Prof. F. W., Johann Calvin, seine Kirche und
sein Staat in Genf. Zweiter Band. Nach dem Tode
des Verfaffers herausgegeben von Priv.-Doc. Walther
Goetz. Leipzig, Duncker & Humblot, 1899. (IX,
401 S. gr. 8.) M. 8.—

Die handfchriftliche Fortfetzung des erften 1869 er-
fchienenen Bandes feiner Calvinbiographie hatte Kamp-
fchulte durch letztwillige Anordnung feinem Freunde
Cornelius ,zu unbedingter Verfügung' beftimmt. Diefer
plante, das Manufcript unter Heranziehung des im
Corpus reformatorum nach und nach veröffentlichten
Quellenmaterials auf Grund eigener Studien im Berner
und Genfer Archiv zu einem feine Mitarbeit bekundenden
, allen Anforderungen entfprechendem Werke umzu-
geftalten und war im Begriff, die Hand an die Zufammen-
fügung der eigenen und überkommenen Arbeit zu legen,
als ein Schlaganfall ihm die Feder aus der Hand nahm.
Die Zufammenfügung mufste unterbleiben, feine eigenen
Studien fügte Cornelius feiner Sammlung von Jfiftori-
fchen Arbeiten vornehmlich zur Reformationszeit' ein
(Leipzig 1899), während die Herausgabe des Kamp-
fchulte'fchen Manufcriptes der Cornelius befreundete,
durch feine Arbeiten zur bayerifchen Reformations-
gefchichte bekannt gewordene Leipziger Privatdocent
Walter Goetz übernahm. Auf eine nochmalige Ueber-
arbeitung hat Goetz verzichtet, wir haben alfo Kamp-
fchulte's Werk vor uns ,faft unverändert', nur dafs der
Herausgeber hie und da den Text geglättet (eine kleine
Unebenheit ift S. 272 Z. 1—6 v. u. flehen geblieben) und
fich der fehr dankenswerthen Mühe unterzogen hat, die
Belege durchweg nach dem Corpus reformatorum an
Stelle der alten von Kampfchulte benutzten Ausgaben
zu geben und die neuere und neuefte Calvinliteratur mit
Kampfchulte's Darfteilung zu vergleichen und abweichende
oder ergänzende Auffaffungen in Klammern zu notiren;
endlich hat er ein fehr forgfältiges und nach Stichproben
zu urtheilen zuverläffiges Regifter zu beiden Bänden geliefert
. — Dem Ref. ift es wie dem Herausgeber ergangen:
er war erftaunt, wie wenig die moderne Calvinforfchung
an dem von Kampfchulte gebotenen Bilde zu corrigiren
vermochte. Es ift in der That fo, ,dafs die Forfchungs-
ergebnifse diefes vor drei Jahrzehnten gefchriebenen
Bandes die Kritik der heutigen Calvinforfchung keineswegs
zu fcheuen brauchen'. Es hängt das allerdings
auch damit zufammen, dafs es fich in vorliegendem Bande
um die Details kirchenpolitifcher Kämpfe handelt, nicht um
Gefammtbeurtheilung, fei es der Perfon, fei es des Werkes
Calvin's. In diefer Hin ficht deutet der Hrsg. (S. 345
Anm.) felbft die den erften Band betreffende Differenz
Kampfchulte's mit Rieker (Grundfätze reformirter Kirchen-
verfaffung 1899) an, in jener werden wir unten noch
Einiges bemerken. Entgangen ift Kampfchulte nichts
von Belang, die Darrteilung des Proceffes gegen Valentin
Gentiiis, über den man auch vor Veröffentlichung des
Actenmateriales durch Fazy (1879) genügend unterrichtet
war, hatte K. wohl dem letzten Bande zugedacht, obwohl
man fie auch im vorliegenden fuchen könnte.

Denn diefer behandelt den Kampf Calvins mit der
Oppofitionspartei bis zum endlichen Siege und völligen
Ausbau der Theokratie, alfo etwa denfelben Zeitraum
(1546—1555 bez. in Mittheilung der Gefetzgebung bis
ca. 1561), welchen Choify monographifch behandelt hat.
{La theocratie a Geneve au temps de Calvin) Aber redet
hier der Theologe, fo bei K. der Hiftoriker, der in
meifterhafter Kleinarbeit mit einer Fülle anfchaulicher
Einzelzüge die verfchlungenen Fäden des Parteigetriebes
knüpft und wieder löft. — Die Einleitung fchildert den
Boden, auf welchem fich das Schaufpiel, oft an die
Tragödie ftreifend, abfpielt. Politifche und kirchliche
Gegenfätze wirren fich ineinander, bald fich deckend,
bald auseinander tretend. Die Partei der alteingefeffe-
nen Genfer, die ,Kinder von Genf, von leichter Lebens-