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Ausgabe:

1900 Nr. 13

Spalte:

393-396

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jacoby, Hermann

Titel/Untertitel:

Neutestamentliche Ethik 1900

Rezensent:

Wendt, Hans Hinrich

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Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 13.

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die ablehnende Stellung, die Ritfehl, Scholz, Kaehleru.A., j
eingenommen haben. Die fehr fcharfe Zurückweifung der
auf die Individualität Jefu, auf feine Lehrverkündigung
und fein Mefliasbewufstfein angewandten Theorie des
milieu verkennt zwar die hiftorifche Bedingtheit der Er-
fcheinung und des Berufes Jefu, hat aber vielleicht infofern
ein relatives Recht, als Stapfer das principiell Neue 1
und religiös Schöpferifche in der Perfon Jefu nicht hinreichend
zu feinem Rechte kommen läfst. Zu befonders
kräftigem Widerfpruch ift ber Verf. durch Stapfer's Ausführungen
über die Auferftehung herausgefordert worden.
Diefer Widerfpruch erklärt fich' daher, dafs deVisme die
erkenntnifstheoretifchen Vorausfetzungen St.'s nicht anerkennt
; er unterfcheidet zwar gleichfalls das Gebiet des
hiftorifchen und exegetifchen Forfchens und die Sphäre
des Glaubens, aber er verfäumt es, oder er vermag es
nicht, die weitgehenden Confequenzen, welche jene Unter-
fcheidung des religiöfen und hiftorifchen Erkennens
in fich birgt, klar und entfehieden zu ziehen. Wäre der
Verf. nicht vor diefen Folgerungen zurückgefchreckt, fo
würde er gerade in diefer Verfchiedenheit des evangeli-
fchen Heilsglaubens und der fides Jiislorica den Schlüffel
zum Verftändnifs jener angeblichen Widerfprüche, die er
auf jedem Schritte bei St. entdeckt, gefunden haben.
Dafs der Ton der Kritik überall nicht nur ein würdiger
und vornehmer, fondern durch den Geift edler reiner
Nächftenliebe getragen ift, wird denjenigen nicht Wunder
nehmen, welcher den directeur de l'ecole priparatoirc de
theologie de Paris entweder perfönlich, oder aus feinen
fonftigen Schriften und aus feiner gefegneten Wirkfam-
keit kennt.

Strafsburg i. E. P. Lobftein.

Jacoby, Konfift.-Rath Prof. D. Hermann, Neutestamentliche

Ethik. Königsberg i. Pr., Thomas & Oppermann (F.
Beyer), 1899. (XI, 481 S. gr. 8.) M. 11.20

Der Verf. motivirt feine Bearbeitung der neutefta-
mentlichen Ethik mit der Erwägung, dafs in den Darftellungen
der neuteftamentlichen Theologie ,zwar alle
Beftimmungen, die das Verhältnifs Gottes zur Menfch-
heit und diefer zu Gott zum Gegenftande haben, einer
forgfältigen Erörterung unterzogen, die ethifchen Fragen
dagegen nicht in gleichem Mafse unterfucht werden'.
Er will es zwar nicht befürworten, dafs fich die neutefta-
mentliche Theologie überhaupt als einheitliche Wiffen-
fchaft auflöfe und durch eine felbftändige Bearbeitung
der neuteftamentlichen Glaubens- und Sittenlehre erfetzt
werde. Aber er bezeichnet es doch als ,wünfchenswerth,
dafs neben den zufammenhängenden Darftellungen der
neuteftamentlichen Theologie auch jene beiden Gebiete
eine gefonderte Bearbeitung empfangen' (S. V). Ich kann
mich diefem Wunfche nicht anfchliefsen. Ich betrachte
es als einen praktifchen Nothbehelf, dafs bei der wiffen-
fchaftlichen Darftellung des chriftlichen Lehrfyftems die
chriftliche Ethik von der Dogmatik abgetrennt wird, wo
doch die Lehre von dem pflichtmäfsigen Verhalten und
Sein der Chriften innerlich unlösbar mit der religiöfen
Gefammtanfchauung des Chriftenthums zufammenhängt
und alle Glieder der einheitlichen religiöfen Gefammtanfchauung
fich wechfelfeitig bedingen. Aber diefe
Trennung durchzuführen auch bei einer gefchichtlichen
Darftellung der im N. T. bezeugten Anfchauungen des
Urchnftenthums ift meines Erachtens ein künftliches und
unfruchtbares Unternehmen. Es giebt ja freilich bei der
Predigt Jefu und der Apoftel eine Reihe von Thematen,
die man als fpeciell ethifch bezeichnen kann. Natür- I
lieh kann man die neuteftamentliche Ausführung diefer
Themata zum Gegenftand einer monographifchen Darftellung
und Unterfuchung machen. Aber es wäre fchief, |
wenn man diefe ethifchen Themata unterfcheiden wollte
von den Thematen, ,die das Verhältnifs Gottes zur
Menfchheit und diefer zu Gott zum Gegenftande haben'. |

Für Jefus und die apoftolifchen Männer find die Anfchauungen
und Forderungen, die wir ethifch nennen,
unmittelbar Glieder ihres Evangeliums, ihrer religiöfen
Predigt von dem rechten Heilsverhältnifse zwifchen Gott
und Menfchen. Dies verkennt auch unfer Verf. nicht.
Auch er hebt felbftverftändlich die religiöfe Art und Bedingtheit
der ethifchen Anfchauungen des N. T.'s hervor
(vgl. z. B. mit Bezug auf Paulus S. 320). Er widmet
den religiöfen Grundanfchauungen nur nicht eine ebenfo
eingehende Befprechung, wie den fpeciell ethifchen Thematen
'. Das ift bei einer monographifchen Behandlung
diefer letzteren berechtigt. Ich wende mich nur gegen
die Vorftellung, dafs es möglich und wünfehenswerth fei,
zwifchen neuteftamentlicher ,Dogmatik' und neuteftament-
licher ,Ethik' eine Scheidung zu machen.

Der Verf. hat die Aufgabe, wie er fie fich geftellt
hat, mit grofser Sorgfalt und Sachlichkeit durchgeführt
. Mit Bezug auf die Entftehung der neuteftamentlichen
Schriften nimmt er den Standpunkt einer
vorfichtigen Kritik ein. Er ftellt feine kritifchen Anfchauungen
mit Recht in der Regel nur kurz hin, ohne
genauere Begründung. Die eigentliche biblifch-theolo-
j gifche Erörterung ftiitzt fich auf eine forgfältige Einzel-
exegefe. So findet man in der That in diefem Werke
eine gute Zufammenftellung und eingehende Erörterung
des ganzen ethifchen Stoffes des Neuen Teftaments.

Es fehlt jedwede Einleitung. Das Werk beginnt
gleich mit der .Lehre Jefu'. Die Bemerkung des Verf.
im Vorworte, dafs er von einer allgemeinen Einleitung
abgefehen habe, weil die Einleitungen in die neuteftamentliche
Theologie zugleich Einleitungen in die neuteftamentliche
Ethik feien, erklärt doch nicht das Fehlen
einer folchen Einleitung, welche dazu gedient hätte, eine
fpecielle Darftellung der neuteftamentlichen Ethik in die
richtige Beleuchtung zu bringen. Der Verf. hätte meines
Erachtens nicht darauf verzichten dürfen, einleitend die
ethifchen Anfchauungen und das fittlich-fociale Leben
fowohl des damaligen Judenthums als auch der damaligen
hellenifchen Culturwelt zu zeichnen. Denn nur auf
diefem Hintergrunde können die ethifchen Anfchauungen
und Forderungen des auftretenden Chriftenthums einer-
feits in ihrer Neuheit und Bedeutfamkeit, anderfeits in
ihrer Bedingtheit durch die gegebenen Verhältnifse gehörig
gewürdigt werden. Einen Erfatz für folche Einleitung
findet man nicht darin, dafs fpäter, mitten in der
Darftellung der .Ausführung', welche Jefus feinen ethifchen
Forderungen gegeben hat, ein Capitel fteht: ,die
Lehre Jefu, die altteftamentliche Schrift und die jüdifche
Theologie' und dafs auch fonft gelegentlich auf den Ab-
ftand der neuteftamentlichen ethifchen Anfchauungen von
den jüdifchen und hellenifchen hingewiefen wird.

Die Darfteilung der ethifchen Gedanken der Lehre
Jefu wird im Wesentlichen auf Grund der fynoptifchen
Evangelien gegeben. Aber auch gewiffe ,Ergänzungen',
die das vierte Evangelium bietet, werden mit in Betracht
gezogen. Die Darftellung fetzt ein mit dem Begriffe der
Gerechtigkeit, die ein Heilsgut ift. Die Vorausfetzungen
für den Gewinn diefes Heilsgutes, das Verhältnifs defselben
zu den anderen Heilsgütern des Reiches Gottes, Leben,
Sündenvergebung und Gotteskindfchaft, und die Motive
des Trachtens nach der Gerechtigkeit werden befprochen.
Dann wird die Erweifung der Gerechtigkeit im Verhalten
gegen Gott und gegen den Nächften, fowie fpeciell in
den fittlichen Gemeinfchaften ausgeführt. Ich mufs darauf
verzichten, die vielen Einwendungen, die ich gegen
die Anordnung und Ausführung diefes ganzen Theiles
geltend zu machen hätte, hier vorzubringen.

Im zweiten Theile werden zunächft der Jakobus-,
Hebräer- und I. Petrusbrief behandelt. Den Gedankeninhalt
des Jakobusbriefes führt der Verf. auf den Bruder
des Herrn zurück, dem ein helleniftifcher Chrift jüdifcher
Nationalität die Feder geliehen haben werde (S. 199).
Der urfprüngliche Beftand der .prophetifchen Rede' des