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Ausgabe:

1900 Nr. 12

Spalte:

357-362

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kayser, Theodor

Titel/Untertitel:

Hiob in dramatischer Form 1900

Rezensent:

Baentsch, Bruno

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Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 12.

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fanctionirt hat (z. 13. tcßllin, mezuza, Azazel), fchätzbare
Beiträge zur Kenntnifs diefer Volksreligion liefert, fo
t-rgiebt das weitaus Meifte dafür doch erft ein Vergleich
Israels mit feinen heidnifchen Vettern, befonders den
alten Arabern, und deren Religion. Diefelbe war Poly-
dämonismus (nicht Polytheismus), aber keineswegs blofs
Ahnencult oder Totemismus, wenngleich diefe eine grofse
Rolle darin gefpielt haben. Mit einer folchen Religion
zog Israel in Paläftina ein, und fie hat noch lange nachgewirkt
(S. 23—28). Ein noch wichtigeres Element der
Volksreligion bildete aber der Synkretismus, das Ver-
mifchen Jahves und feines Kultes mit dem Ba al der
Kanaaniter und deffen üppig-unzüchtigem Naturdienfte,
hervorgerufen dadurch, dafs jahve infolge der Eroberung
Paläftina's durch Israel Herr von Kanaan ward (S. 28—30).
Zwifchen Jahve-und Volksreligion hat ein erbitterter Kampf
ftattgefunden, aber doch wäre es einfeitig, das Ver-
hältnifs zwifchen Beiden nur als Kampf aufzufaffen. Der
Jahvismus hat auch vieles von der Volksreligion unbe-
wufst entlehnt und, nachdem er es mit feinem Geifte
durchdrungen, als mofaifches Gut gelten laffen; vgl. z. B.
die Bedimmungen in der Thora über Opfer und Fefte
(S. 30—35). Aber auch aufserhalb der Thora zeigt fich
die Einwirkung der Volksreligion z. B. bei der Underb-
lichkeitshoffnung und dem Glauben an die Auferftehung
der Todten (S. 36—39). In summa: ,Der Reichthum der
Erfcheinungen läfst fich nicht unter eine der Kategorien
,Abfall' oder ,Entwickelung' bringen; wir können nicht
durch ein ,Entweder-Oder' das volle Leben der israeliti-
fchen Religion erklären'. Eine natürliche und eine ethifche,
eine gewordene und eine geftiftete Religion laufen in Israel
neben einander her; die Entwickelungslehre wird der Bedeutung
der Perfönlichkeit in dem fo perfönlichen Gebiete
der Religion nicht gerecht. Dabei ift eine Weiterentwickelung
der Jahvereligion zuzugeben, bis auf Deutero-
jefaia hin, der am Warden Jahve als den Einen im
abfoluten Sinne des Wortes erfafst hat (S. 39—43). Mit
einer Bemerkung über die Methode für das Studium der
israelitifchen Religion fchliefsen die lefenswerthen Ausführungen
(S. 43 f.).

Der Hauptwerth der vorliegenden Schrift liegt auf
methodologifchem Gebiete. Sie fchneidet die Auswüchfe
der einfeitig durchgeführten Entwickelungshypothefe ab,
ohne doch das Recht der Annahme einer Entwicke-
lung der Jahvereligion zu verkürzen. Im Einzelnen
würde man bei der Charakterifirung der Jahve- wie der
Volksreligion etwas mehr Fleifch und Blut wünfchen;
man erfährt eine Menge Einzelheiten, ohne dabei zu
rechter Anfchaulichkeit beider zu gelangen. Doch kann
die Schrift unbefchadet deffen nur warm empfohlen
werden.

Marburg. R. Kraetzfchmar.

Kurzer Handkommentar zum Alten Testament, in Verbindung
mit J. Benzinger, A. Bertholet, K. Budde, B. Duhm,
H. Holzinger, G. Wildeboer, hrsg. von Prof. D. Karl
Marti. 2. Lfg. XVI. Abtheilg. Freiburg i. B. 1897.
Tübingen, J. C. B. Mohr.

XVI. Das Buch Hiob. Erklärt von Prof. D. Bernhard Duhm.
(XV, 212 S. gr. 8.) M. 4. 80

Duhm, Prof. D. Bernhard, Das Buch Hiob. Ueberfetzt
von D. (Die poetifchen und prophetifchen Bücher
des Alten Teftaments. Ueberfetzungen in den Vers-
mafsen der Urfchrift. I.) Freiburg i. B. 1897. Tübingen,
J. C. B. Mohr. (XX, 71 S. gr. 8.) M. 1.20; geb. M. 2.—

Kayser, Dr. Theodor, Hiob in dramatischer Form mit Einleitung
und Erläuterungen. Stuttgart, Greiner & Pfeiffer,
1898. (103 S. 8.) Geb. M. 1.50

1) Ein Buch von Duhm ift immer eine eigenartige
Erfcheinung. die eben fo fehr zu beifälliger Bewunderung

wie zum Widerfpruch herausfordert. Bei feinem Hiob-
commentar ift das vielleicht noch mehr der Fall als bei
feinem Commentar zum Buche Jefaias. Ref. hat längerer
Zeit und eines wiederholten Studiums des Buches bedurft,
bis es ihm gelang, die widerfprechenden Empfindungen,
die die Leetüre des Buches bei ihm ausgelöft hatte, in's
Gleichgewicht zu bringen und fich ein abfchliefsendes
Urtheil zu bilden. — Jedenfalls trifft die sarkaftifche Bemerkung
, die der Verf. S. 48 mit Bezug auf die Dutzend-
Bücher macht, dafs fie erft aus hundert anderen zufammen-
gelefen feien, auf das feinige nicht zu. Wiewohl fich
allenthalben Berückfichtigung und Verarbeitung des bisher
Geleifteten zeigt, empfängt der Lefer doch durchaus
den Eindruck einer fchöpferifchen originalen Leiftung
aus einem Gufs. Er fühlt es gleich nach den erften
Seiten heraus, dafs hier einer der berufenden und
originalen (freilich auch felbdbewufsteden) Forfcher zu
ihm redet, der ihn mit ficherer Hand und ohne Um-
fchweife in ein eigenartiges und fruchtbares Verdändnifs
der in vieler Beziehung fo fchwierigen Dichtung einführen
wird. Die Schönheit der Sprache, der fein geglättete Styl,
die glänzende, pointirte Dardellungsweife — feltene Eigen-
fchaften bei einem kurzen Handcommentar! — bereiten
dem Lefer zugleich einen ädhetifchen Genufs. Bewunderung
verdient ferner die Kund der pfychologifch en
Analyfe. Wie weifs der Verf. den grofsen Dulder unferem
Herzen nahe zu bringen! Wir fühlen und empfinden mit
ihm, nehmen Theil an feinem auf- und niederwogenden
feelifchen Ringen, verdehen feine von tiefer Verzweifelung
und zugleich von unverwüdlicher Gottesfehnfucht durchzogenen
Reden; felbd aus den Aeufserungen, die dark
nach Frivolität, Abfall und Peffimismus fchmecken, vernehmen
wir, der Zunfttheologie feiner drei Freunde zum
Trotz, den Ruf der gequälten Menfchenfeele, die nach
ihrem Gott, dem Quell ihres Lebens, fchreit. Diefe Analyfe
aber konnte dem Verf. nur darum fo gut gelingen,
weil er nicht etwa nur ein unbedreitbar tiefes Verdändnifs
für das Wefen der Religion und die Lebensäufserungen
und Bedürfnifse des religiöfen Gemüthes befitzt, fondern
v. A., weil das ihm eigenthümliche Religions- und
Frömmigkeitsideal mit dem des Dichters, der in Hiob
zu uns redet, auf's innigde verwandt id. Man kann über
D.'s Auffaffung vom Wefen der Religon — der ein ge-
wiffer Zug zum Ekdatifchen nicht abzufprechen id, vgl.
den Excurs auf S. 71 — fehr getheilter Meinung fein und
wird doch zugedehen können, dafs der Verf. gerade um
diefer feiner individuellen Auffaffung willen zum Interpreten
des Hiobbuches gleichfam prädedinirt war. In
den Reproductionen des religiöfen Gedankeninhaltes des
Hiobbuches erreicht der Commentar denn auch, wenig-
dens nach des Ref. Meinung, feine Höhepunkte. Ausführungen
wie auf S. 71, 73, 77 f., 180 f. hat der Verf.
fichtlich mit feinem Herzblut gefchrieben; kein Lefer
wird von ihnen fcheiden, ohne fich davon im Innerden
berührt zu fühlen.

Darf man infoweit dem Buche feine Bewunderung
nicht vertagen, fo fcheint die kritifche Methode und
deren Handhabung auf den erden Blick fehr fchwer-
wiegenden Bedenken ausgefetzt zu fein. Zwar, dafs der
Verf. die Elihureden, 32—37, als fecundär ausfeheidet,
dafs er das eigentliche Gedicht, 3—426 und die Um-
j rahmung 1—2, 427-17, in der er (wie Budde) den Red
eines alten Volksbuches fieht, fcharf auseinander hält,
dafs er in den nur lofe mit dem Gedichte zufammenhän-
genden Schilderungen, 28, 4015—41211 ausfehmückende Zu-
fätze sieht, wird weitgehende Billigung finden. Wenn
er nun aber weiter Stichos auf Stichos ausfeheidet, darunter
folche, die mit dem Thema des Buches oder ihrer
nächden Umgebung eng zufammenhängen, wie 3 12 24
48|f Ö6f. 10 i, „ 720a 86b etc., wenn er kühne Umdellungen
vornimmt, vgl. 34a u. 9b, 11 u. 16, 64 u. 7a, <^iii u. 24c n7u. 4,
17a—IO etc., und aus einer Hiobrede das eine Mal eine
| Bildadrede (26), das andere Mal eine Zopharrede (277 fr)