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Ausgabe:

1900 Nr. 10

Spalte:

297-300

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Seeberg, Reinhold

Titel/Untertitel:

Lehrbuch der Dogmengeschichte. 2. Hälfte: Die Dogmengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit 1900

Rezensent:

Mirbt, Carl

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Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 10.

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wenigflen ift ihm der hyninus matutinus des Ambrofius
,aeterne verum conditor' gelungen, wo das Versmafs zu
erlaubten Freiheiten verführte, aber an mehreren Stellen
der Sinn auch verfehlt ift. Doch ift das eine Ausnahme.

Dagegen fcheinen mir die Noten grofsentheils eine
etwas fragwürdige Zugabe. Es berührt doch feltfam, wenn

älteften reformirten Bekenntnifsen feinen erften Ausdruck
findet. Der ,Ausbau und (vorläufige) Abfchlufs des pro-
teftantifchen Lehrbegriffs' fchildert dann die Entwickelung
der lutherifchen Lehre bis zur Concordienformel und die
der reformirten Kirche, die im Wefentlichen die Theologie
Calvin's recipirt, bis zur Heidegger'fchen Confensformel

man z. B. beim Ambrofianifchen Lobgefang Holtzmann- von 1675. .Der Abfchlufs der Dogmenbildung in der

Zöpffel's Lexicon f. Theol. als Quelle für die Behauptung
der Unechtheit angeführt fieht. Diefes Hilfsmittel ift auch
fonft nicht feiten genannt, daneben noch Weingarten's
Zeittafeln, Müller's KG., Loofs) DG. Sollte damit auf
Bücher hingewiefen werden, die auch der Student in
feiner Bibliothek findet, fo ift dagegen nichts zu fagen

katholifchen Kirche' führt über das Tridentinum zum
Vaticanum.

Vielen wird diefes Lehrbuch vortreffliche Dienfte
leiften. Denn die Anlage ift durchfichtig, über Quellen
und Literatur wird der Lefer gut orientirt und es wird
ihm ein grofses Material in anfprechender Form dar-

Abgefehen davon ift mancher überflüffige Ballaft mitge- j geboten. Dabei hat fich der Verfaffer nicht darauf beführt
, der ohne Noth hätte wegbleiben können. Ich greife
ein paar heraus: S. 2 2 zur Schlacht am Ponte molle,
wird zu ,Brücke' bemerkt ,der Tiber'. Zum minderten
mufste es ,des Tiber' heifsen. Aber wichtiger wäre wohl
der Name der Brücke, der der Schlacht doch auch den
Namen gegeben hat. A. 4 zu ,Stadt': ,Rom', als ob nicht
fchon die Sextaner lernten, was urbs heifst. A. 5 erklärt
die ,fibyllinifchen Bücher'. Ebenfo dürfte bei Schülern
höherer Lehranftalten wohl Kenntnifs davon vorausgefetzt
werden, was Laren, Genien und Penaten waren (194—6).
Einzelne find direct irreführend, wie 302, nach der man
annehmen müfste, dafs Chryfoftomus die bifchöfliche
Würde im Jahre 398 erlangt hat. Oder 327, wo die gegebene
Erklärung an der S. 34 überfetzten Stelle (Socr.
Ii. e. VI, 184) fcheitert. S. 365 wäre ftatt Bardenhewer
bei Wetzer und Welte zum minderten Ufener und Raufchen
zu des Chryfoftomus berühmter Weihnachtspredigt
zu citiren gewefen u. f. w.

Für eine zweite Auflage, die dem nützlichen Buche
ficher nicht fehlen wird, wäre alfo vor allem eine gründliche
Revifion der Noten zu rathen. In ihr fände auch
wohl Hieronymus eine Stelle. Dafs er ganz fehlt hat er
immerhin nicht verdient, mag man über ihn denken, wie
man will.

Darmftadt. Erwin Preufchen.

Seeberg, Prof. Dr. Reinhold, Lehrbuch der Dogmengeschichte.

Zweite Hälfte: Die Dogmengefchichte des Mittelalters
und der Neuzeit. Leipzig, A. Deichert Nachf., 1898.
(XIV, 472 S. gr. 8.) M. 8.—

Dem erften 1895 erfchienenenBande(vgl.Th. L. Z. 1895,
Sp. 657 ff.), der die Dogmengefchichte der alten Kirche zum
Gegenftande hatte, ift nach 3 Jahren der zweite gefolgt, der
die gefammte weitere Entwickelung umfpannt. Das zweite
Buch, die Erhaltung, Umbildung und Fortbildung des
Dogmas in der mittelalterlichen Kirche (S. i—202), giebt

zunächft einen Ueberblick über die Dogmengefchichte vom monographifchen Unterfuchung. Das gilt in noch höherem

fchränkt, den traditionellen Stoff in guter Ordnung
vorzutragen, fondern hat in einer ganzen Reihe von
Punkten die Forfchung weiter geführt. Vor allem gilt
dies von den Abfchnitten über die Scholaftik und die
Lehre Luther's.

Der Verfaffer bemerkt im Vorwort, dafs er mehr
und mehr die Schranken einer rein compendiarifchen
Darfteilung durchbrochen hat. Das ift in der That der
Fall, und wir find ihm dafür dankbar. Aber noch wichtiger
ift, dafs fich ihm im weiteren Fortgange des Werkes
das Arbeitsfeld erheblich erweitert hat. Er hatte ^ 1
der Dogmengefchichte die Aufgabe zugewiefen, ,die Ent-
ftehung und Entwickelung der bisher entftandenen
Dogmen und des kirchlichen Lehrbegriffs refp. der
kirchlichen Lehrbegriffe gefchichtlich darzuftellen'. In
energifcher Befchränkung auf diefes Thema wurde daher
im erften Bande, fo viel ich fehe, der Entftehung des
Mönchthums nicht gedacht. Dagegen erfcheinen dann
^ 44 plötzlich die Klöfter in einer Erörterung .Kirche und
Welt', die das hierarchifche und asketifche Ideal des
Mittelalters lebendig vor Augen führt. Später wird in
§52 über Franz von Affin und das praktifche Chriftenthum
des gemeinen Mannes geredet, § 61 bietet ,eine Skizze
des kirchlichen Lebens und der religiöfen Bewegung im
ausgehenden Mittelalter' und der Schlufsparagraph des
ganzen Werkes wirft S. 455 wenigftens einen kurzen
Blick auf das kirchliche Leben der römifch-katholifchen
Kirche der Gegenwart. So fehen wir, dafs der Verfaffer
in diefem zweiten Bande auch das chriftliche Leben in
den Kreis feiner Darfteilung gezogen hat, freilich nicht
gleichmäfsig, da z. B. die Kirchenzucht und Lehrzucht
auf proteftantifchem Boden gröfsere Berückfichtigung
beanfpruchen dürften. Weite Excurfionen unternimmt
der Verfaffer in die Gefchichte der Theologie. Die
Scholaftik follte nach der Erklärung S. 30 nur foweit
herangezogen werden, als das Verftändnifs fpäterer dog-
matifcher Entfcheidungen es erforderte, aber die Dar-
ftellung felbft trägt dan n zum Theil den Charakter einer

7. bis zum 10. Jahrhundert (die Theologie Gregors des Grade von der Lehre Luther's, über die auf nicht weniger
Grofsen; die Lehrkämpfe des früheren Mittelalters; das als 90 Seiten gehandelt wird, während das erfte evan-
hierarchifche Princip und die Gefchichte des Bufsinftitutes), j gelifche Bekenntnifs mit 12 Seiten fich begnügen mufs.
um dann eingehend über das Zeitalter der Scholaftik zu Wir geben dem Verfaffer zur Erwägung, ob nicht

berichten. Die .Grundlegung der hierarchifchen und reli- diefes Hinausgreifen über den .kirchlichen Lehrbegriff'
giöfen Idee fowie der fcholaftifchen Theologie' führt bis j weitere Confequenzen nach fich ziehen mufs. Wenn,
zum Lombarden, dann folgt das dreizehnte Jahrhundert unter unferer vollen Zuftimmung, darauf hingewiefen
und endlich ,die allmäliche Auflöfung der fcholaftifchen 1 wird, dafs durch das 1870 abgefchloffene katholifche
Theologie und die religiöfe und kirchliche Krifis im aus- ' Dogma das katholifche Chriftenthum nicht ausreichend

gehenden Mittelalter', die am ausführlichften behandelt
werden. In dem von dem Verfaffer 1889 herausgegebenen
2. Band der 2. Aufl. der Thomafius'fchen Dogmengefchichte
war die Anordnung eine andere, infofern hier nicht die
Hauptftadien der Entwickelung der Scholaftik, fondern
die einzelnen Lehren das Theilungsprincip abgaben. Das
dritte Buch ,die Fortbildung des Dogmas durch die Reformation
und die entgegengefetzte Lehrfixirung des
Katholicismus' beginnt mit der ,Entftehung des proteftan-
tifchen Lehrbegriffs', der aus Luther's und Zwingli's Lehre
hervorwächft und in der Confessio Augustana und den

benimmt wird (S. 455), fo ift doch meines Erachtens
diefelbe Frage in Bezug auf den Proteftantismus nach
der Promulgation der letzten Bekenntnifsfchriften nicht
zu umgehen. Nun zeigt die Aufnahme der Egidy'fchen
Schriften, das bekannte Buch ,Zur bäuerlichen Glaubensund
Sittenlehre' und die Entwickelung mancher Gruppen
der Gemeinfchaftsbewegung, um nur einige Beifpiele zu
nennen, dafs auch bei uns neben dem Chriftenthum der
olficiellen Kirchenlehre ein anderes in weiten Kreifen
fich ausbreitet, das fich in feinen Unter- und Neben-
ltromungen als eine höchft complicirte Erfcheinung er-

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