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Ausgabe:

1900 Nr. 9

Spalte:

276-278

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stuhlfauth, Georg

Titel/Untertitel:

Die altchristliche Elfenbeinplastik 1900

Rezensent:

Dopffel, Hermann

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Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 9.

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Dafs die nunmehr in gröfserem Umfange als ur-
fprünglich erkannten Stücke der gnoftifchen Acten keine
Benutzung des Johannesevangeliums enthielten, wie
Corffen zu beweifen fuchte, liefs fich fchon nach dem
Funde von James nicht halten (vgl. namentlich 19523).
Auch fonftige biblifche Anklänge find von Bonnet vermerkt
; fie laffen fich aber vermehren: 1637 cf. Act. 3,20,
16823 cf. Matth. 6,19, 16910 cf. Matth. 11,8 (16927 cf. Joh. 11,ig),
19017 cf. Jac. 2,19, 191,12 cf. Rom. 12,17; auch 4429 f. cf.
1. Petr. 4,12.

Die rein philologifche Seite der Edition zu beur-
theilen, möchte ich berufeneren Kritikern überlaffen;
Bonnet bekennt, bei feiner Herausgabe der Ufener'fchen
Methode gefolgt zu fein (p.VIII). Er druckt, wo nur eine
Hf. vorliegt, diefe mit ihren Fehlern ab, auch wo die-
felben auf der Hand liegen, und giebt feine Emendation
oder diejenige anderer Forfcher unter dem Texte. Als
Grund für diefes Verfahren giebt er an, dafs zwifchen
der Möglichkeit, dafs die betr. Acten von ungefchickten
Schriftftellern verfafst, und der anderen, dafs fie nachträglich
durch Eingriffe Ungebildeter verderbt feien, eine
Entfcheidung fchwer getroffen könne; ,in quibus si hoc
aut illud uerbum correxeris neqae librum ipsum reprae-
sentaueris et eos qui de plurium eiusmodi librorum ex
eisdern actis excerptorum necessitudine quaerere uolent
711 errorem induxeris' (p. IX, vgl. XIV). Dem gegenüber
möchte ich aber doch dafür halten, dafs man alle
wünfchenswerthe Vorficht einhalten und doch offenbare
Verfehen im Intereffe einer zufammenhängenden Leetüre
berichtigen kann, wobei der Platz für die Lesart der Hff.
unter dem Texte ift. Die Grenzen mögen freilich nicht
immer leicht zu ziehen fein. Aber fchon wenn zwei
divergirende Hff. als einzige Textzeugen auftreten, wie
bei dem Mart. p. 46 ff, bleibt nothgedrungen der text-
kritifchen Einficht des Verfaffers ein weites Feld für begründete
Vermuthungen (vgl. p. XVII Mitte). Die Ein-
fetzung der in dem Stück p. 46 ff. durch Punkte kenntlich
gemachten Auslaffungen von Buchftaben konnte unbedenklich
vollzogen werden, weil fie in der Regel ficher
war, und 119 13 z. B. die Correctur des QTjpevoq in EQQiftevoq,
p. 20016 des ä<peq in dep 'rjg ohne Zögern fchon im Texte
erfolgen. Eine derartige Edition hat doch nicht den
Zweck, in erfter Linie ein Magazin für Sprachgebrauch
und Handfchriftenkunde zu fein! An anderen Stoffen,
d. h. beim Auftreten zahlreicherer Textzeugen, hat der
Herausgeber auch offenbare Schnitzer ftillfchweigend
verbeffert (p. XX). Auch in der Aufnahme von Con-
jecturen (p. X) hat er fich nicht nur grofser Vorficht,
fondern auch der Vollftändigkeit im Hinblick auf die
bisherige Forfchung befleifsigt. Druckfehler habe ich in
dem Buche kaum bemerkt (p. XV Z. 3 v. u. lies ft. 2:12).
Hff., welche wegen zu ftarker Abweichung ihres Contextes
für die Textherftellung nicht in Frage kommen, find in
der Vorrede gut befchrieben (p. XXI ff.). Bonnet unter-
fcheidet fich aber hier von feinem Vorgänger dadurch,
dafs er davon abfieht, die eigentliche Ueberlieferungs-
gefchichte für die verfchiedenen Acten unter Abhörung
der kirchlichen Zeugen zufammenhängend vorzuführen;
in dem vorzüglichen Latein, über das er gebietet, hätte
man gern noch mehr gelefen. Auch fpreche ich den
Wunfeh aus, dafs im zweiten Theile diefes Bandes, in
welchem die Philippus- und Thomasacten und im Anhange
u. a. die ganz fpäten Barnabasacten zur Veröffentlichung
gelangen follen, in den Schlufsregiftern
die theologifche Seite der Edition genügend zum
Austrag komme.

Ich fchliefse mit einer Bitte um Entfchuldigung wegen
Verfpätung diefer Recenfion. Es war aber meine Abficht,
auf einer Reife nach Rom (im Herbfte 1899) den cod.
Vatic. 808 um feiner Wichtigkeit willen näher einzufehen,
da man eine genauere Befchreibung bei Bonnet (p. XIV)
ungern vermifst. Es ift ein cod. membr., 29,7 x 21,6 cm.,
512 foll., in 2 Col. zu je 30 Zeilen, mit Heiligenleben

vom Monat Nov.; fol. 507r oben — 512 (Schlufs) befindet
fich unfer Stück p. 38 ff. in fauberer, deutlicher
Schrift.

Betheln (Hann.). E. Hennecke.

Stuhlfauth, Georg, Die altchristliche Elfenbeinplastik. Mit

5 Tafeln und 8 Abbildungen im Text. (Archäolo-
gifche Studien zum chriftlichen Alterthum und Mittelalter
, herausgegeben von Johannes Ficker 2.) Freiburg
1896. Tübingen, J. C. B. Mohr. (IV, 211 S. gr. 8.)

M. 7. —

Eine durch hemmende Umftände verfpätete Befpre-
chung ift bei der Arbeit Stuhlfauth's immer noch am
Platze, da diefe wenigftens als Verfuch grundlegende
Bedeutung beanfpruchen kann. Zudem liegt feitens des
Verfaffers eine Ergänzung feines Werkes vor in feiner
gegen Hans Gräven's Recenfion (in Gotting, gel. Anzeigen
1897, I. Heft S. 50 ff.) gerichteten ,Kritik einer Kritik,
ein kleiner Beitrag zur chriftl. Archäologie', Leipzig, G.
Fock, 1898, die jetzt zugleich mit berückfichtigt werden
kann. St. hat den erften durchgreifenden Verfuch gemacht
, das gefammte vorhandene Material an altchrift-
lichen Elfenbeindenkmälern in zeitlicher und localer Hinficht
zu claffificiren. Aufser einem unbedeutenden Reft
wird fo ziemlich für alles die locale und chronologifche
Stelle beftimmt. Bei der ,eminenten kulturgefchichtlichen
Bedeutung' diefes Kunftzweiges (S. 155) wäre es in der
That von grofsem Werth, wenn fich die Ergebnifse als
ftichhaltig erweifen würden. Die von St. gebotenen Unter-
fuchungen des Denkmälerbeftandes find umfichtig und
forgfältig. Die Literatur ift in einem Staunen erregenden
Umfange durchgearbeitet. Treffliche Beobachtungen
und fcharffinnige Schlüfse treten in grofser Zahl hervor.
Andererfeits zeigt fich der Verf. nicht feiten allzugeneigt,
Möglichkeiten, die ihm einleuchtend geworden find,
als erwiefen anzunehmen, oder auch Möglichkeiten, die
auch offen flehen, ganz aus dem Auge zu laffen. Kleinigkeiten
und Zufälligkeiten wird nicht feiten eine ihrer
Bedeutung nicht entfprechende Tragweite beigelegt. Auch
läfst fich da und dort nicht verkennen, dafs der Blick
des Autors noch nicht genügend durch die Anfchauung
der Originale geübt war. — Das Blühen und Welken
der altchriftlichen Elfenbeinfchnitzfchulen foll nach St.
ein genaues Spiegelbild der politifchen Entwickelung
der einander ablötenden Refidenzftädte des Reiches
darfteilen; mit dem Wechfel der Refidenzen foll der
Hauptfitz der Elfenbeinplaftik gewechfelt haben. Dafs
in Rom, Mailand, Ravenna, Monza, Byzanz die Elfen-
beinkunft blühte, wird ja nicht zu leugnen fein. Aber
fo enge, wie St. will, war diefe Kunft gewifs nicht an
die Refidenzen und ihren Wechfel gebunden. Hält
doch auch St. felbft eine Nachblüthe für die betreffenden
Städte feft. Gerade die Hauptwerke der Elfenbeinkunft,
die St. in Rom entftanden fein läfst, fchreibt er einer
Zeit zu, in der Rom nicht Refidenz war; und dafs nach
St. in Rom um 650 wieder ein Auffchwung der feit etwa
450 dort darniederliegenden Technik eintrat, hängt ja in
keiner Weife mit etwaiger Benützung der Stadt als Refidenz
zufammen. Die kirchliche Bedeutung und Blüthe
einer Stadt fällt jedenfalls ebenfofehr in die Wagfchale.
So dürfte Mailand feine Kunft mehr feiner kirchlichen
Stellung verdanken, als feinem nicht epochemachenden
Refidenzcharakter. Und Monza wird von St. felbft nicht
als eigentliche Refidenz — das war Pavia — in Anfpruch
genommen, fondern als ,Religions- und Culturcentrum'
der Langobarden. Ravenna hat allerdings feine Bedeutung
dadurch bekommen, dafs es 402 zum Herrfcherfitz
gemacht wurde. Aber für die Zeit, da es als kaifer-
liche Refidenz diente, weifs St. keine Elfenbeine nach-
zuweifen. Und was den Often betrifft fo ift nicht einzufehen
, warum hier trotz des allerdings überwiegenden
Einflufses von Byzanz nicht auch in anderen bedeuten-