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Ausgabe:

1900

Spalte:

233-236

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bratke, Eduard

Titel/Untertitel:

Das sogenannte Religionsgespräch am Hof der Sasaniden 1900

Rezensent:

Goltz, Eduard Alexander

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Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 8.

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Schichte und eigentümliche Entwickelung gehabt hat. j
Nicht nur für die Literaturgeschichte, auch für die
Gefchichte der chriftlichen Lebensauffaffung bewahrte
diefe Kirche werthvolle altchriftliche Traditionen. Der
Verf. illuftrirt dies eingehender an den Homilieri des
Aphraates und den Acten des Judas-Thomas, die er
auf ein fyrifches Original zurückführt. Bei den erfteren
weift er hin auf die um dogmatifche Diftinctionen wenig
bekümmerte Glaubensinnigkeit und Einfachheit der religio
fen Gedanken, die im 4. Jahrhundert wunderbar berührt
; dasfelbe gilt von dem Dialog .Bardefanes de fato'.
In den Acten des Judas Thomas findet der Verf. vor Allem
die Eigentümlichkeit, dafs die ethifchen Fragen, wie das
chriftliche Leben aufzufaffen und einzurichten fei, im
Vordergrund alles Intereffes flehen, und wie fpeciell die
Bekehrung der Einzelnen zum Heil.d. h. zur rechten asketischen
Lebensauffaffung jeder Rückficht auf die Bekehrung I
zur chriftlichen Kirche voranfteht. In Beidem hat der Verf.
Recht und mag er mit feiner Behauptung des fyrifchen I
Urfprungs der Acta Judae Recht haben oder nicht, er
macht dabei auf wichtige, oft überfehene Gefichtspunkte
aufinerkfam. Nur find diefe Gedanken wohl mehr als
■der Verf. zu glauben fcheint, auch in der Reichskirche zu
Haufe gewefen, die wir immer noch zu fehr unter dem
Gefichtspunkte der dogmatifchen Kämpfe allein beurteilen
. So wie in der jetzigen griechischen Kirche unendlich
viel mehr Leben und Frömmigkeit ift, als uns
die fog, ,Symbolik' zu lehren pflegt, fo ift zweifellos
auch im 4. und 5. Jahrhundert mehr ,Altchriftliches',
,Bibhfches', religiöfes und asketifches Leben dagewefen,
auch mehr inneres Intereffe für das Heil von Einzelnen,
als es die uns aufbewahrte Literatur erkennen läfst.

Deyelsdorf i. Neuvorpommern. Ed. von der Goltz.

Bratke, Prof. Lic. Dr. Eduard, Das sogenannte Religionsgespräch
am Hof der Sasaniden. Herausgegeben von B.
(VI, 305 S.)

Harnack, D. Adolf, Drei wenig beachtete Cyprianische
Schriften und die ,Acta Pauli'. (34 S.)

(Texte und Untersuchungen zur Geschichte der alt-
chriftlichen Literatur. Herausgegeben von Oscar
von Gebhardt und Adolf Harnack. Neue Folge.
Vierter Band, Heft 3, der ganzen Reihe XIX, 3.)
Leipzig, J. C. Hinrichs, 1899. gr. 8.) M. 10.50

Der vorliegende Band der T. u.U. zur altchr. L.-Gefch.
zeigt uns an zwei Beifpielen, wie auch recht abfonderliche,
bisher nicht ohne Grund gering gefchätzte Literaturpro-
duete durch gründliche gelehrte Untersuchung einen unerwarteten
Werth erhalten können, und wie weder Anonymität
der Verfaffer noch die Gefchmacklofigkeit und
Abenteuerlichkeit eines wenig geiftvollen Inhalts davon
abhalten darf, auch die Machwerke einer wenig klaffifchen
Literaturperiode darauf hin zu prüfen, welchen Beitrag ,
zur geschichtlichen Charakteriftik ihrer Entftehungs/.eit ]
oder welchen Auffchlufs über ihre ältern, vielleicht werthvollen
Quellen fie zu geben vermögen. Je langweiliger
und mühevoller die dazu nothwendige Detailarbeit im
Einzelnen fein mag, deSo dankbarer mufs die Wiffen-
fchaft Jedem fein, der es fich nicht verdriefsen läfst, in
diefe weniger ergiebigen und deshalb wenig unterfuchten
Schachte hinab zu Seigen, um das auch dort zu findende
Edelmetall zu heben und feiner Schlacken zu entkleiden.
Die Freude, die in allem gewiffenhaften Suchen und in ;
allem Finden liegt, wird dann mit dem Forfcher auch
der aufmerkfame Lefer theilen, der vielleicht zunächS
mit einem gewiffen Grauen und geringen Erwartungen
feinem Führer auf diefes Gebiet folgte.

Eine durch Saunenswerthen unermüdlichen Fleifsund
umfaffende Gelehrfamkeit ausgezeichnete Arbeit diefer Art
bietet uns Ed. Bratke in feiner Ausgabe des fogenannten 1

Religionsgefpräches am Hofe der Safaniden (S. 1—305).
Seine Behandlung diefer abenteuerlichen, geiftig wenig
bedeutendem Apologie des Chriftenthums ift eine fo
gründliche, ein fo vielfeitiges Erklärungsmaterial heranziehende
und ausführliche, dafs mancher Lefer zweifeln
wird, ob die aufgewandte Zeit und Mühe und der Umfang
des auch in den Anmerkungen und Regiftern aufgespeicherten
gelehrten Apparates in einem ganz harmonischen
Verhältnifs zumWerthe des Gegenstandes Steht.
Jedoch ift das Schliesslich eine persönliche Angelegenheit
des Herausgebers, über die wir nicht undankbar mit ihm
rechten wollen.

Vorangestellt ift der wefentlich auf Grund des Cod. A
= Cod. Paris, graec. Nr. 1084 Medic. Reg. 2916 saec. X
od. XI aufgebaute Text mit einem umfangreichen text-
kritifchen Apparat. Den bisher fchon berücksichtigten
Handfchriften fügt Bratke eine Stattliche Anzahl neuer
hinzu; die früheren Collationen hat er alle noch einmal
nachgeprüft und dazu bei fünf Schriftstellern der byzan-
tinifchen Epoche neues Material für die Textgefchichte
gefunden. Durch eigene Reifen oder durch Correfpondenz
hat Br. in unermüdlichem Fleifs verfucht, Kenntnifs von
allen noch exiftirenden Handfchriften zu bekommen,
lheils nach eigener Anfchauung, theils nach zuverläffigen
Mittheilungen find diefe Zeugen einzeln charakterifirt. Der
Herausgeber giebt dann ein klares Bild von dem Verhältnifs
der MSS zu einander, die er alle auf einen
Archetypus (c. des 5. Jahrhunderts) zurückführt.

Die Richtigkeit diefer textkritifchen Conftruction mag
noch einer Nachprüfung von berufener philologifcher
Seite im Einzelnen bedürfen. Der mit dem Detail nicht
eingehend vertraute Lefer kann aber aus der gründlichen
Unterfuchung Bratke's die Zuverficht entnehmen, einen
im Wefentlichen guten und geficherten Text zu erhalten
(bis S. 128). Gegenüber der von Krumbacher ungünftig
beurtheilten Ausgabe A. Wirth's (1894) hofft B. eine
wesentliche Verbefferung erreicht zu haben.

Daran fchlieSst der Herausgeber eine Sorgfältige
Unterfuchung der literarifchen Quellen. Eingeleitet ift
diefelbe durch eine Charakteriftik des religiöfen Synkretismus
im Zeitalter Julians, die eine allgemeinere
Beachtung verdient. Heiden mifchen Christliches mit
ihren doch wefentlich griechifchen Gedanken. Aber
ebenfo Suchen Christen auch durch Fictionen und Fäl-
fchungen fich auf heidnifche Autoritäten zu berufen und
Sich mit ganz fremden Federn zu fchmücken. Orakel,
Magie, einzelne Lehrfprüche u. dgl. fpielen dabei eine
grofse Rolle, die Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit eine
fehr geringe. Gleichwohl erfcheint das Urtheil Bratke's
(S. 139) etwas hart, dafs der Geift der Lüge im 4. Jahrhundert
und weiterhin der herrfchende felbft in der
officiellen Schriftftellerei geworden fei. — Genug, dafs
er fich mächtig geltend machte auch in der christlichen
Apologetik, die Sich nicht mehr Scheut, die Götter
Griechenlands und die Orakel ihrer Priefter als Zeugen
für die Wahrheit des Chriftenthums anzurufen. Ein
charakteristisches, freilich etwas kraffes Beipiel liefert das
von Br. edirte Religionsgefpräch, eine Fiction feines Ver-
faffers, der es an den perfifchen Hof legt, ohne die geringste
Ahnung von perfifchen Verhältnifsen zu haben.
Ehe Br. aber auf die Frage nach dem Verf. eingeht,
weift er überzeugend nach, dafs der Stoff unter Anlehnung
an den Alexander-Roman der XQioriaeix/j lotoQta des
Philippus von Side entnommen ift, die mit einer grofsen
abenteuerlichen Gelehrfamkeit in der erften Hälfte des
5. Jahrhunderts gefchrieben wurde. Daher flammt der
im R. G. enthaltene Xoyoq KaodvÖQOV. daher auch die
wunderbare Erzählung von den tanzenden Götterbildern
im perfifchen Hera-Tempel und von der Reife der Magier
nach Bethlehem und vielleicht noch andere Einzelheiten.
In der Detailunterfuchung diefer Legenden weift Br. für
den Religionshiftoriker fehr intereffante Züge des Synkretismus
des julianifchen Zeitalters nach. Auch für die

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