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Ausgabe:

1900 Nr. 7

Spalte:

215-216

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Friedrich, J.

Titel/Untertitel:

Ignaz von Döllinger 1900

Rezensent:

Tschackert, Paul

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215

Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 7.

216

Friedrich, J., Ignaz von Döllinger. Sein Leben auf Grund
feines fchriftlichen Nachlaffes dargeftellt. Erfter Theil.
Von der Geburt bis zum Minifterium Abel. 1799—1837.
— Zweiter Theil. Vom Minifterium Abel bis zum Ablauf
der Frankfurter Zeit 1837—1849. München, C. H.
Beck, 1899. (X, 506 u. IV, 538 S. gr. 8.)

ä M. 8.— ; geb. ä M. 10.—

Ein wahrheitsgetreues Leben Döllinger's (geb. 1799
zu Bamberg, f 1890 zu München), des gröfsten Gelehrten
unter den katholifchen Theologen im XIX. Jahrhunderte,
verfafst ,auf Grund feines fchriftlichen Nachlaffes', auf
Grund einzigartiger perfönlicher Bekanntfchaft und mit
Benutzung fchätzenswerther authentifcher Nachrichten,
die von Seiten zuverläffiger Zeitgenoffen in liebenswürdiger
Weife geliefert wurden, — eine fo werthvolle
uns hier dargebotene Gabe darf der freundlichften Aufnahme
in den Kreifen der Gebildeten gewifs fein.
Friedrichs Buch umfafst bis jetzt zwei Theile; der
erfte enthält D.'s Leben ,von der Geburt bis zum Minifterium
Abel, 1799—1837', der zweite ,vom Minifterium
Abel bis zum Ablauf der Frankfurter Zeit, 1837—1849'.
Das Buch ift ausgezeichnet durch liebevolle Verfenkung
in das Detail der Entwickelung eines Menfchenlebens,
das durch den Glanz feiner wiffenfchaftlichen Bedeutung
und die Tragik feines Ausganges im ganzen modernen
Katholicismus feines Gleichen nicht hat. Im erften Bande
behandelt Friedrich die Abdämmung, Familienverhält-
nifse, den Studiengang und die öffentliche Wirkfamkeit
D.'s, der nach feiner Priefterweihe 1822 Kaplan in Markt-
fcheinfeld in der Bamberger Diöcefe, 1823 Lehrer am
Lyceum in Afchaffenburg und 1826 Profeffor der Theologie
in München wurde. Seine wiffenfchaftlichen Arbeiten
, feine kirchenpolitifchen Kämpfe und vielfeitigen
perfönlichen Beziehungen, in welchen D. fchon damals
zu Gelehrten, Journaliften, Politikern und Kirchenmännern
der katholifchen Welt trat, werden lichtvoll zur Darfteilung
gebracht. Der zweite Band fchildert den Kirchen-
hiftoriker des Görreskreifes, deffen ultramontane Kraft-
leiftung in der dreibändigen Schrift über die ,Reformation'
(1846—48) vorgeführt wird. In diefer Zeit wurde dem
gefeierten Gelehrten feine Profeffur auf Grund der damaligen
baierifchen Verhältnifse zwei Jahre lang entzogen.
Um fo freier konnte er fich an der Politik betheiligen;
1848 und 1849 war D. Mitglied der Frankfurter National-
verfammlung. Mit den Verhandlungen zu feiner Reacti-
virung in München 1849 fchliefst der zweite Band.

Durch die hier gebotene reiche Stoffmittheilung bietet
das Werk eine wefentliche Förderung unferer Kennt-
nifs der katholifchen Kirchengefchichte des XIX. Jahrhunderts
, und die ftreng fachliche Berichterftattung des
Verfaffers verdient hohes Lob; befonders mag noch
hervorgehoben werden, dafs wir nunmehr gegenüber aller
jefuitifchen Entftellung des Bildes des grofsen Gelehrten
über die erfte Hälfte feines Lebens die ungefchminkte
Wahrheit erfahren. Friedrich zieht felbft gegenüber der
falfchen katholifchen Beurtheilung D.'s das Refultat, dafs
derfelbe fchon in diefer Periode feines Lebens 1) nicht
eigentlich kurialiftifch, wohl aber 2) echt katholifch gläubig
gewefen fei. Diefes Urtheil ift an die Adreffe der jefuitifchen
Schriftftellerei über D. gerichtet. Man wird
Friedrich darin durchaus Recht geben müffen. Das ift
für die innerkatholifchen Verhältnifse ja gewifs fehr in-
tereffant. Uns Proteftanten erwächft aus diefer Erkennt-
nifs aber nicht viel Werthvolles. Wir kennen den Döllinger
jener Periode leider genau genug, und auch Friedrichs
überaus fleifsiges Werk kann daran eben nichts ändern,
dafs diefer gefeierte Gelehrte in feiner damaligen Prote-
ftantenfeindfchaft das Fundament gelegt hat, auf dem
Janffen mit unentwegter Ruhe weiter bauen konnte. Wir
wiffen, dafs D. fpäter fich felbft desavouirt und Luthers
Perfon und Werk umgekehrt beurtheilt hat als früher;

aber die directe Linie, welche von feinem dreibändigen
Hauptwerke ,die Reformation u. f. w. (1846 — 48)' zu
Janffens ,Gefchichte des deutfchen Volkes u. s. w.' führt,
ift nun einmal nicht mehr wegzuwifchen: Was dierömifche
Kirche in Janffen erntet, hat Döllinger gefät. Und wie
tadelnswerth ift nach proteftantifch-fittlichem Urtheil fein
Verhalten in der abfcheulichen bairifchen Kniebeugungsfrage
gewefen! So dankbar ich daher dem Verfaffer für
die in diefen zwei gehaltvollen Bänden dargebotene Belehrung
bin, mein Intereffe an dem von ihm gefeierten
Manne beginnt erft bei dem Döllinger der fechziger
Jahre; denn erft von da an wird der Gelehrte die kirchen-
gefchichtliche Perfonlichkeit, die ungefucht eine centrale
Stellung im deutfchen Katholicismus einnahm. Diefe
feine geiftige Präponderanz von 1860—69, dann fein Verhalten
gegenüber dem vaticanifchen Concil, fein Verhältnifs
zum Altkatholicismus und die geweihte, patriarchalifche
Mufse feines Greifenalters mit feinen faft prophetifchen
Kundgebungen — diefes einzigartige Stück Geiftes-
gefchichte ift es, auf welches ich mich ganz aufserordent-
lich freue. Für die objectiv gefchichtliche Betrachtung
ift Döllinger's Lebenswerk von 1860—90 das unauslöfch-
liche Denkmal feines Ruhmes; der Darfteilung diefes
Abfchnittes müfste nach meinem Dafürhalten der breitefte
Raum gewidmet werden. Aber wie will der geehrte
Verfaffer das möglich machen, wenn er fchon über den
Döllinger bis 1849 zwei ftarke Bände von 506 und 538
Seiten gefchrieben hat! Nach' diefem Mafsftabe ge-
meffen, müfste die Biographie D.'s noch etwa vier Bände
erhalten, und an Stoff wird es ja Friedrich für die Zeit
von 1869 an keineswegs mangeln. Möge ihm Kraft und
Freudigkeit befchieden fein, diefes wichtige Werk zu Ende
zu führen, das aufser ihm unter den Lebenden wohl
kein anderer fchreiben könnte!

Göttingen. P. Tfchackert.

Kölling, D. Wilh., Die Satisfactio vicaria, d. i. die Lehre von
der stellvertretenden Genugthuung des Herrn Jesu. I. Bd.

Die Vorfragen. II. Bd. Der Aufbau. Gütersloh, C. Bertelsmann
, 1897, 99. (XV, 286 u. XVI, 428 S. gr. 8.)

M. 10.50; geb. 12.40

Der Verf. hat, wie er felbft bezeugt, nach Vollendung
feiner zweibändigen Gefchichte der Arianifchen Haerefie
,ein volles Jahrzehnt, von der Noth der Zeit gedrängt,
dem gefchriebenen Worte Gottes und feinem himm-
lifchen Verfaffer alle feine Studien gewidmet und eine
hohe theologifche Lebensaufgabe darin erblickt, die Lehre
von der Infpiration und vom Infpirator aus der
heiligen Schrift zu heben und aus der Gefchichte des
Reiches Gottes zu beleuchten'. Mit feiner Pneumatologie
von 1894 hatte er geglaubt, feine ,theologifchen Studien
abfchliefsen zu dürfen'. Nun hat ihm doch ,die Noth der
Zeit ... noch einmal die Feder in die Hand gedrückt.
Ritfchl's Verföhnungslehre', fagt er, ,ift nicht, wie ich gehofft
hatte, endemifch geblieben, fie ift nicht befchränkt
geblieben auf die eigentlichen Adepten der Ritfchl'fchen
Schule, auf welche fie unmittelbar gewirkt hat, fondern
fie ift epidemifch geworden, ihr Wellenfchlag ift hineingedrungen
auch in die Gedankenwelt folcher Theologen,
die fich nicht zur Ritfchl'fchen Schule rechnen' (II, S. VIII.).
So tritt denn der Verf. feinerfeits mit grofser Energie,
und nicht ohne das Bewufstfein, einen vereinfamten Poften
zu behaupten, für die .volle lutherifche Satisfactionslehre'
ein. Denn die neuere Theologie, fo hören wir ihn wiederholt
klagen, ,hat für den eigentlichen Kern des hohen-
priefterlichen Werkes Chrifti, nämlich für die satisfactio
sensu stricto kein Verftändnifs. Auch die pofi-
tivften unter den zünftigen neueren Theologen bringen
es höchftens zu einer platonifchen Liebe zu diefem hohen
Artikel. Die Schleiermacher'fche Umprägung diefes Artikels
, nach welcher auf Seiten des Herrn aus meinem