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Ausgabe:

1900 Nr. 7

Spalte:

212-213

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Blanckmeister, Franz

Titel/Untertitel:

Sächsische Kirchengeschichte 1900

Rezensent:

Tschackert, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 7.

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habe, eine beftimmte hiftorifche Unterlage zu geben. Es
find zu Anfang des Jahres 1505 zwei Studenten kurz vor
der Promotion geftorben, der eine, Hieronymus Buntz
von Windsheim, war Compromotional Luthers. Diefe
Notiz ift immerhin dankenswerth und liefse fich mit Me-
lanchthon's : cum socialem nescio quo casu interfectum
amisisset allenfalls vereinigen. Aber mehr als eine Ver-
muthung ift fie nicht, und dafs Mathefius, der den Freund
erllochen fein läfst, den von Seiten- oder Lungenftichen
fprechenden Luther — Buntz ftarb an Pleuritis — mifs-
verftanden haben foll, ift doch allzu kühne Annahme.

Die drei letzten Abfchnitte behandeln Luther's Ent-
wickelungsgang in Erfurt und Wittenberg bis zur Doctor-
promotion. Verf. folgt im Allgemeinen den Darftellungen
Köftlin's und Kolde's, verfucht aber häufig neue Wege
einzufchlagen, die er freilich des Oefteren wird allein
gehen muffen. Der erfte Auffatz über das Auguftiner-
klofter zu Erfurt ift wohl noch der befte, hier kann der
Verf. feine Localkenntnifse gut verwerthen. Ein genauerer
Einblick bei Kolde (M. Luther I 51. Auguftinercongr.
S. 245) hätte den Verf. wohl noch etwas mehr über die
Gründe fagen laffen, welche Luther gerade ins Auguftiner-
klofter trieben. Falfch ift die Vorftellung, die Verf. von
der ,Befitzlofigkeit' der Franziscaner hegt (S. 48); die
Darfteilung des Noviziates ift nicht immer ganz genau
(cf. z. B. S. 78 das über das Faften Bemerkte mit Kolde:
Auguftinercongr. S. 29), an dem fogen. Schuldcapitel nahm
der Novize nicht theil (cf. Kolde a. a. O. 27; zu S. 79).
Die Auffaffung aber, welche Verf. wiederholt (S. 81 u. 88)
ausfpricht, dafs Luther nicht Laienbruder, fondern von
Anfang an den fchweren Dienftleiftungen enthobener
Kleriker gewefen fei, widerfpricht fowohl Luther's u. A.
Berichten, als fie auch auf der verfehlten Anfchauung
ruht, dafs ,die .... Laienbrüder weder die Tonfur an-

sito in Litzka war Brieger (Ztfchr. f. K. G. Bd. XI, 1890
S. 106 ff.) heranzuziehen. Woher die Notiz (lammt, dafs
Staupitz auf dem Kölner Capitel 1512 ,in aller Form'
den Befchlufs erwirkte, dafs Luther doctoriren folle (S. 122),
vermochte ich nicht zu finden. —

Diefe Beifpiele werden genügen — fie könnten noch
vermehrt werden —, dafs Verf. gut gethan hätte, feine
Vorträge vor Veröffentlichung einer Revifion zu unterziehen
. Dann hätte fein Büchlein eine dankenswerthe
Monographie über den jungen Luther werden können.
Es wäre dann ohne Verdunkelung deutlich geworden,
dafs eingehende Localkenntnifs dem Bilde Luther's aus
feiner Jugendzeit einen fchärferen Hintergrund zu geben
vielfach vermocht hat. Dahin gehören z.B. die eingehende
Erläuterung der Lutherbriefe Nr. 7 und 9 bei Enders:
Luthers Briefwechfel I, ferner die Nachrichten über den
Bau des Erfurter Klofters (S. 46 fr.), über feine Termi-
neien (S. 52), über den Einflufs Jon. Längs auf Luther,
der mit Recht betont wird, über den Studiengang in Erfurt
. Beachtung verdient die Vermuthung, dafs Luther
1508 die auf das Auguftinerklofter geftiftete vakant gewordene
lectura in pliilosophia morali, nicht die über
Dialektik und Phyfik, habe übernehmen follen (S. 110);
Melanchthon's Notiz würde auf einer Verwechfelung mit
einer Privatvorlefung im Klofter (Enders I, S. 449) beruhen.

Tübingen. W. Köhler.

Blanckmeister, Pfr. Franz, Sächsische Kirchengeschichte.

Dresden, F. Sturm & Co., 1899. (X, 452 S. 8.)

M. 4.— ; geb. M. 4.80

Der in weiten Kreifen als kirchlicher Schriftfteller
wohlbekannte Verfaffer hat feiner Heimathkirche ein
nehmen, noch die Ordenstracht tragen durften' (S. 88), j fehr erfreuliches Gefchenk gemacht. Mit vorzüglicher

und dafs die Tonfur, wie bei der Weltgeiftlichkeit, fo J Sachkenntnifs und in gefälliger, leicht lesbarer Form hat
auch in den Klöftern die Stelle der längft aufser Brauch j er in feiner ,Sächfifchen Kirchengefchichte' eine zugekommenen
fogen. niederen Weihen vertrat' (S. 89 cf. fammenhängende Darftellung der Entwickelung der Kirche
dazu Kolde a. a. O. S. 20fif., Wetzer u. Welte K.L.2 VII des heutigen Königreiches Sachfen gegeben. B. erzählt
S. 1323 Art.: Laienbrüder XI. S. 1881 Art.: Tonfur). Die zuerft die Chriftianifirung der Ureinwohner des Landes,
Berechnung der Tage für die höheren Weihen fchwebt die Gründung der fächfifchen Bisthümer Merfeburg, Zeitz
in der Luft, der dreimonatliche Zwifchenraum zwifchen und Meifsen und die der fächfifchen Klöfter Pegau,
Ordination und Primiz ift höchft unwahrfcheinlich. Schief Chemnitz, Pforta, Würzen und Petersberg. Darauf folgt
ift die Definition der Licentiatur als ,Erlaubnifs, den ; nach B.'s Darftellung ein Zeitalter ,geficherten Kirchen-
höchften theologifchenGrad,dieDoctorwürdeanzunehmen' thumes' unter den Wettinern. Den Befchlufs des Mittel-
(S. 95 cf. 117, 121), da es fich um die liccntia Magistrandi, alters macht ein Abfchnitt ,Kirchliche Gährungen', wo-
d. h. die allgemeine Vollmacht, Theologie zu lehren, durch die Kirchengefchichte des XV. Jahrhunderts, von
handelt, wie aus Köftlin (M. Luther 4 I S. 98) zu erfehen : der Begründung der Univerfität Leipzig (1409) bis zur
war. Nicht erfichtlich ift, warum des Staupitz tröftendes Reformation bezeichnet wird. Auf diefe drei Abfchnitte
Einreden auf Luther in die Zeit nach der Priefterweihe i des Mittelalters (S. i—83) folgen fieben weitere als
fallen foll (S. 107 f.). Dafs die Thatfache der Rückver- Kirchengefchichte der neueren Zeit von der Reformation
fetzung Luther's nach Erfurt 1509 ,bis vor kurzem' un- ; bis zur Gegenwart (S. 84—421). Ihre Reihenfolge ift
bekannt war, wird man nicht fagen können angeüchts IV. die Reformation, V. die Zeit der lutherifchen Recht-
der Studie von Köftlin (Stud. u. Krit. 1874-, S. 319), und i gläubigkeit, VI. der Pietismus, VII. die römifche Propa-
beffer wohl wird man wie bisher den Grund in den Or- ganda, VIII. die Aufklärung, IX. Kirchlicher Umfchwung
densftreitigkeiten erblicken, anftatt mit O. (S. 113 f.) darin, und X. die Neuzeit. Der Verfaffer hat aber nicht blofs
dafs Luther dem Verfall des Erfurter Studium generale ein möglichft vollftändig orientirendes Lefebuch für Ge-
vorbeugen foll >). Es fcheint, wenn man der von Pau- bildete, Theologen und Nichttheologen, liefern, fondern
lus (Hift. Jahrb. 1891, S. 69) mitgetheilten Notiz aus Mi- denjenigen Lehern, welchen es auf quellenmäfsiges Stu-
lensius trauen darf, das Erfurter Klofter unter den gegen dium ankommt, den Weg in die Quellen und die Lite-
Staupitz rebellirenden Klöftern gewefen zu fein (cf. auch j ratur ebenen wollen. Daher folgt S. 422—439 ein dankens-
Kolde: M. Luther I, S. 74). Führten Ordensftreitigkeiten ; werther Abfchnitt unter dem Titel .Quellen zur fächfifchen
Luther nach Erfurt zurück, fo ift es auch kaum wahr- ; Kirchengefchichte', für deffen reichen Inhalt nicht blofs
fcheinlich, dafs er damals, und nicht in feiner erften , die Oberfachfen, fondern alle Freunde der Kirchen-
Studentenzeit , den Humaniftenkreifen nahe trat. Und 1 gefchichte dankbar fein mögen. — Aber verglichen mit
follte Luther, der Priefter, wirklich erft in Erfurt 1509 j anderen Territorialkirchengefchichten, z. B. mit der würt-
zu predigen angefangen haben? (S. 118 f.). Melanchthon tembergifchen und der niederfächfifchen, ift die mittel-
fpricht von exercitia concionum aus der Wittenberger Zeit j alt er Ii che Kirchengefchichte Sachfen s hier doch
(cf. auch Köftlin, M. Luther I, S. 97). Zu dem weiter- | dürftig ausgefallen; das liegt wohl am Stoffe felbft oder
hin von O. herausgehobenen Sermo praescriptus propo- J am Zuftande der Quellen oder an beidem zugleich; wie
-tx- , • u *• r ^ j n. , a u ■ a r- a ganz anders gehaltvoll erfcheint da K. Kayf er's Abrifs

il Oergel zieht diefe Ordensftreitigkeiten erft bei der Frage der ° , ö, , , . ., . t-. , „' ^l- l,0 ■

Rückkehr Luther's nach Wittenberg, der er einen Excurs widnfet, in der hannover-bra^ ™

Rechnung (s. 131 f.). der Zeitfchr. d. Gef. f. niederfächf. Kgefch. II und III