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Ausgabe:

1900 Nr. 6

Spalte:

182-184

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Geyser, Joseph

Titel/Untertitel:

Das philosophische Gottesproblem in seinen wichtigsten Auffassungen 1900

Rezensent:

Elsenhans, Theodor

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Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 6.

182

aus anderen Gründen Zweifel, ob diefes P. von einem
irifchen Finnian verfafst fei. Eine Tradition befteht
aufser den Hff, die alle vom Feftland flammen, nicht. In
der irifchen Kanonesfammlung wird F. zweimal citirt,
aber einmal (4632) unter dem Namen des Patricius. Vor
allem aber: die Anordnung des Buches ift, was Schm.
felbft entgangen ift, im Allgemeinen eine Combination
aus den beiden Einteilungsgruppen, die Schm. aufge-
ftellt hat: $ 1—4 bringt zunächft gewiffe Grundfätze
für die Unterfcheidung von Gedanken- Wort- und That-
fünden. Dann folgen Beftimmungen meift für Kleriker
, aber auch daneben für Laien, und zwar § 5 — 9
homicidium, 8, 10—17 fornicatio, § 22 Meineid, § 25
Diebftahl, 8, 30 und 32 sacrilegiutu, § 34 Verleugnung.
§ 21, 23 f., 27, 31/33 find verfprengte Beftimmungen über
Unzucht, Mord, Wohlthätigkeit. Aber § 28 f. flammen
aus einer Eintheilung nach den acht Hauptfünden.
S 35 endlich beginnen die Beftimmungen für Laien allein,
meift über Ehefachen und Unzucht. Nur in § 48—50
find wieder Stücke über Mönche und Kleriker eingefprengt.
Das ift eine Unordnung, die fich aus Trümmerftücken
verfchiedenfter Ordnungen gebildet hat und alfo offenbar
eine fo verwickelte Tradition vorausfetzt, wie fie zu
Fmnians Zeit gar nicht beftanden haben kann. Trotzdem
möchte ich auf Grund der irifchen Kanonesfammlung
annehmen, dafs auch Finnian Bufsfätze hinterlaffen hat:
vielleicht einzelne dicta, die von anderen fortgepflanzt und
im Laufe der Zeit mit anderem Material vermifcht wurden.
Das ift also der Schlufs, zu dem man immer wieder
kommt, dafs irifche Mönche aus ihrer Heimat alles mögliche
Material für die Bufsdisciplin mitgebracht haben,
das dann auf dem Feftland weiter verarbeitet und In diefer
Verarbeitung vielleicht den Männern zugefchrieben worden
ift, von denen gewiffe Beftandtheile urfprünglich
dämmten. Auch mein Eindruck ift, dafs es mit der Zu-
verläffigkeit des Materials hier viel fchlechter fleht, als
bei Wafferfchieben u. a. hervortritt.

Für dies alles hat nun Schm. Analogien beigebracht,
die, foweit ich ohne eingehende Bearbeitung des ganzen
Materials urtheilen darf, das werthvollfte an dem ganzen
Buch darftellen.

Auf S. 177—189 veröffentlicht Schm. aus dem fonft
fchon viel benutzten Cod. Sangall. 150 ein Bufsbuch, das
er P- Sang. IHpartitum nennt, das 1) 40 capihda,
2) 38 judicia Theodor!'. 3) 32 ;'. Cutnmeani enthält, alle
in der Reihenfolge homicidium, fornicatio u. f. w. Er fetzt
es, übrigens ohne jeden Beweis, in die zweite Hälfte des
8. Jhs. Die Sätze von 1) werden S. 372 noch einmal
abgedruckt und dabei für jeden Satz nachgewiefen, wo
er fonft noch in den Sammlungen vorkommt. Dabei zeigt
es fich, dafs mit wenigen Ausnahmen alle in dem Poen,
XXXV judic. (= W. 505 ff.j als judicia canonica (= Syno-
dalkanones) vorkommen. Schm. bezeichnet daher den
erlten Theil als Sammlung kan oni fcher Bufsfätze. Auch
die judicia Thcodori et Cumineani finden fich faft alle im
P. XXXV jud. unter denfelben Namen.

Ohne Frage ift diefer Fund höchft bedeutfam, aber
Schm. zieht nun aus ihm fofort wieder die weiteften Folgerungen
. Mit feltfamen Gründen lehnt er zunächft S. 165 f.
die Annahme ab, dafs das Sang, ein nach den Quellen
geordnetes Excerpt aus der fyftematifch geordneten P.
XXXV jud. fein könne, und meint, es bleibe nur die
eine Möglichkeit, dafs die No. I aus einer rein kano-
nifchen, No. 2 aus einer theodorifchen, No. 3 aus einer
rein kummeanifchen Sammlung fchöpfe. Für No.2 glaubt '
er eine folche benimmt nachweifen zu können. Aus
einer vergleichenden Kritik des Sang. Illpart., der XXXV
jud., der Canones Gregorii (= W. 160 ff.) und des Dis-
cipulus Umbrensium (= Poen. Theodon, W. 182 ff.) fucht
er S. 510—542 zu erweifen, dafs wir die Dicta Theodors
von Canterbury in diefen verfchiedenen Quellen im
Einzelnen in verfchiedener Güte, aber im Allgemeinen
in ausgezeichneter Ueberlieferung haben und dafs fie |

fchliefslich alle aus einer umfangreichen Sammlung flammen
. Eine Sammlung rein kummeanifcher Dicta fei freilich
nicht vorhanden; aber der dritte Abfchnitt des Sang.
IIIp. erweife feine gefchloffene Eigenthümlichkeit darin
, dafs er durchweg für klöfterliche Verhältnifse benimmt
fei. —Ich weifs nicht, ob das wirklich durchzuführen
ift. Jedenfalls fehlt nun noch eins: der Nachweis, dafs
in No. 3 des Sangall. durchweg Canones enthalten find.
Und den hat Schm. merkwürdigerweife nicht geliefert!
Nur ganz kurz hat er S. 166 erklärt, für fie liegen Bufs-
bücher der römifchen Gruppe vor. Da aber ftark daran
zu zweifeln ift, ob diefe ,römifchen' P, wirklich nur ca-
nonifches Material enthalten, fo ift auch mit diefem Hinweis
nicht gedient, und ein Hinweis ift kein Beweis. So
lange aber diefer Beweis nicht geliefert ift, fehlt jedenfalls
für alle weiteren Schlüffe die Unterlage.

Weiterhin fchliefstSchm. aus dem allem (S. 166 u.), dafs
zunächft Bufsbücher kanonifchen Inhalts entftanden feien
(fpäteftens Anfang des 8. Jhs.). Dann feien Mitte des 8. Jhs.
die überlieferten Judicia Theodors und Cummeans aufgezeichnet
und weiterhin diefe Reihen verbunden worden,
entweder nach ihrer Herkunft geordnet wie im Sang. IIIp.
oder in fyftematifcher Ordnung, aber immer mit Angabe
der Herkunft der einzelnen Sätze, wie im P. XXXV jud.
Endlich feien diefe Quellenangaben weggefallen und die
verfchiedenen Reihen immer mehr durch einander gearbeitet
, immer mehr Material, namentlich auch aus Aufzeichnungen
für Mönche hereingezogen oder auch neu
fabricirt und in beiden P'ällen mit falfchen Namen ver-
j fehen worden, und fo die wüften regellofen Excerpten-
fammlungen entftanden, die wir in den meinen unferer
Bufsbücher vor uns haben.

Was ich an diefem Aufbau im Wefentlichen für be-
| gründet halte, ift aufser der von Niemand beftrittenen
! Thatfache, dafs der Ausgangspunkt die canonifche Bufs-
gefetzgebung war und erft fpäter, in der irifchen und
angelfächfifchen Kirche die judicia einzelner Männer dazu
j gekommen find, folgendes: 1. dafs man fchärfer als bisher
unterfcheiden mufs zwifchen den Satzungen, die urfprünglich
für Mönche allein und denen, die für Welt-
I priefter und Laien beftimmt waren; 2. dafs die Schemata,
nach denen die Sünden in den Bufsbüchern geordnet
find, manchen werthvollen Wink geben können, wenn
auch freilich die Grundfätze Schm.'s darüber gewifs nicht
durchzuführen find; 3. dafs die bisherigen Bufsbücher
der älteren Iren und Angelfachfen vielleicht in keinem
einzigen Falle als urfprünglieh zu erweifen, vielmehr
wohl zum gröfsten Theile auf dem Feftland entftanden
find; 4. dafs dagegen — doch fage ich das nur fehr
j vorfichtig — das Sangall. IIIpart. und P. XXXV cap. am
eheften echte Ueberlieferung bieten könnten und dafs
wirklich die Ueberlieferung der Theodorifchen Sätze eine
der beften ift. Ich füge hinzu, dafs m. E. eben um alles
deffen willen die Verfuche, einen Stammbaum der verfchiedenen
Bufsbücher herzuftellen, wie ihn zuletzt Pijper
gemacht hat, mindeflens vorläufig vergeblich bleiben werden.
Wir haben vermuthlich noch lange nicht alle Bufsbücher,
die einmal exiftirt haben; es können noch wichtige Mittelglieder
fehlen und doch ift das Durcheinander fo grofs,
dafs wir den Wirrwarr nicht löfen können.

Breslau. Karl Müller.

Geyser, Priv.-Doc. Dr. Jofeph, Das philosophische Gottesproblem
in seinen wichtigsten Auffassungen. Bonn, P. Han-
ftein, 1899. (VIII, 291 S. gr. 8.) M. 3.80

Das vorliegende Buch, das in den Grundanfchauungen
an Thomas von Aquino fich anfchliefst — ohne jedoch
das Zeichen bifchöflicher Approbation zu tragen —, hat
den Zweck, über die hiftorifche Entfaltung und die Vor-
ausfetzungen der ,Theodicee' zu orientiren, um dadurch
eine Grundlage für diefe felbft zu gewinnen. Theodicee