Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1899

Spalte:

48-52

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Collection de documents pour l‘histoire religieuse et litteraire du moyen-age 1899

Rezensent:

Mueller, Karl

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

47



nationen nun hier las. Sie find durch folgendes merkwürdige
Stück eingeleitet. ,Das rdyfia der Mönche hatte
aber im alten (Bunde) einen anderen Namen. Das bezeugen
die Briefe Philo's an Jacobus, den Bruder des
Herrn. Befonders aber können wir es erfahren aus jenem
[Briefe], den Magna von Alexandrien an Serapion, das
Haupt der Einfiedler fchrieb — diefer Magna war aber
derfelbe, der zuerft ordnete (und) niederfchrieb das
Xqovixov (? krniqön) in der Kirche; auch Eufebius erinnert
daran an der Spitze der Kanonen, die er über die vier
Evangeliften gemacht und ebenfo in feinen anderen
Schriften —; auch Clemens, der Schüler des Apoftel
Petrus, der nach den Apofteln der erfte Bifchof von Rom
war, fchrieb einen Brief an Dionyfius, den Bifchof des
Areopag, den Schüler des feiigen Paulus. Diefer Clemens
hatte aus dem Munde der Apoftel die Gefchichte der
Mönche gehört und fchrieb fie getreu dem Dionyfius,
indem er berichtet in der Expofition feines Briefes und
fagt, dafs Elias, Elifäus, Ofea, Johannes der Täufer, der
feiige Jacobus, der Bruder des Herrn, Philo mit dem Reft
der Uebrigen, von denen er berichtet, von ihrem Gyrata
erzählt und fagt: Einige hatten härene Gewänder u. f. w.'

Unter den Briefen des Philo an Jacobus kann nur
die Schrift de vita contempletiva verftanden fein; der Verf.
kennt ja die KGefchichte des Eufebius und nennt im
Folgenden auch die Therapeuten. Da Eufebius Philo
mit Petrus zufammengekommen fein läfst (II, 17) und von
der asketifchen Lebensweife des Jacobus erzählt, fo ift es
verftändlich, wie die weitere Legendenbildung, Philo habe
an Jacobus gefchrieben, entftanden ift. Mit dem Namen
,Magna von Alexandrien' und feinem ftrniqön' hat Braun
nichts anzufangen gewufst; zu lefen ift natürlich Am-
monius von Alexandrien, und das ,krniqön' ift feine fog.
Evangelienharmonie (zu lefen ift daher wohl xavovixöv).
Ganz neu ift die Kunde, dafs diefer Ammonius — bisher
gingen alle Nachrichten, die wir über ihn befitzen, auf
Eufebius zurück — einen Brief an .Serapion, das Haupt
der Einfiedler' gefchrieben habe. Das braucht nicht noth-
wendig Fabelei zu fein. Die dritte Quelle des Verf. ift
ein Brief des Clemens an Dionyfius. Da er aber im Folgenden
von den pfeudoclementinifchen Briefen de vir-
ginitate Gebrauch macht (f. I, 6; II, 8), fo mufs er fie
gemeint haben. Dafs er fie als an Dionyfius gerichtet
ausgiebt, entfpricht nur der willkürlichen Annahme, Philo's
Schrift fei dem Jacobus gewidmet. Die Dionyfifche
Fälfchung braucht deshalb keineswegs dem Verfaffer
oder feinem Gewährsmann bekannt gewefen zu fein.
Uebrigens ift es beachtenswerth, dafs er nur von einem
Briefe fpricht. Ich habe in den Sitzungsberichten' a.a.O.
nachgewiefen, dafs die beiden Briefe urfprünglich ein
Schreiben gebildet haben, welches erft fpäter auseinander-
geriffen worden ift. Der Verf. fchildert nun das ältefte
Mönchthum, in das er die Apoftel, ja den Herrn felbft
einrechnet, theils nach diefer Quelle, theils nach Philo,
theils nach dem Hebräerbrief (11,37 ff.); daneben aber
benutzt er noch eine uns unbekannte Quelle, die fehr
wohl jener Brief des Ammonius an Serapion fein kann.
Es ift unwahrfcheinlich, dafs derfelbe lediglich erfchwin-
delt ift; denn Ammonius war kein Apoftel oder Apoftel-
fchüler, fondern ein wenig hervorragender Mann des 3.
Jahrhunderts. Alles, was wir über die Mönchsgefchichte
lefen, kann fehr wohl von Maruta gefchrieben fein, da
es keine Spuren einer fpäteren Zeit trägt.

Auf denfelben auch das Stück C, den Katalog der
Härefien zurückzuführen, trage ich kein Bedenken. Der
Katalog ift aus einer von F"ehlern wimmelnden arabifchen
Ueberfetzung des Abraham Ecchellenfis längft bekannt;
aber er ift meiftens — zuletzt noch von Zahn, Kanons-
gefchichte II S. 447 ff. — fehr abfchätzig beurtheilt worden
; die fchlechte Ueberlieferung und die fpäte Zeit, der
man ihn zufchreiben zu müffen glaubte, tragen daran die
Schuld. Ich habe ihn ftets günftiger beurtheilt und freue
mich daher, dafs wir ihn nun in ficherer, wenn auch vielfach
lückenhafter Ueberlieferung erhalten haben und feine
Zeit zu beftimmen vermögen. Die inneren Gründe
ftimmen mit den äufseren zufammen: die jüngfte Härefie,
die in ihm behandelt ift, find die Macedonianer; alfo ftammt

| der Katalog aus der Zeit um 400 und damals fchrieb

l Maruta, dem er hier beigelegt ift. Aufgezählt und cha-
rakterifirt werden die Sabbatianer, Simonianer, Marcioniten,

1 Samofatener, Manichäer, eine Härefie, deren Name unlesbar

I ift, die Borborianer, Cuciten (fo ift zu lefen, nicht ,Phoca-
liten', wie der Araber bietet), Bardefianer, Arianer (nebft
den Eunomianern und Macedonianern), Montaniften.Timo-
theaner, Katharer. Das find wirklich die Härefien, die

| um 400 im Gefichtskreis eines fyrifchen Bifchofs lagen

1 (die Cuciten werden fonft nur von Ephraem genannt,
ebenfalls vor Bardefanes, f. meine Litt. Gefch. I S. 179 f.

i 186). Was über fie berichtet wird, ift faft durchweg
verltändig und maafsvoll; alfo wird auch das von Bedeutung
fein, was wir aus anderen Quellen nicht zu belegen
vermögen. Maruta ift es, der berichtet, dafs die Marcioniten
ftatt der Apoftelgefchichte ein Buch unter dem
Titel ,Summa' (saka) gebrauchen (bei Abraham lautet

I der Titel ,/iber ßroßositi finis'), ftatt der Pfalmen eigene
Hymnen brauchen und Marcion für den oberften Apoftel
halten. Wer die an 6. Stelle aufgezählten Häretiker find,
läfst fich leider nicht ermitteln; Abraham nennt fie Pho-
tinianer, aber das ift ein Irrthum. Wenn Maruta von
den Montaniften fagt, fie nennen die feiige Maria Göttin
und fagen, ein dnycov habe fich ihr verbunden', fo ift
das vielleicht nichts anderes als der Bericht eines ftreng

I antiochenifchen Chriftologen über die ihm antipathifche
Chriftologie mit dem deoxoxoq; wahrfcheinlicher aber
ift an einen Synkretismus zu denken (f. das „Religions-

| gefpräch am Hof der Saffaniden".) Den Cuciten wird

! ein Evangelium der 12 Apoftel beigelegt.

Ich mufs hier abbrechen. Der Haupttheil deffen,
was Braun uns geboten hat, ift noch aufser Betracht geblieben
, nämlich die 73 Kanones, die Auslegung des

j konftantinopilitanifchen Symbols (fie ift ftreng antioche-

1 nifch) und die Gefchichte Konftantin's. Mir lag daran,
feftzuftellen, was für die ältefte Kirchengefchichte von
Belang ift. Die Unterfuchung jener hochwichtigen Stücke
führt zu tief in die Kritik des auch von Abraham zugänglich
gemachten Materials und in die Rechtsgefchichte der

j Kirche des 5. Jahrhunderts hinein, als dafs fie hier begonnen
werden könnte. Dafs auch in diefen Partien das
Meifte von Maruta ftammt, ift mir nicht zweifelhaft.

Berlin. A. Harnack.

Collection de documents pour l'histoire religieuse et litteraire
du moyen-äge. Tome I. Speculum perfectionis seu S.
Francisci Assisiensis legenda antiquissima auctore fratre
Leone nunc primum ed. Paul Sabatier. Paris, Fifch-
bacher, 1898. (CCXIV, 376 S. gr. 8.) Fr. 12.—

In feiner Biographie des h. Franz (vgl. ThLZ. 1895
Nr. 7) hatte Sabatier die Quellen zur Gefchichte diefes
Heiligen neu unterfucht und werthvolle Ergebnifse gewonnen
. Wie die beiden Viten des Thomas von Celano,

j fo und noch mehr war die Legende der drei Genoffen
in ein neues Licht getreten: es hatte fich gezeigt, dafs

j ihre Hauptmaffe verloren oder vielmehr vom Orden felbft
unterdrückt worden und der jetzige Schlufs fpäter aufgefetzt
und werthlos ift. Dagegen hatte Sabatier geglaubt,
die ausgedehnten Spuren diefer Legende in der Vita II
des Thomas von Celano, wirkliche Refte aber im Speculum
Vitae S. Fri et sociorum ejus (14. Jh.; zuerft 1504
und 1509 gedruckt), in den Schriften der Spiritualen
vom Anfang des 14. Jhs., fowie im Uber conformitatinn
zu finden, hier jedoch nur mittelbar: in der dort oft
citirten Legenda antiqua wollte er eine etwas erweiterte

1 Ausgabe der Leg.j Soc. nach ihrem wahren Umfang fehen;

| die Bruchftücke, die der L. C. davon enthielt, hätten alfo