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Ausgabe:

1899 Nr. 19

Spalte:

535-537

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Knoepfler, Aloisius

Titel/Untertitel:

Walafridi Strabonis liber de exordiis et incrementis quarundam in observationibus ecclesiasticis rerum 1899

Rezensent:

Grützmacher, Georg

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Theologifche Literaturzeitung. 1899. Nr. 19.

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VII und VIII, 2—13 ca. 311/2 abgefchloffen hatte. Der
Plan, der I, 1 aufgeteilt war, führt nicht weiter. Die
Schrecken der Maximin'fchen Verfolgung, die tief in
fein eigenes Schickfal eingriffen (Pamphilus f 309),
weckten dem Martyrienfammler und -befchreiber nach
eingetretener Ruhe den Wunfeh den heimifchen Blutzeugen
feiner Gegenwart ein befonderes Blatt zu weihen.
Aber während der Abfaffung unferer griech. Recenfion
erweiterte fich ihm der Blick für die gröfsere Aufgabe,
das ganze Drama, das fich vor feinen Augen abfpielte, zu
fixiren und damit nicht nur über den Tod der Verfolgten,
fondern auch der Verfolger zu fchreiben, fiehe die oben
angeführten Stellen in De mart. Pal., fie weifen auf eine
Zeitgefchichte, die nicht von vornherein als Fortfetzung
der Kirchengefchichte gedacht zu fein fcheint. Dafs er
bei folchem Unternehmen Lactanz' De mortibus persec.
gleichfam als Vorlage benutzt habe, hat m. E. Man-
cini [studi storici 1896, S. 555 ff. und 1897, S. 125 ff.)
nicht erwiefen, obgleich Halmel S. 106 Anm. ihm Beifall
zollt. Als E. den Plan ausführte, und ihm die Wendung
gab, damit eine Fortfetzung der Kirchengefchichte zu
fchaffen, zw. 315 u. 20, ftörte das Stück VIII, 2—13. Die
Compofition des B. VIII trägt die deutlichen Spuren,
dafs der Verfaffer hier mit den fich drängenden Stoff-
maffen bezw. feinen eigenen Vorlagen nicht fertig wurde.
Buch X ift dann ficher noch fpäter zugefügt, aber gleichfalls
mit dem Ziel- und Schlufsgedanken: De mortibus
persecutorum. In der urfprünglich auch griechifchgefchrie-
benen, nur fyrifch vollftändig erhaltenen Recenfion von De
mart.Pal. fieht Halmel die fpäter felbfländig gewordene
wirklich edirte Recenfion und fetzt fie zeitlich ziemlich

und chronologifch unficheren Angaben über das Leben
Walafrid's zufammen, wobei alte Annahmen zum Theil
eine willkommene Correctur erfahren. Sein Geburtsjahr
fleht nicht feft, er ift um 808 geboren. Kaum 15 Jahre
alt wurde er Mönch im Klofter Reichenau unter Abt
Hatto; im Klofter St. Gallen hat er fich nie aufgehalten.
Später zwifchen den Jahren 826 und 830 hat er im Klofter
Fulda Rabanus Maurus zum Lehrer gehabt. Er wurde
dann der Lehrer Karl des Kahlen und 838 zum Abt von
Reichenau gewählt. Wegen der Kriegsftürme hat er aber
erft 842 fein Amt antreten können, da er auf Seiten
Ludwig des Frommen und dann Lothars ftand. 849 ift
er in Reichenau als Abt geftorben. Er ift ein fruchtbarer
exegetifcher und hiftorifcher Schriftfteller gewefen, auch
befafs er einige Kenntnifs der griechifchen Sprache, wie
aus der Ueberfetzung von Schriftworten aus der

LXX

hervorgeht. Die Abfaffungszeit der vorliegenden Schrift
läfst fich mit Knöpfler ziemlich genau anfetzen. Sie ift
zwifchen 840 und 842 verfafst, Ludwig der Fromme ift
bereits tot und Walafrid noch nicht Abt des Klofters
Reichenau. Der neuen Ausgabe der Schrift konnte
Knöpfler die fehr gute und alte Handfchrift aus St. Gallen
N 446 zu Grunde legen, die Ende des 9. oder Anfang
des 10. Jahrhunderts gefchrieben ift. Aufserdem find die
Münchener Handfchriften cod. lat. 14581 und 17184 verglichen
und die Ausgaben des Cochläus von 1549, des
Hittorp von 1610, der Biblioth. Max. von 1677 Tom XV
und Migne, Patrol. lat. Tom 114 berückfichtigt. Die Ausgabe
ift nach gefunden textkritifchen Grundfätzen ge"
arbeitet, der Lesart der St. Gallener Handfchrift ift rnit
Recht faft immer der Vorzug gegeben, ich wüfste keine

weit herunter. Violet a. a. O. S. 168 f. und Preufchen, j Stelle, die für den Sinn wichtig ift, anzuführen, an der
Theol. Lit. Zeitung 1894, Sp. 463 f. berühren fich info- j der hergeftellte Text eine Correctur verdiente. Dagegen
fern damit, als auch fie unfere griechifche Recenfion als j kann ich die hiftorifchen Anmerkungen nicht in derfelben

eine nicht für die Oeffentlichkeit beftimmte Vorarbeit
bezeichnen und die fyrifch erhaltene für die eigentliche
Ausführung erklären. Violet fetzt die letztere dabei
gleichfalls ca. 313, eine wegen der mehrfachen Berufungen
auf die,noch lebenden Augenzeugen' (Violet S. 60. 70)
gewifs unrichtige Datirung. Wirklich fcheint die frühere
griechifche Recenfion, wie ihre ausfchliefsliche Ueber-
lieferung in und nach B. VIII der h. e. andeutet, felbft-
ftändig nicht publicirt zu fein und kann infofern auch
als eine Vorarbeit gelten.' Die fyrifch erhaltene Form
hat eine felbftändige und weite Verbreitung gefunden.
Zahlreiche kleine perfönliche und locale Züge deuten
darauf, dafs fie dem Märtyrercult in Syrien und fpe-
ciell in Cäfarea hat dienen follen und gedient hat. Die
einzelnen Stücke eigneten fich zu gottesdienftlicher Vor-
lefung an den Natalitien (Vgl. Violet S. 42/43: ,und fein
Gedächtnifs wird an diefem Tage begangen').

Die Unterfuchung hat das allgemeinere Intereffe, uns
in die Arbeitsweife eines der fieifsigften unter den Gelehrten
aller Zeiten neue Blicke thun zu laffen.

Kiel. Hans v. Schubert.

Walafridi Strabonis über de exordiis et incrementis qua-
rundam in observationibus ecclesiasticis rerum. Textum
recensuit adnotationibus historicis et exegeticis illu-
stravit introduetionem et indicem addidit Prof. Dr.
Aloifius Knoepfler. (Veröffentlichungen aus dem
kirchenhiftorifchen Seminar München. Herausgegeben
von A. Knoepfler. I.) Editio altera. Monachii, Libre-
riae Lentnerianae, 1899. (XVII, 114S. gr. 8.) M. 1.40

Die vorliegende neue Ausgabe der Schrift des Walafrid
Strabo von Profeffor Knöpfler, die dem Bifchof von
Rottenburg, Keppler, gewidmet ift, ift fürkirchenhiftorifche
und liturgifche Seminarübungen beftimmt, da die alten
fehlerhaften Ausgaben für diefen Zweck unbrauchbar

Weife loben, hier ift häufig der correcte katholifche
Standpunkt des Herausgebers dem richtigen Verftändni's
der Schrift hinderlich gewefen. Die richtige Angabe
Walafrid's, wonach in den erften Zeiten der chriftlicheu
Kirche die Taufe der Erwachfenen üblich war, wird S. 91
Anmk. 2 als ganz irrig bezeichnet. Auch macht Knöpfler
den Walafrid zu einem Zeugen für das Transfubftantia'
tionsdogma, das allerdings fein Lehrer Rabanus Maurus
vertrat; aber die Stellen, in denen Walafrid von delT1
Myfterium des Leibes und Blutes Chrifti fpricht, befage"
doch nichts, da er in cap. 16 deutlich das Abendrnah
im fymbolifchen Sinne auffafst. Die Stelle lautet: ,Chriftu
hat bei dem Mahl, das er vor feinem Heimgang zuletz
mit feinen Jüngern hielt, nach der Feier des altteftamen '
liehen Pafcha die Sacramente feines Leibes und Blute
in der Subftanz des Brotes und Weines feinen Jünger°
übergeben und fie gelehrt, fie zum Gedächtnifs fei"e
heiligften Leidens zu feiern. Es konnte nichts Paffender
als die Geftalten (species) gefunden werden, um die Ein'fJ
keit des Hauptes und der Glieder zu bezeichnen, we
doch das Brot aus vielen Körnern durch Verbindung
des Waffers zu einem Leibe wird und der Wein 3
vielen Weinbeeren geprefst wird und fo auch der De
Chrifti aus der vereinigten Menge der Heiligen vollftandr|
gemacht wird'. Ich halte es auch für eine irreführen
Inconfequenz, wenn Knöpfler von dem Briefwechfel
Hieronymus mit Damafus bemerkt, dafs er apokryph '
und die falfche Angabe Walafrid's über die Sanctionirun»
der Doxologie auf dem Nicänifchen Concil für u.nr,Cjafs
erklärt, dagegen an keiner Stelle darauf hinweift, n
die liturgifchen Notizen Walafrids, die er dem Papl' acn
entnimmt, ebenfalls apokryph find. Jedenfalls hat
Knöpfler durch Herftellung eines guten Textes um ^e
intereffante Schrift Walafrids verdient gemacht. rü.r
Gefchichte der Liturgik ift fie von grofser Bedej^[täre,
über die Kirchengebräuche, Glocken, Gebete, V. te0.
Taufe und Abendmahl giebt fie uns wichtige Nachrtc
In der Bilderfrage nimmt Walafrid noch den verrnt

waren. In der Einleitung ftellt Knöpfler die fpärlichen den fränkifchen Standpunkt ein, er warnt vor aberg