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Ausgabe:

1899

Spalte:

3-4

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Riedel, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Die Auslegung des Hohenliedes in der jüdischen Gemeinde und der griechischen Kirche 1899

Rezensent:

Beer, Georg

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1899. Nr. 1.

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diefer Artikel (von einzelnen Ausnahmen fehe ich ab)
fleht nicht auf der gleichen Höhe wie die Mehrzahl der
kirchengefchichtlichen. Ich bin überzeugt, dafs das anders
geworden wäre, wenn das Alte Teflament zum Arbeitsgebiet
des Herausgebers gehörte. Er würde fich
dann überzeugt haben, dafs es fleh hier nicht um theologifche
Meinungen handelt, von welchen die eine ebenfo
berechtigt ift wie die andere, fondern um die fichere und
confequente Anwendung derjenigen wiffenfchaftlichen
Methode, welche auch für den Herausgeber felbftver-
fländlich ift.

Die äufsere Ausftattung, über welche wir beim erften
Bande fehr zu klagen hatten, ift feitdem fchrittweife beffer
geworden. So dankbar dies anzuerkennen ift, fo glauben
wir doch, dafs weitergehende Wünfche immer noch berechtigt
find.

Göttingen. E. Schürer.

Riedel, Priv.-Doc. Lic. Wilhelm, Die Auslegung des Hohenliedes
in der jüdifchen Gemeinde und der griechifchen
Kirche. Leipzig, A. Deichert Nachf., 1898. (VI, 120 S.
gr. 8.) M. 2. 40

Eine tüchtige Monographie über die ältere Aus-
legungsgefchichte des Hohenliedes in der Synagoge und
in der griechifchen Kirche von Hippolyt bis zu den Ka-
tenen herab! Die allegorifche Erklärung des HL, eine
von der jüdifchen Diaspora in Alexandrien gezüchtete
Pflanze, wurde bald auf den paläftinifchen Heimathsboden
übertragen, und wucherte dann wie ein Giftkraut in der
Kirche weiter. Sah der Jude in dem Lied der Lieder
die Liebe Jahwehs zu Ifrael, fo der Chrift die Liebe
Gottes oder Chrifti zur Kirche bezw. zur einzelnen Seele
dargeftellt. Die allegorifche Deutung war zwar noch nicht
maafsgebend gewefen für die Aufnahme des HL in den
Kanon, fie wurde aber zur Rechtfertigung feiner Beibehaltung
in der heiligen Bücherfammlung verwandt, als
im 1. u. 2. nachchrifll. Jahrhundert fich eine heftige Oppo-
fition regte, die in dem HL ein erotifches Liederbuch
erblickte und es darum vom Kanon wieder ausgefchloffen
wiffen wollte.

Die Hauptrefultate der Schrift Riedel's find keineswegs
überrafchend neu, aber der Lefer hat überall den
Eindruck, dafs das Büchlein einer felbflftändigen und
liebevollen Befchäfligung mit dem zuweilen fpröden
Stoffe feine Entftehung verdankt und eine gründliche Zu-
fammenflellung des innerhalb der gefleckten Grenzen in
Betracht kommenden Materials ift, wobei manche inter-
effante Einzelheit neu hinzukommt. Wird auch der moderne
Altteftamentler die bei einzelnen berühmten chrift-
lichen Theologen der Vergangenheit fich findende Deutung
der Füchfe 215 auf die Häretiker (S. 51), oder der
Salbendüfte auf die Reliquien der Märtyrer (S. 78), oder
der Brüfte auf die beiden Teftamente (S. 79) mit einem
gewiffen pathologifchen Intereffe, oder zur Aufheiterung
nach Stunden ernfter Arbeit lefen, fo bietet doch die
R.'fche Darfteilung der Leidensgefchichte der allego-
rifchen Deutung des HL in der Kirche einen wichtigen
Beitrag für die chriftliche Litteratur- und Culturgefchichte,
in der jüdifche Erbfünde eine nicht kleine Rolle fpielt.
L. Dieftel's Gefch. d. Alt. Teft. in d. chrifti. Kirche 1869
giebt für die Auslegungsgefchichte des HL in d. griech.
Kirche herzlich wenig. Schade, dafs R. fich nicht ent-
fchloffen hat, die allegorifche Erklärung in ihren Nachwirkungen
bis auf die Gegenwart zu verfolgen!

Etwas enttäufcht war ich bei der Leetüre des
Abfchnittes S. 105—109 ,die Handfchriften der griechifchen
Ueberfetzung des HL'. Der Verf. kommt hier über eine
blofse Aufzählung gewiffer Aeufserlichkeiten der LXX
Handfchriften nicht viel hinaus.1) Ueberhaupt kann ich

1) Für die ßefitzer v. Budde's und Siegfried's Komment, z. HL
hebe ich hervor, dass R. als urfpr. Lesart d. LXX 7,1 SovfXttvstxig

I nicht recht verliehen, warum diefer Abfchnitt erft nach
1 der Gefchichte der Auslegung in der griechifchen Kirche
kommt, im organifchen Zufammenhang fleht er weder
mit den vorhergehenden, noch mit den folgenden Partien
des Buches. Auch fonft habe ich die Empfindung, als
ob die einzelnen Abfchnitte etwas lofe neben einander
geftellt find. Mit dem Satze S. 109, dafs die Juden die
allegorifche Erklärung ihrer Schriften von der griechifchen
Philofophie übernahmen, ift nicht viel, oder nur äufser-
liches gefagt. Warum aeeeptirten die Juden die von
griechifchen Philofophen angewandte Methode der Schrifterklärung
? Dem Heiden konnte man mit diefer Methode
die mannigfachen Anftöfse aus dem Wege räumen, die
er an den jüdifchen Religionsfchriften nahm und ihn fo
leichter zum Profelyten machen; die Allegorefe war den
Juden ein willkommenes Mittel in dem damaligen Con-
currenzkampf der Religionen. Im Lichte der jüdifchen
Miffionsbeftrebungen ift meines Erachtens zum Theil auch
die Entftehung der LXX, die Vertaufchung des !Ti!-p
Namens durch Adonaj — xvQioq u. dgl. mehr zu betrachten
. Da Verf. eine Gefchichte der Erklärung des
HL in der Synagoge fchreibt, fo hätte er billigerweife
auch die Pefchittho mit heranziehen follen, da diefe bekanntlich
von LXX u. Targ. beeinflufst ift, freilich durfte
dann auch die lat. Bibel nicht fehlen. Die S. 9—40
in gutem Deutfch abgefafste Ueberfetzung des Targ., die
zwar in der Anlage des Buches nicht motivirt ift, aber
ein fchönes Zeugnis ablegt für die Sprachkenntnifse und
philologifche Schulung des Verf., kann Anfängern als ein
bequemes Hilfsmittel zur praktifchen Einführung in das
Targumifche beftens empfohlen werden.1) Dafs ,das Bild
von der Gemeinde als reiner Jungfrau, die Chrifto vermählt
wird, 2. Kor. 112, Eph. 532, Apoc. 212, cf. Joh. 323,
Matth. 915 aus der Sprache der Propheten herzuleiten* fei
(S. 1/2), ift wohl nicht richtig. Ich bin mir nicht bewirfst,
dafs im A.T. der Meffias als Bräutigam feiner Gemeinde
und die Zeit feines Erfcheinens als Hochzeit bezeichnet
wird. Die Ausdrücke gehören vielmehr der nachkano-
nifchen Bilderfprache der jüd. apokal. Literatur an, s. F.
Weber, Jüd. Theologie 1897 S. 372.

R.'s Arbeit ift eine Erftlingsfchrift, die weitere fchöne
Gaben hoffen läfst. Da der Verf. fo gründliche Studien
1 über die allegorifche Auslegungsgefchichte gemacht und
uns vorgelegt hat, fo fei mir zum Schlufs geftattet, ihm
den Dank für feine Arbeit in dem Wunfeh auszudrücken,
dafs ihm die dornenvolle Laufbahn eines theologifchen
Privatdocenten, die er jetzt betreten hat, fo rofig fich
geftalten möge, wie den alten Allegoriften das HL!

Halle a. S. Georg Beer.

Steindorff, Georg, Die Apokalypse des Elias, eine unbekannte
Apokalypse und Bruchstücke der Sophonias-Apo-
kalypse. Koptifche Texte, Ueberfetzung, Gloffar.
Leipzig, Hinrichs, 1899. (III, 190 S. m. 2 Tafeln.) M. 6.50

Im J. 1885 gab Bouriant in den Memcires publies
par les membres de la Mission archeologique franeaise
au Cdire, tome I, ferse. 2, p. 260—279, Fragmente einer
koptifchen Apokalypfe mit franzöfifcher Ueberfetzung
heraus, welche er als Apokalypfe des Sophonias
bezeichnete, weil es an einer Stelle des Textes heifst:
,wahrlich, ich Sophonias fah diefes im Geficht'. Eine
deutfehe Ueberfetzung diefer Texte mit etwas anderer
Anordnung der Fragmente lieferte Stern (Zeitfchr. für

(S. 105 f.) feftftellt, womit LXX I. Kg. 1,3 ryv8S!H8 wiedergabt; 2ov-
vctfiixiq ift erft Correctur der Herausgeber. Budde hält Sovva/xtxig
für die ältere LA der LXX, fetzt freilich vorfichtigerweife Soviiaveixtg
cod. B in Klammern bei. Siegfr. S. 88 begnügt fich mit der Angabe,
dafs LXX 7,1 Sov/xaveixig lefe.

i) Wenn das Targ. 2,1.2. 6,2. 7,3 durch Xl^l (S. 15 Anm. 3) = Rofe
miTTiJ i. HL wiedergiebt, fo wird wahrfcheinlich auch Sir. 24,14. 39,13.
50,8 ijÖöov einem nrailü i. hebr. Original entfprechen, Rofen waren
den alten Israeliten nicht bekannt, W. Nowack, Hebr. Archäol. 94 I S. 73.