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Ausgabe:

1898

Spalte:

112-113

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Nilles, Nicolaus

Titel/Untertitel:

Kalendarium Manuale 1898

Rezensent:

Harnack, Adolf

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TheolomTche Literaturzeitung. 1898. Nr. 4.

112

(cependanf) hatte die Kirche von Edeffa zum Gründer
den Apoftel Thomas (S. 19); in Korinth ift um 370 der
achte Bifchof der Lifte im Amte; auch diefe Kirche kann
alfo nicht bis ins erftejahrhundert zurückgehen; —in Wahrheit
aber war der erfte Bifchof von Korinth Apollos
,der Schüler St. Pauli'. Neun Argumente diefer Art führt
Bellet an. Auch ein fchlichter Lefer vermag mit ihrer
Hülfe vielleicht einzufehen , dafs der Bifchof v. Valence
Recht hat, wenn er meint, Duchesne's Methode caffire
drei Viertel der katholifchen Kirchengefchichte. — Weiterhin
unterfucht Bellet (Cap. II u. Iii) die Zeugnifse des
Eufebius, Irenaeus und Cyprian (Duchesne I, 38 ff.). Aus
Eufebius {h. e. 5, 1) folgt, dafs es eine von der Lyonefer
zu unterfcheidende Gemeinde in Vienne gab — das ift
vielleicht richtig —; Ignatius ,martyr a Rome le 20. de-
cembrc 107' aber fagt ad Troll. 2 (in Wirklichkeit: 3, 1)
von Bifchof, Presbytern und Diakonen: xmQl? xovxcov
hxxXrjOia ov xalelxcu; — alfo gab's um 177 in Vienne
einen Bifchof (S. 44). Ebenfo zwingend ift der Schlufs
aus Irenaeus, 1, 10, 2. Irenaeus redet hier von IxyJ.rjö'iai
tÖQV[iti>ai Iv rsQfiavioig und sv Kelxolq, alfo gab es dans
les äeux Genanntes et dans la Ganle, tont au moins dans la
Celtique, des eglises hierarchiqüement constituees (S. 63).
Das vierte Capitel bringt critiques de details (S. 72—107).
Hier werden auch die Liften einzelner Kirchen befprochen.
Eine Kritik, welche die Probleme fo ernftlich nimmt,
dafs fie fordert, erft müffe nachgewiefen werden, wann die
(dem Gregor v. Tours und der vita des betr. Bifchofs noch
unbekannte) Identificirung des erften Bifchofs von Nar-
bonne, Paulus, mit dem Sergius Paulus der Acta erfunden
fein könne (S. 83), und dabei zugleich fo behutfam ift, dafs
fie die durch das ,alte' Zeugnifs Gregor's v. Tours verbürgte
Beftellung des erften Bifchofs von Saintes durch
Clemens v. Rom, als ,wahrfcheinlich' richtig nicht bei Seite
fchiebt (S. 89), kommt hier natürlich zu fehr viel andern
Refultaten als Duchesne. Wie im fünften Capitel die
füdfranzöfifche Maria-Magdalenen-Legende gerettet wird
— das habe ich im Detail nicht genoffen, fchweige
defshalb davon. Das letzte Capitel ift den Anfängen der
Kirche von Vienne und ihrem Bifchofskatalog gewidmet. Es
iftbefonders lehrreich für den, der die Gröfse der Differenz
ausmeffen will, die zwifchen Duchesne's und Bellet's
Methode befteht. Duchesne (I, 162) fpricht der Chronologie
Ado's für die Zeit bis Karl Martell allen Werth ab,
benutzt nur den Bifchofskatalog, der dem Ado vorlag, und
eignet ihn fich an, indem er die ficher datirbaren Männer
unterbringt und einen Namen (Simplides) leicht ändert:
Crescens, Zacharias, Martinus, Verus (3:4 in Arles), Juftus,
Dionyfius, Paracodes, Florentius (374 nachweisbar), Lupi-
cinus, Simplides(= dem um 400 nachweisbaren Simplicius),
Pafchafius, Claudius, (441 nachweisbar), Nectarius, Niceta
(449 genannt). Bellet bleibt behutfamer bei einer corri-
girten adonifchen Chronologie. Bei Claudius hat Ado,
der ihn in Arles gegenwärtig fein läfst, fich geirrt, den
Simplicius hat er ausgelaffen; übrigens ift feine Chronologie
aufrecht zu halten, wenn man nur zwei Namen
doublirt: Crescens (unter Nero), Zacharias (Märtyrer
unter Trajan), Martinus (unter Trajan), Verus I. (unter
Trajan), Juftus (von Hadrians Zeit bis an feinen Märtyrertod
unter Marc Aurel), Dionyfius (bis in die Zeit des
Septimius Severus), Paracodes (bis auf Maximinus Thrax),
Florentius I. (Märtyrer unter Gallus), Lupicinus (unter
Valerian und Gallienus), Simplides (unter Aurelian),
Pafchafius (unter Diocletian), Verus II. (314 in Arles),
Nectarius (unter Constans, 337—361, und bis in die Zeit
des Valens), Florentius II. (374 nachweisbar), Simplicius
(um 400 nachweisbar), Claudius (441 nachweisbar), Nicetas
(449 genannt). Die zwei (bezw. drei: Simplides und
Simplicius) Doubletten und die eine Abweichung von
Ado (bei Claudius, der feinen Platz in der Lifte wechfeln
mufs) —, diefe vier Correcturen treffen auf die vier
Fälle, in denen uns fichere Nachricht zukommt. Ift es
nicht ganz berechtigt, dafs hier auch den gleichzeitigen

Nachrichten ihr Recht wird? Behutfamer kann das corriger
Vkistoire kaum gemacht werden. Bei der Durchführung
diefer Aufgabe mufs man freilich mit dem gefährlichen
Grundfatz pfeudohiftorifcher Methode brechen, dafs nur
alte Quellen aus der Menge des Möglichen das erkennbar
Wirkhch-Gewefene hervorheben. Man mufs bedenken:
das Fehlen alter Bezeugung einer Thatfache läfst fich
mit einigem Gefchick ftets erklären {Tabsence de documents
1 anciens peut s'expltguer), et une opinion, qui a pour eile
des temoignages, meine de basse epoque, est preferable a une
j opinion qui neu peutciteraueun, ni ancient,ni recent (S. 267).
Das hat einen gewiffen Sinn. Ift gefunde Nahrung nicht aufzutreiben
, fo ift ein Gebräu, nach deffen Genufs laut
unzuverläffigen Nachrichten Menfchen noch leben können,
auch wenn es die Wiffenfchaft mit drei Kreuzen verfieht,
entfehieden dem vorzuziehen, für deffen Unfchädlichkeit
fich kein Zeugnifs, weder ein ficheres noch ein unficheres,
beibringen läfst.

An der nicht dogmatifch gebundenen hiftorifchen
Wiffenfchaft würde die katholifche Kirche mit einem Male
zu Grunde gehen: fie ift ihr ein Gift, für deffen Unfchäd-
] lichkeit weder fichere noch unfichere Zeugnifse fprechen.

Ein Mixtum von Gefchichte und Legende, wie Bellet es
| braut — und diefe Art von Brauerei ift katholifches
I Kirchenmonopol —, dürfte zwar nach wiffenfehaftlichem
; Urtheil mit gröfserem Rechte Gift, Gift für die Wahrheit,
| genannt werden. Aber, ob dies Gift gleich die Thätigkeit
I der edleren Organe lahm legt, fo tödtet es doch das phy-
j fifche Leben langfam, — zumal wenn der Magen an dies
Gift fich gewöhnt hat.1)

Halle a. S. Loofs.

Nilles, Prof. Dr. Nicolaus, S. J., Kalendarium Manuale

utriusque ecclesiae orientalis et occidentalis academiis
clericorum aecomodatum, auspieiis Commiffarii Apofto-
lici auetius atque emendatius iterum edidit. Tomus II.
Innsbruck, F. Rauch, 1897. (XXXII, 858 S. gr. 8.)

Die erfte Auflage diefes Werkes habe ich in diefer
Zeitung 1880 Col. 635 f. u. 1882 Col. 213, den I. Band der
zweiten Auflage 1896 Col. 350fr. angezeigt. Ich darf mich
daher darauf befchränken, diefen neuen Band, der die
Festa mobilia der beiden Kirchen und das Kirchenjahr
der Armenier, der antiochenifchen Syrer, der Thomas-
chriften, der katholifchen Chaldäer und Neftorianer fowie

1) Das ift bei denjenigen katholifchen Theologen und Hiftorikern,
die eine belfere wiffenfehaftliche Bildung befitzen als Bellet, noch nicht
in dem Maafse der Fall, dafs Bellet's ,gläubige' Gefchichtsconftruction ihnen
glaublich wäre. Noch in den letzten Tagen ift mir durch die Redaction

j diefer Zeitung ein Extrait du Mouseon, Louvain, Aoüt 1897 p. 372—393

1 zugegangen (R. Maere, Les ricentes controverses sur Papostolicite" des

eglises des Gaules), in welchem in verftändiger Weife für Duchesne gegen

! Bellet Partei genommen wird: l'ecole traditionelle n'a pour eile aueun
argument solide, l'opinion de l'abbe Duchesne s'appuie sur des motifs
qui n'ont pas tu refutes, fagt der Verf. (S. 12 = 383) nach einer allge-

meinen Erörterung der Controverfe; eine fpecielle Unterfuchung der Lifte
von Vienne giebt, gegen Bellet, Ado Unrecht, und eine Prüfung der
Maria-Magdalena-Legende fchliefst (S. 22 = 393): Force nous est donc
d'abandonner les traditions provencales. Le grand nombre des historiens
sy est d'ailleurs nfsolu des le XVlIe sibele. Selbft die ,Römifche
Quartalfchrift' des Monsignore de Waal (1897 S. 258 f.) hat Monseigneur
Bellet ablaufen laffen. Ja fie fagt in Bezug auf die oben citirten naiven

1 Stofsfeufzer des Bifchofs von Valence mit den Bollandiften {Analecla
Bollandiana XV. 1896 S. 82): ,es ift höchft bedauerlich, zu fehen, wie

1 einer der berufenen Vertreter unfers Glaubens in fo befremdlicher Weife
hiftorifche Tradition und dogmatifche Tradition verwechfelt; denn das

I heifst den eigenthümlichen Charakter der letzteren verkennen und riskiren,
ihre Autorität oft zu erfchüttern'. Der Fall fei, fo meint fie, ,ebenfo
lehrreich als bezeichnend'. Doch dürfte es dem gewandteften Römifchen
Monsignore fchwer fallen, das .Lehrreiche' diefes Falles fich ganz an-

I zueignen. Das katholifche Dogma ift an zu vielen Stellen — man denke
an das Infallibilitätsdogma, den Gedanken der apoftolifchen Succeffion

I der Bifchöfe u. a. m. —■ unlöslich mit beftimmten Anflehten über die
hiftorifche Tradition verflochten. Für Proteftanten aber ift in der That

1 fowohl die naiv-befchränkte Offenherzigkeit des Bifchofs von Valence als
die vornehme Klugheit der Römifchen Quartalfchrift ,ebenfo lehrreich als
bezeichnend'. — Correctur-Nachtrag des Referenten.