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Ausgabe:

1898 Nr. 4

Spalte:

105-108

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Preuschen, Erwin

Titel/Untertitel:

Palladius und Rufinus 1898

Rezensent:

Grützmacher, Georg

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io5 Theologifche Literaturzeitung. 1898. Nr. 4. 106

Kleidung, Nahrung und Umgang grofse Freiheiten, blieb
aber trotzdem dem Cölibat treu. Sein Erfolg war in Rom
kein geringer. Aber Papft Siricius verdammte ihn als
Häretiker und theilte diefes Urtheil dem Ambrolius mit,
der 391 auf einer Provinzialfynode fich dem römifchen
Votum beizutreten beeilte.. Im folgenden Jahre fchrieb
Hieronymus gegen Iovinian eine äufserft leidenfchaftliche
und gehäffige Schrift, die bei Freund uud Feind grofses
Aergernifs hervorrief. Der fanatifche Heilige zu Bethlehem
fah fich daher genöthigt, durch eine apologetifche Corre-
fpondenz mit feinen römifchen Freunden, Pammachius
und Domnio, den fatalen Eindruck feiner Streitfchrift
abzufchwächen. Aber bis nach Mailand verbreitete fich
die Härefie des Iovinian, zwei Mönche aus dem Klofter
des Ambrofius, Sarmatio und Brabatian, traten für ihn
ein. Der einheitliche Grundgedanke der Lehre Iovinians
ift der Widerfpruch gegen die mönchifche Werkheiligkeit
der Kirche; davon ausgehend verwirft er die Lehre von
der verfchiedenen Seligkeit der Wiedergeborenen und
der Verdienftlichkeit des Faftens und behauptet die
principielle Sündlofigkeit des Wiedergeborenen und die
Gleichwerthigkeit der Virginität und der Ehe. Der 5. Satz
des Iovinian, in dem er die ewige Jungfraufchaft der
Maria bekämpft, hängt nur lofe mit den 4 erften Sätzen
zufammen und auch Haller hat nur einen künftlichen Zu-
fammenhang herzuftellen vermocht. Mir erfcheint es auch
zweifelhaft, dafs die Anfchauung, nach der Maria Chriftum
zwar als Jungfrau empfangen, aber nicht als Jungfrau
geboren habe, von Iovinian felbft vertreten worden ift.
Sie ift wohl erft in den Kreifen feiner mailändifchen An-
hängerfchaft ausgebildet worden, da Hieronymus nichts
davon weifs und nur Ambrofius und Auguftin den Iovinian
diefer Härefie befchuldigen. Die Arbeit H.'s giebt eine
kritifch geficherte Zufammenfcellung deffen, was wir von
Iovinian wiffen. Diefes Wiffen bleibt indeffen fehr lückenhaft
, neue Auffchlüfse oder neue Gefichtspunkte bringt
die Arbeit nicht. Sie hätte fich auf die Hälfte reduciren
laffen, wenn der vollftändige Abdruck der bekannten
Quellen und der Commentar dazu unterblieben wäre.
So find zahlreiche Wiederholungen unvermeidlich geworden
. Mir fcheint der Schlüffel zum Verftändnifs des
Verhaltens und der Lehranfchauungen Iovinians darin zu
liegen, dafs er ein Vertreter des alten abendländifchen
Asketenftandes war, der gegen die neue Form und
Werthung der Askefe, wie fie das orientalifche Mönchthum
vertrat, energifch proteftirte und dabei auf paulinifche
Gedanken und Formeln in feiner Lehre von der Seligkeit
allein durch den Glauben zurückgriff.

Heidelberg. Grützmacher.

Preuschen, Erwin, Palladius und Rufinus. Ein Beitrag zur
Quellenkunde des älteften Mönchtums. Texte und
Unterfuchungen. Giefsen, J. Ricker, 1897. (VIII,
268 S. gr. 8.) M. 12 —

Die Arbeit P.'s zerfällt in zwei Theile, der erfte
bietet einen kritifch geficherten Text der griechifchen
Historie monacliorum in Aegypto und einiger Stücke der
Historia Lausiaca, die fich in den verbreitetften Drucken
in einer interpolirten Form finden, mit reichem, hand-
fchriftlichem Apparat, der zweite Theil unterfucht auf
Grund der handfehriftlichen Ueberlieferung die fich an
beide Schriften knüpfenden literargefchichtlichen Probleme
. Das Buch will eine quellenkritifche Vorarbeit für
eine Darfteilung der Anfänge des Mönchthums fein,
die in nicht allzulanger Zeit nachfolgen loll. — Nach einer
Befprechung der älteften Ausgaben der Historia Lausiaca
und dem Hinweifs darauf, dafs das Problem der zwifchen
Rufin und Palladius beftehenden Beziehungen fich nur
durch Prüfung der handfehriftlichen Ueberlieferung löfen
läfst, unterfucht P. die Handfchriften der griechifchen
Historia monacliorum. Er führt 46 Handfchriften auf,

die fie vollftändig oder in einzelnen Stücken enthalten,
von denen er Nr. 2—17 und Nr. 27—30 felbft unterfucht
refp. eingefehen hat, während die übrigen ihm aus Katalogen
bekannt geworden find. Aufser diefem reichen
Material ftanden ihm noch zur Textherftellung mehrere
fyrifche Ueberfetzungen, die in fehr alten Handfchriften
vorliegen, und eine armenifche Ueberfetzung, die nach
feiner Vermuthung eine Afterverfion aus dem Syrifchen ift,
j zur Verfügung. Aus der Ueberlieferungsgefchichte der Historia
monacliorum, die eng mit der der Historia Lausiaca
verknüpft ift, geht mit voller Deutlichkeit hervor, dafs die
älteften Handfchriften die Historia monacliorum als felbft-
ftändige Schrift und die Historia Lausiaca in einer nicht
interpolirten Form, in der die c. 43—76 fehlen, kennen.
Diefe Capitel aber, die zuerft bei Hervet 1555 gedruckt
wurden und die der Hauptmaffe der Historia monacliorum
enfprechen, haben das ganze Problem der Abhängigkeit
des einen Werkes von dem anderen heraufbefchworen;
fie erweifen fich nun als interpolirt. Auf S. 163 giebt
P. ein Stemma der Handfchriften der griechifchen Historia
monacliorum, wie es fich ihm aus feiner Unterfuch-
ung ergeben hat. Dann verfucht P. zunächft die Frage
nach dem Verfaffer der Historia monacliorum zu beantworten
, er weift alle anderen Hypothefen zurück und
erklärt aus äufseren und inneren Gründen vor allem auf
das Zeugnifs der meiften Handfchriften hin Rufin für den
Verfaffer. Im Folgenden unterfucht er das Verhältnifs
des Sozomenos zu der griechifchen Historia monacliorum.
Die hier beftehenden Schwierigkeiten glaubt er dadurch
gelöft zu haben, dafs er den Sozomenos in erfter Linie
das verlorene Gefchichtswerk des Timotheus, das fich auf
die lateinifche Historia monacliorum (tutze, und daneben
die griechifche Historia monacliorum benutzen läfst. Das
Verhältnifs der griechifchen und lateinifchen Recenfion
der Historia monacliorum wird dahin beftimmt, dafs die
lateinifche Recenfion das Original, die griechifche eine
freie Ueberfetzung fei. Die letztere ift für ägyptifche
Mönche gefchrieben und zeigt fich zurückhaltender gegenüber
den origeniftifch gefinnten Mönchen als Rurin, fie
ift vielleicht von dem Diakon Marcus, dem Biograph
des Bifchofs Porphyrius von Gaza, im erften Drittel des
5. Jahrhunderts verfafst. Die Abfaffungszeit der lateinifchen
Historia monacliorum durch Rufin fällt zwifchen
402 und 404. Rufin hat für feine Darfteilung die Form
einer Reifenovelle gewählt und zwar verlegt er die Reife
in das Jahr 394/95. Die Glaubwürdigkeit feines Berichts
wird dadurch nicht gemindert. Der letzte Theil der Arbeit
P.'s befchäftigt fich mit der Historia Lausiaca; ich
habe fchon oben die Refultate angegeben, die P. ihrer
Ueberlieferungsgefchichte entnimmt. Es fei noch bemerkt
, dafs er die alte lateinifche Heraklidesüberfetzung
die Lucius im Intereffe der fpäteren Orthodoxie für willkürlich
gekürzt hielt, für eine ziemlich alte und für die
Textkritik werthvolle Geftalt der Historia Lausiaca erklärt.
Diefes Werk haben fowohl Socrates wie Sozomenos,
letzterer ausgiebiger, in ihren Kirchengefchichten benutzt.
Sein Verfaffer ift der Freund des Chryftoftomus, Palladius,
Bifchof von Helenopolis in Bithynien. Die Abfaffungszeit
ift mit ziemlicher Sicherheit in das Jahr 416 zu
fetzen. Die urfprüngliche Anordnung war eine geo-
graphifche, Palladius behandelte die Asketen in der
Reihenfolge der Länder, Aegypten, Libyen, Thebais,
Mefopotamien, Palaeftina, Syrien, Rom und Kampanien.
Nach den männlichen Asketen fchilderte er die weiblichen
Asketinnen. Das Capitel 86 der Historia Lausiaca
in der Ausgabe des Ducaeus, das dem Evagrius gewidmet ift,
ift nach P. kein urfprünglicher Beftandtheil des Werkes.
Palladius habe zwar eine ausführliche Biographie diefes
feines Lehrers gefchrieben, von der noch in koptifcher
Ueberfetzung ein Stück erhalten ift, aber c. 86 fei ein
Auszug daraus, der erft fpäter in die Historia Lausiaca
eingefetzt fei. Was die origeniftifchen T endenzen des
Palladius betrifft, fo dürfen diefe nach P. nicht uberfchätzt