Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1898

Spalte:

103-104

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Winkler, Martin

Titel/Untertitel:

Der Traditionsbegriff des Urchristentums bis Tertullian 1898

Rezensent:

Grützmacher, Georg

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

los

Theologifche Literaturzeitung. 1898. Nr. 4.

104

^ 94 anknüpfe. Ich mache ihm daher keinen Vorwurf j wäre. Im 3. Abfchnitt wird die Stellung der Kirchen-

darum, dafs er bei den reichlich citirten Autoren fo oft
weder die Büchertitel noch die Seitenzahl angiebt. Aber
ift dann nicht diefe Maffe von Namen der älteren und
neueren Zeit eine überflüffige Decoration?

Ich bezweifle nicht, dafs Manche aus dem Buche
etwas lernen können, zumal der Verfaffer manche nützliche
Bemerkungen über die Fortentwickelung der in der
Didache gefchilderten Gemeindeinftitute einflreut; aber

Literatur des zweiten chriftlichen Jahrhunderts bildet' ift
ein ganz falfches Urtheil. Der Verfaffer behandelt das
in den letzten fünfzehn Jahren am häufigften tractirte
Thema der alten Kirchengefchichte, arbeitet dabei

väter von Irenaus bis auf Tertullian zum katholifchen
Traditionsprincip unterfucht. Gegenüber dem Gnofticismus
hatten diefe Väter die Aufgabe, einmal die chriftliche
Wahrheit in die Form wiffenfchaftlicher Erkenntnifs zu
erheben und der falfchen Gnofis die wahre gegenüber-
zuftellen, andererfeits das Chriflenthum als abfolute Religion
und die in der göttlichen Ueberlieferung gegebene
Glaubensregel als Norm, Grundlage und Grenze der Spe-

dafs fein Buch jedenfalls einen werthvollen Beitrag zur [ culation zu erweifen. Dabei haben Clemens Alexandrinus

und Origenes mehr der erften Seite, Irenäus und Tertullian
mehr der zweiten Seite ihre Thätigkeit gewidmet. Alle
diefe Kirchenväter äufsern fleh deutlich über das Traditionsprincip
und die Einzelunterfuchung ergiebt, dafs

durchaus aus zweiter Hand, und zeigt auch in feiner I fle fämmtlich, befonders aber Irenäus und Tertullian
Auffaffung und Darftellung wenig Eigenart. j glänzende Zeugen des katholifchen Traditionsprincips,

Göttingen. Hans Achelis.

wie es auf dem Tridentinum und Vaticanum feftgeftellt
wurde, find. — Aus der fleifsigen und klar gefchriebenen
Arbeit kann ein Hifloriker, der den Stoff nicht durch
Winkler, Dr. Martin, Der Traditionsbegriff des Urchristen- eine dogmatifche Brille, fle mag katholifch oder pro-

tums bis Tertullian (f 240 n. Chr.). München, R.Abt, I ^?nt,fch,. feI> fiehl,' w™% ,erne nC . Die ganze Frage-
T c o vt q 1 Heilung, die W. an den Stoff heranbringt, flammt aus der

1897. (Vit, 132 S. gr. 8.) M. 1.80 j katholifchen Scholaftik; die Kirchenväter werden auf ihre

Der Verfaffer vorliegenden Buches ift ein Schüler des Stellung zum tridentinifch-vaticanifchen Traditionsprincip
bekannten katholifchen Apologeten Hermann Schell in | verhört und in ihrer Orthodoxie für recht befunden. Was
Würzburg, der nach einem energifchen Angriff auf die | fleh damit abfolut nicht vereinigen läfst, wird auf bequeme
Jefuiten in feiner Rectoratsrede neuerdings einen fchwäch- ! Weife bei Seite gefchoben: das irrthümliche Beweisver-
lichen Rückzug angetreten hat. In der Einleitung be- l fahren des Barnabas geht zwar unftreitig auf die damals
fpricht W. den Begriff und Inhalt der Tradition, ihr Ver- herrfchende Tradition zurück, es handelt fleh hier aber
hältnifs zum Lehramt der Kirche und zur heiligen Schrift nur um nebenfächliche Erläuterungen, nicht um allgemein
und die proteflantifche Stellungnahme zum katholifch- 1 feilgehaltene Lehrbeflandtheile (S. 35), der Chiliasmus
tridentinifchen Traditionsprincip. Im Anfchlufs an Schell ! des Papias ift eine von einzelnen Männern vertretene Tra-
definirt er die fogenannte confervative Tradition, die die I dition oder individuelle Meinung und ift nicht mit der
Weitergabe und den Fortbeftand der von den letzten kirchlichen Lehrüberlieferung oder dem Dogma zu ver-
Offenbarungsorganen abgefchloffenen Religion bezweckt, I wechfeln (S. 53). Wer an derartigen halsbrecherifchen
als den Inbegriff des kirchlichen Glaubens und Lebens, Kunftftücken keinen Gefallen findet, die nicht dem Ver-
wie es fich zeitgefchichtlich geftaltet und entwickelt, | faffer allein, fondern feinem Standpunkte zur Laft fallen,
dauernd und unverfehrt in feinem göttlichen Depofitum 1 wird das Buch ohne Befriedigung aus der Hand legen,
bleibt und nur in feiner menfehlichen Form und Beigabe ; Doch mufs die vornehme und fachliche Polemik W.'s
wechfelt. Eine hörbare Geftalt nahm nach W. die Tra- I gegen den Proteftantismus anerkannt werden,
dition im apoftolifchen Symbol an und das Magifterium J Heidelberg Grützmacher
der Kirche ift der principale Träger der Tradition. Die I
folgende Unterfuchung erftreckt fich auf die Beantwortung

der drei Fragen: wurde nach der Lehre der älteften IHall er, Stadtpfr. Lic. Dr. Wilhelm, lovinianus. Die Frag-
Kirchenväter die Wahrheit der Lehre einzig und allein mente feiner Schriften, die Quellen zu feiner Gefchichte,
auf ihre Schnftmafsigkeit oder auch auf die mündliche 1 r.T1 , r . T , „ r „ ,,

Ueberlieferung und Lehrautorität der Kirche begründet, feln Leben und fe,ne Lehre' Zufammengeftellt, erbildeten
nach Abfchlufs des Kanons nur die hinterlaffenen läutert und im Zufammenhange dargeftellt. (Texte
Schriften der Apoftel oder auch die mündliche Lehre | u. Unterfuchungen zur Gefchichte der altchriftl. Litera-
Chrifti und der Apoftel den Grundbau der Kirche und des j tur, hrsg. von O. v. Gebhardt u. A. Harnack. Neue
Glaubens endlich welche Stellung räumt die Urkirche j Fol 2> ßd Heft 2Leipzig j. C. Hinrichs, 1897.
dem Episkopat bei der Bewahrung und rortpfianzung der > /u° c a ■ i/r
Tradition ein? VV. fucht zunächft den Nachweis zu führen, (V1b 159 ^- gr- SJ M. 5.50

dafs die apoftolifchen Väter neben den apoftolifchen Der Verfaffer ift nach der Einleitung zu der Vorschriften
fich auch auf die mündliche Lehrtradition be- | liegenden Arbeit durch den Auffatz Harnack's ,Gefchichte
rufen, mithin die Tradition neben der Schrift als Material- I der Lehre von der Seligkeit allein durch den Glauben in
prineip anerkennen. Diefe Annahme ftützt er vor allen j der alten Kirche' (Z. f. Th. u. K. 1891 S. 138—53) ver-
auf 6iö<xyyrj c. XI, 3, womit dem Ausdruck xata TO öoyjiu xov anlafst worden. Er giebt in den erften beiden Abfchnit-
avayytXLov eine mündliche Norm gemeint fei, auf I Clem, j ten eine genaue Zufammenftellung der Fragmente der
ad. Cor. 42,1 ff., wo das bifchöfliche Amt als directe ; Schriften Iovinians, die uns bei Hieronymus erhalten
Fortfetzung des Apoftolats zum Träger der apoftolifchen find, und der Zeugnifse über fein Leben und feine
Tradition gemacht wird, auf Ign. ad. Magn. c. 13,1, wo j Schriften, die fich vor allem in den Werken und Briefen
die Bifchöfe die auf Erden zur Bezeugung der göttlichen '■ des Hieronymus, Siricius, Ambrofius, Auguftin, Pelagius
Lehre beftellten Autoritäten find, und auf den Hermas- 1 und Gennadius finden. Im 3. und 4. Theil unternimmt
Hirten, deffen Offenbarungen durch die Kirche, wie fie H. auf Grund der Quellen eine Darftellung des Lebens
fich in fichtbarer Geftalt auf Erden zeigt, vermittelt find, und der Schriften, fowie der Lehren des Häretikers. Ein
Im 2. Abfchnitt bei der Behandlung der Apologeten ift : zufammenhängendes Lebensbild des Iovinian läfst fich
die Ausbeute für die Thefen W.'s fo gering, dafs er ihnen I bei den dürftigen Quellen nicht entwerfen. Was wir ficher
nur 4 Seiten widmet. W. erklärt diefen Umftand daraus, j über ihn wiflen, ift, dafs Iovinian erft nach dem Weg-
dafs die Apologeten den heidnifchen Gegnern nur eine .; gang des Hieronymus von Rom, d. h. nach 385 öffentlich
ganz allgemeine Charakterifirung der chriftlichen Religion < in Rom aufgetreten ift. Er begann durch Schriften gegen
geben konnten, und den Juden gegenüber eine Berufung J das Mönchthum zu agitiren, auch gab er feine frühere,
auf das katholifche Formalprincip ,unpraktifch' gewefen | ftreng asketifche Lebensweife auf, und erlaubte fich in