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Ausgabe:

1898 Nr. 24

Spalte:

638-639

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Willareth, Otto

Titel/Untertitel:

Die Lehre vom Uebel bei Leibniz seiner Schule in Deutschland 1898

Rezensent:

Wendt, Hans Hinrich

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Theologifche Literaturzeitung. 1898. Nr. 24.

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vor- oder drittletzten Decennium des i.Jahrhunderts an- Willareth, Pfr. Dr. Otto, Die Lehre vom Uebel bei Leibniz
zufetzen fein dürfte (S. 361). Der früher von Paulus seiner Schule in Deutschland und bei Kant. Strafsburg i/E.
verborgte (3 15) Leferkreis endlich wird von K. als ein ; Druckerei q & j goell l8o8 ( s g ) m
wefenthch .heidenchnftlicher' definirt: vielleicht die nämlichen
Gemeinden wie die im 1. Petr.-Br. vorausgefetzten,
nur dafs die grofsartige Wirkfamkeit des Heiden-Apoftels
den dortigen Gegenden dazwifchen liegt.

Allen, die fich vom theologifchen oder philofo-
phifchen Standpunkte aus mit dem Problem der Theodicee
befchäftigen, fei diefe gründliche gefchichtliche Dar-

(S 362 f). ! Teilung der Behandlung des Problems von Leibniz bis

Der Raum verbietet uns, auf die Exegefe K.'s, von 1 Kant angelegentlich empfohlen. Nach einer kurzen Emden
obigen Proben abgefehen, noch näher einzugehen. j leitung über die Entwicklung der Lehre vom Uebel in
Darum fei nur im Allgemeinen bemerkt, dafs diefelbe , der gnechifchen Philofophie, bei den Kirchenvätern und
eingehend, gründlich und umfichtig ift, auch unbefangen, j Scholaftikern endlich bei Bayle, deffen Zweifel den Haupt-
fobald nicht, wie befonders bei Auslegung des i. Fetr.- ' an'afs für Leibniz Erörterung des Problems gaben, wird
Br., ein nach unterem Dafürhalten unftichhaltiges kriti- die Theorie von Leibniz und Wo ff dargelegt, dafs unfere
fches bezw. apologetifch.es Intereffe in Betracht kommt, ; Welt che befte der möglichen Welten fei, in der Gott
das dann, wie wir an einigen Beifpielen zeigten, zu , das Uebel als conditio «r;« zulaffen mufste. Die

ftarken Künfteleien verführt. Sehr forgfältig und leiden- I Langel und Schwierigkeiten der deductiv-ontologifchen
fchaftslos — und darin erkennen wir einen Vorzug j Methode diefer Philofophen werden richtig beleuchtet,
diefer Exegefe - fetzt f.ch K. mit den genau wieder- ; Dann werden die VVolffianer und die Gegner des Leibgegebenen
Anflehten feiner kritifchen Gegner ausein- j niz-Wolff fchen Syftems durchgegangen. Diefer Abfchnitt
ander, wodurch allerdings Darftellung und Diction nicht Scheint mir befonders werthvoll zu fein, weil er ein mühfeiten
zu gedrungen, fchwerfällig und unüberfichtlich fem gewonnenes Material bringt, welches man fonff
werden nirgends fo reichhaltig zufammengeftellt finden dürfte.

Ref kann trotz feiner Ausfüllungen K.'s Buch recht j Es folgt die Darftellung der hifiorifchen Theodicee Leffing's
empfehlen; auch gegnerifch gef.nnte Kritiker werden vom ""d Herder's welche auf dem Gedanken der Erziehung
Studium desfelben reichen Gewinn haben. j "n<f Entwicklung des Menfchengefchlechts beruht. End-

Eriedberg i Heften W. Weiffenbach. ]!ch wirdf ausgeführt, wie Kant mit feinem Kriticismus
1 neoperg 1. neuen.__._dem metaphyfifchen Dogmatismus und damit zugleich

Kuqelqen C W. v., Die Dogmatik Albrecht Ritschis. Apo- j der in 'hm wurzelnden metaphyfifchen Theodicee der
logie und Polemik. Leipzig, A. Deichert, 1898. (VII. , f.™ ph'lofophifchen Schule ein Ende gemacht, anderer-
logie una roiemiK. j.eiF g, m T s ' feits den Grund zu einer, nicht zwar für die theoretifche

125 S. gr. 8.) lxa Wiffenfchaft, wohl aber für die praktifche Vernunft

Der Verf. weift in feiner Einleitung auf die bunte : geltenden moralifchen Theodicee gelegt hat. Der Verf.
Men<*e der abfprechenden Urtheile über die Theologie fucht als Confequenz der moralifchen Weltanfchauung
A. Ritfchl's hin. ,Sind doch die Darftellungen der Ritfehl- 1 Kant's den Gedanken zu erweifen, den Kant felbft frei-
fchen Theologie einem Kaleidoskop zu vergleichen, in , lieh nicht deutlich ausgefprochen habe, dafs das einzige
welchem fich fortwährend aus Mifsverftändnifs oder Par- | wirkliche Uebel das Böfe fei, der böfe Wille des Men-
teifinn, durch falfche Synthefe oder willkürliche Loslöfung j fchen. Das phyfifche Uebel, welches nur infofern existire,
aus der Gefammtentwicklung die wunderlichften Figuren ' als es als Uebel empfunden werde, werde von dem
ablöfen, um dem Befchauer in einem grellen und fein [ religiös-fittlichen Menfchen überwunden, indem es von
Auge nicht feiten verletzenden Licht zu erfcheinen'(S. 2 f.). ihm als Schule, als Förderungsmittel feines fittlichen

Im Gegenfatz zu folchen ungerechten, den wirklichen
Sachverhalt entftellenden Urtheilen möchte der Verf. felbft
,eine paiteilofe, wahre und fachgcmäfse Darfteilung' bieten
(S 0 Mir fcheint, dafs ihm diefes Vorhaben gut ge

Charakters verftanden werde (S. 113—116). Das Uebel
ftelle dem Menfchen die Aufgabe, das Sittliche gegen
das Nützliche, feine Vernunftgefetze gegen die natürlichen
Triebe durchzufetzen (S. 140). Der in der fittlich-

__1! _'*./. TT7- 1 1 . . r> .... ' . - 1 .

lungen ift. Die einzelnen Hauptthemata der Dogmatik ; religiöfen Wiedergeburt befindliche Menfch unterwerfe
durchgehend, ftellt er mit richtigem Veiftändnifs die 1 fich freudig dem Leiden, welches bei der Ueberwindung
charakteriftifchen Gedanken Ritfchl's in ihrem inneren feines früheren böfen Charakters ihm nicht erfpart werden
Zufammenhange dar und vertheidigt er fie gegen Mifs- könne (S. 139). Ergänzt werde diefe moralifche Theodicee
deutungen und falfche Confequenzen. Doch will er nicht durch die hiftorifche Betrachtungsweife Leffing's und
blofserÖApologet Ritfchl's fein. Er bezeichnet auch die Herder's. Die hiftorifche Induction fei im Stande, den
Punkte, wo Ritfehl ihm nicht das Rechte getroffen zu objectiven Nachweis für das allgemeine und nothwendige
haben fcheint (S. 38 f. 51 f. 54. 108. 109). Diefe Punkte | Vorhandenfein der kantifchen Refultate zu erbringen
betreffen die Auffaffung der Sündenvergebung als blofsen ; (S. 149). ,Die moderne hiftorifche Forfchung hat es ver-
Mittels zum Zwecke der Herftellung des Reiches Gottes, ftanden, den Siegesgang des Evangeliums als nothwen-
die Abweilung der Definition Gottes als des Abfoluten, dig und vernünftig aufzuzeigen. Gipfel des Unfinns wäre
den Ausdruck, dafs die religiöfe Weltanfchauung aus- es, den Gang des Evangeliums durch die Menfchheit
fchliefslich in Werthurtheilen verlaufe, die Beifeiteftellung als eine Verirrung zu faffen. Ift er aber als gottgewollt
der poaütcntia Icgalis, die Betrachtung des Vorfehungs- j erkannt, dann fteht auch die Unbefiegbarkeit'jedes ehr-
glaubens als ausfchliefslicher Frucht des chriftlichen Ver- < liehen Strebens, die Unfterblichkeit der Wahrheit feft'

föhnungsglaubens und überhaupt die Scheu vor der
rationaliftifchen theologia naturalis. Befondere Berück-
fichtigung fchenkt der Verf. dem Verhältmfse Ritfchls zu
Kant, weil gerade hierüber fo verkehrte Urtheile im

(S. 126).

Die ernfte, tiefdringende Arbeit, mit welcher der
Verf.die Weltanfchauung,dieihm als dieallein befriedigende
erfcheint, zu gewinnen und begründen gefucht hat, ver-

Gange find. Er zeigt die thatfächheh vorhandenen An- , dient gröfste Achtung. Der Vf. verfteht es auch feine
knüpfungen Ritfchl's an Ideen und Probleme Kant's, hebt Lefer in das lebhafte Intereffe an dem Gegenftan'd das
daneben aber den grofsen Abftand zwifchen der ratio- ihn felbft befeelt, hineinzuziehen. Mit feinen Grundo-e-
naliftifch-moraliftifchen Gedankenwelt Kant's und der danken weifs ich mich in Einklang. Nur einige kurze
echt religiöfen AnfchauungsweifeRitfchl's hervor. Mochten , Bemerkungen möchte ich hinzufügen

diejenigen, die fchnell mit Ritfehl fertig zu werden meinen,
indem fie ihn als Kantianer rubriciren und abthun, sich

Vermifst habe ich einen Hinweis darauf, dafs es
immer religiöfe und fittlichc Anfchauungen und Intereffen

durch die klaren Darlegungen dieferSchrift belehren laffen! find, aus denen das Problem der Theodicee hervor-
Jena. H. H. Wendt. | wächft, und dafs das Problem des Uebels nur dann