Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1898 Nr. 22

Spalte:

596-597

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grunwald, Max

Titel/Untertitel:

Spinoza in Deutschland 1898

Rezensent:

Reischle, Max

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

595

Theologifche Literaturzeitung. 1898. Nr. 22.

596

die in den letzten Worten liegt, ift allerdings nöthig; aber fie gilt von
allem Inhalt des irdifchen Perfonlebens Jefu, auch von dem, was Kaftan
als wefentlichfles Merkmal feiner Gottheit mit vollem Recht betont, von
der inneren Einheit mit Gott und von der Iiethätigung des göttlichen
Willens in der Welt: jene wie diefe vollzieht fich in der Form menfch-
lich-perfönlichen Lebens. Darum, wenn das ,Gott ift geoffenbart im
Fleifch' zur vollen Geltung kommen foll, mufs noch confequenter als es
bei Kaftan gefchieht, durchgeführt werden, dafs ein und derfelbe Inhalt
des geiftigen Bewufstfeins und Wirkens Jefu in feiner ganzen Ausdehnung
gleichmäfsig unter die beiden Gefichtspunkte rückt: ,Gott in
ihm' und ,er in Gott', ,der im Menfchen offenbare Gott' und ,der wahre
Gottesmenfch'. In dem Geiftesleben und -wirken Jefu laffen fich nicht
Züge, die der Gottheit, und folche, die der Menfchheit zugehören, neben
einanderftellen, fondern es ift ganz fowohl Offenbarung Gottes als Vollendung
der Menfchheit. Und wenn in der erfteren Beziehung das ,ihn
von den Menfchen unterfcheidende Merkmal' klar zu Tage liegt, fo fehlt
es auch in der letzteren nicht: es ift darin zu finden, dafs die Vollendung
menfchlichen Wefens, die in Jefu urfprünglich ift, uns nur durch ihn,
als das Haupt der neuen Menfchheit, zu Theil wird. — Nicht fehlen
dürfte m. E. in dem Paragraphen über den gefchichtlichen Heiland eine
Erörterung über die aus feiner Einheit mit Gott fliefsende einzigartige
Erkenntnifs, über deren Art, Inhalt und Grenzen; die blofse Ablehnung
der Allwiffenheit genügt hier nicht, vielmehr ift eine genauere Befprechung
fchon als Grundlage für die fpätere Erörterung von Jefu eschatologifchen
Ausfagen (S. 630 f.) nothwendig. Ferner müfste, wie mich dünkt, die
Frage der leiblichen Auferftehung Jefu Chrifti aus dem Grabe einer ähnlichen
Betrachtung unterzogen werden, wie die der jungfräulichen Geburt.
Zwar hat Kaftan offenbar in jenem Punkt nicht die kritifchen Bedenken
gegen die hiftorifchen Berichte, die er in jenem hat, aber die Stellung
des Glaubens zu jener gefchichtlichen Frage erheifcht doch ein Eingehen
darauf. — Ferner finde ich in dem Paragraphen über die Präexiftenz die
Limitation, dafs Jefus ,nach feiner Gottheit' von Ewigkeit in Gott
fei, nicht völlig ausgeglichen mit der ftarken Betonung des Satzes, diefes
ewige Sein gelte für ,all die concreten Züge, die ihn zu einer beftimmt
erkennbaren geiftigen Gröfse unferes gefchichtlichen Lebens machen'.
Mir fcheint in diefern Punkte die johanneiifche Form der Logoslehre, die
Kaftan bei feinem Gegenfatz gegen die Logosfpeculation wenig verwerthet,
beachtenswerthe Fingerzeige zu geben. — Endlich noch die Frage, ob nicht
der Ausdruck ,Gottheit Chrifti' in der chriftologifchen Entwickelung felbft
beffer durch den anderen ,Gott in Chrifto' erfetzt und erft am Schlufs in
feinem Recht und Sinn beftimmt würde I

Bei der Lehre vom Werke Chrifti mufs ich mich kürzer faffen.
Die fyftematifche Entwickelung der § 55—60 verläuft auch hier in drei
Reihen. Zu erft wird das in Jefu Chrifto vollbrachte und fortbeftehende
göttliche Heilswerk feinem Inhalt nach unter den Begriffen ,Erlöfung oder
Wiedergeburt' und .Verföhnung oder Rechtfertigung' gefchildert (§ 55. 56)
und zur Heilsgewifsheit des Einzelnen in Beziehung gefetzt (§ 57). Dann
erft wird diefes Heilswerk als Werk des Menfchen Jefus, als Frucht feines
menfchlichen Gehorfams dargeftellt, eine Betrachtung, die Kaftan in der
Lehre vom dreifachen Amt finngemäfs veranfchaulicht findet (§ 58).
Endlich fchliefst fich an diefe directen Glaubensfätze über das Heilswerk
Chrifti noch die Beantwortung der der chriftlichen Gefchichtsphilofophie
angehörenden Fragen, warum Jefus derben mufste, wenn die Menfchen
errettet werden follten: die beiden kritifch und fyftematifch hiervon handelnden
§ 59 und 60 zeigen vielleicht am glänzendften den Reichthum und
die Feinheit dogmatifchen Denkens in unferem Werke. — Für das den
ordo salutis erfetzende Lehrftück ,vom Glauben' bleibt nach allem dem
nur noch die Ausführung des reformatorifchen Satzes, dafs allein der
Glaube an Chriftum, wie er durch Gottes Wort und Geift geweckt wird,
das von Gott verordnete Mittel ift, wodurch wir gerecht und feiig
werden.

Wenn in diefer Entwickelung bei Kaftan die Begriffe ,Erlöfung' und
.Verföhnung' fo wie bei Schleiermacher und auch in derfelben Ordnung
nebeneinander treten, fo hat dies doch hier einen ganz anderen Sinn.
Die Erlöfung oder Wiedergeburt ift nach Kaftan nicht etwa zuerft ein
Bewufstfeinsvorgang in uns, fondern eine göttliche Heilsthat, objectiv
vollzogen (allerdings in der Richtung auf die Menfchen) in der Offenbarung
ewigen Lebens in Jefu Chrifto, vor allem in feiner Auferweckung
von den Todten; erft auf Grund diefer göttlichen That, die durch die
Gnadenmittel in der Gemeinde fortwirkt, kann in dem Glaubenden das
Erlebnifs der Erlöfung oder Wiedergeburt zu Stande kommen, d. h.
feine Hineinverfetzung in das ewige Leben, die zugleich Trieb und Kraft
zur Erfüllung der fittlichen Aufgabe fchafft. Ganz entfprechend ift die
Verföhnung vor allem göttliche Heilsthat, objectiv vollzogen (allerdings
in der Richtung auf die fchuldbeladenen Menfchen) in Jefu Chrifto, vor
allem in feiner Hingabe in den Tod für Sünder, in der fich in welt-
gefchichtlicher Wirkungsmacht (nicht etwa nur im Sinne einer Aufklärung
der Sünder) Gottes heiliger Ernft und Gottes Erbarmen offenbart; erft
auf Grund diefer göttlichen That, die gleichfalls durch die Gnadenmittel
in der Gemeinde an den Einzelnen herangebracht wird, kann in dem
Glaubenden felbft das Wiederfahrnifs der Rechtfertigung eintreten,
d. h. die Gewifsheit der Vergebung von Schuld und Strafe, oder der Friede
mit Gott, der die bleibende Grundlage des Chriftenlebens bildet. Trotz
diefer Nebeneinanderftellung und Reihenfolge der Begriffe Erlöfung und
Verföhnung bringt es aber Kaftan zu fcharfem Ausdruck, dafs die Rechtfertigung
vorangeht und fchlechterdings das Begründende ift (S. 522).
Hiernach kann fich Kaftan (Kahler gegenüber) dagegen verwahren, zu
denen gerechnet zu werden, welche die Verföhnung .lediglich im Bewufst-
fein der Menfchen oder in ihrem umfaffenderen Erleben' fich vollziehen

laffen. — Die Frage freilich bleibt nur, ob Kaftan nicht beffer gethan
hätte, nicht blofs logifch, fondern auch in der äufseren Anordnung die

j Verföhnung der Erlöfung voranzuftellen, weiter aber, ob überhaupt die

j Coordination von Verföhnung und Erlöfung und die Gleichfetzung von
Erlöfung mit Wiedergeburt zweckmäfsig, insbefondere ob fie biblifch be-

j gründet ift. Anfechtbar finde ich es ferner, die Auferftehung Jefu Chrifti
dem erlöfenden, den Tod dem verhöhnenden Thun Gottes zuzutheilen;

1 Kaftan felbft meint ja diefe Vertheilung durchaus nicht als Scheidung;
eben darum aber wäre es wohl beffer, Tod und Auferftehung Jefu zu-
fammenzunehmen als die göttliche That, die im Glauben ergriffen, Befreiung
einerfeits von der Schuld, andererfeits von der Macht der Sünde
und der Welt uns bringt. Künftlich will es mir vorkommen, wenn in
§ 58 die Lehre vom dreifachen Amt, alfo auch die vom königlichen und
prophetifchen, dazu dienen foll, das Werk Jefu als feine menfchliche
Gehorfamsthat (im Unterfchied von dem göttlichen Werk in ihm) zu
charakterifiren. Die in demfelben § angeflehte Erwägung über den Werth
des Gehorfams Chrifti vor Gott, die unfer Heil als Lohn des Vaters für
Jefu Gehorfam darftellt, und auch die fpätere Betrachtung über die Straffteilvertretung
, bei der die Beziehung auf Gott ferne gehalten wird, fcheint
mir das Berechtigte des Gedankens von Chriftus als unferem Vertreter vor
Gott oder des propter Christum noch nicht ganz genügend zur Geltung zu
bringen. (Vgl. neben Häring neuerdings Gottfchick, in der Ztfchr. f. Th.
u. K. 1897. S. 352 ff.) — Endlich möchte ich auch der Gefammtanordnung
gegenüber, die den ordo salutis in die Lehre vom Werk Chrifti aufgehen
läfst, das Recht eines anderen Verfahrens feilhalten: man kann, auch
ohne jenen Schritt zu thun, die Lehre vom Heilswerk Jefu Chrifti (oder,
unter Fallenlaffen der Trennung von Perfon und Werk, die einheitliche
Lehre von Jefu Chrifto) fo entwickeln, dafs überall die Richtung auf die
Menfchen und ihren Glauben, die gewiffenweckende und -trottende, heiligende
und von Welt und Tod befreiende Wirkung Jefu Chrifti hervortritt
. Dann bleibt doch für die Stelle des ordo salutis die Befprechung
übrig: weifen foll ich im Glauben an Jefum Chriftum in Beziehung aut
meine eigene Perfon gewifs werden? Dann treten erft hierher die Begriffe
Rechtfertigung, Wiedergeburt, Erwählung. Auch d ie fe Anordnung
hat ihre Vortheile: einerfeits gewinnt die Lehre von Chrifto einen ge-
fchloffeneren Zufammenhang, andererfeits wird die Lehre vom Geilte
Chrifti reicher; und es ift vielleicht die wirkfamere Bekämpfung der unhaltbaren
alten Lehre vom ordo salutis, wenn man fie nicht verichwinden
läfst, fondern fie durch die richtigere Glaubenserkenntnifs von dem aut
den einzelnen gerichteten Gnadenwirken Gottes erfetzt.

Alle diefe Bedenken wollen nur einen Eindruck davon
geben, wie lebhaft Kaftan's Dogmatik anzuregen ver-
1 mag. Dafs fie es nicht allen recht machen kann, ift
I natürlich. Auch auf befreundeter Seite haben manche
vielleicht ein Buch erwartet, das man auch den gebildeten
Laien in die Hände geben könnte. Aber ein Grundrifs
für Studenten darf die mühfame kritifche und fyftematifche
Gedankenarbeit nicht meiden und kann fich nicht
| in der Form des Effays bewegen. Andere, die über den
Reiz und der Noth modern-apologetifcher Probleme das
Intereffe für die eigentlich dogmatifche Arbeit verloren
haben, werden auch diefe neuefte Dogmatik fchon veraltet
finden. Wer es dagegen auch heute noch für eine
höchft dringende, keineswegs fchon gelöfte Aufgabe hält,
eine dem Wefen des Glaubens entfprechende Faffung
1 des chriftlichen Glaubensinhalts zu geben und damit die
! praktifche kirchliche Verkündigung von dem unter-
j wühlten Boden der alten Dogmatik auf einen fefteren
Grund überzuleiten, wird Kaftan für feinen hervorragenden
Beitrag dazu aufrichtigen Dank zollen.

Halle a/S. Max Reifehle.

| Grunwald, Dr. Max, Spinoza in Deutschland. Gekrönte
Preisfchrift. Berlin, S. Calvary & Co., 1897. (IV,
380 S. gr. 8.) M. 7.20

Ein Vorwort theilt mit, dafs die vorliegende Schrift
die Bearbeitung eines in der ,öfterreichifchen Wochen-
fchrift' im Jahre 1893 erfchienenen Preisausfehreibens ift,
welches die Aufgabe ftellte, den ,Einflufs Spinoza's auf
deutfehe Denker und Dichter' nachzuweifen. Daran
fchliefst fich der Abdruck der Urtheile, welche die nicht
genannten Preisrichter über die gekrönte Preisfchrift ab-
j gegeben haben. Um einem von ihnen ausgefprochenen
j Wunfche nachzukommen, hat der Verf. feiner Arbeit
j eine 9 Seiten umfaffende Beantwortung der Frage: ,Wer
j war und was lehrte Spinoza?' vorangefchickt. Diefe
Skizze von Spinoza's Syftem fährt fehr obenhin; fie ift
j nur ein Verfuch, Spinoza's leitende Gedanken für das