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Ausgabe:

1898 Nr. 22

Spalte:

586-587

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bendixen, Rudolf

Titel/Untertitel:

Bilder aus der letzten religiösen Erweckung in Deutschland 1898

Rezensent:

Eck, Samuel

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Theologifche Literaturzeitung. 1898. Nr. 22.

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Spuren feines Einfluffes bald hier, bald dort und gewinnt
kein Gefammtbild.

■ Eine gröfsere Ueberfichtlichkeit wäre erzielt, wenn
der Verf. geradezu zwei Perioden in der Eschatologie
des Mittelalters unterfchieden hätte, a) die Zeit vor Joachim
von Floris, b) die nach Joachim beginnende und unter
feinem Einflufs flehende Zeit tieffter eschatologifcher
Erregung des Mittelalters. Dabei hätte gezeigt werden
müffen, dafs Joachim von Floris felbfl nur eine einzelne,
wenn auch die hervorragendfte Erlcheinung einer mit
der zweiten Hälfte des 12. Jahrh. beginnenden tiefen
religiös-eschatologifchen Erregung ifl. Neben Joachim
flehen Hildegard v. Bingen, Elifabeth von Schönau und
vor allem die Waldenfer. Das war dann zugleich die
Stimmung, in der Franciscus von Affifi aufwuchs, (vgl.
Sabatier's fchöne Ausführungen über die Anfange des
Franciscus). Von Joachim aus wären dann die verfchieden-
flen Entwickelungslinien zu ziehen gewefen. Es hatte
gezeigt werden können , wie von Joachim auf der einen
Seite die papfttreuen kaifer- und ghibellinen-feindhchen
Weisfagungen der pfeudojoachimitifchen Commentare zum
Jefaias und Jeremias, auf der andern Seite die erbitterten
apokalyptifchen Angriffe gegen das Papflthum von Seiten
der oppofitionellen Franciskaner Johann Olivi, Ubertino
de Cafalis, Seraphinus de Fermo, Vincenz Ferrar ausgegangen
find. Viel genauer hätten die Beziehungen Joachim s
zum Franciskanerorden und namentlich zu der oppofitionellen
eschatologifch-chiliaftifch geftimmten Richtung
der Franciskaner bis zu der politifchen Oppofition eines
Occam und Michael v. Cesena behandelt werden können.
Eine andere Linie führt über Cola di-Rienzi und Johannes
Rupefciffa auf der einen Seite bis Telesphorus, auf der
andern bis Milic, Mathias von Janow und Hufs. Wieder
andere Einflüffe leben in den Begharden weiter, wandern
hinüber zu den Taboriten. Ich habe verfucht nachzu-
weifen, dafs der Einflufs Joachim's fich bis mitten in die
Theologie des Proteftantismus erftreckt. — Je länger
man zufchaut, immer ftaunenswerther und gröfser wird
der Einflufs jenes feltfamen apokalyptifchen Einfiedlers.
W. hat völlig Recht, wenn er den Einflufs Joachim's im
Mittelalter neben den Auguflin's ftellt. Auch find die
Elemente zu diefer Erkenntnifs faft alle bei W. vorhanden,
es fehlt nur das einheitliche Bild.

Ein weiteres zufammenhängendes Bild hätte W.
zeichnen können, wenn er der eigentlich politifchen Wirk-
famkeit jener eschatologifchen Ideengruppe nachgegangen
wäre, und auf den engen Zufammenhang der Sagen
vom Antichrift mit der Kaiferfage aufmerkfam geworden
wäre. Hier fehlt auch flofflich fehr vieles, genauere Dar-
ftellung der Nachwirkung der Methodiusweisfagungen
im Abendland, die grofse Bedeutung Adsos, die ,tibur-
tinifche' und ,erythräifche Sibylle', der grofse gefchicht-
liche Zufammenhang des Tegernfeer Dramas etc., der
gefammte Stoff faft, den Kampers in feiner lichtvollen
Darfteilung behandelt hat.

Aber es wäre ungerecht, wenn man W. einen Vorwurf
daraus machen wollte, dafs er noch nicht ganze
Arbeit gethan. Es werden auch noch mehr Einzelunter-
fuchen unternommen werden müffen, ehe die grofse
Aufgabe einer Eschatologie des Mittelalters gelöft werden
kann. Einen Schritt näher an diefes Ziel bringt uns
jedenfalls das vorliegende Werk.

Wenn ich noch eine Einzelheit hervorheben darf,
fo bedarf die bei Joachim und fpäteren auftauchende
Anfchauung von einem doppelten Antichrift, die in rätfel-
hafter Weife eine frühchriftliche Phantafie erneuert, noch
einer genaueren Unterfuchung als W. fie hat geben können.

Göttingen. Bouffet.

Bendixen, Diakonus Rudolf, Bilder aus der letzten religiösen
Erweckung in Deutschland. Leipzig, Dörffling &
Franke, 1897. (IV,*444 S. 8.) M. 4.—; geb. M. 5.—

Diefe Lebensbilder wurden erft in der Allg. Ev. Luth.
KZ. veröffentlicht und haben dort auch noch eine, zwar
nicht fehr umfangreiche, Fortfetzung erfahren. Die fünfzehn
im Buchabdruck vereinigten Skizzen fchildern kurz
folgende Perfonen: Fr. Perthes und E. M. Arndt, G. H.
v. Schubert und H. Steffens, Klaus Harms und Ludwig
Hofacker, Goffner und Henhöfer, Tholuck und Neander
(in diefer Reihenfolge), Philipp Spitta, Gottfr. Menken
und Friedr. Ad. Krummacher, Theodor Fliedner und
Amalie Sieveking. Sie umfaffen alfo die ganze erfte
Hälfte des Jahrhunderts, gehen mehrfach auch noch darüber
hinaus: Tholuck ftirbt 1877. Die Erweckungszeit
erhält dadurch eine fehr weite Ausdehnung. Mehrfach
wird man auch in Kreife eingeführt, die wir gewohnt
find, einem fpäteren gefchichtlichen Zufammenhang zuzuzählen
: mir ift wenigftens zweifelhaft, ob fich Tholuck
von Hengftenberg, Fliedner von Wichern, Spitta von
Petri trennen läfst. Wenn nicht, fo tritt man aus der
Zeit der rein perfönlich impulfiven Frömmigkeit in die
Zeit der feft organifirten Inftitutionen hinüber und damit
wird ein, auch dem Verf. nicht unbekanntes, unterfchei-
dendes Merkmal für die eigentliche Epoche der Erweckung
verwifcht. Gemeinfam ift ja nun den beiden in einander
fliefsenden Zeiträumen der fchroffe Gegenfatz gegen den
Rationalismus. Dafs diefer Gegenfatz in der härteften
Form als der Gegenfatz von Glaube und Unglaube zur
Geltung kommt, ift, wenn die Stimmung der Erweckten
gezeichnet werden follte, nur billig. Empfindet aber der
Verf., auch aus unferer gefchichtlichen Entfernung, gar-
nicht das Bedürfnifs, feinerfeits dies Urtheil zu mildern?
Oder wenigftens, war es nicht feine Pflicht, entfehiedener
noch, als ja unwillkürlich gefchehen ift, auf die fehr ver-
fchiedene Stellungnahme der ,Gläubigen' zu jener Vergangenheit
hinzuweifen? Die S. 229 angeführte Erklärung
Tholuck's wird als ,klar, mild und doch entfehieden'
charakterifirt, aber kein Lefer kann aus den Worten des
Verfs. entnehmen, dafs diefelbe eine fehr entfehiedene
Ablehnung der Hengftenberg'fchen Kampfesweife enthielt.
Ebenfo ist aus Perthes' Briefen in der gleichen Angelegenheit
nur eine, Hengftenberg zur Noth noch halb-günftige
Auslaffung, auf S. 250 erwähnt, aber (trotz S. 19) ver-
fchwiegen, wie derfelbe Perthes (vgl. Leben 36, 233 u.
239) von dem .harten, biffigen, verletzenden Dazwifchen-
fahren', der Ev. KZ. urtheilt. Schleiermacher mit feinem
,Chriftenthum in verdünnter Geftalt' (Menken S. 313)
fpielt in diefem Buche, etwa abgefehen von dem Ab-
fchnitt über Steffens, eine überaus traurige Rolle, und
der Verf. hat es nirgends für nöthig befunden, in der
Stellungnahme der Gefchilderten eine Schranke oder Ein-
feitigkeit ihrer Frömmigkeit nachzuweifen, wiewohl er
es an Kritik nicht ganz fehlen läfst, wie S. 315 Menken's
,Irrlehren, zumal bezüglich der Verföhnungslehre' zeigen.
S. 374 wird von den Bemühungen des Freiherrn von
Stein und Amalien's von Sieveking geurtheilt, dafs fie
,doch bezüglich der Diakonie ein römifch-katholifches
Gewächs auf proteftantifchen Boden verpflanzen' wollten.
,Es war kein Unglück, dafs ihre Beftrebungen fich zer-
fchlugen'. Im Gegenfatz dazu werden die Männer geftellt,
die ,geradeswegs auf die apoftolifche und altchriftliche
Zeit' zurückgingen. Indeffen kann man felbft aus Ben-
dixen's Mittheilungen erfehen, dafs diefe Unterfcheidung
nicht ftichhält. Auch Fliedner (S. 395) verlangt, dafs
die evangelifchen Bayern fich durch das Wirken der
barmherzigen Schweftern ,zum Wetteifer reizen laffen'.
Das bedingt doch eine Berückfichtigung jener, die man
nur nicht als kleinliche Nachahmung aufzufaffen braucht.
Vgl. Uhlhorn, Liebesth. 3,369. Aus dem S. 415 mitge-
theilten Schreiben Am. v. Sievek. ergiebt fich, dafs die
letztere (gegen Uhlhorn S. 368) die 69 Artikel für ihre

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