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Ausgabe:

1898 Nr. 22

Spalte:

583-585

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wadstein, Ernst

Titel/Untertitel:

Die eschatologische Ideengruppe: Antichrist - Weltsabbat - Weltende und Weltgericht, in den Hauptmomenten ihrer christlich-mittelalterlichen Gesammtentwickelung 1898

Rezensent:

Bousset, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung. 1898. Nr. 22.

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hat. Er wird dann zu einer andern Anficht über die
Zähigkeit apokalyptifcher Traditionen kommen.

Göttingen. Bouffet.

Wadstein, Gymn.-Dir. D. Dr. Ernft, Die eschatologische
Ideengruppe: Antichrist — Weltsabbat — Weltende und Weltgericht
, in den Hauptmomenten ihrer chriftlich-mittel-
alterlichen Gesammtentwickelung. Leipzig, Reisland,
1896. (IX, 205 S. gr. 8.) M. 5 —

Gefchichte der Eschatologie war bisher ein wenig
beachtetes und behandeltes Thema. Es gewinnt jedoch
den Anfchein, als ob in neuefter Zeit diefes Gebiet
energifch in Angriff genommen werden foll. Es ift immerhin
beachtenswerth, dafs ungefähr um diefelbe Zeit und
deshalb unabhängig von einander drei Werke erfchienen,
die fich alle auf diefem Gebiete bewegen: neben dem vorliegenden
Werk Kampers Kaiferprophetieen und Kaifer-
fagen 1895 (Hiftor. Abh. aus dem Münchener Seminar
u. 2. Aufl. feparat: Die deutfche Kaiferidee in Prophetie
und Sage. München 1896) und das Werk der Referenten
über den Antichrift (vgl. auch deffen Ausführungen über
die Gefchichte der Apokalypfe imCommentar zur Johannesoffenbarung
).

Wenn man diefe Arbeiten überfchaut, fo bekommt
man fo ungefähr einen Einblick in die ungeheure Maffen-
haftigkeit des Materials und die Fülle der Probleme,
die hier der Bearbeitung harren.

Wadftein, der in dem vorliegenden Werk eine von
ihm in der Zeitfchrift für wiff. Theo], veröffentlichte
Artikelferie weiteren Kreifen zugänglich macht, hat fich
nicht gerade den leichterten aber jedenfalls den intereffan-
teften Theil der Aufgabe gewählt, wenn er feine Arbeit
auf die Gefchichte der eschatologifchen Ideen im Mittelalter
concentrirte. Denn nirgends haben die eschatologifchen
Ideen fo fehr die Maffe ergriffen und fo intenfiv
auf den grofsen Gang der Gefchichte gewirkt, wie gerade
hier.

Bewundernswerth ift jedenfalls der Fleifs und die
Umficht, mit denen hier aus allen Gebieten des mittelalterlichen
Lebens, aus der grofsen Gefchichte und der
Politik, aus Kunft und Wiffenfchaft, aus der kirchlichen
und ketzerifchen Literatur, das Material gefammelt ift.
Immerhin läfst fich nicht verkennen und nach der
Einleitung ift der Verfaffer fich deffen felbft bewufst ge-
wefen, dafs mit der vorliegenden Arbeit nur die erften
Schritte gethan find, dafs die eigentliche Durcharbeitung
des ungeheuren Stoffes noch in den Anfängen fteckt, ja
dafs auch die Sammlung des Stoffes noch lange nicht
vollendet ift.

Allzuwenig hat fich W. über die Gefchichte der von
ihm behandelten Ideengruppen nach rückwärts orien-
tirt. Sie haben doch eine nicht unintereffante Vorge-
fchichte. Das was W. an zwei Orten unter der Ueber-
fchrift dogmatifche Behandlung des Stoffes p. 3Öff. und
I26ff. gleichfam als das Gerippe in der buntfcheckigen
Fülle von eschatologifchen Vorftellungen und Phantafien
fkizzirt, war in früherer Zeit noch nicht dogmatifch
erftarrt und hat auch feine vor dem Mittelalter liegende
Periode der Bildung gehabt. Es ift zu bedauern, dafs
W. vor der zweiten Herausgabe feines Werkes nicht
das prächtige Werk von Kampers in die Hände bekommen
hat. So find feine Urtheile, wo fie fich an der Peripherie
bewegen, fämmtlich falfch. Es ift z. B. nicht richtig, wenn
W. urtheilt, dafs in der alten Kirche die Behandlung der
eschatologifchen Ideen eine rein biblifch-dogmatifche
war (p. 152). Für das Abendland mag das zutreffen. Aber
im Orient wuchern in der alten Zeit die eschatologifchen
Phantafien fehr kräftig und entwickeln fich in directem
Zufammenhang mit dem gefchichtlichen Leben, fo dafs
fie oft ein getreues Spiegelbild jener wilden ftürmifchen
Zeiten abgeben. Es läfst fich nachweifen, dafs von Orten

j auf dem Wege über Süditalien die eigentlich phantaftifch-
eschatologifchen Ideen in den Werten etwa vom achten
Jahrhundert eindrangen, und viel tiefer als W. annimmt, find
jene mittelalterlichen Ideengruppen vom Orient (namentlich
Byzanz) her beeinflufst. Auch das ift wieder ein
Irrthum, dafs im Mittelalter nur das Abendland und
namentlich das germanifche Abendland von der Apoka-
lyptik beherrfcht gewefen fei. Faft ebenfo apokalyptifch
geftimmt war der byzantinifche Orten und der Heerd der
ftarken eschatologifchen Erregung war m. E. zunächft
Italien und Südfrankreich, nicht Deutfchland.

Nicht glücklich fcheint mir ferner der Verf. in der
Anordnung des Stoffes gewefen zu fein. Hier ift er viel
zu fehr theoretifch-lehrhaft verfahren und durch die zahlreichen
Unterabtheilungen und feinen Diftinctionen find
die grofsen gefchichtlichen Zufammenhänge zerriffen.

Zunächft wird der gefammte Stoff in vier grofse Abtheilungen
aus einandergelegt und nach einander über
Weltende und Weltgericht, dann über den Antichrift und
endlich über den Chiliasmus gehandelt. Im grofsen und
ganzen ift diefe Eintheilung nicht ungefchickt. Doch
fchon hier wird zufammengehöriges auseinandergeriffen.
Z. B. ift das was W. im dritten Abfchnitt unter dem
Titel caefariftifcher Chiliasmus behandelt, die Erwartung
des grofsen friedenbringenden Kaifers der Zukunft, aufs
allerengfte mit der Erwartung des Antichrift in der Ueber-
lieferung verbunden. Diefe Verbindung zwifchen dem Traum
vom letzten grofsen (wiederkehrenden) Kaifer und der
Antichrifterwartung hat das Abendland gar nicht einmal
felbft gebildet, fondern aus der byzantinifchen Eschatologie
herübergenommen, und dafs die Wurzeln diefer Vorftellungen
noch weiter bis ins konftantinifche Zeitalter
zurückgehen, haben fowohl Kampers wie Referent nach-
gewiefen. Das hat W. auch in dem Abfchnitte ,dogma-

| tifche Behandlung' p. I26ff. gänzlich überfehen.

Nun aber die Unterabtheilungen z. B. bei dem Abfchnitt
über den Antichrift. Hier finden fich folgende
Ueberfchriften: 1) ethifch kirchlicher Peffimismus, 2)

| polemifche Richtungen: a) antipapiftifche, «. kirchenpoli-

] tifch-hierarchifche, ß. ethifche dogmatifche [aa reforma-
torifche, ßß fchismatifche, 77 häretifche); b) katholifch
kirchliche, 3) dogmatifche Behandlung: a) allgemeine
Kirchenlehre, b) apokalyptifche Anfchauung, 4) künft-

' lerifche Behandlung: a) Poefie (epifche, dramatifche,
lyrifche), b) Bildende Kunft.

Bei diefer Art der Diftinction kann kein lebendiges
Bild erzielt werden. Die Gefichtspunkte für die Ein-

I theilung find aufserdem doch recht äufserliche. Namentlich
anfechtbar ift die Abtrennung der poetifchen Behandlung
der Stoffe. Hier zeigt fich gerade recht
lebendig die Volksftimmung, und von hier waren die
treffendften Belege für den Abfchnitt 1 und 2 zu entnehmen.
Der grofse gefchichtlich fo intereffante Zufammenhang
in dem z. B. das berühmte Tegernfeedrama [Indus de
antichristd) fleht, geht ganz verloren. Unglücklich ift
auch die Eintheilung unter ,3. allgemeine Kirchenlehre'
und .apokalyptifche Anfchauungen'. Denn die Grenzen
find hier völlig fliefsende. Aber auch fonft ift Zufammen-

1 gehöriges auseinandergeriffen. Milic von Kremfier z. B.
finden wir pag. 85, weit davon entfernt, pag. 108 Mathias
von Janow.

Namentlich tritt das Bild eines Mannes und feiner
Nachwirkung nicht klar genug heraus. Ich meine Joachim
| von Floris. Mühfam mufs man fich hier das Zufammen-
gehörige zufammenfuchen. Und doch könnte man einen
guten Theil der doch eigentlich in Frage flehenden Aufgabe
einer Eschatologie des Mittelalters löfen, wenn man
einmal verfuchte, die Perfon des Joachim von Floris und
ihre Bedeutung für die mittelalterliche Apokalyptik zu
zeichnen und fämmtlichen Spuren feines Einfluffes nachzugehen
. Infolge der fchemat.ifirenden Betrachtungsweife
des Verf. begegnet man feinen Anfchauungen und den