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Ausgabe:

1898 Nr. 21

Spalte:

570-573

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rade, Martin

Titel/Untertitel:

Die Religion im modernen Geistesleben 1898

Rezensent:

Troeltsch, Ernst

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569 Theologifche Literaturzeitung. 1898. Nr. 21. 570

der Offenbarungswahrheit und Metaphyfik auf fpeculative | rafch wie möglich zu einer ganz naiv realiftifchen Meta-
Weife zu einander zu beziehen gewöhnt ift, hat ihm den ; phyfik zu gelangen, bei der ganz unkritifchen Voraus-
Blick gefchärft, die Grundzüge der modernen hiftorifch- j fetzung wichtiger, Seele, Aufsenwelt und Weltzufammen

pfychologifchen Religionswiffenfchaft und der pfycho-
logifch und erkenntnifstheoretifch begründeten Philofophie
bereits bei Herbert zu entdecken. Er will in Herbert
neben Descartes und Baco einen der grundlegenden Philo-
fophen erweifen, der felbftftändig die Reorganifation der
Philofophie von pfychologifcher und erkenntnifstheo-
retifcher Reflexion aus in die Hand nahm, und, obwohl
in diefem Unternehmen an Kraft und Originalität hinter
feinen Nebenbuhlern zurückgehend, doch als feinen besonderen
Ruhm beanfpruchen kann, die religionswiffen-
fchaftlichen fragen von diefer Grundlage aus auf die
Bahn neuer, nach G.'s Meinung freilich irriger, Behandlung
gebracht zu haben.

Diefe Auffaffung ift, was die Parallelifirung von Baco,
Descartes und Herbert, die Betonung der pfychologifch-
erkenntnifstheoretifchen Ausgangspunkte und der Fort-
fetzung der mit Herbert eröffneten Linie bei Cudworth,
Clarke, Shaftesbury, Hutchefon und den Common-Sensc-
Philofophen anbetrifft, bereits von Remufat vertreten
worden, von dem mir allerdings nur feine Studie in der
Revue des deux ///oudes 1854 zugänglich war. G. hat von

hang betreffender metaphyfifcher Anfchauungen, und bei
ihrer Anlehnung an die Schullogik als unfehlbare, fehr
äufserlich zu handhabende Denkkunft noch in den erften
Anfängen necken geblieben ift. Insbefondere hätte der
Abftand der auf die bekannten fünf notitiac communes
begründeten Religionstheorie von den fpäteren theils
einer ernfthaften Phänomenologie derReligion, theils ihrer
Reduction auf die Moral zuftrebenden Entwickelung ge-
fchildert werden müffen. Auch hätte das Verhältnifs der
fpäteren eigentlichen deiftifchen Bewegung zu Herbert
gezeigt werden müffen, die, foweit ich beurtheilen kann,
mehr von Locke und Clarke beeinflufst ift als von Herbert
und auch in hiftorifch-kritifchen Fragen felbftftändige
Wege geht. Es hätte fich dann gezeigt, wie mühfam der
Weg zur Gewinnung der wichtigsten religionswiffenfchaft-
lichen Grundbegriffe gewefen ift, wie fchwer unter dem
Einflufs derOrthodoxie einerfeits und des intellectualiftifch-
moraliftifchen Geiftes der Zeit andrerfeits die Frfaffung der
fpecififch religiöfen Phänomene gewefen ilt. Man war auf
dem Wege der pfychologifchen Analyfe, konnte aber den
eigentlichen Anfatzpunkt diefer Analyfe nicht finden. Erft

feinem thomiftifch-metaphyfifchen Inftinkt geleitet diefe i bei Pascal, Rouffeau, Jacobi, Herder und Hamann beginnt
Auffaffung noch verfchärft. So viel ich ohne Kenntnifs J diefer Anfatzpunkt hervorzutreten. Die übrigen fuchten
der mir unzugänglichen Originale beurtheilen kann, mit | ihn immer nur in gewiffen metaphyfifchen und mora-

lifchen Elementarfätzen, die fich vom ausgeführten metaphyfifchen
und moralwiffenfchaftlichen Syftem nur durch
ihre Einfachheit und unmittelbare Evidenz oder — bei
den Radicalen — durch ihre Unnahbarkeit unterfchieden.
Der erfte principielle Vertreter diefer Methode ift nun
aber Herbert.

Aufser diefen Beziehungen nach vorwärts hätten aber
auch die gleichzeitigen und die nach rückwärts gefchildert
werden müffen. Das Verhältnifs zu Baco, gegen den
Herbert ftillfchweigend opponirt, zu Descartes und Gaf-
fendi, deren Beifall er gewinnen wollte, zur Scholaftik und
zur philologifchen Philofophie hätte unterfucht werden
müffen. Insbefondere hätte die Analyfe des religions-
wiffenfchaftlichen Werkes auf Bodin, Charron, Montaigne,
auf Paracelfus und die italienifchen Neuplatoniker, auf
die holländifchen und franzöfifchen Philologen Bezug
nehmen müffen. Hier hatten die Abhandlungen Dilthey's
bereits bequeme Bahn gebrochen.

Da von alledem nichts oder fo gut wie nichts ge-
fchehen ift, hat das Buch — abgefehen von der angeknüpften
Kritik des modernen Pfychologismus — nur
das Verdienft einer Inhaltsangabe der Werke Herbert's.
Aber auch diefe Inhaltsangabe hat bei aller Ausführlichkeit
fchwere Mängel. Sie referirt blofs, verfchmäht es
aber zu erklären und zu ordnen. Die unficher taftenden
Anmerkungen verrathen nur, wie fchwer dem Autor das
Verftändnifs feines freilich fehr fchwierigen Textes geworden
ift. Bedenkliche Ueberfetzungsfehler hat Adickes
mit Recht hervorgehoben.

Alles in allem alfo hat G. ein äufserft intereffantes
Thema ergriffen und es unter den richtigen Hauptgefichts-
punkt geftellr. Im übrigen aber bleibt das meifte noch

vollem Recht. Es liegt hier in der That der felbftftändige
Verfuch vor, fich gegenüber der ontologifchen und fyllo-
giftifchen Schulmetaphyfik und Schullogik neu durch
pfychologifche und erkenntnifstheoretifche Analyfe zu
orientiren, von hier aus überhaupt eine Wahrheit und
Irrthum fondernde Erkenntnifsmethode zu gewinnen,
insbefondere eine Erkenntnifstheorie der Religion zu
fchaffen, die die ftreitenden Offenbarungsanfprüche zu
fchlichten im Stande wäre. Dilthey hat in feinen vorzüglichen
, von G. nicht entfernt ausgefchöpften Abhandlungen
im Archiv f. Gefch. d. Philof. (1892/93/94) gezeigt,
wie fich im Unterfchied von Baco's Empirismus und von
Descartes' Rationalismus diefe Orientirung an die in der
proteftantifchen Schulphilofophie felbft enthaltenen, der
römifchen Stoa entflammenden pfychologifchen und er-
kennifstheoretifchen Grundbegriffe anfchliefst. Nur hat
es G. vollftändig unterlaffen, den Sinn diefes pfychologismus
' genau zu beftimmen. Er hat dem Pfychologismus
Herbert's fofort die moderne Theorie des Pfychologismus
untergefchoben, die eine mehr als zweihundertjährige
Arbeit an diefem Probleme zu ihrer Vorausfetzung
hat und daher die verfchiedenen Probleme, die rein
pfychologifchen, die erkenntnifstheoretifchen, die logifchen
und die metaphyfifchen fondert- und fich speciell mit der
Frage des Verhältnifses von Pfychologie und Erkenntnifstheorie
befchäftigt. Gegen diefen Metaphyfik und Erkenntnifstheorie
hinter die Pfychologie als einzigen Ausgangspunkt
zurückftellenden Pfychologismus kämpft G.,
wobei Herbert, mit dem die kritifirten Autoren gar keinen
directen Zufammenhang mehr haben, gänzlich aus den
Augen verloren wird. Infofern ift der fcharfe Tadel, den
Adickes gegen die Anwendung des Ausdrucks pfychologismus
' auf Herbert richtet (Deutfche Litztg. 1898S. 582—
585), berechtigt. Soferne aber mit dem Ausdrucke nur
die That fache bezeichnet werden foll, dafs Herbert neben
den anderen Bahnbrechern eine eigenartige, vom Subject
ausgehende, pfychologifch und erkenntnifstheoretifch ver- Rade, Martin, Die Religion im modernen Geistesleben. Mit
fahrende und diefe Erkenntnifstheorie befonders auf die einem Anhang: Ueber das Märchen von den drei
Religion übertragende Pofit.on mit vollem Bewufstfein Ri . Leffl Nath Freib i. B T C B
einnimmt, ift die Auffaffung durchaus zulaffig und be- ^ M c _ fl, M ) *. t 2 _

zu thun.

Heidelberg. E. Troeltfch.

leuchtet feine Anwendung fehr treffend die Entwickelung

Mohr, 1898. (VII, 123 S. gr. 8.) M. 1.40; geb. M.

der religionswiffenfchaftlichen Grundbegriffe vom Deis- Das vorliegende Büchlein enthält die Vorträge die

mus zu Hume, Kant und Schleiermacher. Nur hätte dann ; Rade vor dem Publicum der Frankfurter Hochftiftvor-
freilich gefagt werden müffen, wie fehr diefe Grundlegung träge über die Grundfrage der modernen Religionswiffen-
bei dem Mangel jeder Unterfcheidung von Pfychologifchem fchaft gehalten hat. Rade war dabei durch die Rück-
und Erkenntnifstheoretifchem, bei dem Bedürfnifs, fo j ficht auf das interkonfeffionelle Publicum genöthigt von