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Ausgabe:

1898 Nr. 20

Spalte:

541-545

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hertzberg, Friedrich

Titel/Untertitel:

August Hermann Francke und sein Hallisches Waisenhaus 1898

Rezensent:

Eck, Samuel

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Theologifche Literaturzeitung. 1898. Nr. 20.

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Berbig, Pfr. Dr., Aus der Gefangenschaft Johann Friedrich des
Mittleren, Herzogs zu Sachsen. Ein Beitrag zur Reichsund
Kirchengefchichte des Reformationsjahrhunderts.
Gotha, G. Schloefsmann, 1898. (47 S. 8.) M. —.80
Wenn der Verfaffer im Vorwort die Hoffnung aus-
fpricht, dafs feine Mittheilungen eine Ergänzung zu der
ausführlichen, von A. Beck gegebenen Darftellung des
Lebens und Leidens Johann Friedrichs d. M. bilden mochten
, fo kann Ref. diefen Verfuch als nur innerhalb der
befcheidenften Grenzen gelungen bezeichnen; die Leetüre
des kleinen Schriftchens, deffen gefchraubte Ausdrucksweife
öfters ftörend auffällt, hat ihn nicht befriedigen
können. Gleich die kurze Einleitung enthält fchiefe Ur-
theile, man bemerkt fofort, dafs der Verfaffer mit Voreingenommenheit
an feine Aufgabe herangetreten lft, die
Thatfachen erfcheinen in falfcher Beleuchtung. So wird
man z. B. fchwerlich zuftimmen können, wenn es S. 7 heifst:
,Vater (Johann Friedrich der Grofsmüthige) und Sohn
(Johann Friedrich d. M.) gehen um der Wahrheit willen
zu Grunde'. Das ift Phrafe! Nicht minder bedenklich
klingen Sätze, wie auf S. 8: ,Es ift wahr, in der Hoheit
und Stärke diefes Charakters (Johann Friedrich d. M.)
liegt auch die Tragik des Lebens diefes Mannes, der
fcheitern mufste an feiner eignen Gröfse und Kraft', oder
ebd.: ,Die Gefchichte hat das Bild diefes Mannes nur
einfeitig gewürdigt, ganz abgefehen von den Lügnern,
die fein Denkmal befudeln. Denn es ift eine gefchicht-
liche Fälfchung, diefem Herzog Reichsverrath und Reichsfriedensbruch
vorzuwerfen'. Letztere Behauptung zeigt,
dafs der Verf. in feiner Befangenheit für feinen Helden
den Rechtsstandpunkt völlig verkennt. Die Reichsacht,
die Johann Friedrich d. M. getroffen hat, war ficherlich
wohlverdient; an Warnungen und Nachficht dem verblendeten
Herzoge gegenüber hat es nicht gefehlt, das
harte Loos, das ihm zu Theil geworden, hat er fich in
erfter Linie felbft zuzufchreiben. — Der hiftorifche Theil
des Schriftchens ift in der Hauptfache dem trefflichen
und unparteiifch gefchriebenen Werke Becks meift wörtlich
entnommen, das einige Male citirt, im übrigen aber
stillfchweigend benutzt wird. So ift Berbig S. 8 = Beck
II, 1—3, Berbig S. 9 = Beck II, 3, 8—10, Berbig S. 10
= Beck I, 4—7, II, 12, 13 u. f. w.; die Uebereinftimmung
erftreckt fich fogar auf die Anmerkungen, allerdings nicht
ohne Verfehen, vgl. Berbig S. 10 N. 1 mit Beck II, 2 N.4.
Von Abweichungen im Texte von Beck wäre als befonders
charakteriftifch hervorzuheben Berbig S.9 oben verglichen
mit Beck II, 3. Das Hauptgewicht legt der Verf. auf die
religiöfe Haltung des Herzogs (damit vergleiche man das
gemäfsigtere Urtheil Beck's II, 279, 280I und zieht hierfür
Briefe Johann Friedrich's an Dr. Mörlin heran, welche,
13 Stück an Zahl, im Anhange nach den Originalen der
Plerzogl. Hofbibliothek zu Gotha abgedruckt werden. Es
erweckt keinen günftigen Eindruck, wenn man fieht, — dem
Verf. fcheint das allerdings entgangen zu fein, wenigftens
erwähnt er es mit keinem Worte — dafs einer der Briefe,
und zwar nr. 10, bereits bei Beck im Urkundenanhange
zum 2. Bande S. 321—22 unter nr. 57 veröffentlicht ift.
Ein Vergleich beider Texte ergiebt, dafs Beck's Abdruck
den Vorzug verdient vor dem bei Berbig; auch die übrigen
Briefe fcheinen nicht ganz frei zu fein von Lefe- oder
Druckfehlern. Die Art der Edition endlich entfpricht
nicht den jetzt gebräuchlichen Grundfätzen.

Leipzig. Trefftz.

Hertzberg, Prof. Guflav Friedrich, August Hermann Francke
und sein Hallisches Waisenhaus. Mit Abbildungen und
einem Plane der Francke'fchen Stiftungen. Halle a. S.,
Buchhandlg. des Waifenhaufes, 1898. (164 S. 8.) M. 1.80

Knuth, Oberpfr. G., A. H. Franckes Mitarbeiter an seinen
Stiftungen. Ein Beitrag zur Jubelfeier des zweihundertjährigen
Beftehens der Anhalten A. H. Franckes. Halle
a. S., Buchhandlung des Waifenhaufes, 1898. (IX, 185 S.
gr. 8.) M. 1.80

Schürmann, Aug., Zur Geschichte der Buchhandlung des
Waisenhauses und der Cansteinschen Bibelanstalt in Halle
a. S. Zur zweihundertjährigen Jubelfeier der Francke-
fchen Stiftungen 1698—1898. Mit einem [Stahlftich-]
Bildnis Aug. H. Franckes. Halle a. S., Buchhandlg.
des Waisenhauses, 1898. (IX, 255 S. gr. 8.) M. 3.—

Fries, Dir. Prof. Dr. Wilhelm, Die Francke'schen Stiftungen
in ihrem zweiten Jahrhundert. Mit einem Bildnis A. H.
Niemeyers und einem Plane der Stiftungen. Halle a. S.
Buchhhandlung des Waifenhaufes, 1898. (VII, 268 S.
gr. 8.) M. 3.60

Schmidt, Dr. Karl Wilhelm, Zehn Jahre Zögling der Waisenanstalt
in den Francke'schen Stiftungen. (October 1841
bis März 1852.) Halle a. S., Buchhandlg. des Waifenhaufes
, 1898. (IV, 149 S. 8.) M. 1.50

Steinecke, Pastor O., Georg Müller, Predi ger zu Briftol.
Ein Abrifs feines Lebens und eine Auswahl seiner
Reden. Zur zweihundertjährigen Jubelfeier der Francke-
fchen Stiftungen in Halle a. S. herausgegeben. Mit
7 Abbildungen und 1 Faksimile. Halle a. S., R. Mühlmann
, 1898. (VII, 151 S. gr. 8.) M. 2.50

Franckes Stiftungen in Halle find in das dritte Jahrhundert
ihres Beftehens eingetreten. Schon 1748 u. 1798
wurde in den Anhalten der Tag der Grundfteinlegung
zum Hauptgebäude, der 13 24. Juli 1698, als Stiftungstag
gefeiert. Und es entfpricht nur altem Brauch, der
dort fleifsig geübt worden ift, dafs der Gedenktag durch
eine ganze Reihe von Erinnerungsschriften gefeiert worden
ift. Aber nachdem eben die letzten Jahrzehnte Guftav
Kramer's reichhaltige Arbeiten gezeitigt hatten, zu denen
fich die Herausgabe des ,Grofsen Auffatzes'durch W. Fries
(1894) wie ein Nachtrag verhielt, begreift es fich, dafs dem
Genannten, als derzeitigen Director der Anftalten, für
die Zeit des Gründers felbft ,das reichlich vorhandene
handfehriftliche Material auch bei forgfältiger Durch-
mufterung keine nennenswerthe Ausbeute mehr ergab'.
In den vorftehenden Gedenkfchriften fällt alfo, könnte
man fagen, der Ton mehr auf die Stiftungen als den
Stifter.

Hertzberg, der bekannte Hiftoriker, hat in knappen
Zügen einen Ueberblick über die Gefchichte der Stiftungen
geboten, die bis in die jüngfte Zeit führt. Die Fülle von
Leiftung und Leben, die fich da in engem Rahmen
fammelt, wirkt gerade in diefer ftraffen Zufammenfaffung
befonders mächtig und anziehend. Auch drängt fich unwillkürlich
, faft mufs man fagen troftreich, der Eindruck
von der unzerftörbaren Continuität der Arbeit bei allem
Wechfel der Anfchauungen dem Lefer auf. Pietismus
und Rationalismus haben ihr gleiches Theil ehrlicher
Begeifterung an diefe Stiftungen gewandt. In der Darftellung
kommt kein Gebiet des Anffaltslebens zu kurz,
doch wird wohl am eingehendfien die wechfelvolle Gefchichte
des äufsern Beftandes behandelt. Aber vor Allem
eignet dem Verfaffer in vorzüglicher Weife die Gabe
glänzender perfönlicher Charakteriftik in wenig kurzen
Worten. — S. 55 findet fich ein merkwürdiger Druckfehler
: mit der ,Lüneburger ftädtifchen Bibel von 1703'
ift gemeint die ,Stadefche Bibel, welche fich in ihren
Einrichtungen, z. B. in den Summarien, auf die Lüne-
burgifche Bibel [R.E.3 3,75 zuerft 1627] ftützt' (Schür mann
S. 48).

Auf Francke's Zeit befchränkt fich Knuth. Er führt
in kurzen Lebensbildern eine Anzahl von Mitarbeitern
Prancke's, fpeciell an den Stiftungen, vor. Es find 1 Frey