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Ausgabe:

1898 Nr. 18

Spalte:

489-490

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gigalski, Bernhard

Titel/Untertitel:

Bruno, Bischof von Segni, Abt von Monte-Cassino (1049-1123) 1898

Rezensent:

Ficker, Gerhard

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Seite 1

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489 Theologifche Literaturzeitung. 1898. Nr. 18. 490

Deutlichkeit und Genauigkeit möge vorwalten laffen, die
nothwendig ift, um den Lefer hinreichend zu orientiren
und womöglich zu überzeugen. Nur fo wird er auch
das in der Vorrede ausgefprochene anerkennenswerthe
Ziel erreichen können.

Berlin. S. M. Deutfch.

Manche Fehler find untergelaufen, die auf Gigalski's
Arbeitsweife kein günftiges Licht werfen: S. 124 wird eine
Handfchrift zu Urbino namhaft gemacht. Der Catalog.
dem G. diefe Angabe entlehnt hat, zeigt, dafs wir es
mit einer Handfchrift der Bibliotheca Urbinas, eines Theiles
der Vatikanifchen Bibliothek, zu thun haben. Dafs Jaffe-
Löwenfeld die Canonifation auf den 5. Sept. anfetzen
(S. 19. 109) ift ein Irrthum G.'s, der flüchtigem Lefen ent-
Gigalski, Präfekt Dr. theol. Bernhard, Bruno, Bischof von b?ringt- G. fchreibt durchgehends Antpertus ftatt Aut-
o ■ .u ..in- / „, c • t oKpn i pertus, Dehtfch ftatt Dehtzfch, Härtung ftatt Harttuncr

Segni, Abt von Monte-Cass.no (1049-1123). Sem Leben , ^ Spmen ^ Flüch«? kdt zej ' Jg;

und feine Schriften. Ein Beitrag zur kirchengefchicnte auch jn der Art fdner Darfteilung: ich will nicht fagen,

im Zeitalter des Inveftiturftreites und zur theologifchen dafs das Wefentliche überfehen wurde; aber es wird öfters

Litteraturgefchichte des Mittelalters. (Kirchengefchicht- nicht genügend in den Vordergrund gerückt. Das fieht

liehe Studien. Hrsg. von Proff. DD. Knöpfler, Schrörs, man vornehmlich an der Beurteilung der Quellenftücke

cj 11 ttt n j tt f., at- n u c„v,^t;„rrVi ^ 7 "■• Dafs G. über die beiden Viten Brunos nicht
Sdralek. III. Band. IV. Heft.) Munfter, H. Schon.ngh, dag ktzte Woft gefprochen haben kanP) wjrd jedef ^

1898. (XI, 295 S. gr. 8.) M. 7.— . geben, der ftch die Mühe nimmt, feine Unterfuchung zu

Bruno von Segni ift in der Gefchichte der Kirche j ftudiren. Auf Rechnung des Katholiken fetze ich, wenn
bekannt wegen feiner freimüthigen Oppofition gegen ' G. die Gregorianer die kirchliche Partei fchlechthin, oder
Pafchalis II. in Betreff des Inveftiturprivilegiums von iiii. 1 gm Patana die kirchliche Reformpartei (S. 28) nennt.
Auch feine Schriften fichern ihm einen Ehrenplatz unter | Solche Ausdrücke find zum minderten ungenau. Unter
den italienifchen Theologen des Ii.—12. Jahrhunderts, aller Kritik ift, wenn (S. 219) aus der langen Reihe der
Es ift darum fehr dankenswerth, dafs Gigalski das Leben ! Commentare zum Hohen Liede in alter und befonders
des Bifchofs befchreibt und über feine Schriften ein- , m neuerer Zeit die Nothwendigkeit einer erften und
gehende Unterfuchungen anftellt. Der erfte Theil feines höchften Autorität als Trägerin (!) und Erklärerin der
Buches hat es mit dem Leben Bruno's zu thun; er unter- ] hl. Schriften erfchloffen wird.

fucht die Quellen, die uns dafür zu Gebote flehen. Der Haue a> s_ Gerhard Ficker

anonymen Vita aus dem Ende des 12. Jahrhunderts wird____

der Vorzug gegeben vor den Mittheilungen, die Petrus

Diaconus im Chromeon Cassinensc gemacht hat. Beide 1 Braasch, Superint. D. Aug. Heinr., Martin Luthers Stellung
Berichte werden möglichft in Einklang mit einander ge- j zum Socialismus. (Beiträge zum Kampf um die Weltbracht
. Doch verhehlt fich G. nicht, dafs beide in ge- ! anfchauung. 2. und 3. Heft.) Braunfchweig, C. A.
wiffem S nne parteilich feien. Am meiften intereffirt die „ , . * c J > f' 7

Stellung des Bifchofs zu Pafchalis IL G. findet Bruno's Schwetfchke & Sohn, 1897. (VII, 180 S. gr- 8.) M.3.-
Stellungnahmeinderlnveftiturfrage incorrect (S.84, Anm.l.) In vier Abfchnitten verläuft diefe Studie. Nach einer

Es ift nur merkwürdig, dafs der Papft fpäter feiner Meinung | Darlegung der anticapitaliftifchen Anflehten Luther's er-
zugeftimmt hat (S. 103). Doch ift das nicht der einzige j örtert der zweite Abfchnitt principiell die Bedeutung des
Widerfpruch, der fich bei G. findet. Die Canonifation 1 Weltlebens, den Unterfchied von Staat und Kirche, wo-
Bruno's wird S. 109 in das Jahr 1181 gefetzt, während fonft | raus fich drittens eine Befprechung einzelner Gebiete des
das Jahr 1183 dafür angegeben wird (S. 16. 19. 290). Erft socialen Lebens: .Vaterland, Arbeitsverwerthung, Erzieh-
hier fcheint es G. klar geworden zu fein, dafs es feine ; ung, Frauenfrage, Bettel, Armenpflege, gemeiner Karten
erfte Aufgabe war, der Quelle nachzufpüren, aus der fich , in Leisnig' reiht, während den Schlufs ,Luthers Stellung
Jaffe-Löwenfeld's Anfetzung herleitet. zum Bauernkriege' bildet,

Der zweite Theil befchäftigt fich mit den Schriften
Bruno's. Die Vita des Petrus von Anagni kann in der
vorliegenden Gertalt nicht von ihm herrühren; doch ift
es wahrfcheinlich, dafs fie eine Erweiterung des Schrift-
chens Bruno's darfteilt. Einzelne Angaben der VitaLeo's IX.
werden ausführlich befprochen, fo die Notiz von dem Zu-

Bei diefer umfaffenden Anlage des Schriftchens kann
dem Verf. der Vorwurf der Oberflächlichkeit nicht durchaus
erfpart bleiben. In einer Arbeit über Luther's fociale
Anfchauungen wird ,der Bettel' auf 2% Seiten befprochen,
dabei Seite Citat aus der Schrift an den Adel, aus
Schmoller's bekanntem Auffatz, »/. aus Ulhorn's Liebes-

fammentreffen Leo's mit Hildebrand. G. fchliefst fich j thätigkeit. Ebenfo kurz werden die Erziehungs-, die Frauen
denen an, die Hildebrand Mönch fein laffen. Die Unter- frage abgethan. Diefer 3. Abfchnitt könnte füglich ganz
fuchungen über Bruno's exegetifche Schriften find fehr | fehlen; das Wenige, was in ihm wirklich gefagt wird,
dankenswerth. G. weift die Quellen nach, die Bruno 1 konnte leicht anderwärts untergebracht werden. Dafür
benutzt hat. In feinem Commentare zum Hohenliede hat j bietet nun der Verf. umgekehrt fehr umfangreiche Aus-
er Haymo von Halberftadt benutzt. Hier wäre eine Notiz blicke in die Gegenwart. Im 2. Abfchnitt find 21 Seiten
am Platze gewefen, dafs es fraglich ift, ob Haymo von Luther, 35 den Socialdemokraten und Nationalfocialen
Halberftadt der Verfaffer der betreffenden Commentare ift. gewidmet. Hier handelt es fich alfo jedenfalls mehr um
Auch in feinem Pfalmencommentar hat Bruno Haymo Braafch's als um Luther's Stellung zum .Socialismus'.
benutzt. G. hat die exegetifche Literatur des frühen ; Aber wie unvermittelt und darum unvorfichtig werden
Mittelalters reichlich für feine Unterfuchung herangezogen Luther's Anflehten und Urtheile, ohne den Wandel der
und damit einen werthvollen Beitrag zur Gefchichte der | Zeiten in Betracht zu ziehen, uns aufgedrungen. Der Verf.
mittelalterlichen Exegefe geliefert. hat von der Volksfchule nur ganz kurz gefprochen, von

Mit grofsem Fleifse hat Gigalski zufammengeftellt, j der ungeheuren focialen Tragweite von Luther's deutfeher
was für Bruno's Leben und Schriften benutzt werden Schriftltellerei, feiner deutfehen Bibel, redet er gar nicht,
mufs und was darüber bereits gefchrieben ift. Wenn er Diefe deutfehen Drucke, mochten fie nun einen Inhalt
fich einmal um die Handfchriften feiner Werke kümmerte, , haben, welchen fie wollten, haben den Herrn Omnes denken
fo war es ein Leichtes, ihrer noch mehr aufzufinden; in gelehrt; was fich in ihnen als Belehrung giebt, kann als-
franzöfifchen Bibliotheken, abgefehen von der Bibliothequc bald auch als Appell verftanden werden. Das Vertrauen
nationale, deren Hff G. S. 124 mittheilt, befindet fich das fich darin ausfpricht, fleht in merkwürdigem Contraft
noch eine Anzahl alter Handfchriften feiner Werke. Nach zu dem Peffimismus, dem Luther fonft wohl Ausdruck
dem Neuen Archiv 3, 206 hat man behauptet, den Jefaias- giebt. Eben darum aber ift der letztere nur mit allen
commentar gefunden zu haben. möglichen Cautelen als die entfeheidende Stimmung des