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Ausgabe:

1898

Spalte:

485-486

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Picavet, F.

Titel/Untertitel:

Gerbert, un pape philosophe d‘apres la l‘histoire et d‘aprés 1898

Rezensent:

Deutsch, Samuel Martin

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486

Gefchichte unferer Kirche! Aber will unfere Zeit noch
etwas wifsen von Gefchichte?

üarmftadt. Erwin Preufchen.

55—65 wird S. 141—144 unter dem Texte mitgetheilt) und
den Libellns de rationali et raiione uti (Analyfe S. 151 bis
157) nimmt P. gegen die abfälligen Urtheile von Coufin,
Prantl und Havet in Schutz; infoweit m. E. mit Recht,
als es nicht billig ift, den Eindruck des Schülerhaften,
Picavet F Gerbert un pape philofophe d'apres la l'hifto- den diefe Art dialektifcher Erörterungen auf uns machen
ire et d'apres la 'legende. (Bibliotheque de l'ecole des muffen, für das gefchichtliche Urtheil massgebend fein
v ° ■ i v ■ zu laffen. Denn jene Zeit, die fich wiffenfchaftlich fo

hautes ctudes. Sciences rehgieuses. 9me vol.) fans, ^ fagen im Knabenalter befand, bedurfte einer folchen

E. Leroux, 1897. (XI, 227 S. gr. 8.)
Die älteren Monographien über Gerbert, auch die
letzte von K. Werner ,G. von Aurillac und fein Jahrhundert
' 1878, find heute nicht mehr ausreichend. Durch
die erfte genügende Ausgabe der Briefe G.'s von J. Havet
1889 ift ein gewiffes Maafs von neuem Material hinzugekommen
, namentlich aber ift das Leben und Wirken
G.'s nach einzelnen Seiten hin im Zufammenhange mehrerer
umfaffender Werke von Giefebrecht, Hauck, Cantor,
Prantl u. A. in eingehender Weife unterfucht und beleuchtet
worden. Eine neue zufammenfaffende Arbeit
über den bedeutenden Mann konnte alfo wohl als Be-
dürfnifs erfcheinen. Das vorliegende Buch läfst deutlich
erkennen, dafs der Verf., der durch eine Reihe von
Arbeiten auf dem Gebiete der mittelalterlichen Theologie
und Philofophie berühmt ift, keinen ihm fremden Boden

formellen Schulung des Geiftes, wenn fpäter grofse
wiffenfehaftliche Probleme mit Erfolg follten bearbeitet
werden können. Dagegen dürfte P. in jene Erörterungen
doch fachlich zu viel hineinlegen, wenn er in ihnen den
Verfuch findet, Piatonismus und peripatetifche Philofophie
zu vereinigen; der Unterfchied zwifchen beiden ift G.
wohl kaum fchon zu klarem Bewufstfein gekommen.
Auch fonft legt P. zuweilen in die Worte G.'s zu viel
hinein oder lieft zu viel aus ihnen heraus. So ift z. B.
wenn es in dem Glaubensbekenntnifs, das G. bei feiner
Erhebung zum Erzbifchof ablegte (S. 167) heifst: diabolum
non per conditiouem sed per arbitrium factum esse ma/um
darin wohl eine' Verwerfung des Dualismus, nicht aber
der Gottfchalk'fchen Prädeftinationslehre zu erkennen,
und die Worte credo iudicium futurum et reeepturos sin-
gulos pro his quae gesserunt vel poenas vel praemia

betreten hat; die Zeitverhältnifse find ihm völlig gegen- , können um fo weniger als in gegenfätzlicher Beziehung
wärtir/ die Ouellen nach ihrem Inhalt und nach der Art i zu Johannes Scotus und feiner Lehre von der Apoka

ihrer Behandlung vertraut, von den Vorarbeiten natürlich
die franzöfifchen, aber auch die wichtigften unter den
deutfehen, diefe leider mit einer Ausnahme, bekannt. -—

taflafis ftehend angefehen werden, als die Ewigkeit der
Strafen nicht einmal ausdrücklich ausgefprochen ift. —
Ueber G.'s mathematifche und aftronomilche Studien giebt

Nachdem'P. im erften Capital eine Ueberficht über die | S. 74—84 und S. 180—191 eingehende Auskunft; auf
wiffenfehaftliche Entwickelung des Mittelalters bis zur S. 189 oben mufs fich indeffen ein Fehler eingefchlichen

Zeit Gerbert's gegeben hat, behandelt er im zweiten und

haben; 250000 Stadien find nicht das Vierfache des wirk-

dritten fein Leben, im vierten feine Lehrthätigkeit und liehen Erdumfangs. Eine intereffante Beigabe enthält
fein fchriftftellerifches Wirken, betrachtet ihn im fünften I der fechfte Abfchnitt, eine Ueberficht über die Beur-
als Gelehrten, Philofophen und Politiker und (teilt im j theilung Gerbert's von Seiten der Nachwelt, von den
fechften fein Bild wie es fich in der Gefchichtfchreibung abenteuerlichen Sagen des Mittelalters an bis zu dem

und in der Legende geftaltet hat, vor Augen.

Die Beurtheilung, die P. dem politifchen und kirchlichen
Verhalten G.'s zu Theil werden läfst, ift überaus
günftig. Die Widerfprüche in feinem Verhalten gegenüber
Arnulf und den Päpften glaubt er fo auflöfen zu
können, dafs fich fein Handeln als überall aus feften
Grundfätzen hervorgehend erweife S. 173 ff. Ich glaube
nicht, dafs ihm das gelungen ift; kann man auch zuge-
dehen, dafs G. einerfeits niemals die Autorität des
Papftes fchlechthin in Abrede geftellt, andererfeits niemals
eine unbedingte Omnipotenz des Papftes in der Kirche
behauptet hat, fo reicht dies doch bei weitem nicht hin,
um G.'s Verfahren als Erzbifchof von Rheims und als
Papft in Einklang zu bringen. Fafst man ferner die von
P. felbft S. 192 f. gegebene Ueberficht über die Laufbahn
G.'s im öffentlichen Leben in's Auge, fo erhält man doch
den Eindruck, dafs es überwiegend fein perfönliches
Intereffe war, von dem er fich leiten liefs, und das Urtheil
P's S. 191 son caractire vaut son intelligcnce er-
fcheint nicht gerechtfertigt. Noch weniger können wir
dem Lobe zuftimmen, das er dem Plane G.'s über die

Verdammungsurtheile, das der gefchichtlich kaum beffer
orientirte Victor Hugo über ihn verhängt hat.

Im Ganzen wird der, dem die verfchiedenen einzelnen
Unterfuchungen über G. bekannt find, in der vorliegenden
Schrift nicht gerade viel Neues finden, wohl aber
hat fich der Verf. das Verdicn(t erworben, die reich-
haltiglte, mit Quellenbelegen in grofsem Umfange aus-
geftattete und über das Leben und Wirken des ungewöhnlichen
Mannes nach allen Seiten orientirende Ge-
famtdarftellung gegeben zu haben.

Berlin. S. M. Deutfch.

Wappler, cand. P. G., Papst Benedikt VIII. 1012—1024.
Diss. Leipzig, Schäfer & Schönfelder, 1897. (103 S.
gr- 8.) M. 1.50

per Verf. bemerkt im Eingang, dafs Benedikt VIII.
gewöhnlich zu jenen bedeutenden Päpflen in der Zeit
der fächfifchen und falifchen Kaifer gerechnet werde,
die das Papftthum aus feiner Ohnmacht emporzuheben
Verbindung zwifchen Papftthum und Kaiferthum zu ge- und durch immer federe Verbindung mit Cluni mit

meinfamer Regierung der chridlichen Welt fpendet,
S. 195 f. Leider id dem Verf. die Dardellung der kirchen-
politifchen Haltung G.'s in Hauck's Kirchengefch. Deutfch-
lands Bd. II Abth. (vgl. auch R. E.2 14, 239 f.) nicht be

neuen Kräften zu erfüllen gefucht hätten. Diefe Anschauung
fei aber nur theilweife zutreffend, er habe wohl
in den Kämpfen mit den Crescentiern, den Sarrazenen
und den Griechen fich als tüchtigen Staatsmann und

kannt geworden — mit ihm hätte er fich vor allem Feldherrn gezeigt, ein Anhänger Cluni's aber, ein refor

auseinanderfetzen müffen.

Ziemlich ausführlich verbreitet fich P. über G.'s philo-
fophifche Studien, die er mit Recht als für jene Zeit fehr
ausgebreitet bezeichnet — dennoch befchränken fie fich
auf dem Gebiete der Griechen auf den Timäus, die
aridotelifchen Kategorien und Perihermenias; im Mittelpunkte
feines Studiums deht Boethius; Cicero, Seneca,
Marcianus Capella, Macrobius find ihm bekannt

matorifcher Papd fei er nicht gewefen. Der hier aufgehellte
Satz id fchon — und das hätte doch wohl nicht
verfchwiegen werden follen — von Hauck, Kirchengefch.
Deutschlands III, 526 ff. ausgefprochen und begründet
worden. Der Hauptpunkt bei diefer Frage id die Re-
formfynode von Pavia. Hat der Papd hier nicht aus
eigener Initiative fondern nur in Nachgiebigkeit gegen
die Bedrebungen Heinrichs II. gehandelt, was Hauck

Die Disputation mit Otrik (der ganze Bericht Richers III, durchaus wahrfcheinlich macht, fo fällt jeder einiger-