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Ausgabe:

1898 Nr. 1

Spalte:

449-450

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Runze, Georg

Titel/Untertitel:

Katechismus und Dogmatik 1898

Rezensent:

Nitzsch, Friedrich August Berthold

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Seite 1

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449

Theologifche Literaturzeitung. 1898. Nr. 16.

Runze, Prof. D. Dr. Georg, Katechismus der Dogmatik.

Leipzig,J. J. Weber, 1898. (XI, 308S. 12.) Geb. M.4.—

Wer, veranlafst durch den vom Verf. gewählten Titel
diefes Buches, in demfelben etwa eine Darfteilung der
Glaubenslehre in der Geftalt eines Wechfels förmlicher
Kragen und Antworten fucht oder wenigftens eine
Po pulardogmatik oder endlich ein auf ganz enge Grenzen
befchränktes Compendium, der wird fich getäufcht
finden. Denn es fehlt in demfelben nicht an fehr ab-
ftract gehaltenen Partien, welche das populäre Gepräge
gar nicht an fich tragen, und eigentlich compendiös er-
fcheint eine dogmatifche Schrift auch nicht, welche zwar
nur etwa 300 Seiten umfafst, davon aber mehr als die
Hälfte in fehr engem Petitdruck und welche z. B allein
für die Beweife für das Sein Gottes mehr als 15 eng gedruckte
Seiten zu bieten hat. In der That erklärt fich
der Titel vielmehr lediglich aus der Beftimmung, in We-
ber's Illuftrirte Katechismen {sub man. 166) eingereiht zu
werden und dort neben ,F. Kirchners Katechismus der
Kirchengefchichte' die Theologie zu vertreten. Will man
hinter diefer Erklärung des Namens zugleich eine Art
von Kritik defselben wittern, fo hat Ref. dagegen nichts
einzuwenden.

Vorweg fei nun bemerkt, dafs der Verf. mehrere Eigen-
fchaften befitzt, vermöge deren er fich zur Abfaffung eines
folchen — wenn auch nicht wirklich populär gehaltenen,
doch — für ein ,weiteres Publikum' beftimmten .Katechismus
' befonders eignete. Dazu rechnet Ref. einerfeits einen
weiten Blick, der ihn vor der Gefahr zunftmäfsiger Be-
fchränktheit bewahrt und in die Regionen der Philofophie
nicht nur, fondern auch der Sprachkunde fowie der allgemeinen
Literaturgefchichte, ja Belletriftik eindringen läfist.
Der Verf. verfügt aber nicht nur über die dem entfprechende
Gelehrfamkeit, fondern auch fein ,Standpunkt' ift der der
Weitherzigkeit, ja eines gewiffen Latitudinarismus. Zwar
gilt er als Schüler J. A. Dorner's und verräth fich auch
hier als einen folchen, z. B. dadurch, dafs er auch heute
noch deffen Syftem als die reiffte Frucht der gefammten
,Deutfchen Theologie' hinftellt (S. 32). Allein abgefehen
davon, dafs Dorner felbft bei aller fchwäbifchen Pofiti-
vität auch ein Tropfen des Oeles fchwäbifcher Duldfam-
keit nicht fehlte, geht unfer Verf. in der Toleranz viel
weiter als fein Meifter. Letzterer würde vielleicht, wie
R. S. 67 .Meifterfchöpfungen der Kunft' mit zu den
Gottesoffenbarungen zu rechnen bereit gewefen fein,
nimmermehr aber dogmatifche Schriften, wie die von
Lipfius, Kaftan oder gar H. Lang empfohlen haben, wie
es Runze S. 36. 37 immerhin thut; er würde nie vom
Wunder fo geredet haben, wie R. S. 71, und die voreilige
Einführung eines Wundertheologumens für fchäd-
lich, jeden befonderen dogmatifchen Wunderbegriff für
entbehrlich erklärt haben (ebendaf.). Doch genug davon.
Dafs Verf. feinen Lefern die Wahrheit einfchärft, dafs
das neue ,Gottesbewufstfein Jefu die pofitive Quelle un-
feres chriftlich-religiöfen Lebens und feiner weltüberwindenden
Kraft' ift (S. 91), beweift, dafs er nicht gewillt
ift, der Oberflächlichkeit zahlreicher Mitglieder des .weiteren
Publikums' fich wie ein falfcher Prophet anzubequemen
. — Zu tadeln ift, dafs der Verf. hier und dort
zu viel Material, zu viel Partition, zu viel Diftinction vorbringt
, wie im § 8 (über die Principien des Proteftan-
tismus), den, fo wie er dafteht, ohne nähere Erklärung
kein Laie verftehen wird. Die Annahme verfchiedener
Quellen der Dogmatik (1. die fymbol. Bücher; 2. die
Schriftoffenbarung; 3. die perfönliche Erfahrung; 4. die
Wiffenfchaft; 5. die Grundanfchauungen der praktifchen
Moral, S. 13. 14) zeigt gleichfalls eine übertriebene Di-
ftinctionsfucht und führt zu einer mechanifchen Neben-
einanderltellung von Gefichtspunkten, die organifch miteinander
zu verknüpfen und auf eine Einheit (das chriltl.
Bewufstfein; zurückzuführen find. Endlich fehlt es in den
gefchichtlichen Notizen des Buches nicht an Ungenauig-

keiten und falfchen Zeichnungen. Die Behauptung (S. 72),
dafs felbft die altproteftantifchen Dogmatiker die Wunder
nicht contra, fondern nur praeter naturam gefchehen liefsen,
ift unrichtig, wie ein Blick auf Quenftedt und Buddeus
zeigt, der die Naturgefetze durch die Wunder geradezu
fuspendirt werden läfst. Dafs ferner wo eine snggestio
rerum et vcrborum bei der Infpiration angenommen wurde,
eine göttliche directio überflüffig war (wozu eine folche
noch aufser dem Dictat des h. Geiftes?) verfteht fich
von felbft (geg. Seite 79), und eine folche wurde in der
That von den orthodoxen Dogmatikern nicht hervorgehoben
. Auffallend ift andererfeits, dafs nach S. 79 Baier
beweifen foll, dafs der Wille der Autoren zum Nieder-
fchreiben nicht nur gereizt, fondern gezwungen wurde,
während B. doch ausdrücklich fagt: voluntatem eorum ad
actum scribendi excitavit (deus). Mit Unrecht macht fo-
dann R. die alten lutherifchen Dogmatiker (S. 94) in der
Lehre von den göttlichen Eigenfchaften zu Nominaliften.
Verzeichnet ift auch die Charakteriftik Biedermann's
(S. 32); von diefem hätte nicht lediglich gefagt werden
fallen, dafs er die Hegel'fche Dialektik in der Theologie
zur Vollendung führte, fondern auch, dafs er (in der
2. Auflage II, § 619) ausdrücklich in der .unmittelbaren
Identification des logifch-metaphyfifchen Problems
vom Verhältnifs des göttlichen und menfchlichen Wefens
an fich mit dem fpecififch religiofenProblem derChrifto-
logie' den Grundfehler der fpeculativen Chriftologien
erkennt. Theils veraltet, theils unvollfländig find die
Bemerkungen über die Bedeutung des Wortes Religion
(S. 38).

Uebrigens foll andererfeits nicht verkannt werden,
dafs der Katechismus doch auch für Theologen manches
Brauchbare und Werthvolle enthält. So finden fich in
dem (oben in anderem Zufammenhang bereits berührten)
Abfchnitt über die Beweife für das Sein Gottes gute,
nicht triviale Notizen und Urtheile.

Kiel. F. Nitzfeh.

Der moderne Mensch und das Christenthum. Skizzen und
Vorarbeiten. I. Von Arthur Bonus, Adolf Perino
und Martin Schian. (Hefte zur .Chriftlichen Welt'
Nr. 34/35.) Leipzig, J. C. B. Mohr, 1898. (40 S. gr. 8.)

M. -.75

Freunde der .Chriftlichen Welt' aus Frankfurt a. M.
und Umgegend taufchten auf einer ihrer Zufammenkünfte
im Sommer 1897 ihre Meinungen über den modernen
Menfchen aus. Der Gegenftand fchien ihnen ebenfo
merkwürdig und für das Chriftenthum in unferer Zeit
wichtig, wie es fchwer war für ihn eine irgend befriedigende
Formel zu finden. Diefe Ausfprache gab Förfter mit
den Anftofs zur Abfaffung feiner Brofchüre ,Die Möglichkeit
des Chriftenthums in der modernen Welt'. Dem
Herausgeber der .Chriftlichen Welt' kam gleichzeitig der
Gedanke, in feinem Blatt einen Wettbewerb über das
Thema zu veranlaffen (S. Nr. 28 vom 15. Juli 1897). Die
Beurtheiler der eingelaufenen fünfzehn Arbeiten (Proff. DD.
Baumgarten und Bouffet, und Kreisdirector Curtius)
erklärten einmüthig das Manufkript mit dem Motto aus
Emerfon: ,Die Welt gehört dem, der in ihr mit Heiterkeit
und nach hohen Zielen wandelt' für das den im Aus-
fchreibengeftellten Forderungen am meiften entfprechende.
Es war gewünfeht worden,eine Charakteriftik des modernen
Menfchen, auslaufend in wegweifende Worte über fein
Verhältnis zum Chriftenthum und das Verhältnis des
Chriftenthums zu ihm'. Zur Bedingung des Abdrucks
in der ,Chriftlichen Welt' war eine gewiffe Kürze gefordert
. Als Verfaffer der gekrönten Arbeit ergab fich
Herr Horft Stephan in Leipzig. Sein Auffatz wurde
unter der Ueberfchrift ,Chriftlich oder modern?' in der
Ch. W. (Nr. 1 des Jahrgangs 1898) veröffentlicht.

Von den übrigen Auffätzen schieden die Beurtheiler