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Ausgabe:

1898 Nr. 16

Spalte:

445-448

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Staehelin, Rudolf

Titel/Untertitel:

Huldreich Zwingli. Sein Leben und Wirken nach den Quellen dargestellt 1898

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung. 1898. Nr. 16.

446

Staehelin, Prof. Dr. Rudolf, Huldreich Zwingli. Sein
Leben und Wirken nach den Quellen dargeftellt.
3. und 4. Halbband. Ausbau und Kampf. Bafel, B.
Schwabe, 1897. (S. 288—540. gr. 8.) ä M. 4.80

Mit Recht hat Kolde ZKG 17. Band S. 317 Stähe-
lin's Zwinglibiographie ,eine der erfreulichften Erfchei-
nungen auf dem Gebiete der reformationsgefchichtlichen
Literatur' genannt und ,feine ruhige, befonnene Art, das
feinfinnige Urtheil und die allen äufseren Prunk ablehnende
einfache Darflellungsweife' gerühmt. Die beiden
letzten Halbbande, deren Vollendung dem Verfaffer in
verhältnifsmäfsig kurzer Zeit gelungen ift, beüätigen
Kolde's Urtheil vollauf. Das ganze Buch lieft fich angenehm
bis zum Schlufs. Die Aufgabe des Biographen
war mit dem zweiten Bande gewachfen. Denn jetzt hatte
er die Zeit zu behandeln, da der Reformator der Einzelgemeinde
Zürich eine neue Landeskirche bis aufs Schul-
wefen hinaus organifiren mufste und eine Auseinander-
fetzung mit der deutfchen Reformation wie mit der ganzen
Eidgenoffenfchaft zur unabweislichen Nothwendigkeit
geworden war. Zwingli ftand auf der Höhe feiner Wirk-
famkeit, die weit über fein Vaterland hinausreichte. Seine
Arbeitskraft war aufs Aeufserfte angefpannt. Man ftaunt
über die Kühnheit feiner Entwürfe und Pläne, die rafche
Entfchloffenheit bei entfcheidenden, folgenfchweren
Schritten, den unverzagten Muth, auch wenn die ange-
fponnenen Fäden reifsen, Bundesgenoffen verfagen und
Widrigkeiten drohen, die ihm zuletzt den Tod bringen.
Mykonius hatte ein gewiffes Recht, Zwingli unter dem
frifchen Eindruck feines Todes ,den Helden und den
Theologen' zu nennen. War Zwingli früher meift nach
der letzteren Seite hin gewürdigt worden, fo zeigt ihn
Stähelin auch und noch mehr als fein Vorgänger Möri-
kofer auf Grund des reichen, nun durch Strickler und
Egli veröffentlichten Quellenmaterials in feiner kirchen-
politifchen Wirkfamkeit. Man erkennt, wie Zwingli nur
richtig gewürdigt werden kann, wenn man Beides, den
Theologen und Staatsmann, in feiner Perfon zufammen-
nimmt. Nur fo läfst fich der Gegenfatz gegen Luther,
den einfügen Wittenberger Mönch, recht verftehen, der
Zwingli einmal im Unmuth den Triumphator und ftolzen
Imperator nannte, weil ihm die Doppelftellung Zwingli's
nach feiner Eigenart völlig unverftändlich fein mufste.
Und die Stellung, welche Zwingli im Rath zu Zürich einnahm
, die Art, wie er den Kampf mit den altgläubigen
fünf Orten führte, wie er auf einen grofsen mitteleuro-
päifchen Glaubensbund hinarbeitete, wie er vor keinem
Gewaltfchritt, wie der Hinrichtung Jakob Grebel's und
Marx Wehrli's, vor der Einnahme des Klofters St. Gallen,
ja felbft vor der Kolter nicht zurückfchreckte, wo es galt,
das Papftthum zu bekämpfen und die Sache der Züricher
Reformation zu ftärken, wie er das Heer in den Krieg
begleitete, um nicht nur als Feldprediger zu wirken,
fondern auch mitzurathen (vgl. S. 377, 488), erinnert an
einen Imperator. Die Rückkehr von der Disputation in
Bern, welche Luther im Auge hatte, glich wirklich einem
Triumphzuge. In Bern hatte nicht nur der Theologe,
fondern auch der Politiker Zwingli gehegt.

Kür Lefer, welche von der deutfchen Reformations-
gefchichte her an Zwingli herantreten, hat diefe Verbindung
zweier disparater Elemente in Zwingli's Geftalt
etwas Befremdendes. Denn dort ift die Politik in den
Händen der Fürften und Städte, ihrer Kanzler, Bürger-
meifter und Stadtfchreiber. Wo die deutfchen Theologen
auf dem Boden der Politik und Diplomatie fich bewegen,
lind fie unbehilflich und bringen die Politiker faft zur
Verzweiflung, wie Melanchthon auf dem Reichstag zu
Augsburg 1530. Wie die Schweizer zur Rechtfertigung
der Theilnahme Zwingli's am Kriegszug gegen die fünf
Orte auf altes Herkommen fich berufen (S. 488, 509), fo
wird man für die richtige Beurtheilung Zwingli's überhaupt
nie vergeffen dürfen, dafs er ein Sohn der Eidgenoffenfchaft
ift. Sein Selbftbewufstfein, fein Selbft-
' ftändigkeitsgefühl, das lieber den Zufammenfchlufs mit
den deutfchen Evangelifchen opfert, als auf die Annahme
I der Tetrapolitana als Vorbedingung des Schmalkaldifchen
1 Bundes eingeht und die Furcht vor der Macht Karls V. und
Ferdinands nicht kennt (vgl. S. 425), erklärt fich aus der
| glorreichen Vergangenheit feines Vaterlandes, das fich in
j heldenhaften Kämpfen gegen den Druck der Habsburger
die Freiheit errungen und in dem fchmählich endenden
Schwabenkrieg 1499 das deutfche Reich in feiner ganzen
Jämmerlichkeit unter dem habsburgifchen Kaiferthum
kennen gelernt hatte. Seit jenem Krieg hatte fich der
Gegenfatz zwifchen den Reichsdeutfchen und den (lamm-
I verwandten Eidgenoffen ungemein vertieft; man blieb
j hüben und drüben gleich den alten homerifchen Helden
einander keinen Schimpfnamen fchuldig, der Schweizer
, fah auf den Deutfchen gewaltig herab, der freie Bürger
auf den Unterthanen der Fürften. Das angrenzende Gebiet
des Reichs fchien zu Annexionen geeignet, die kleinen
Reichsftädte wie Rottweil, fuchten im Anfchlufs an die
Schweiz Stärkung. Die Macht Oefterreichs zu fchädigen,
fo gut man konnte, lag dem Sohn der Schweiz in jener
Zeit im Blut. Deutfchland hatte jetzt in feinem echteften
Sohne fich wie ein Löwe nach der Schmach erhoben,
Zwingli aber hat ihn im Verdacht des Hochmuths und
hochfahrenden Wefens. Luther predigte mit deutfcher
Treue den Gehorfam gegen die deutfche Obrigkeit.
Zwingli aber hat ihn im Verdacht, ein Schmeichler der
Fürften zu fein, ja er kann fich Luther's Haltung in der
Abendmahlsfrage nur erklären aus Rückficht auf die
Fürften (vgl. bei Stähelin S. 297 und die noch ftärkere, wenn
auch etwas verblümte Aeufserung S. 286), obgleich er felbft
Fürften Schriften widmet, felbft Franz I. von Frankreich,
ja dem fächfifchen Kurfürften. Das Kaiferthum galt dem
Deutfchen noch als gottgefetzte Obrigkeit. Luther hatte
fchwere Gewiffensbedenken gegen den bewaffneten Wider-
ftand wider den Kaifer. Zwingli wirbt für ein grofs-
fchweizerifches ,Burgrecht' mit der Spitze wider den
Kaifer, ihm ift der Kaifer nur ein Vertreter der felbft-
füchtigen öfterreichifchen Hausmacht und des nicht minder
felbftfüchtigen Papftthums.

Die Concordie war möglich mit den Reichsftädten
des Südens: fie waren deutfch. Eine Concordie mit der
Schweiz mufste nicht etwa nur am theologifchen Gegenfatz
in der Abendmahlsfrage fcheitern; er war zugleich der
Ausdruck eines viel tiefer gehenden Gegenfatzes, der erft
nach einer langfamen, völligen Umgeftaltung der hifto-
rifchen Verhältnifse in Deutfchland und der Schweiz einer
Annäherung wich. Zwingli fühlte ganz richtig, dafs fein
Beitritt zur Tetrapolitana ein Aufgeben feiner Selbft-
ftändigkeit wäre, ein Zugeftändnifs, das für die ganze
Stellung der Schweizer in dem in Ausficht genommenen
Bund bedenklich werden konnte, und er befann fich
keinen Augenblick auf den für Zürich in feinem Ver-
hältnifs zu den fünf Orten wichtigen Bund zu verzichten,
eine That, der man die Anerkennung nicht verfagen kann,
je mehr man fie neben Butzer's Werbungen Hellt.

Auch die Lehreigenthümlichkeit Zwingli's wird man
nur als Ergebnifs der gefchichtlichen Entwickelung recht
würdigen können. Mit Recht weift Stähelin Stahl's
Kennzeichnung derfelben als ,humaniftifche Verflachung
der Gedanken Luther's' ab. Aber die Grundlage derfelben
wird doch ,feine urfprünglich humaniftifchc Rich-
i tung' fein (vgl. S. 184). Man wird hier allerdings nicht
mit Sigwart an Picus von Mirandula anknüpfen dürfen,
i aber um fo mehr an Erasmus. Auf den Humanismus
wird es zurückzuführen fein, dafs der Ausgangspunkt der
Theologie Zwingli's die Gotteslehre, nicht die Chriftologie,
bildet, und für ihn, auch in hervorragenden Predigten,
| nicht die Gnade, fondern die Vorfehung Gottes der be-
herrfchende Gedanke ift. Noch ftärker zeugt für den
humaniftifchen Grundzug in Zwingli's Theologie der
S Univerfalismus, der auch einen Herkules, Thefeus, die