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Ausgabe:

1898 Nr. 15

Spalte:

416-418

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fauth, Franz

Titel/Untertitel:

Dr. Martin Luthers Leben 1898

Rezensent:

Tschackert, Paul

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415 Theologifche Literaturzeitung. 1898. Nr. 15. 416

teftamentlicher Schriften, mit Ausnahme der beiden kleinen
Johannesbriefe und der Apokalypfe enthält. Bekanntlich
hat C. letzteres Buch niemals commentirt, und bezeichnet
er öfters den erften Johannesbrief als Ja canonique1. Zum
Grunde liegt für die grofse Mehrzahl der Bücher der Text
der 1546 bei Girard erfchienenen, unter C.'s Betheiligung
veranstalteten Ausgabe (vgl.Bd.I, pag.IV—V); damit wurden
die Ausgaben von Badius (1554 und 1555), von Barbier (1559),
von Jaquy (1562), fowie zwei in Lyon in den Jahren 1548
und 1563 abgedruckte Neuen Teftamente verglichen; mit
der ihm eigenen Sorgfalt und Genauigkeit hat Reufs endlich
die Varianten aus den von Calvin felbft veröffentlichten
oder revidirten Commentaren herangezogen. In der Zu-
fammenftellung diefer Varianten liegt der Hauptwerth
diefer kritifchen Ausgabe der Bible de Calvin. Eine genauere
Prüfung der Varianten würde vielleicht keine undankbare
Arbeit fein. Schon ihre beträchtliche Zahl mufs
auffallen: zum Römerbrief find mehr als 700 aufgezeichnet,
zum Judasbrief etwa 120. Viele derfelben find felbftver-
ftändlich belanglos und beziehen fich nur auf Kleinigkeiten.
Manche indeffen bieten ein theologifches Intereffe und
laffen bald die Unficherheit des Exegeten, bald fein Be-
ftreben, beffernde Hand anzulegen, erkennen. So ift z. B.
die Wiedergabe des johannifchen fiovoyevrjq in allen Stellen
des Evangeliums fchwankend, bald seulFils, bald Fils unique,
bald seid nay, engendre, issu (1,14); die Ausgabe von 1598
überfetzt den Terminus durch den Ausdruck le seid Fils
aisne (1,18). Eine befondere Bedeutung mufs den Ver-
fchiedenheiten der Ueberfetzungen im Römerbriefe beigelegt
werden: ich verweife auf Stellen wie Rom. 3, 23—25;

5, 12—21; 7, 3. 24; 8, 3. 19. 36 u. f. w., die Zahl der inter-
effanten Varianten liefse fich leicht vermehren. Uebrigens
ift die hier gebotene Ueberfetzung fammtden fie begleitenden
Anmerkungen noch in anderer Beziehung beachtens-
werth. Auffallend ift vor Allem, dafs die kritifchen Bedenken
, welche in C.s Commentaren manchmal auftauchen
und bei dem Reformator einen damals feltenen hiftorifchen
Sinn bekunden, in der Ueberfetzung völlig zurücktreten;
auch find in manchen Stellen Anachronismen wahrzunehmen
, die auf eine ziemlich ftarke Einwirkung der
concreten Verhältnifse der Gegenwart fchliefsen laffen
könnten: fo ift das jüdifche Synedrium in den älteften
Ausgaben le Consistoire, fpäter le Conseil (Act. 5, 21. 27;

6, 15). Auch fprachlich würde das Studium der Calvin-
Bibel manche Ausbeute liefern: ich fehe ab von der
Orthographie, die fich durch Willkür und Ungleichmäfsig-
keit auszeichnet und aus welcher erhellt, dafs von einer
ftetigen Tradition und feften Regeln zur Zeit Calvin's nicht
die Rede war; dagegen ist der Sprachfehatz zweifellos ein
reicherer als der, welcher im folgenden Jahrhundert den
claffifchen Schriftftellern zu Gebote ftand. Wie anmuthig
ift das veraltete corbeillees (Matth. 16, 19)! wie bezeichnend
das ebenfalls aufser Gebrauch gekommene fiance,
das ein Bersier als den treffendften Ausdruck für das
Wefen des evangelifchen Heilsglaubens bewunderte! —
Endlich würde es fich lohnen, zu unterfuchen, wie weit der
Einflufs diefer Ueberfetzung auf die folgenden Verfuche
reicht. Es würde fich herausftellen, dals fowohl Martin als
Ofterwald von der Genfer Bibel abhängig find; manche
Formeln find direct aus jener alten Ueberfetzung entnommen
(z. B. Mt 12, 34, auch von Stapfer [1889] beibehalten
). — Die Ausftattung des Werkes ift gefällig und
hübfeh; leider ift das Nachfchlagen in diefem, wie im erften
Band, durch das Fehlen der Kapitelangaben oben oder
am Rande fehr erfchwert, ein Fehler, den der auf mög-
lichft praktifche Einrichtung und Anlage bedachte Strafs-
burger Altmeifter gewifs nicht begangen hätte.

Strafsburg i. E. P. Lobftein.

| Lenz, Prof. Dr. Max, Martin Luther. Festfchrift der Stadt
Berlin zum 10. Novbr. 1883. 3. verb. Aufl. Mit
1 Titelbilde. Berlin, R. Gaertner 1897. (IV, 224 S.
gr. 8.) M. 3.-

Das Lutherfeft des Jahres 1883 hatte unter feinen
I überreichen Productionen zu Ehren des Reformators
| einige fo bedeutend hervorragende Schriften veranlafst,
| dafs fie noch heute zu den werthvollften Werken der
j Reformationsgefchichte gerechnet werden. In diefe Reihe
gehört wegen ihrer eigenartigen Vorzüge die Lenz'fche
| Lutherbiographie. An Umfang zwar nur eine kleine
I Schrift (gedacht als Gefchenk an die Schüler der Berliner
höheren Schulen), bringt fie den gefchichtlichen
Charakter Martin Luther's in plaftifcher Vollendung all-
feitig zur Darftellung. Sie zeichnet fich aus durch Streng
i fachliche Auffaffung der Reformation und umfaffende
1 Beherrfchung der gefammten culturgefchichtlichen Verhältnifse
, unter denen fie verlief; ein warmes religiöfes
Intereffe durchzieht den Bericht, und nirgends verleugnet
der Erzähler feine entfehieden proteftantifche Gefinnung.
Die Darfteilung ift in hohem Maafse klar und durchfichtig
. — Inhaltlich ift das Buch in feiner dritten Auflage
in der Hauptfache dafselbe geblieben wie in feinen
beiden Ausgaben des Jahres 1883: es behandelt in ge-
fchichtlicher Folge zuerft die deutfehen Zuftände und
Anfchauungen in Luther's Jugendzeit, fchildert fodann
Luther's Entwickelung bis 1517, feinen Bruch mit Rom
und den Romaniften (bis 1521), das Verhältnifs der Reformation
zur Revolution (bis 1525), Luther's Hausftand
und die Entftehung des lutherifchen Landeskirchenthums,
die Spaltung des Reiches und Luther's Mitarbeit ,mit
der evangelifchen Partei wider Kaifer und Papft' bis
1546. Aber die beffernde Hand ift an vielen Stellen zu
fpüren: Minder Wichtiges ift geftrichen (wie die Partie
über Prierias 2 A. S. 61 , über Luther's Brief an
Karl V. 2 A. S. 94 u. a. m.). Anderes ift gemäfs
den neueren Forfchungen verändert (wie die Verhandlungen
Luther's mit Miltitz 1519, die Nachricht über die
Datirung des Wormfer Edicts 1521 u. f. f.). Der Ver-
faffer berichtet im Vorworte felbft, dafs ihm Th. Brieger
,aus dem reichen Schatze feines Wiffens faft in jedem
Capitel des Buches beftens geholfen' habe, und dafs ihm
für die Gefchichte des Wormfer Reichstages der Herausgeber
der betreffenden Reichstagsacten Dr. Adolf Wrede mit
feinen ,originalen Kenntnifsen' des Zeitraums Dienfte ge-
leiftet hat. So wird das fchöne Buch neben den Luther
biographien von Köftlin, Kolde, Plitt, Berger u. A. feine
ehrenvolle Stelle behaupten. Möge es noch recht viele
Auftagen erleben!

Göttingen. P. Tfchackert.

Fauth, Gymn.-Prof. Dr. Franz, Dr. Martin Luthers Leben.

Dem deutfehen Volke erzählt. Mit 25 Original-Abbildungen
von Ed Kaempffer. Leipzig, G. Freytag,
1897. (VII, 228 S. gr. 8.) M. 5.—; geb. M. 6.—

Trotz der reichen Lutherliteratur, welche wir haben,
wird man diefem neuen Leben Luther's das Lob zu-
fprechen müffen, dafs es eine Lücke ausfüllt. Es tritt
in die Reihe der populären Lutherbiographien, will
aber das Leben des Reformators dem deutfehen Volke
mit möglichfter Anfchaulichkeit nahe bringen. In der
Art der Darfteilung, nicht in dem Inhalte des Berichtes
liegt daher das Eigenthümliche des Werkes. Stofflich
bringt es nichts Neues, fondern ruht felbft auf der
bekannten Literatur über Luther (auf Köftlin, Kolde,
Guft. Freytag, M. Lenz, Rietfchel u. A.); aber formell
tritt es als eine durch edle Volksthümlichkeit ausgezeichnete
Leiftung hervor: es will die Gefchichte Luther's
veranfehaulichen, will fie darftellen, wie fie unmittelbar
zu Herzen fpricht; fo foll fie dem Haufe, der Kirche und