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Ausgabe:

1898

Spalte:

390-391

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rahmer, Moritz

Titel/Untertitel:

Die hebräischen Traditionen in den Werken des Hieronymus. 2. Thl.: Commentarii in XII prophetas. Heft II: Joël 1898

Rezensent:

Siegfried, Carl

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3«9

Ineologifche Literaturzeitung, ibyö. Nr. 14.

Eva'. . . ,Sie fpricht njStJ " n§ tr1« "'»T?!?- Das ift zu
überletzen: Ich habe niftend hervorgebracht einen Spross,
den Werdewerdemacher'. Diefe Worte fpricht Eva ,in
meffianifcher Hoffnung'. Jedes Wort fei von Eva mit
befonderer Abficht gewählt, n:p ,als Nachahmung des
göttlichen Thuns', ET« im Hinblick auf den Idealmann,
n--- fei als Futurum Fiel zu lefen, S. 17; das 1 fei ein
verftümmeltes Wh S. 3. Aber ,Eva macht in jedem
Worte einen Fehler oder zwei'. Erftens durfte fie nicht
n:p fagen, das ift nur Gott erlaubt; zweitens ift anmafsend
von ihr, dafs fie felbft den Idealmann hervorbringen will;
der dritte Fehler liegt in dem Worte «n», dies fei eine
Nominalbildung, durch die das ,rein Kreatürliche| ausgedrückt
werde, während die gottgewirkte Geburt in den
erften Capiteln der Genefis mit der Infinitivform bezeichnet
werde; der vierte Fehler ftecke in dem MS, dies
bedeute nämlich, von der Wurzel fflt( „begehren" herkommend
S. 18, das begehrte Object, der Meffias dürfe
aber nicht ftürmifch begehrt, fondern muffe geduldig erbeten
werden; der fünfte Fehler der Eva liege in dem
Ausdruck mm, das fei zu viel Ehre für ihren Sprofs,
S. 19! Arme Mutter des Lebens, wie erbleichen doch
deine Theologie und hebräifche Sprachkenntnifs vor der
Weisheit des Herrn Paftors zu Gaarz! Warum kümmertet!
du dich aber auch fo wenig um Pual, Nominalbildung
und Infinitivformen! Hattert du doch ein privatissnnum
bei Herrn Paftor Steinführer über Hebräifch und biblifche
Theologie hören können — dann hätteft du dich ficher
nicht fo vor der Nachwelt blofsgertellt! So blieb Eva
fich felbft überlaffen, — aus dem Umgang mit Adam
fcheint fie nicht viel haben lernen zu können — trotzdem
macht fie in der Folgezeit einige Fortfchritte m
Theologie und Hebräifch, fo dafs fie bei der Geburt Seths
weit correcter denkt und fpricht. Sagt fie doch jetzt
viel befcheidner: Gott ij; tiEj und nennt den Seth einen
p, d. h. einen Erbauten Gottes, denn p hängt mit !"J5S
„bauen" zufammen S. 7,21. Seth ift der rechte Same
und doch auch wieder nicht, er ift der Anfänger einer
Entwickelung, deren Vollender Chriftus ift S. 22. Von
Seth an werden den Nachkommen der Urväter Namen
gegeben, durch die fie als Gefchenke Gottes bezeichnet
wurden. Denn Gen. 4,26 ift mm zu fprechen. Warum?
,Erftlich — fagt der Herr Verf.'S. 32 — habe ich dazu
'die Freiheit. Die Punktation des mm ift ja offene Sache.
Haben auch die Punktatoren die Vokale von 13-« untergefetzt
, fo kann dies eben mitgefchehen fein, weil fo-
wohl Form wie Sinn von mm zu IJTit pafsten. Und
die Tradition lieft ja Jehovah = mm '= rTlh Mir will
die Tradition von mm = mm als "eine urfprüngliche
Lesart von mm erfcheinen, gerade auf Grund unferer
Stelle'. Aus dem anfänglichen Nennen jedes wunderbar
Geborenen ,nach der Norm mm' erfolgte dann die Anrufung
des Namens mm, S. 33,' der ,in der Familie der
Patriarchen zum Eigenhamen für Gott neben D^rrbäF
wurde, ,fodafs Er mit Elohim abwechfeln und Ihn vertreten
konnte' S. 34. Mit oft geradezu lächerlichen Behauptungen
wird dann der Wechfel im Gebrauch der
Namen Elohim und Jahwe in der Patriarchengefchichte
zu erklären gefucht, bis endlich von Ex. 6 ab Gott fich
als den mm S. 66 zu erkennen giebt. Verfchiedene
Quellen in der Genefis wegen der wechfelnden Gottesnamen
anzunehmen, wäre ,die gröfste Thorheit' S. 62.

Alfo das Tetragramm mm ift bald m,m, bezw. wegen j
der Verwandtfchaft der Verben T" mit iO, mm, bald
mm = mm, bald mm zu fprechen!--

Diefer'Theogonie' ift eine Reihe von Begriffserklärungen
S. 1 —16 vorausgefchickt, mit denen nachher
operirt wird. So hören wir z. B., dafs DD ,Sem' von
Di« abzuleiten S. 2, HK ,Bruder' = infix ,Mitlebender'
fei, S. 6; oder DT1 ,Tag' mit mn zufammenhänge, D'i
fei nämlich Plural des Infin. absol. rf*n (!) = Dmn = DiV
— S. 6 — als ob ein Inf. absol. flectirt werden könnte! I
KID bedeute im A. T. wie r XB-ov im N. T. ,kein ehe- |

liches, fondern ein fchiefes Verhältnifs, fei es im unheiligen
oder heiligen Sinne'. Für letzteres wählt Verf.
unter anderem alsBeifpiel das Kommen Gabriel's zu Maria
S. 10! Noch einige Pröbchen der Exegefe unferes Verf.'s.

Der Thurmbau von Babel Gen. 11 ift ,eine Offenbarung
des dreieinigen Gottes' S. 52; pyst 125 Gen. 7, 16
— im Original heifst es aber "iSD>,l! — bedeute: Jahwe
verfchliefst das Gebären bei Thieren und Menfchen
während des Jahres der Sündfluth S. 47. Die Engel find
möglicherweife ,zwifchen Mann und Weib gefchaffen'
S. 37; fie vermifchten fich ,kraft ihrer Doppelnatur' mit
den Menfchentöchtern nicht durch gefchlechtlichen Verkehr
, fondern mehr durch ,eine Kraftäufserung'; dafs
diefer Umgang ,Früchte' tragen konnte, wird durch den
Hinweis auf die Fortpflanzung der Effecten wahrfchein-
lich gemacht! S. 38. Aehnliche Curiofa werden faft Seite
für Seite mit ernfter Miene vorgetragen.

Der Herr Verf. ift Vertreter eines fauftdicken bib-
lifchen Realismus und einer allegorifirenden Exegefe, wie
beides nicht fchlimmer in den finfterften Zeiten der
Synagoge und Kirche möglich war. Für unfer heutiges
Theologengefchlecht find Gott fei Dank derartige phan-
taftifche Ausfagen Stimmen aus einer gänzlich fremden
Welt. Eine Auseinanderfetzung mit dem Herrn Verf. wäre
zwecklos, da jeder Boden zu einer Verftändigung fehlt.
Wir wollen den Herrn Verf. auch in feinen fchnurrigen
Gedankengängen nicht ftören, denn erftens hat er, —
um feine eigenen Worte zu gebrauchen, — dazu die
Freiheit, und zweitens müfsten es fonderbare Heilige
fein, die ihn auf feinen Irrfahrten begleiteten. Aber tiefbetrübend
bleibt doch, dafs ein proteftantifches Pfarrhaus
in unferen Tagen noch die Brutftätte derartiger weder
erbaulichen noch wiffenfchaftlichen Werth befitzenden
Gedanken fein kann.

Halle a/S. Georg Beer.

Rahmer, Dr. Moritz, Die hebräischen Traditionen in den
Werken des Hieronymus. Mit den jüdifchen Quellen
verglichen und kritifch beleuchtet. 2. Tbl.: Commen-
tarii in XII prophetas. Heft II: Joel. Berlin, S. Cal-
vary & Co., 1898. (18 S. gr. 8.)

Unferes Wiffens hat zuerft H. Graetz in der Monats-
fchrift für Gefchichte und Wiffenfchaft des Judenthums
von Z. Frankel, Jahrgang 1854 S. 311 ff. 352ff. 381 fif.
428ff. in feinem Auffatz: ,Hagadifche Elemente bei den
Kirchenvätern' aufmerkfam gemacht auf die mancherlei
Einwirkungen, welche die ältefte chriftliche Exegefe von
Seiten des jüdifchen Midrafch erfahren hat. Auf den
fruchtbarften Boden find diefe Winke bei dem Verfaffer
des oben angezeigten Werkes gefallen, der es fich zur
befonderen, Jahre hindurch verfolgten, Aufgabe geftellt
hat, den in der bezeichneten Richtung ergiebigften Kirchenvater
, den Hieronymus, zu durchforfchen. Sein Erft-
lingswerk bereits, die I861 erfchienene Breslauer Doctor-
differtation, brachte einen erften Theil über die hebrä-
ifchen Traditionen in den Werken des Hieronymus der
die quaestiones seu traditiones hebraicae in Genesin des
Kirchenvaters behandelte. Im Jahre 1865 folgte in der
jüdifchen Wochenfchrift: ben Chananja die Befprechung

der quaestt. seu traditiones liebr. in Ubros regum. _Dafs

die Unterfuchung über die quaestt. seu tr. hebr. in libros
Paralipomenon unter dem Titel: ,Ein lat. Commentar aus
dem IX. Jahrhundert zu den BB. der Chronik verglichen
mit den jüdifchen Quellen Thl. I (das 12. C. der Chronik
betr.)' Thorn 1866, welche wir bis jetzt auch ihm
zugefchrieben hatten, nicht von ihm, dem Magdeburger
Rabbiner, fondern von einem Dr. A. Rahmer in Berlin
herrührt, haben wir erft aus der hier angezeigten Schrift
S. 17 f. erfahren. — Dagegen hat auch unfer Verfaffer
in einem 2. Theil diejenigen hebräifchen Traditionen
unterfucht, welche in den Commentaren des Hieronymus