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Ausgabe:

1898 Nr. 10

Spalte:

280-281

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stählin, Otto

Titel/Untertitel:

Oberkonsistorialpräsident D. Adolf von Stählin 1898

Rezensent:

Hans, Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1898. Nr. 10.

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dem für jeden, der Sinn für evangelifches Gemeinde- Stählin, Gymn.-Lehr. Dr. Otto, Oberkonsistorialpräsident D.
leben hat, von Intereffe. Was das Verhalten des Frank- Adolf von Stählin. Ein Lebensbild mit einem An-
furter Raths und der lutherifchen Prediger gegen die j h yon Predigten und Reden. Mit einem Bildnis.
Flüchtlinge betrifft, fo bietet die Schrift von G. E. Steitz, ....ö, 0 0 ö„ „ „ , /WTT , c
,Der lutherifche Prädicant Hartmann Beyer. Ein Zeitbild München, 1898, C. H. Beck. (VII, 260 S. gr. 8.)
aus Frankfurts Kirchengefchichte', in ihrem VII. Ab- M- 2-~; geb. M. 2.80

fchnitt eine Ergänzung zu der Schilderung von Nefsler Die vorflehende Schrift ift der erweiterte Abdruck

und läfst die Frankfurter, ohne fie zu entladen, in nicht j eines in der Allg. Evang. Luther. Kirchenzeitung erfchie-
ganz fo unerfreulichem Licht erfcheinen. Ein gewiffes nenen Nekrologs auf den im vorigen Jahre verdorbenen
Diplomatifiren auf Seiten der Fremden zu Anfang, ein , Präfidenten des bayr. Oberconfidoriums, D. Adolf von
darkes Selbdbewufstfein im weiteren Verlauf wird zu- Stählin. In anfprechender Weife wird fein Lebensgang
zugeben fein, wie auch die andere Thatfache, dafs ihre j in Kürze gefchildert und ein Bild feiner Entwickelung
Streitigkeiten untereinander nicht gerade für de ein- und feiner Perfönlichkeit gezeichnet. Der Sohn eines

nahmen. Feffelnd id die Charakteridik des hochherzigen
', wenn auch nicht weitherzigen Schirmherrrf der
Vertriebenen, eines Schwiegerfohns des grofsen Oraniers.
Die von ihm mit den Flüchtlingen abgefchloffene Capitu-

rationalidifchen Pfarrers, wurde er fchon durch den Religionsunterricht
, den er auf dem Gymnafium empfing und
dann durch die Eindüffe, die in Erlangen auf ihn wirkten,
wo damals Harlefs, Hofmann und Thomafius thätip

lation id allerdings ein Meiderdück daatsmännifcher 1 waren, für die von den letztgenannten Männern verWeisheit
. Von merkwürdigen Einzelheiten aus der Ge- [ tretene Theologie gewonnen und blieb diefem Standpunkt
meinde-Gefchichte und -Organifation feien genannt das fein Leben lang treu. Nachdem er, in den Diend der
frühe Erlöfchen des Synadollebens, das in einleuchtender ! Kirche eingetreten, einige Pfarrdellen bekleidet hatte,
Weife erklärt wird, die für das Zeitalter der Frauenfrage wurde er 1866 zum Conftdorialrath in Ansbach ernannt,
intereffante Thatfache, dafs in der niederländifchen Ge- von da 1879 ins Oberconfidorium nach München ver-
meinde Frauen das Recht hatten, bei der Pfarrwahl durch ; fetzt und bald darauf, 1883, zum Präfidenten diefer Be-
beauftragte Männer ihre Stimme abgeben zu laffen, die j hörde ernannt. Stählin war eine ebenfo begabte, wie
Wahl des Stadtrathes als kirchlicher Act, die feierliche i edle und liebenswürdige Perfönlichkeit. Bei aller EntZubereitung
der Abendmahlselemente durch die Diako- | fchiedenheit, mit der er den Standpunkt lutherifcher
nen, über deren Ausübung der Armenpflege ich gerne j Orthodoxie nach allen Seiten hin vertrat, war er doch
Genaueres erfahren hätte, die für die verfchiedenen Amts- '• milde in feinem Urtheil über Perfonen und Richtungen
handlungen der Diakonen verfafsten Gebete. Vor allem und zur Weitherzigkeit geneigt. So wünfchte er zwar,
aber mache ich aufmerkfam auf den Abfchnitt über den wie fein Biograph hervorhebt, ,dafs die moderne Theologie
Kirchenbau, nicht nur, weil deffen Gefchichte reich ift j unter den Theologieftudirenden und Candidaten der
an ergreifenden Zügen, fondern weil die Kirche felbft Landeskirche möglichft wenig Anhänger finden möge.
Beachtung verdient. Als Doppelkirche gewollt, damit ! Aber er war weit davon entfernt, deswegen etwa eine
das fchwefterliche Verhältnifs der beiden Gemeinden auch ' Befchränkung der akademifchen Freiheit zu befürworten
in ihr fich darftelle und als Ausdruck des Dankes dafür, oder vor dem Befuch der oder jener Univerfität zu
dafs Gott den lang Umhergetriebenen eine bleibende < warnen. Sein Wunfeh war vielmehr, dafs die jungen
Stätte gewährt hatte, ift fie dem äufseren Eindruck nach Theologen auch andere Richtungen kennen lernen, aber
ein Unicum, mehr merkwürdig als anfprechend, die Ge- durch ernfte ethifche und wiffenfehaftliche Vertiefung
Haltung der beiden Innenräume aber auf acht-und zwölf- zu dem Ziele kommen möchten, wahrhaft fprechen zu
eckigen Grundflächen ift einer der erften und wie es fcheint können: Ich glaube, darum rede ich'. In dem Streite
glücklichen Verfuche, die Aufgabe zu löfen, wie eine zwifchen Hofmann und Philippi ftand er fachlich nicht
evangelifche Predigt- und Gemeindekirche zu bauen fei. auf Hofmann's Seite. Aber die Art, wie gegen Hofmann
Zum erften Mal in Deutfchland wird hier für den evan- vorgegangen wurde,,das ketzerriecherifcheund-richterifche
gelifchen Kirchenraum der Centraibau gewählt. Dar- Wefen' war ihm zuwider. Uud mit Recht bemerkt er:
auf hatte fchon das Werk der Berliner Architecten ,Der ,Vor dem Forum ftrengfter lutherifcher Orthodoxie ift
Kirchenbau des Proteftantismus' hingewiefen. Was dort ja keiner unterer jetzigen lutherifchen Theologen ganz
nur angedeutet werden konnte, wird hier von Nefsler gerecht'.

ausgeführt, zugleich aber werden die Angaben über die j Mit fo warmer Liebe und Verehrung für die Perfon
Bauzeit berichtigt. Früher als dort angegeben, nämlich Stählin's die vorliegende Schrift gefchrieben ift, und wenn
von 1600—1608, und nicht nacheinander, fondern gleich- fie auch mehr den Charakter eines Nekrologs als einer
zeitig wurden beide Kirchen erbaut, höchftens die Nieder- Biographie trägt, fo ift fie doch keineswegs blofs ein
ländifche ganz kurze Zeit nach der Wallonifchen Panegyricus. Das gefpendete Lob ift, auf das Ganze
vollendet. Mittheilungen fachmännifcher Beurtheilung gefehen, kein übertriebenes, und einzelne Schwächen
und verfchiedene Abbildungen bringen uns den eigen- werden nicht verfchwiegen, fondern fchonend angedeutet,
thümlichen Bau noch näher und verhindern uns, ihn mit Dazu gehört einegewiffeEmpfänglichkeit undEmpfindlich-
einem Sonderbar' abzuthun. Von den übrigen Bildern '. keit für lobende oder tadelnde Kritik, die öffentlich über
feffelt natürlich das von Calvin den Befchauer am Meiften , die Landeskirche und die Thätigkeit des Kirchenregiments
da es den Reformator in jüngeren Jahren darfteilt, als ; ausgefprochen wurde, fowie ein etwas zu ftarkes Gefühl
man ihn gewöhnlich abgebildet fleht. Es wurde der ! für die Macht und Hoheit der Staatsregierung nnd ihrer
wallonifchen Gemeinde 1749 gefchenkt und foll aus der Organe.

Holbein'fchen Schule flammen. Der Abdämmung wäre ; Eine befonders werthvolle Zugabe bilden die beige-
wohl noch nachzugehen. — Alles in Allem ift die Nefs- fügten Predigten und Reden Stählin's. Sie find alle bei
ler'fche Arbeit eine Feftfchrift, wie man fie wünfeht und befonderen Veranlaffungen gehalten; es befinden fich
würdig der Gemeinde, die fie veranlafst hat. Möchte fie darunter u. a. zwei Abfchiedspredigten, eine Predigt
auch aufserhalb derfelben Lefer finden. Denn fie zeigt beim Guftav-Adolf-Feft in Nürnberg 1887, eine folche
u. a. auch dies, ein wie viel gröfseres Verftändnifs als bei der Einweihung der deutfehen evangel. Kirche in
wir es befitzen jene Flüchtlingsgemeinden für das hatten, Paris 1894, eine Schlufsanfprache bei der Generalfynode
was eine evangelifche Gemeinde fein foll, was ihr noth- 1893 und eine Abordnungsrede, gehalten in Neuen-
thut und wie ihr dazu zu verhelfen ift. dettelsau bei Entfendung zweier Diakoniffen in die

gonn Ed Simons Miffionsarbeit unter den Tamulen. Stählin war ein

hervorragender Prediger. Was ihn befonders auszeichnete,
war neben einer aufserordentlichen fprachlichen Gewandt-