Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1898

Spalte:

233-236

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Cohn, Leopoldus (Ed.)

Titel/Untertitel:

Philonis Alexandrini opera quae supersunt. Vol. II 1898

Rezensent:

Heinrici, Carl Friedrich Georg

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. zu Berlin, und D. E. Schürer, Prof. zu Göttingen,
alleTage Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 18 Mark

jgo. 9 30. April 1898. 23. Jahrgang.

Philonis Alexandrini opera quae supersunt vol. II

ed. Wendland (Heinrici).
Vogel, Zur Charakteristik des Lukas nach

Sprache und Stil (Heinrici).
Theologifche Studien , Herrn Wirkl. Ober-

konfittorialrath Profeffor D. Bernhard Weifs

zu feinem 70. Geburtstage dargebracht (Cle-

men).

Delehaye, Eusebii Caesariensis De Marty- Huck, Dogmenhiflorischer Beitrag zur Ge-
ribus Palaestinae longioris libelli fragmenta fchichte der Waldenfer (K. Müller).

(Violet).

Wilpert, Die Malereien der Sacramentskapellen
in der Katakombe des hl. Calliftus (Hennecke
).

Bruckner, Julian von Eclanum [Texte und
Unterteilungen von Gebhardt und Harnack
XV, 3] (Krüger).

Harnack, Lehrbuch der Dogmengefchichte,

3. Bd. 3. Aufl. (Hegler).
Zimmermann, Die Univerfitäten in den Vereinigten
Staaten Amerikas (Eck).

Rülf, WifTenfchaft des Einheits-Gedankens,

4. Theil des Syftems einer neuen Metaphyfik
(Elsenhans).

Philonis Alexandrini opera quae supersunt. Ediderunt ritate Caini rühmt: nunc demum rede ex vetere scriptura
Leop Cohn et Paulus Wendland. Vol. DL Ed. Paulus i eruta. Die fchwierigfte Aufgabe bot übrigens eben diefe
„T r ,, , _ .. ~ n . .«,„„ /wvrr IT* Q Schritt, die nur in einer fchwer lesbaren vaticanifchen
Wendland. Berlin, G. Reimer, 1897. (XXXIV, 314 S. Minuskelhandfchrift erhalten ift.
gr. 8.) M. 9.—

Der zweite Band der neuen Philoausgabe ift fchnell
dem erften, den Cohn bearbeitet hat (vgl. Theol. Litzt,

1897 No. 8), gefolgt. Er enthält die Gruppe von Schriften,
die in den freien Formen der dutXicu an allegorifch gedeutete
Textworte aus Gen. 4, ig—12, e die Erörterung
ethifcher, pfychologifcher und metaphyfifcher Probleme
anknüpfen. Der ethifche Idealismus Philo's entfaltet fich
in ihnen liebenswürdig und wortreich. Sie gewähren den
Eindruck, dafs er an feiner ovv?jO-?]q xmv xaxct <piXo-
öocpiav dcr/ftaxcov yQacpTj (S. 275,5) Freude hat. Ihre
üblichen Titel lauten de posteritate Caini, de Gigantibus,
quod deus sit immutabilis, de agricultura, de plantatione,
de ebrietate, de sobrietate, de confusione linguarum, de
migratione Abrahami.

Die Prolegomena bauen auf dem im erften Bande
gelegten Grunde weiter, der fich den Herausgebern als
haltbar bewährt, und geben Rechenfchaft über die Bedingungen
der Textherftellung. Sie zerfallen in zwei Ab-
fchnitte, deren erfter von den Handfchriften, deren zweiter
von den einzelnen Büchern mit Rückficht auf ihre hand-
fchriftliche Ueberlieferung handelt. Wichtig find in diefen
von W. mit erprobter Sorgfalt durchgeführten Unterfuchungen
die näheren Mittheilungen über die Philonifchen
Excerpte und die patriftifchen Quellen (R N). Ihre Bedeutung
für den Text und für die Erkenntnifs der Anordnung
der einzelnen Bücher wird, feftgeftellt. Sie
beftätigen, dafs die Schriften Philo's in vier Gruppen
gefondert gefammelt wurden, woher fich fowohl die ver-
fchiedene Folge der gröfseren Gruppen wie die gleiche
Ordnung innerhalb derfelben in den Handfchriften erklärt
. Für die Textherftellung ift der Nachweis wichtig,
dafs die Unterfcheidung zwifchen werthvollen und minder-
werthigen Handfchriften nur bedingt aufrecht zu erhalten
ift. Auch innerhalb einer Handfchrift ift die Textüberlieferung
einzelner Stücke nicht gleich zuverläffig, fo dafs
derfelbe Zeuge für ein Stück wenig bedeutet, während
er für das andere die beften Lesarten darbietet. Diefe
unterfchiedliche Zuverläffigkeit erklärt fich, wenn bei
Philo ebenfo wie z. B. bei Plutarch aus kleineren Sammlungen
fpäter gröfsere zufammengeftellt worden find.
Unter den Vorarbeitern für die Textherftellung erweift
fich Mangey nicht feiten als glücklicher Verbefferer.
Dagegen tritt die Arbeit Tifchendorf's in fehr ungünfti-
ges Licht. Seine Textvergleichungen find unvollftändig
und ungenau; fie folgen der Spur Mangey's, obwohl
Tifchendorf von feiner Ausgabe der Schrift De poste-

Die textkritifchen Belege find mit eben der Umficht
von W. ausgewählt, die den erften Band auszeichnet. Und
bei verderbten Stellen ift es gewifs nicht überflüffig, auch
alle irgend wie beachtlichen Conjecturen zu verzeichnen.
W. felbft beweift oft genug, wie auch nicht Zutreffendes
dazu dient, auf das Beffere zu führen. Die Stimmung,
in der er im Nachtrag zu S. 121,20 fchrieb: nunc demum
certissimam emendationem inveni, wird ihm wohl nicht
feiten gerade durch die Erwägung verfehlter Heilver-
fuche geweckt worden fein. Seine Conjecturen aber
gründen fich auf eine gediegene Kenntnifs des Philonifchen
Sprachgutes, das verhältnifsmäfsig leicht über-
fehbar ift; denn Philo's Gedankenkreis ift befchränkt und
feine Ausdruksweife faft ftereotyp. Dazu ftand ihm als
Hülfsmittel das Lexikon zu Philo zur Verfügung, welches
feiner Zeit Grofsmann angelegt hat. Möge diefe Arbeit
des gewiffenhaften Gelehrten in Verbindung mit der
neuen Philoausgabe endlich der Forfchung zugänglich
gemacht werden. Einen tieferen Einblick in feine mühevolle
und fruchtbare Arbeit hat W. den Mitforfchern
durch zwei Abhandlungen im Rhein. Mufeum (1897
S. 465—504, 1898 S. 1—36) erfchloffen, in denen er die
aufgenommenen Conjecturen rechtfertigt und weitere
Begründungen und Nachträge giebt. Diefelben find fehr
reich an förderlichen Beobachtungen (z. B. die Erläuterungen
zu De confus. ling. 136. 137 S. 254 t"., die Kennzeichnung
des ovöiva eIjiev S. 63, 7 als chriftliche Interpolation
) und beweifen auch, wie ftreng er fich felbft
kritifirt, indem er Conjecturen zurücknimmt (z. B. S. 113,15
jetzt iscofisvoav, S. 67, 3 evstodac verworfen) und Ver-
fehen anmerkt (z. B. 118,2 piXrj ftatt fiEQv). Damit ift
zugleich anerkannt, dafs die Arbeit in Rückficht auf die
Textverbefferung nicht ruhen darf. Und find nicht
manche Conjecturen weniger gut als die überlieferte
Lefung? So fcheint mir S. 18, u avaxvXhiv gegen dva-
xvxXslv zu halten, der Dativ xät xapiEvpEVcp etc. S. 74,
9. 10 dem conjicirten Accufativ vorzuziehen, S. 239,9 jcgoa
nicht in sctgi abzuändern zu fein; und auch xaxoyjiq
S. 141, 19 giebt einen guten Sinn, obwohl anzuerkennen
ift, dafs Philo xaxaxmyj'c gerne gebraucht. Daraus aber,
dafs W. in feinen Textergänzungen bisweilen mit ähnlicher
Kühnheit vorgegangen ift, wie Reiske in feinem
Plutarch (vergl. z. B. S. 254,1—3. 5. g, S. 272, 10), ift ihm
nach Lage der Sache kein Vorwurf zu machen. Bei
einem verderbten Texte ift es fchon dankenswerth, wenn
die vorgefchlagene Aenderung fich einem angemeffenen
Sinne nähert.

233 234