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Ausgabe:

1897 Nr. 5

Spalte:

150-151

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Smend, Jul.

Titel/Untertitel:

Die evangelischen deutschen Messen bis zu Luthers deutscher Messe 1897

Rezensent:

Hans, Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 5.

ift Gott felbft und das von ihm durch Chriftum dargebotene
Heil. Die einzelnen Glaubensobjekte, Dogmen
u. a., werden dann erft in zweiter Linie Gegenftand des
Glaubens, für den fie in jenem Unmittelbargewiffen enthalten
, als Vorausfetzung und Folge verbürgt find.
Aber diefe Bürgfchaft kann keine nur formale fein,
propter auctoritatem dci revclaiitis, und wenn es Fälle
giebt, in denen der Glaube fpricht „er hat's gefagt
und darauf wagt's mein Herz getroft und unverzagt", fo
haben diefe einzelnen Ausfagen eines fcheinbaren Autoritätsglaubens
jenen fundamentalen Glauben zum Hintergrund
und zur Vorausfetzung.

Von diefer verfchiedenen Art des Glaubens find alle
Erörterungen des Buches beftimmt Aber wie das den
Verfaffer nicht hindert, im einzelnen auch evangelifchen
Schriftftellern und Theologen Gerechtigkeit widerfahren
zu laffen, fo foll es auch uns nicht hindern, weite Partien
als durchaus gelungen anzuerkennen, wie die vorhin erwähnten
Auseinanderfetzungen über die geheimnifsvollen
Gebiete des Seelenlebens viel des Intereffanten und
Wahren bieten, wie die wenigen Seiten über das Chriften-
thum als Quelle wahrer Sittlichkeit und Kultur mehr
apologetifche Beweiskraft enthalten, als die breitfpurigen
Beweisführungen darnach. Aber als Ganzes mufs diefe
Apologetik vom evangelifchen Standpunkt aus als irreführend
bezeichnet werden.

Der Verf. des dritten der genannten Werke, Albert
Stöckl,j Profeffor in Eichftätt, diefem Hort des modernen
Katholicismus, ift, wie feine Arbeiten über die Gefchichte
der Philofophie beweifen, in philofophifchen Dingen fehr
bewandert; aber bezeichnend für den Geift, in dem diefes
Buchgefchrieben ift, iit derUmftand, dafs die proteftantifche
Literatur einfach ignorirt ift. Nicht nur in dem Verzeich-
nifs der apologetifchen Werke Bd. I S. 5 f. ift kein einziges
von einem Proteftanten verfafstes genannt, auch
fonft werden Proteftanten, foweit ich haben fehen können,
nur dann angeführt, wenn fie widerlegt werden follen.
Natürlich, wenn es Seite 4 heifst: „Als dann im 16. Jahrhundert
in der fog. „Reformation" der grofse Abfall
von der Kirche erfolgte, und die „Reformatoren" mit
ihren häretifchen Syftemen hervortreten, da mufsten die
apologetifchen Beftrebungen zunächft auf die Widerlegung
diefer häretifchen Syfteme und die Abwehr der Angriffe,
welche von den Reformatoren auf die alte Kirche gemacht
wurden, fich richten." Aber es tritt doch hier
wieder einmal zu Tage, wie durch das gegenwärtige
ultramontane Wefen das Geiftesleben unferes Volkes
zerfchnitten wird, und in Vergeffenheit gebracht werden
foll, wie viel beide Konfeffionen doch gemeinfam haben.
Wie ganz anders war es zu der Zeit, da die katholifche
Apologetik durch Laffaulx und Hettinger vertreten war!
Unter diefen Umftänden ift es faftnoch anzuerkennen, dafs
die materiellen Häretiker, die nämlich, die bona fide an
ihren irrigen Lehrfätzen als an geoffenbarten Wahrheiten
fefthalten, nicht unbedingt vom Heil ausgefchloffen werden,
und dafs nach dem Grundfatz, dafs „allerdings der Irrthum
felbft und als folcher betrachtet kein Recht auf
Exiftenz habe, aber irrende Menfchen für fich Rechte erwerben
können, die dann ebenfo wenig angetaftet werden
dürfen, wie Rechte überhaupt" die ftaatliche Religionsfreiheit
zugelaffen wird.

Wir tragen kein Bedenken anzuerkennen, dafs diefe
beiden Bände, die gut gefchrieben find und in klarer
Anordnung den vielgeftaltigen Stoff feinem Zwecke, die
Wahrheit und Herrlichkeit der katholifchen Kirche mit
den Mitteln der Logik und Dialektik zu erweifen, dienft-
bar machen, ein Werk grofser Gelehrfamkeit und
Geiftesarbeit find. Aber wenn gelegentlich gefagt wird,
fchon die Logik fordere es, der Offenbarung, wenn man
einmal eine folche anerkenne d. h. der katholifchen
Kirche fich zu unterwerfen, fo werden wir auch gewifs
mit Recht annehmen dürfen, dafs diefe Logik auch 1
fonft im Einzelnen beftimmend gewefen fei. Für den |

proteftantifchen Theologen liegt kein Anlafs vor, fich
weiter damit zu befchäftigen. Wir brauchen diefe Apologeten
, denen es mehr um den Gegenfatz zu uns zu thun
ift, nicht, um uns das, was uns das Chriftenthum ift, beweifen
zu laffen.

Und kann diefe Fülle apologetifcher Literatur als
ein Zeichen wiffenfchaftlich theologifchen Intereffes in der
katholifchen Kirche angefehen worden? Ich möchte eher
das Gegentheil behaupten. Zwar der Stoff wird in
Menge herbeigetragen und gut geordnet, aber er foll nur
feftftehende Sätze vertheidigen und begründen, oft mit der
Kunft eines Advokaten, der alles herbeiholt, um feine
Sache zu rechtfertigen. Nichts ift zu fpüren von dem
Forfchungstrieb, der auch auf dem Gebiet des Glaubens
Probleme und deren Löfung zeigt. Dafs die ultramontane
Theologie, indem fie an der Hand der Autorität an den
wirklichen Problemen uns vorbeiführt, eine wirkliche
Glaubenswiffenfchaft, wie fie auch die katholifche Kirche
einft gehabt hat, unmöglich macht, das wird uns durch
jene Menge von aufsen her zufammengehäufter Gelehrfamkeit
nur verdeckt. Dafür können wir jede wahrhaft
ernfte theologifche Arbeit diefen römifch-katholifchen
Werken als eine Apologie, d. h. als einen Beweis dafür,
wie evangelifcher Glaube und Streben nach Wahrheit
im Bunde flehen, entgegenhalten.

Leipzig. Härtung.

Smend, Prof. D. Jul., Die evangelischen deutschen Messen
bis zu Luthers deutscher Messe. Göttingen, Vanden-
hoeck & Ruprecht, 1896. (VII, 283 S. gr. 8). M. 8.—

In dem obengenannten Werke liegt ein höchft werthvoller
und dankenswerther Beitrag zur Gefchichte des
evangelifchen Kultus vor. Zwar ift der Zeitraum, über
den fich die Unterfuchung und Darfteilung erftreckt, ein
fehr begrenzter; es handelt fich um die Jahre 1521—1526.
Aber es find das ja die Jahre der erften Um- und Neu-
bildungsverfuche, und fie find um deswillen von befonderem
Intereffe. Für die genannte Zeit hat nun der Verfaffer
das vorhandene, zum Theil fchwer zugängliche Material
in bisher unerreichter Vollftändigkeit zufammengeftellt
und dasfelbe mit einer Fülle literarifcher Nachweife und
fachlicher Erläuterungen verfehen, die von gröfster Sorgfalt
und Gründlichkeit zeugen. Er hat fo dem Forfcher,
der auf diefem Gebiete zu arbeiten hat, die Arbeit
wefentlich erleichtert, zugleich aber auch jedem, der fich
für diefe Dinge ernfthaft intereffirt, die Möglichkeit geboten
, fich einen klaren, auf der Kenntnifs der Quellen felbft
ruhenden Einblick in die Entftehungsgefchichte des evangelifchen
Kultus zu verfchaffen.

Wie fich aus dem Titel ergiebt, find es die evangelifchen
deutfchen Meffen, die den Gegenftand der
Darftellung bilden, m.a.W.diejenigen Gottesdienftordnungen
in deutfcher oder theilweife deutfcher Sprache, die die
Abendmahlsfeier zum Mittelpunkt haben, mögen fie fich
enge an die römifche Mefsliturgie anfchliefsen, etwa
gar nur Ueberfetzungen derfelben fein, oder fo ftark von
ihr abweichen, dafs fie als felbftftändige Nachbildungen
gelten können. Im 1. Kapitel gibt der Verfaffer zunächft
eine chronologifche Ueberficht über fämmtliche mehr
oder minder bekannte Verfuche zur Herftellung einer
evangelifchen Abendmahlsordnung während der in Rede
flehenden Zeit, und mancher wird fich wundern, wie zahlreich
diefe Verfuche fchon vor Luthers deutfcher Meffe
waren und wie wohlgelungen mehrere derfelben find.
Nachdem er uns dann im 2. Kap. mit denjenigen Mefs-
Betrachtungen und Gebeten bekannt gemacht hat, die nicht
fowohl eine neue Ordnung aufftellen, als vielmehr dem
evangelifchen Chriften, der noch genöthigt ift, an der
alten Meffe theilzunehmen, als Erbauungsmittel während
derfelben dienen und ihm ermöglichen wollen, in evan-
gelifchem Sinne die Feier zu begehen, befchäftigt er fich