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Ausgabe:

1897

Spalte:

129-133

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Haupt, Erich

Titel/Untertitel:

Zum Verständnis des Apostolats im Neuen Testament 1897

Rezensent:

Heinrici, Carl Friedrich Georg

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. zu Berlin, und D. E. Schürer, Prof. zu Göttingen.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 18 Mark

N°- 5. 6. März 1897. 22. Jahrgang.

Haupt, Zum Verftändnifs des Apoftolates im

Neuen Teftament (Heinrici).
Burkitt, The Old Latin and the Itala [Texts

and Studies ed. by Robinson IV, 3] (v. Dob-

fchütz).

Kvacsala, Fünfzig Jahre im preufsifchen hlof-

predigerdienfte (Eck).
Schanz, Apologie des Chriftenthums (Härtung).
Gutberiet, Lehrbuch der Apologetik (Ders.)
Stöckl, Lehrbuch der Apologetik (Ders).

S chmitz, MiscellaneaTironiana (v. Dobfchütz). : Smend, Die evangelifchen deutfchen Meffen

Burn, The Athanasian Creed and its early Com- bis zu Luthers deutfcher Melle (Hans),

mentaries [Texts and Studies ed. by Robinson , Kawerau, Warum fehlte der deutfchen evan-

IV, 1] (Kattenbufch). I gelifchen Kirche des 16. und 17. Jahrhunderts
das volle Verftändnifs für die Miffions-

gedanken der heiligen Schrift? (Wurm).
Mirbt, Der deutfche Proteftantismus und die

Heidenmiffion im 19. Jahrhundert (Wurm).
Judfon, Adoniram Judfon, ein Apoftel unter

den Birmanen (Wurm).
Wohlleben, Leitfaden für den evangelifchen

Religionsunterricht in den oberen Klaffen

höherer Lehranftalten (Fay).

Haupt, Erich, Zum Verständniss des Apostolats im Neuen in mehr oder weniger fich weitenden Darlegungen fort, die
Testament. Halle, Niemeyer, 1896. (V, 154 S. gr. 8.) I durch die Frage nach dem Wefen des Apoftolats zu-

M. 3.-.

Der Apoftolat gehört zu den Kategorien, die unter
Einwirkung kirchlicher Intereffen wie felbftverftändlich

fammengehalten werden. Aber gerade um diefer Mannig
faltigkeit willen ift es nicht leicht, über die forgfältige
und eindringende Arbeit in knappen Zügen Rechenfchaft
zu geben. Dazu kommt noch ein anderes. Wir alle
feftftehende ihren Curs haben. Die gefchichtliche Prüfung machen bei unferen Bauten am Wege wohl die Erfahrung,
hat aber dargethan, dafs aus den neuteftamentlichen Aus- ' dafs es leicht ift, ein Werk zu kritifiren, aber fchwer, es
fagen eine beftimmt abgegrenzte Anfchauung von Ur- j zu würdigen. Dies gilt nicht zuletzt von Forfchungen über
fprung, Umfang und Inhalt des Apoftolats nicht kurz- I das Urchriftenthum. Sie bewegen fich, fo zu fagen, in

,„ rr~i.rinr.pr. ift fblipr C. n rl K~i rl~n n~,,~r~n TTnf~r

weg zu gewinnen ift. Daher find bei den neueren Unter-
fuchungen eine Reihe von Fragen aufgetaucht, die von
einer einheitlichen Faffung des gefchichtlichen Begriffs

einer Zwickmühle. Einerfeits foll die Gefammtanfchauung
durch erfchöpfende Induction gewonnen werden, anderer-
feits bleiben die durch Induction gewonnenen Anfätze

immer weiter entfernen. Woher flammt der Apoftolat | zum grofsen Theile problematifch und werden erft in
Ift der Begriff übernommen oder fpecififch chr.fthch? ; Verbindung mit der Gefammtanfchauung einleuchtend
Geht er auf die bt.ftung Jefu zurück oder ift er eine und fruchtban, Wer daher folche Forfchungen würdigen
Rückziehung der apoftolifchen Zeit {retrodncitur effectus)> will; mufs ir d wie Fuhlung haben mit J„ Gefammt-
Ift Paulus durch feinen Kampf um die Selbftandigkeit ! anfchauno- des Verfaffers

der Heidenmiffion der Vater des Begriffs geworden, oder Wasinun H's. Schätzung des Chriftenthums überhat
er ihn von den Zwölf' überkommen übernommen haupt aniangti f0 ift fie durch die Confequenzen der
und zugleich erweicht? Und wie verhalt fich der Apo- m0niftifchen Weltanficht nicht beeinflufst Dafs Tefus
ftolat der „Zwölf" zu dem des Paulus und der andern, die ais Auferftandener wirklich mit feinen Jüngern verkehrt
in der Apg. und den Paulimfchen Briefen Apoftel ge- hat; fteht ihm ebenfo feft) wie die 0bjective Wirklichkeit
nannt werden? Warum bleibt die Zwolfzahl trotz Judas ; der Chriftusoffenbarung, auf die Paulus feine Berufung
technifche Bezeichnung? Wie verhalten fich die Apg. zum Apoftel gründet, und die Möglichkeit, dafs ein Jünger
I, 21 geforderten Merkmale des Apoftolats zu den Zeug- der Zeuge der Auferftehung war, das Johannesevange-
niffen des Paulus? Wie ift es zu erklären, dafs «jroaroLng ymm fchrieb. Ueberhaupt hält er die Glaubwürdigkeit
und jua&pifc bald als Wechfelbegnff gebraucht, bald und die zuveiläffige Ueberlieferung der neuteftament-
wieder unterfchieden werden? Wie verhalt fich der liehen Schriften, die ihm Quellen für feineUnterfuchungen
Apoftolat zu dem Diakonat, dem Presbyterat, dem Lehr- t f,nd) aufrecht, und zwar aus Gründen der gefchicht-
amt, dem Prophetenthum? Warum vermeidet das Jo- ; liehen Kritik. Sie gehören fämmtlich in die apoftolifche
hannesevangelium trotz des prägnanten Gebrauchs von , Zeit.

anooreXlsiv und trotz gelegentlicher Erwähnung der Fürdie Ausnutzung derQuellenkommtbeidiefenUnter-

„Zwölf" (6, 77 f. 20, 24) den Terminus a/rootolog} Und, fuchungen vor allem die Beurtheilung der fynoptifchen
um von weiteren Fragen zu fchweigen, zuletzt der Haupt- | Evangelien in Betracht. Hier fpürt man aber nicht immer
punkt: Ift überhaupt der Apoftolat als Amt im recht- ; feften Boden unter den FüTsen. Mit Nachdruck betont
liehen Sinne zu nehmen, wie das unter verfchiedenen Ge- h., dafs fie ihrem Inhalte nach Frucht des Zufammen-
fichtswinkeln die römifche Kirche und die altproteftan- arbeitensder Augenzeugen feien. Man darf daherauchwohlin
tifche Orthodoxie thut, oder ift er ein Charisma unter feinem Sinnefagen, fie find der literarifche Niederfchlag der
den andern? Lichtenberg fagt einmal: Je naher wir den urchriftlichen Miffionsarbeit. Und wenn dies der Fall ift, mufs
Dingen kommen, defto unbegreiflicher werden fie uns. . dann nicht wejter gefchloffen werden, dafs ihre üb'erein-
Diefer Satz bewährt fich augenfeheinlich auch hier. , (timmenden Ueberlieferungen fich eben fo wenig, wie die
Die Frage nach dem Wefen des Apoftolats ift von j abweichenden aus literarifchen, taktifchen, tendenziöfen
Harnack und Sohm in Flufs gebracht. Sie beftimmen , Ueberlegungen der Männer erklären, die, als die lebendigen
daffelbe als Charisma An ihre Unterfuchungen knüpft ; Zeugen ftarben,dieZeugniffefammelten und niederfchrieben
Haupt an um durch vervollftändigte Induction zu be- 1 als -/.rrj/ja dg dsl für die Chriftenheit? Auf diefe Weife
ftimmterer Faffung zu klangen und in Verbindung damit zu- kommt allein für die Evangeliften, foviel ich fehe, der
gleich eine Reihe von tGefchichtsanfchauungen feftzulegen, Factor treuherziger und ehrlicher Sammelarbeit, wie ihn
welche die meiden der jetzt in Verhandlung flehenden Luk. 1, 1—4 als mafsgebend anfleht, zu feinem Recht.
Probleme des Urchriftenthums berühren. So ift fein Buch j Nun aber mufs noch ein Schritt weiter gemacht werden,
ebenfo inhaltreich als anregend. Die Verhandlung fchreitet | Was wir in den Evangelien befitzen, ift durch das Sta-

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