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Ausgabe:

1897 Nr. 4

Spalte:

112-113

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Burbach, F.

Titel/Untertitel:

Rudolph Zacharias Becker. Ein Beitrag zur Bildungsgeschichte unsres Volkes 1897

Rezensent:

Kawerau, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 4.

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unter Albrecht V., München 1891) imGrofsen gezeichnet,
ergänzen. Wie es in den Gemeinden ausfah, was für
eine eigenartige Stellung viele Pfarrer einnahmen, zeigt
das Beifpiel des Kanonikus zu Herrenchiemfee, Cafp.
Efterer, Pfarrers zu Prutting. Wie katholifche Fürften
die wohlverbrieften Rechte evangelifcher Unterthanen
nach dem weftfälifchen Frieden zu beachten pflegten, beweift
. Herold am Marktbreiter Kalenderftreit und Lauter
an den Evangelifchen in Pfalz-Sulzbach.

Recht dankenswerth ift die Arbeit von Vogtherrüber
die Entftehung und Ausbildung der Verfaffung der ev.
lutherifchen Kirche in den Fürftenthümern Ansbach und
Bayreuth. Doch fcheint es dem Verfaffer an Uebung
im Lefen alter Texte zu fehlen. So ift S. 215 Hadrian 1
Guhdam falfch. Der ehemalige Dekan der Facultas ar-
tium in Wittenberg, Vetter und Hauslehrer von Lucas
Cranach, heifst Matthias Gunderam. Die Auffchrift auf
dem Titel der Konfiftorialordnung von 1594 S. 221 ift
ganz unverftändlich. Statt Praefentum wird Praefenta-
tum, ftatt Carolum Cancellarium zu lefen fein. Kapitels-
fynoden gab es nicht erft, wie es nach S. 282 fcheinen
könnte, feit 1556. In Crailsheim war eine folche am
29. Januar 1553. Eine Synode der Superintendenten war
am 4. December 1553. (Theol. Studien aus Württb. 1882,
S. 196.) In die Neuzeit führt Kolde mit dem pietätsvoll
gezeichneten Lebensbild Wilhelm Pregers.

Und nun zu dem werthvollften Stück diefer Beiträge,
zu den von Friedensburg aus dem Vatikanifchen Archiv
gewonnenen Denkfchriften von 1523, die Fr. als Werk
von Joh. Eck nachweift. Diefelben haben umfo gröfsere
Bedeutung,als fiegrofsentheilsauf Grund von Befprechungen
mit dem Reformpapft Adrian VI. und mit Aleander
niedergefchrieben wurden, während die letzten Stücke
fchon in die Zeit Clemens VII., aber noch ins Jahr 1523
fallen. Eck weilte als Gefandter der Herzoge von Bayern,
um deren Intereffen zu vertreten, in Rom. Ohne diefe
theilweife recht kleinen Intereffen zu vernachläffigen, betreibt
Eck bei dem „deutfchen" Papft, dem „Theologen"
Adrian ernftlich die Reform der Kirche, welche alle
Deutfchen von diefem Papft erwarten. Man fühlt Eck
überall das Grauen über das faft unheimliche Anwachfen
des Lutherthums an, das fich nicht mehr leugnen läfst,
befonders über Süddeutfchland ift er fehr gut unterrichtet
. Was er über proteftantifche Bewegungen in Tirol,
in Hall am Inn, Rattenberg, Innsbruck, Meran, Trient
bis herunter nach Verona weifs, hat er offenbar auf feiner
Reife erfahren; über Rottenburg in der Graffchaft Hohenberg
, wo er erzogen wurde, ift er durch Freunde unterrichtet
. Was er über die Ausbreitung des Proteftantis-
mus berichtet, ift vielfach noch neu; fo ift der Minorit
Menrad in Innsbruck noch unbekannt, ebenfo der Prediger
in Feldkirch. Hier ift für die Provinzialforfchung noch
viel zu thun. Jakob Geiftfpitz oder Spitzgeift S. 185 u.
S. 236 Anm. 5 ift Straufs. Joh. Larnig S. 236 Anm. 5
kann nur entweder Eberlin oder Mantel fein. Wahr-
fcheinlich hat Eck Laenius (laena, Oberkleid, Mantel) ge-
fchrieben, der Abfchreiber kannte das Abkürzungszeichen
für us nicht und fchrieb noch dazu r ftatt e. So ift alfo
Mantel gemeint. Sehr beachtenswerth ift, was Eck über
die Ueberzeugungstreue der Proteftanten, S. 172 fchreibt:
Ludderemi non terrentur fulmine excommunicationwn aitt
alliciuntur thesauris ecclesiac nec vincuntur scripturis,
quas i?itelligere nolunt. Wie ganz anders lautet fein Vor-
fchlag S, 245: credo, si viginti ex doctissimis Germaniac
de beneficiis aliquibus providcatur, ne literati spreti esse
viderentur, jam pars media pacata esset; oportet enim Cer-
berum quandoque offida placare. Schonungslos deckt er
die Schäden der Kurie auf, die hundert Gravamina erhalten
in ihm einen beredten Vertreter, hart urtheilt er
über das Pönitenzwefen, den Ablafsunfug; Ablafsbriefe
geben die Ablafskrämer zur Bezahlung von Zech- und
Bordellfchulden (S. 222). Was wir über fittlich religiöfe
Mifsftände jener Zeit aus proteftantifchen Quellen wiffen,

erhält alles durch Eck feine volle Beftätigung. Oft meint
man einen Luther aus Ecks Mund reden zu hören. Befonders
bitter urtheilt er nicht etwa nur über die Auguftiner,
fondern über fämmtliche Bettelorden. Den tiefen Stand der
Bildung des Klerus lernen wir aus der Klage Ecks kennen,
dafs es in dem grofsen Herzogthum Bayern aufserhalb der
Univerfität Ingolftadt kaum drei gelehrte Theologen
gebe (S. 183.) Sein Vertrauen auf Bannbullen ift völlig
gefchwunden, von einem Univerfalkonzil erwartet er nichts,
um fo mehr wirkt er für Provinzial- und Diöcefanfynoden
und fucht zunächft eine füddeutfehe Provinzialfynode in
München zu Stande zu bringen, von der aus die Gegenreformation
mit allen Mitteln, Spionage auch in Wirths-
häufern, geiftliche Vehme nach Art der weftfälifchen
(S. 176), Säuberung der bifchönichen Höfe und der Kanzeln
von allen verdächtigen Elementen, Bücherverbrennung,
Feuer und Schwert ins Werk gefetzt werden foll. Man
ftaunt über die Gründlichkeit, mit der verfahren werden
foll. Unverhohlen fät Eck Mifstrauen gegen Ferdinand
von Oefterreich, um Bayern in den Vordergrund zu
fchieben und ihm die Stellung eines Vororts der Gegenreformation
zu gewinnen. Man kann das Mifstrauen nicht
los werden, dafs Eck für fich eine leitende Stellung auf
jener Provinzialfynode als theologifcher Berather des dazu
abzufindenden päpftlichen Legaten erhoffte, denn fich
felbft vergafs er nicht. Mit beredten Worten fchildert er
feine Befchwerden durch päpftliche Kurtifanen wegen der
Pfarrei Ingolftadt, und um diefelbe Zeit ergattert er
die Pfarrei Günzburg. Man wird wohl fagen dürfen, dafs
Ecks Denkfchriften den Aleanderdepefchen an Bedeutung
nahe kommen. Zu ihrer Erläuterung mufs noch manches
gefchehen, da Friedensburg in Rom nicht genügendes
Material zur Verfügung hatte. Leider läfst auch die
Correctur ab und zu zu wünfehen übrig. Aber Kolde
verdient den Dank der Wiffenfchaft, dafs es ihm gelang,
Friedensburg für diefe Publication zu gewinnen.

Nabern. G. Boffert.

Burbach, Pfr. F., Rudolph Zacharias Becker. Ein Beitrag
zur Bildungsgefchichte unfres Volkes. Gotha, Thiene-
mann's Verlag, 1895. (68 S. m. Bildnifs. 8.) M. 1.20

Die kleine gefchmackvoll ausgeftattete, mit Becker's
Bild (nach F. Tifchbein 1791) gefchmückte Schrift verdankt
ihre Entftehung dem am I. November 1895 gefeierten
100jährigen Jubiläum der Becker'fchen, jetzt
Thienemann'fchen Buchhandlung in Gotha. Zu diefem
Zwecke ift das hübfeh gefchriebene Lebensbild ihres Begründers
, des Publiciften und Volksfchriftftellers und
Buchhändlers R. Z. Becker gefchrieben worden, in dem
uns Burbach einen in mancher Beziehung lehrreichen
Beitrag zur Gefchichte und den Beftrebungen der deutfchen
Aufklärung geliefert hat. Der Lebensgang des
1752 in Erfurt geborenen Schullehrerfohnes, der mit
j Noth und Dürftigkeit kämpfend, unbefriedigt gelaffen
durch den ungefunden Religionsunterricht des fpäteren
Pietismus, intereffelos Theologie ftudirt, dann aber als
j Hauslehrer angefichts der geiftigen Stumpfheit des Landvolkes
feine Hoffnung auf die Aufklärungspädagogik
Bafedows fetzt und im weiteren Verlauf feinen Lebensberuf
als Publicift der Aufklärung, fpeciell als Volks-
fchriftfteller findet und als folcher fich eine dankbare und
lernbegierige Leferfchaft von vielen Taufenden fammelt,
lehrt uns jene viel gefcholtene und meift nur nach ihren
Negationen und Trivialitäten beurtheilte Aufklärungszeit
doch auch in der bedeutfamen pofitiven Arbeit würdigen,
die fie in Erweckung bürgerlicher Tugend und Gemein-
finnes, Bildung einer öffentlichen Meinung im Sinne eines
öffentlichen Gewiffens, Durchbrechung des Standesgeiftes
und Hervorbringung einer neuen Gefellfchaft der Gebildeten
, Befreiung von unverftandenen Autoritäten und
I Erkämpfung des Rechtes auf freie, felbftändige Entfal-