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Ausgabe:

1897

Spalte:

73-76

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Resch, Alfr.

Titel/Untertitel:

Aussercanonische Paralleltexte zu den Evangelien. 4. Heft. Paralleltext zu Johannes, gesammelt und untersucht 1897

Rezensent:

Bousset, Wilhelm

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Theologifche Literatlirzeitung. 1897. Nr. 3.

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denz. So werden z. B. alle Herrenworte, die von der
Nähe des Endes handeln, mit den fadenfcheinigflen Gründen
befeitigt. So war Mt. io23 nach R. urfprünglich
nicht von einem Wiederkommen des Menfchenfohnes
die Rede, fondern von einem einfachen Wiederkommen
Jefu zu feinen Jüngern und zwar weil Ephraem die Stelle
citirt: donec venero ad vos. (Das Parallelcitat aus Agathangelus
ift überhaupt falfch verftanden.) Das Kommen
des Gottesreiches in Macht Mk. 9, wird auf das irdifche
Kommen des Gottesreiches bezogen. Das Wort difiijv
Xtyio ifilv, ort ov 1A; naQtXVy rj yevea ccvtv, flog <xv
navrct y&viytai Lc. 2i32 (Mt. 2434, Mc. I330) bezog fich
urfprünglich auf die Zerftörung Jerufalems. Beweis: Horn.
Clem. III, 15, y.ai ov tiij nagflirr/ ij ysvect avTHj v.ai r)
■/.a-iraigeotg «o/fp' /.(i/)«iai. Demgemäfs wird in der Wie-
derherftellung der efchatologifchen Herrenrede diefes
Wort mit feiner Umgebung vor die Weiffagung von der
Zerftörung Jerufalems gerückt. Die Weiffagung von den
falfchen Propheten, das Agraphon von den kommenden
Härefien und die Weiffagung von der Evangelienverkündigung
über die ganze Welt werden ohne irgend erficht-
lichen Grund zwifchen die Zerftörung Jerufalems und das
Ende geftellt. Wie das Wort von dem Neutrinken vom
Gewächs des Weinftocks von R. umgedeutet wird, haben
wir bereits oben gefehen. — Namentlich auch in der
Beurtheilung der Auferftehungsberichte treibt R. eine
unglückliche Apologetik. Mit Origenes und genützt auf
einen Schreibfehler des Cod. D (Ityovreg 2436) findet er
in dem einen der Emmausjünger den Simon Petrus. Dadurch
zerftört R. den Boden für jede befonnene Kritik
der Auferftehungsberichte, die von dem Gegenfatz jeru-
falemifcher und galiläifcher Zeugenberichte auszugehen hat.

Doch ich breche ab. Was nützt es, Einzelheiten aufzuzählen
und Kuriofa zu notiren. Die Arbeit R.'s bedeutet
ungefähr genau das Gegentheil einer nüchternen befon-
nenen und Schritt für Schritt vorrückenden Methode.
Es wird überall der dritte, ja vierte oder fünfte Schritt
vor dem erften und zweiten gethan. Die einfacliften
Möglichkeiten und Löningen der vorliegenden Probleme
werden faft immer überfehen, und dafür verwickelte überkühne
Combinationen eingebracht. Die Oberfätze flehen
vor aller Unterfuchung von vornherein feft, und die ein-

zufammen: Das johanneifche Evangelium mit feiner Text-
gefchichte ift ein negativer Beweis für das Vorhanden-
gewefenfein einer vorcanonifchen (femitifchen) Grund-
fchrift der fynoptifchen Evangelien und ihrer aufser-
canonifchen Parallelen. Damit meint R., dafs die That-
fache, dafs in den aufsercanonifchen Parallelen zum
Johannesevangelium fich viel weniger Sprachverfchieden-
heiten, Vertaufchungen von Synonymen u. f. w. finden,
unumgänglich darauf hinweife, dafs jene Textver-
fchiedenheiten der fynoptifchen Evangelienüberlieferung
durch Ueberfetzung aus einer andern Sprache ins
Griechifche entftanden feien. Der Schlufs ift nun freilich
keineswegs zwingend. Der Unterfchied in der Textüberlieferung
der Synoptiker und des Johannesevangeliums
liefse sich m. E. viel einfacher erklären. Das Johannes-
evangelium ift nun einmal keine Erzählung vom Leben
Jefu, fondern eine Lehrfchrift, die nicht nur in den
Rede-, fondern auch in den Erzählungsftücken einen
ganz beftimmten Stil und Charakter zeigt. Da änderten
die Abfchreiber viel weniger leicht. Ebenfo find die
paulinifchen Briefe in einem viel weniger variirenden
Text auf uns gekommen als die Evangelien. In den
Synoptikern dagegen herrfchte der einfache Erzählungston
, und der liefs fich unendlich oft variiren. Das zeigt
ja fchon die Exiftenz der drei Synoptiker neben einander
; und die einzelnen Abfchreiber früherer Zeit haben
die Umbildung und leichte Abänderung der evangelifchen
Gefchichte, wie fie im Matthäus-Marcus-Lucas-Evangelium
verliegt, eben einfach in kleinerem Mafsftabe
fortgefetzt. Sie waren theilweife noch in der Lage,
evangelifche Gefchichte felbftftändig erzählen zu können.
Genau derfelbe Fall liegt in der Apoftelgefchichte mit
ihren ftarken Varianten vor. Ausserdem erklärt fich
der bedeutende Umfang der fynoptifchen Varianten wohl
zur guten Hälfte durch die Annahme gegenfeitiger Confor-
mation der Synoptiker. Alfo auch mit dem negativen
Beweis R.'s für feine Hypothefe von den Ueberfetzungs-
varianten ift es nichts.

Wenden wir uns nun den Refultaten R.'s, die das
Johannesevangelium betreffen, zu, fo ift von vornherein
zu erwarten, dafs fich bei R. die canonsgefchichtlichen
Zeugnifse für das vierte Evangelium bedeutend vermehrt

zelnen Thatfachen und Beobachtungen find jedesmal nur i haben werden, und wir die Aufgabe haben, aus einem

die Unterfätze, die zu dem gewünschten Refultat führen:
Exiftenz des Urevangeliums und Beherrfchung der ur-
chriftlichen Literatur durch diefes. Diefes aber ift und
bleibt nichts Anders als eine Fata Morgana, die hoffentlich
von Niemand fonft als von Refch gefehen wird.

Göttingen. W. Bouffet.

Resch, Alfr., Aussercanonische Paralleltexte zu den Evangelien
. 4. Heft. Paralleltext zu Johannes, gefammelt
und unterfucht. [Texte u. Unterfuchgn. zur Gefchichte
der altchriftl. Literatur, hrsg. von O. v. Gebhardt u.

A. Harnack, X. Bd., 4. Heft.] Leipzig, Hinrichs, 1896. iT.J^J^l ^ÄM" Sä^uÄ

fehr reichen Material das werthvolle vom unwerthvollen
zu fichten. —

In der Einleitung feines Werkes ftellt R. die von
ihm gewonnenen Zeugen für das Johannesevangelium zu-
fammen. Eine Reihe von neugewonnenen Zeugen werden
wir allerdings fofort wieder abfetzen müffen. Die Behauptung
, dafs das Bild vom Hirten (IV Esra V. 18), und
vom gebärenden Weib (IV Esra XVI. 39) ein Plagiat (!)
aus dem Johannesevangelium fein follen, wird fchwerlich
irgend welche Zuftimmung finden. Ebenfo kann ich trotz
Refch einen Einflufs des Johannesevangeliums bei Barnabas
und Hermas nicht finden. Dafs Papias nach Eufe-

(IV, 224 S. gr. 8.) M. 7.-

An die vorftehende principielle Auseinanderfetzung

Evangelium noch gar keine Schlüffe zu. Eufebius hätte
uns es ficher mitgetheilt, wenn in des Papias Werk
irgendwelche Spuren des Evangeliums fich gefunden

mit dem umfangreichen Werk R.'s fchliefse ich fofort eine ' hätten. Es wird vielmehr als wahrfchtinlich anzunehmen

Befprechung des nunmehr erfchienenen vierten Heftes,
in dem R. die Parallelen zum Johannesevangelium behandelt
. Das Heft erfordert eine gefonderte Befprechung.
Denn dem Verfaffer hat fich in diefem Heft die Tendenz
feines Werkes verfchoben. Er liefert in diefem keinen
nennenswerthen Beitrag zur Eruirung des hebräifchen

fein, dafs dem Papias, als er fein Werk fchrieb (im Anfang
der Regierung Hadrian's), das vierte Evangelium
noch nicht bekannt war. Dafs Evodius, der Vorgänger
des Ignatius, nach einer fpäteren Nachricht des Nice-
phorus Callifti als die Zeit des öffentlichen Wirkens
Jefu vier Jahre angegeben haben foll, beweift die Be-

Urevangeliums, fondern vielmehr einen für die Gefchichte | kanntfehaft mit dem Johannesevangelium doch nicht,
des Canons werthvollen Nachweis des Einfluffes des j Zweifelhaft drückt felbft Refch fich über die Beziehungen

Johannes-Evangeliums auf die Literatur des zweiten
Jahrhunderts, daneben eine neue Apologie der Echtheit
diefes Evangeliums.

Die indirecte Bedeutung aber des vorliegenden Heftes
für den Hauptzweck des ganzen Werkes fafst R. S. 219

des Polykarpbriefes zum Johannesevangelium aus.

Anders find bereits die Beziehungen der Ignatianen
zum Johannesevangelium zu beurtheilen. Offenbar liegt
in den Ignatianen eine mit der des Johannesevangelium
verwandte Sprache vor. Wir finden hier die Formeln