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Ausgabe:

1897

Spalte:

60

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Naumann, Friedrich

Titel/Untertitel:

Gotteshilfe. Gesammelte Andachten aus dem Jahre 1895 1897

Rezensent:

Wächtler, August

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59

Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 2,

60

Icheinlich nicht darum zu thun, eine erfchöpfende Behandlung
des Gegenftandes und den Genufs einer fchön
abgerundeten Abhandlung zu bieten. Die Themata find
mehr Fragen und Probleme als Urtheile. Die Ausführung
leitet die Hörer nach ihrem Bedürfnifs in das Ver- ,
ftändnifs diefer Fragen ein, legt den Werth der evan-
gelifchen Wahrheit zu ihrer Löfung in fo überzeugender
und eindringlicher Weife dar, dafs alle fernere Befchäftigung
mit den Fragen oder Problemen diefe Momente nicht
mehr aufser Acht laffen und von ihnen nicht loskommen
kann. Es liegt auf der Hand, wie viel damit gewonnen
ift. Als folche Thematas feien genannt: Gibt es einen
Gott? (1. Advent, Joh. 14. 8—10). Das Chriftenthum und
die Frauenfrage. Das Chriftenthum und der Mann (Hebr. 9.
11—15). Was das Beten hilft? (Joh. 16. 23). Chriftenthum
und Wiffenfchaft (Eph. 3.8—21). Volksfefte (Joh. 2. 1 —11)
Ift Gott die Liebe? (i.Joh. 4. 16). Können wir überhaupt
Reformationsfeft feiern? (Pfalm 56. 8). Wie kann Gott fo
etwas zulaffen? (Luk. 13. 1—9). Bei der Behandlung ift
der Prediger bemüht, die Anftöfse, die er bei den Hörern
vorausfetzt, mit voller Offenheit auszufprechen; er geht
auch argen Aeufserungen nicht aus dem Wege, fondern I
wie er fie mit grofser Umficht zu finden weifs, fo hält
er ihnen mit Befonnenheit und Ausdauer ftand oder greift
fie mit nachdrücklichem Ernft feft an, ohne dabei die
Ruhe zu verlieren oder in heftige Rede zu verfallen.
Die Art, wie er den Gegner behandelt, wie er ihm mit
vollem Verftändnifs entgegenkommt, wie er ohne Machtworte
und gewaltfame Entfcheidungen die fefte Sicherheit
der eigenen Stellung freudig bezeugt, läfst uns das |
herzliche Erbarmen des Seelforgers und eine feltene Aus- j
dauer in der homiletifchen Arbeit erkennen. Ebenfo
ernft und kraftvoll ift die Anwendung, die zuweilen
ausführlicher angefügt ift; es find keine neuen Mittel
noch fonderliche Künfte, die der Prediger empfiehlt, |
fondern nachdrücklich weift er hin auf die einfachften j
grofsen fittlichen Forderungen, die das Evangelium ftellt.
Hier fcheint uns auch der Titel der Predigtfammlung
feine volle Erklärung zu finden. Die ,Armen', denen
das Evangelium geboten wird, find folche, die den Glauben
verloren haben, ihm mindeftens fehr weit entfremdet find
und unter innerem und äufserem Druck in Gefahr flehen,
über den Werth des Glaubens fich gänzlich zu täufchen
und feiner Kraft, wie feines Segens für Zeit und Ewigkeit
verluftig zu gehen.

Aufser 6 altteftamentlichen find die Texte der
65 Predigten dem neuen Teftamente, vorzugsweife den
Evangelien entnommen. Was den theologifchen Gehalt
der Predigten angeht, fo werden auch folche, die mit
dem Verfaffer dafür halten, dafs unfer Glaube nicht von
dem Buchftaben der heiligen Schrift abhängig fei, fich
nicht überall befriedigt fühlen, namentlich nicht in den
Feftpredigten. So fehlt z. B. in der Karfreitagspredigt
die Vermittlung dafür, wie Chrifti Tod für uns uns fähig
macht, das Leben für die Brüder zu laffen, obwohl fie
im Text Joh. 3. 16 ausgefprochen ift. Seiner theologischen
Stellung gemäfs vermeidet es der Verfaffer, die Wahrheiten
des Glaubens durch eine Phyfik höherer Ordnung
zu ftützen. Auch wenn wir dies anerkennen, wenn wir
ferner die feelforgerifche Rückficht auf gerade diefe
Hörer mit in Rechnung ziehen, fo genügt uns doch
nicht, was der Verfaffer z. B. in der Himmelfahrtspredigt
über den Himmel und über das ewige Leben fagt.
Andererfeits ift ihm die zarte Rückficht hoch anzurechnen,
die er der Gemeinde gegenüber fowohl darin beobachtet,
dafs er fich der Angriffe gegen die kirchliche Lehre enthält
, als auch darin, dafs er feinen eigenen Standpunct
mit befcheidener Zurückhaltung geltend macht. Bei der
Heilung der Tochter des kananäifchen Weibes erklärt
er z. B.: ,Ich meinerfeits zweifle nicht daran, dafs es fo
gefchehen ift, wie wir hier lefen', während er bei der
Verwandlung des Waffers in Wein zu Kana äufsert:
,Wieder möchte ich heute die einfachfte Deutung bevorzugen
, damit die Gefchichte ihre Geltung für uns alle
habe und für alle Zeiten. — Lächelnd nimmt der Herr
den nächften Wafferkrug und fchenkt fich felber den
Becher voll. Freundlich nickend reicht er den Krug
herum. Wen kümmert jetzt noch der befcheidene Trunk!
Der wunderbare Mann hat es ihnen angethan. Der gibt
dem anfpruchslofen Fefte eine Weihe, wie fie es noch
nie erlebt haben.'

Indeffen fehen wir hierin weder den Vorzug der
Predigten, noch wollen wir dies weiter bemängeln.
Vielmehr freuen wir uns, in diefem Predigtbuche eine
durchaus eigenartige, hervorragende Leiftung zu fehen,
die in einer neuen Weife die Herzen für das Verftändnifs
der Wahrheit des Evangeliums zu erwecken und zu gewinnen
fucht, und die in Tiefen der Schrift hineinzuführen
weifs, die jenen ,Armen' wie andern gegenüber
oft genug gerade heute überfehen werden. ,Das Evangelium
der Armen' fei defshalb der Beachtung dringend
empfohlen.

Halle a/S. A. Wächtler.

Naumann, Pfr. Fr., Gotteshilfe. Gefammelte Andachten
aus dem Jahre 1895. Göttingen, Vandenhoeck &
Ruprecht, 1896. (120 S. gr. 8.) Kart. M. 1.35; geb.

M. 1.70

N. hat unter dem Titel ,Gotteshilfe' — es ift das erfte
der vier erklärenden Beiwörter (Gotteshilfe, Selbfthilfe,
Staatshilfe, Bruderhilfe) auf dem Titel feiner ,Hilfe' —
die kurzen Eingangsbetrachtungen der 52 Nummern des
erften Jahrgangs gefammelt und eine längere Weihnachtsbetrachtung
aus der ,Zukunft' hinzugefügt. Den Betrachtungen
ift regelmäfsig ein kurzes Schriftwort zu
Grunde gelegt; fie waren nicht nur für viele Lefer des
Wochenblattes das willkommenfte Stück aus dem ganzen
Inhalt, fondern verdienen auch gefammelt einen ehrenvollen
Platz in unferer erbaulichen Literatur. Eine fo
unmittelbar anziehende Art, herzerquickende Frifche mit
glühender Wärme vereint, eine fo ungezwungene und
dabei fo vielfeitig und fo treffend in die gegenwärtigen
Bedürfniffe der Chriftenheit hineinführende Anwendung
des Schriftworts wird nicht zu oft wieder gefunden. Dafs
,die Rechtgläubigkeit' des Verfassers nach manchen
Verdächtigungen als unanfechtbar auch von Gegnern anerkannt
ift, kann für die Verbreitung feiner Schriften
günftig fein. Weil er ein vielbefchrieener Parteiführer ift,
wird Mancher auch in diefem fchönen Büchlein .bedenkliche
Stellen' auffinden. In der That fehlt es an folchen

nicht. ,Die Kinder Gottes--wiffen, dafs der Hunger

nicht Gottes Wille ift, und dafs darum der Gefalbte
Gottes gegen den Hunger kämpfen mufs' heifst es z. B.
in der Adventsbetrachtung über Luk. 1. 25. Aber das
alles wiegt nicht fchwer demgegenüber, dafs diefe Betrachtungen
in der gewinnendften Weife das Verftändnifs
öffnen für die Noth unferer Zeit, nicht blofs für die foge-
nannte fociale Noth, das Gewiffen gewaltig fchärfen und
die Herzen bewegen. Jefu Kampf für die Gedrückten
und Verachteten, für das Recht der vergebenden Liebe,
gegen den Mammon, gegen Priefter und Pharifäer, feine
Wahrhaftigkeit, fein Zorn und feine Reinheit, fein Opfertod
; alles ift fo gegenwärtig, fo nötig, fo unbedingt für
uns erforderlich, dafs es ift, als ftände er vor der Thür
und klopfte an. Diefer Geift foll nicht Privatfache bleiben,
fondern Gemeingeift werden, und wer nur für fich Jefus
erkannt hat, foll dazu mithelfen.'

Halle a/S. A. Wächtler.