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Ausgabe:

1897 Nr. 23

Spalte:

613-615

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Francisco de Enzinas, Denkwürdigkeiten

Titel/Untertitel:

Melanchthon gewidmet 1897

Rezensent:

Bossert, Gustav

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613 Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 23. 6I4

Lukas den Titus übergehen, weil er nur als Gehilfe für mit Hilfe feiner Gattin als Ueberfetzerin nunmehr allge-
dieGabenvertheilungmitgenommen war (S. 58h; im Augen- mein zugänglich gemacht hat, während die erfle Auflage
blicke des Conflicts, d.h. Act. 15, einen Unbefchnittenen nur in hundert Exemplaren gedruckt wurde, und nicht
mitzunehmen, wäre Paulus nach S. 170 zu prudent and in den Handel kam, fondern meift an Bibliotheken ver-
diplomatic gewefen!), fodann aber wegen folgenden fchenkt wurde. Allerdings find diefe Denkwürdigkeiten
Romans. Lukas war nach Euseb., Kirchengefch. III, nicht erft in neuefter Zeit entdeckt worden. Schon Lud-
4,6 tÖ plv ytvog rcöv djt 'Avtioxäag, alfo nicht felbfl wig Rabus hatte 1557 im 7. Theil der ,Hiftorien der hey-
aus Antiochien. Als feleucidifche Gründung hatte die ligen aufserwölten Gotteszeugen' und wieder 1572 in feinen
Stadt jedenfalls ein macedonifches Element in fich ,Hiftorien der Märtyrer' einen grofsen Theil des lateinifchen,
(S. 389f.). Lukas ift in Philippi bekannt, da er 16,13 in Melanchthons Haus 1545 gefchriebenen und Melanch-
JtaQit noxanöv ohne Artikel fagt (S. 213), aber nicht an- thon gewidmeten Originals in einzelnen Stücken ver-
fäffig, da er mit bei Lydia logirt (S. 219). Er felbfl war 1 öffentliche. Eine franzöfifche Ueberfetzung des ganzen
der macedonifche Mann, der dem Paulus 16,9 im Traum Manufcripts ift 1558 erfchienen, woraus die Märtyrer-
erfchien, nachdem er kurz vorher zu ihm geftofsen (S. 200 bücher fchöpften. Aber das Werk war doch fo ver-
—203). Seine Verachtung gegen die Athener 17,21 ift fchollen, dafs z.B. in dem grofsen Lagerbuch der Kirchenecht
macedonifch (S. 248k). Die Wichtigkeit von Phi- gefchichte von Schröckh fich nicht die geringfte Andeu-
lippi hat er 16,12 mit jtQcörrj vielleicht aus Localpatrio- i tung davon findet. Erft 1862—63 wurde das lateinifche
tismus etwas übertrieben (S. 206f.). Da das Wir in Phi- Original in Brüffel von Campan nach einer Handfchrift
lippi abbricht und wieder einfetzt, blieb er zwifchen 16,40 | des Chriftianeum in Altona herausgegeben. Den Anfang,
und 20,6 dafelbft. Nun ift er nach alter Tradition einer der in jener Handfchrift fehlt, hat B. in der ZKG. 1892
der macedonifchen Ueberbringer der Collecte II. Kor. 8, aus einer Handfchrift des Vatikans, die einft der Heidelberger
18 (S. 219). Da Titus mit diefen reifte, war er vielleicht Bibliothek gehört hatte, ergänzt, nachdem Menendez
{perhaps1) fein Verwandter, und deshalb liefs Lukas Pelayo in feiner Gefchichte der fpanifchen Heterodoxen
gleich feinem eignen auch des Titus Namen weg (S. 390). auf diefe Handfchrift aufmerkfam gemacht hatte. Der
Auf die anderen beanftandeten Stellen der Apoftel- ; Werth diefer Denkwürdigkeiten ift hoch anzufchlagen.
gefchichte geht R. nicht oder fo gut wie nicht ein, nicht Der Verfaffer weifs feffelnd, bis aufs Tieffte ergreifend
einmal auf die für einen Geographen doch gewifs be- und lebenswahr zu fchildern. Seine Charakterbilder find
fonders wichtige, mit Gal. 1,21 ftreitende Reihenfolge der ; plaftifch. Man kann das Bild des Mefferfchmieds Ae-
Provinzen Cilicien und Syrien Act. 9,30. 11,25. Charak- gidius Tielmann, feine religiöfe Entwickelung, fein Leben
teriftifch ift auch die Behandlung des Cenfus Luk. 2,1 f. I auch im Gefängnifs, feine Gefpräche, feinen Tod nicht
S. 385 k Da er der erfte heifst und Quirinius in feiner ohne Bewegung lefen. Das füdliche Feuer der Darftelzweiten
' Statthalterfchaft von Syrien um 6 n. Chr. nach- lung geht Hand in Hand mit einer kindlichen Einfalt,
weislich einen gehalten hat, fo waren fie vielleicht {per- t die faft bis zur unbegreiflichen Vertrauensfeligkeit geht, wie
kapA decennal. Es ftimmt völlig mit den Adminiftra- i z. B. gegenüber dem kaiferlichen Beichtvater. Ueberallbe-
tionsgrundfätzen des Auguftus, folche regelmäfsige Cenfus kommt man den Eindruck der Zuverläffigkeit und der unge-
durch das ganze Reich anzuordnen. ,Luke investigated fchminkten Wahrheit. Der Erzähler felbfl; mit feinem
tlu lustory of this series of census1. Mit folchen Auf- Verdienft um das fpanifche Neue Teftament, feiner Ge-
ftellungen, in denen nahezu jedes Wort unbegründet oder fangenfchaft, feiner merkwürdigen Errettung und feinen
falfch ift, fpricht ein Hiftoriker über eine fo ernfte Sache '). Beziehungen zu Melanchthon und anderen Männern der
Doch der völlige Verzicht auf die Stellung des Hiftori- Reformation verdient Beachtung. Die Denkwürdigkeiten
kers liegt ja fchon in der Erklärung auf S. 1, von den werden in erfter Linie die Aufmerkfamkeit der Hiftoriker
Briefen des Paulus für ein Buch über ihn nur geringen in Anfpruch nehmen dürfen. Auf die Reformationsund
gelegentlichen Gebrauch {,only slight and incidental bewegung in den Niederlanden fällt hier ein helles Licht.
äse') machen zu wollen. ^Ian wird bei Enzinas, dem Spanier, der nur zeitweilig

Das Werthvollfte an dem Buche ift die Erläuterung in den Niederlanden weilte und über ein Jahr dort im
der Seereife des Paulus nach Rom Act. 27. Dazu kommen Kerker fchmachtete, keinen Einblick in alle Verhältniffe,
zahlreiche verftreute archäologifche Belehrungen. Für keine Kenntnifs aller einzelnen Ereigniffe und deren Ur-
fie alle hegen wir gröfsten Refpect und Dank. Aber das fachen fuchen dürfen, aber was er giebt, ift überrafchend
Buch als ganzes hat nicht der Archäolog Ramfay ge- reichhaltig und ergänzt die bisherigen Berichte in erfreu-
fchrieben, auch nicht der Hiftoriker, fondern der Apolo- licher Weife. Auch die Einflüffe der Reformation auf
get, und' zwar ein Apologet von ebenfo grofser Un- die Spanier werden klarer, die Schilderung der Ver-
erfchrockenheit wie Enge des Gefichtskreifes, der von folgungen, der Glaubensgerichte, der hervorragendften
einem ganz einfeitig gewählten und noch einfeitiger ver- Vertreter der alten Kirche, wie eines Latornus und Tapper,
fochtenen Standpunkt aus mit Hilfe einiger allerdings feffeln. Der Bericht über das verzweiflungsvolle Ende
funkelnagelneuer Fündlein die ganze bisherige Kritik der des Jak. Latornus S. 28. 248 wird eine kritifche Würdi-
Apoftelgefchichte aus den Angeln heben zu können glaubt gung ebenfo verdienen, wie das des Auguftiners Joh.
und fich gar nicht einmal die Mühe nimmt, fich um deren Hofmeifter in Günzburg, der dem Typhus erlag, welchen
Grundlagen ordentlich zu bekümmern. der Schmalkaldifche Krieg im Donau- und Brenzthal

. , p , wnh Sfhmiedel hinterlaffen hatte. Ganz befonders beachtenswerth ift

^urlch- Paul Wilh. Scn das u^ fa wdches der Charakter Karl>s y und

Beichtvaters Peter de Soto tritt. Die Art und Weife wie

Francisco de Enzinas: Denkwürdigkeiten, Melanchthon letzterer Karl V. in völlige Abhängigkeit von feinem

-a V tt k r ♦ H.H«,5o Rnehmer Mit Ein- Fanatlsmus zu bringen weifs, wird uns von einem Hof-

gew.dmet. Ueberfetzt v. Hedwig Boehmer. 1VI,. ^.n gezeichnet, der offenbar fehr tiefe Blicke in das

leitg. und Anmerkgn. v. Ed. Boehmer. 2. Aull, ^lpzig, Leben am Hof gethan hatte Recht deutlich zeigt fich

Dürr'sche Buchh. 1897. (252 S. gr. 8.) M.6.—, die Nothwendigkeit einer gründlichen Studie über den

geb. M. 7.50 Hof Karl's V., und die verfchiedenen Strömungen von

i-j t>-u r n„rnant wiffen dafs er die Selten der burgundifchen, bezw. niederländifchen, der

Man kann Ed Böhmer pur ^ fpanifchen und deutfchen Hofleute. Es ift dringendes

Denkwürdigkeiten des Span ers ^^"^'^ Bedürfnifs, nur einmal die Beichtväter und Hofprediger

Reformatorenbnefen als Franciscus Dryander begegnet, y ^ Ferdinand>s j jn jhrer ReihenfolFe> ^

"TTveTüber den Cenfus jetzt auch Ramfiv/. Abhandlung im Ex- £»'G™nden ihrer Berufung und Entlaffung ihrer ganzen

positor, 1897,' April und Juni. Geiftesart genau kennen zu lernen. Z. B. über Ferdi-