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Ausgabe:

1897 Nr. 20

Spalte:

533-536

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Plummer, Alfred

Titel/Untertitel:

A critical and exegetical Commentary on the gospel according to S. Luke 1897

Rezensent:

Weiß, Johannes

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Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 20.

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zahlreiche Lefer gefunden haben. Ein Buch diefer Art
gab es in deutfcher Sprache bisher nicht. Wer fich bei
uns über die einfchlägigen Fragen Orientiren wollte, ohne
zu den Engländern oder zu umfangreichen Werken, wie
Gregory's Prolegomena zu Tifchendorf's Ed. VIIL major,
feine Zuflucht zu nehmen, mufste fleh mit dem Wenigen
begnügen, was in den Einleitungen ins N.T. darüber zu finden
ifl. Wir begrüfsen es daher mit Freuden, dafs der Herr
Verf. fleh entfchloffen hat, feine Arbeit nunmehr unabhängig
von der ,Sammlung Göfchen' erfcheinen zu laffen,
und bezweifeln nicht, dafs er fich damit den Dank Vieler,
insbefondere unter Studirenden und Geiftlichen, erwerben
wird.

In drei Capiteln handelt der Verf. 1. über die Ge-
fchichte des gedruckten Textes, 2. über die Materialien
der neutefiamentl. Textkritik (Handfchriften, Ueberfetz-
ungen und Schriftftellercitate), 3. über Theorie und Praxis
der neutefiamentl. Textkritik. Wie alle Arbeiten Neflle's,
fo zeugt auch diefe von feiner peinlichen Gewiffenhaftig-
keit, die ihn überall aus den Quellen felbft fchöpfen heifst,
und von feiner Beherrfchung der einfchlägigen Litteratur.
Namentlich das erfte Capitel enthält, trotz der knappen
Darfteilung, eine Fülle von Details, wie man fie nicht

habt zu haben und fpreche den dringenden Wunfeh aus,
dafs der Commentar auch in Deutfchland aufmerkfame
Lefer finden möge. Anziehend und vorbildlich an ihm
ift die grofse Liebe und Wärme, mit welcher der Verf.
feinen Gegenftand behandelt. Der Stil ift, foweit ich
das beurtheilen kann, gefchmackvoll, auf einen Deut-
fchen wirkt er nicht fo breit und behaglich, wie in andern
englifchen Werken. Trotz der erftrebten Knappheit und
reichlich angewandten Petit-Druckes ift aber noch immer
ein fehr ftattlicher Band herausgekommen. Ich fehe das
als keinen Mangel an, da ich das heute beliebte ,fich
kurz faffen' gradezu als eine Gefahr für den wiffen-
fchaftlichen Betrieb anfehe. Faft mit Neid denkt man
an englifche Zuftände, wo Verleger und Publicum den
Autoren folche Bücher geftatten, noch dazu in fo glänzender
Ausftattung. Freilich in andrer Beziehung hat die
Lage bei uns auch ihre Vortheile. Der Zwang der Kürze
nöthigt zur Präcifion und zur Befchränkung auf die wirklichen
Hauptfachen. Und das find nicht gerade die Vorzüge
des englifchen Buches.

Die ftärkfte Seite der Auslegung ift die fprach-
liche. Hier findet der Lefer die gröfste Belehrung.
Ein reicher Apparat, der durchaus den Eindruck des

leicht an einem anderen Orte, wo der gleiche Gegenftand j Selbfterarbeiteten macht, wird vor uns ausgebreitet. Die
behandelt wird, zufammen finden mag. Im zweiten Ca- I Citate, aus LXX, Jofephus, griech. Schriftftellern find mit
pitel, wo man am wenigften Neues zu finden erwartet, j Sorgfalt und charakteriftifch ausgewählt. Die Gräcität
wird man S. 44 durch die Vermuthung überrafcht, dafs j des Lk in ihrer eigenartigen Mifchung von heileniftifchen

und aramäifchen Beftandtheilen tritt in helles Licht.
Seine Stileigenthümlichkeiten im Unterfchied von Mtth.
Mk. werden fcharf hervorgehoben. Einzelne Ausführungen
wie z. B. der Excurs über iytvsxo S. 45 f. find von
befonderem Werthe. Entgangen zu fein fcheinen dem

die fogen. Farrargruppe (69. 124 u. f. w.) auf den Märtyrer
Lucian zurückgehen werde. In dem wichtigen dritten
Capitel behandelt N. nach einer orientirenden Einleitung
zunächft den Schlufs des Markusev. und läfst fodann
nach einander die Apokalypfe, die paulin. und die ka-

thol. Briefe, die Apoftelgefchichte und die Evangelien [ Verf. Deifsmann's .Bibelftudien', wenigftens macht er
Revue paffiren, um überall die bemerkenswertheften Va- zu 627. n42 keinen Gebrauch von ihnen. Auch Schmiedel's
rianten näher zu betrachten. Dafs in diefem Zufam- ! Bearbeitung von Winers Grammatik ift nicht genannt,
menhange nicht lediglich fichere Ergebniffe vorgetragen i Blafs' Grammatik konnte noch nicht verwerthet werden,
werden, liegt in der Natur der Sache und ift bei dem j aber den Comm. zur Ap.-G. hat der Verf. hier und da
Gährungsprocefse, in den die neuteftamentl. Textkritik herangezogen in fprachlichen Fragen. Zu i4; yyaAAiaOe

neuerdings eingetreten ift, vollends begreiflich. Hierbei
kommen namentlich diejenigen Partieen in Betracht, wo
N. fich mit dem Cod.Cantaör.be(cm{tgt und einer gröfseren
Werthfehätzung desfelben auf Koften des Cod. Vatic. das
Wort redet (vgl.befS.127f). Aber auch wer dem nicht beipflichten
kann, wird dem Verf. für die mannigfachen Beobachtungen
, die er beibringt, und für die dadurch empfangene
Anregung zu erneuter Prüfung der Probleme dankbar
fein. Dem Aufrufe zur Arbeit am Texte des N.T., welcher
S. 129 an ,die jungen Kräfte' ergeht, ,die wir in Deutfchland
in fo reichem Mafse zur Verfügung haben', kann Ref.
fich anfchliefsen. Denn der dafür zum Ausgangspunkt genommene
Gegenfatz zu Urtext S. 54 (ThRE II3 S. 766) ift
infofern nur ein fcheinbarer, als auch dem Verf., wenn er
nicht felbft Hand anlegen mag, im Hinblick auf den zu
wünfehenden Erfolg nichts anderes übrig bleiben wird

vgl. Lagarde, Mittheilungen 3S74.

Die Sacherklärung ift mit reichen archäologifchen
Mittheilungen ausgeftattet. Charakteriftifch ift im Gleich-
nifs vom verlorenen Sohn die lange Note zu xb ETiißällov
fiigoq xyq ovoiac. Warum aber wird nicht das Licht
der Archäologie benutzt, um 619 die Differenz von Mk.
zu erklären? Wenn Mk. fchreibt dnaaxiyaOav xv Qxlyyv
ojtov yv xdi Et-oQvgavceg yalüGiv, Luk. dagegen nur dia
T(öv xsQaucov y.a^rfjxav, fo denkt jener an die Paläftin-
enfifche Bauart (Benzinger S. 116), Lk. dagegen an das
Dach des griech.-röm. Haufes. Und wie konnte der
yerf. an der Stelle Lk. 417 verkennen, dafs die LA. sD:
avatnv^ag fchon deswegen älter fein mufs, als die der
anderen Majuskeln (dvoii-ag), weil diese den Codex, jene
die Rolle vor Augen hat, wie trotz Apok. 52 ft. 102.8. 1012
behauptet werden darf.

als ,abzuwarten'. Leider fteht die theologifche Erklärung nicht durch-

Mit der von N. neuerdings empfohlenen und hier ' weg auf der Höhe der fprachlichen und archäologifchen.
angewandten Bezeichnung der neuteftamentl. Bücher durch Mit geradezu auffallender Kürze und Dürftigkeit find die
je einen griechifchen Buchftaben, wobei Joh. und Jud., | Gleichniffe behandelt. So fehr anerkannt werden mufs,
Philipper- und Philemonbrief fich nur durch die Gröfse i dafs der Verf. fich von plattem Allegorisiren fern ge>
der Type von einander unterfcheiden, vermag Ref. fich 1
nicht zu befreunden.

Leipzig. O. v. Gebhardt.

Plummer, Rev. Alfred, M. A., D.D., A critical and exe-
getical Commentary on the gospel aecording to S. Luke.

[The international critical commentary.] Edinburgh,
T. &T. Clark, 1896. (LXXXVIII, 590 S. gr. 8.) Geb. 12 s.

Dies Werk ift. eine Zierde nicht nur des international
Critical Commentary, fondern der exegetifchen Literatur
überhaupt. Ich bekenne, neben reichlicher Belehrung

auch einen nicht geringen Genufs bei der Leetüre ge- | vom Begriffe des Reiches Gottes u. a. nicht "zu reden

halten hat, fo fehlt es doch an einer klaren principiellen
Stellungnahme zum Wefen des Gleichniffes. Ein gelegentliches
Allegorifieren verfchmäht der Verf. keineswegs,
auch da wo es ganz unnöthig und daher unerlaubt ift
(z. B. 732). Jülicher's Buch kennt oder nennt er wenigftens
nicht, aber auch die Gleichnifs-Interpretationen von B.
Weifs, die er kennt, hätten ihn zu fchärferem Angreifen
der Sache führen follen. Ueberhaupt muss ich den Vorwurf
ausfprechen, dafs diefer Teil des Commentars der
.internationalen' Abficht keine grofse Ehre macht, infofern
als Vieles, was neuerdings auf diefem Gebiete gearbeitet
ift, überhaupt nicht erwähnt wird. So ift die
Erörterung über den ,Menfchenfohn' völlig ungenügend,