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Ausgabe:

1897 Nr. 17

Spalte:

457-460

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Eberhardt, Max

Titel/Untertitel:

Ev. Joh.c.21. Ein exegetischer versuch als Beitrag zur johanneischen Frage 1897

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 17.

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nach bekannten Muttern als ein aus literarifchen Anleihen
zufammengequältes, ziemlich werthlofes Kunftproduct zu
erweifen. So lange man fich über die Pathologie der
Ueberlieferung und über ihre gefchichtlichen Bedingungen
nicht verttändigt hat, mufs man mit dem methodifchen
Mifsbrauch von Analogien rechnen. Um fo lieber weifs
ich mich mit H. in der Abfchätzung der literarifchen Unabhängigkeit
der neuen Herrenfprüche einverftanden.

Leipzig. G. Heinrici.

Eberhardt, Lic. Max, Ev. Joh. c. 21. Ein exegetifcher
Versuch als Beitrag zur johanneifchen Frage. Leipzig,
Dürr'fche Buchh., 1897. (83 S. gr. 8.) M. 1.80

Vorliegende Schrift enthält eine ,Gefchichte der
Exegefe' (S. 7—19), hierauf die ,Exegefe' (S. 20—72),
und ,Schlufsbemerkungen' (S. 79—83), dazwifchen noch
eine Unterfuchung über den ,Sprachcharakter' (S. 73—78),
in der man den werthvollften Theil des Ganzen um fo
mehr erblicken darf, als auch die Auslegung mit ihrem,
faft zu jedem einzelnen Wort beigebrachten, ftatiftifchen
Material (fie ift hauptfächlich dadurch fo ftark ange-
fchwollen) ftets diefes Ziel im Auge hat. Sofern dadurch
erwiefen werden foll, dafs der Wortfehatz des Anhanges
der Annahme einer Abfaffung deffelben durch den
Evangeliften nicht widerftrebt, der Stil eine folche Annahme
aufserordentlich begünftigt, kann die Aufgabe,
die fich der Verf. geftellt hat, als gelöft betrachtet
werden. Er befindet fich mit diefem Refultate in Ueber-
einftimmung mit Veröffentlichungen, welche im gefchichtlichen
Eingangsabfchnitt noch nicht genannt find, nämlich
mit Jülicher, Einleitung in das Neue Teftament
1894, S. 245 f., Harnack, Die Chronologie der altchrift-
lichen LitteraturbisEufebiusI, 1897, S.676f. und Wuttig,
Das johanneifche Evangelium und feine Abfaffungszeit
1897, S. 82 f. 103, 106, 131 f.

Indeffen mufs bemerkt werden, dafs V. 2 e/ii cum
Gen. in der Bedeutung ,an' als Abweichung beftehen und
auffallend bleibt (S. 23), wenn man den gleichfalls vom
fonftigen Stil des Evangeliums abweichenden Gebrauch
von hei einerfeits cum Gen. im Sinne von .wegen'
(S. 35, wo die Angabe ,im N. T. nur ganz vereinzelt'
angefichts von Matth. 13, 44, 28,4. Luc. 19,3, 22,26
22,45. Act. 22,11 kaum gerechtfertigt erfcheint), anderer-
feits ttatt ek (S. 41, wo übrigens zu lefen ift: vgl. 4,13.
14. 6,11. 26) dazu nimmt.1) Wäre der Nachtrag aus
fonftigen zwingenden Gründen einer andern Hand zuzu-
fchreiben, fo müfste die Abficht der Nachahmung zu
peinlich genauer Durchführung gelangt fein. Aber auch
ein und derfelbe Schriftfteller könnte das Stück nachträglich
mit bewufster Rückbeziehung auf feine eigene
frühere Darfteilung verfafst haben. Was zu einer folchen
Annahme einlädt, ift die wörtliche Herübernahme von
13,25 in 21,20 (S. 62) und mehr noch die auch vom Verf.
S. 47 anerkannte, aber aus der Aehnlichkeit der gefchichtlichen
Situation erklärte Correspondenz der Fifchmahl-
zeit mit der Brotfpeifung. Nachdem 6,9 = 21,9 coroc
und ('ipdgiov (diefer Ausdruck^ aus 6,9. II s=> 21,9. 13,
fonft in beiden Capiteln ngoaepayiov oder Ix^veg) bereits
vorläufige Erwähnung gefunden haben, correfpondiren
fich beide Darftellungen in einer Weife, die entweder
auf Nachbildung oder auf Rückbeziehung fchliefsen läfst.
Man vergleiche infonderheit in 6,11 und 21,13 das
tlaßtv ovv xovg agxovg 6 'ir.aovg dort, das tgxtxca 'inoovg
Kai Xauß&vst xbv dqzov hier, das Kai svxaQiaxrjaag dit-
dancev totg avav.eiutvoig dort, das Kai diöwaiv alxolg hier,
endlich das buoiiog Kai ek xd:v oif'aQtcov boov ijfrtlov
dort, das Kai xu oxpdgiov bunlwg hier. Kein Wunder,

1) Gelegentlich fei bemerkt, dafs S. 38 zu lefen ift nrjX1'1!, ftatt
UTjxig, S. 58 Mt 8,3 ftatt 8,13 und Taulus ftatt Petrus, S. 69 «7jjt>ij
ftatt «'cnyfjfy.

I wenn, was aus dem gefchichtlichen Abfchnitt bei unferem
1 Verf. nicht erlichtlich wird, die Väter faft durchweg hier
eine allegorifche Darfteilung, fei es des Abendmahls, fei
es des himmlifchen Mahles, in der Vollendung fanden.
Vgl. Kraus, Roma sotterranea S. 210f. Insonderheit ent-
deckteAuguftinus, Tractinjoh. 123,2 in dem johanneifchen
Schlufstableau unter einem geheimnifsvollen Bilde die
Lehre von der Einheit aller chriftlichen Seelen mit
Chriftus, ihrem Haupte, zuerft in der Welt durch die
Euchariftie, dann durch jenen noch innigerem Genufs im
Jenfeits, davon die Euchariftie nur Vorfchmack ift.
Schanz, Commentar über das Evangelium des heil.
Johannes 1885, S. 582 findet es bemerkenswerth, dafs
hier fogar der fonft aller Allegorie abgeneigte Maldonatus
diefe Wege befchreitet. Dafs gerade das Schlagwort
evxaoiozrjoag ausfällt, thut bei den fonft feftftehenden
Beziehungen zwifchen den Speifungsgefchichten und dem
Abendmahlsberichte nichts zur Sache. Vgl. des Unterzeichneten
Lehrbuch der neuteftamentlichen Theologie I,
S. 385 f., II, S. 503. Ebendahin weifen auch die ver-
fchiedenen Darftellungen des Fifchmahles der 7 Jünger
in den Katakomben, indem fie die Scene mit 7, 8
oder 12 Brotkörben bereichern, alfo offenbar an die erfte
oder zweite Speifungsgefchichte denken. Der johanneifche
Nachtrag lehnt fich übrigens an die zweite
Speifung an, nachdem die 12 Körbe der erften fchon 6,13
verbraucht waren. Daher die 7 Jünger 21,2, auf die
7 Körbe Mt. 15,37 = Marc. 8,8 hinweifend. In feiner
Weife bietet demnach auch der vierte Evangelift gleich
dem erften und dem zweiten die Speifungsgefchichte in
doppelter Redaction.

Einem fo durchweg auf fymbolifche Deutung und
Doppelfinnigkeit (diefe S. 61 gelegentlich und vorübergehend
anerkannt) angelegten Werke wie das johanneifche
Evangelium ift die patriftifche Auslegung wenig-
ftens auf einem grofsen Hauptpunkte gerechter geworden,
als die modern-apologetifche, welche ihr Abfehen überall
auf den Nachweis der buchftäblichen Gefchichtlichkeit
der Darftellung gerichtet hat, trotzdem dafs diefelbe fo
vielfach überwirklichen Charakter trägt und nvevuaxiKtüg
verftanden fein will. Unfer Verf. thut fich dem Unterzeichneten
gegenüber S. 29 auf feine Starkgläubigkeit
etwas zu Gute, die ihm erlaubt, den ganzen Inhalt des
johanneifchen Anhangs, allerdings unter Vorbehalt einiger
zurechtlegender rationalifirender Maafsregeln (S. 31, 34,
41, 45 f.), für baare Gefchichte zu nehmen. Für feine ge-
fchichtliche Urtheilskraft ift charakteriftifch, dafs ihm die
Identificirung des Nathanael mit Bartholomäus ,alleHypo-
thefen, die den Nathanael fymbolifch faffen, zu Schanden
macht' (S. 27). ,Man kann beobachten, dafs die Meerwunder
gewöhnlich in der Dunkelheit gefchehen' (S. 30).
.Schon im Evangelium kommt und verfchwindet der
Herr, wie und wann er will; vgl. 7,10, 8,59, 10,39 — wie
viel leichter der Auferftandene' (S. 32). Ich mifsgönne
dem Verf. diefen Triumph in keiner Weife, meine aber,
er würde feinem Ziele näher gekommen und des Beifalles
fachverftändiger Beurtheiler ficherer gewefen fein, wenn
er das eigenthümliche Halbdunkel, in welchem die ganze
Darftellung unferes Capitels gehalten ift, anerkannt und
als dem Gefammtcharakter des Evangeliums überhaupt
genau entfprechend befunden hätte. Warum follte die
Siebenzahl der Jünger nicht auch beabfichtigt fein, wenn
es doch die Siebenzahl der Wunder im Evangelium ift?
Es ift doch wohl nur ein Scherz, wenn er S. 25. 68 in
diefer Beziehung einen Vers des Nonnus als .Lesart'
gegen mich ausfpielt. Wenn er weiterhin S. 29 die Art,
wie ich die 7 Jünger zufammengerafft denke, kurzweg
als .Zerrbild' bezeichnet, fo hätte vielleicht noch mehr
Eindruck auch auf gefinnungsverwandte Lefer die Erinnerung
daran gemacht, dafs wir mittlerweile ja das Evangelium
Petri kennen gelernt haben, wo Levi Alphaei
Marc. 2,14 als einer der Sieben erfcheint. Hiernach
würde ich jetzt meine frühere Auffaffung ergänzen.

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