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Ausgabe:

1897 Nr. 15

Spalte:

418-419

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Baldensperger, W.

Titel/Untertitel:

Carl August Credner, sein Leben und seine Theologie 1897

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 15.

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von Wolfenbüttel vornahmen. Die Originale find nur
zum Theil noch im braunfchweigifchen Staatsarchiv zu
Wolfenbüttel vorhanden; ergänzt, auch hier und da berichtigt
find fie theils aus der officiellen Reinfchrift auf
Herzogl. Confiftorium zu Wolfenbüttel, die bis auf die
,Inftruktion, was die verordente ftathalter vnd rethe jn
wulffenbuttel jn beuehelich haben follen' (im Landes-
Hauptarchiv zu Wolfenbüttel befindlich; der S. 5 beginnende
Abfchnitt foll wohl ftatt mit 2 mit 5 numerirt
fein) vollftändig ift; theils auch aus den ebenfalls unvoll-
ftändigen Copialbüchern 17. Jahrhunderts auf Kgl. Confiftorium
und Kgl. Staatsarchiv zu Hannover. Es folgt
als zweiter Theil (S. 241—448) die durch die Herzogin
Elifabeth in den Jahren 1542 und 1543 vorgenommene
Vifitation des Herzogthums Kalenberg-Göttingen. Die
fie betreffenden Urkunden find von verfchiedenen Fundorten
zufammengetragen. Die von Corvin verfaffte
.Ordenung vor die Clofterleuth' (S. 257—272) — in hoch-
deutfcher Faffung, in niederdeutscher ift fie auch gedruckt
vorhanden — befindet fich in dem v. Hanftein'fchen
Archiv, das auch ein Exemplar der ,Inftruktion' (S. 243—
256) bewahrt; ein anderes von letzterer ift aufbehalten
in der auf dem Kgl. Confiftorium in Hannover befindlichen
officiellen Reinfchrift der Vifitationsacten, der
befonders die Abfchiede der Städte und Klöfter (S. 272 —
390) entnommen find; das Verzeichnifs der Einkünfte
(S. 390—448; exiftirt noch im Original (Kgl. Staatsarchiv
in Hannover), ift aber leider nicht ganz vollftändig; die
göttingifchen Dorfpfarren fehlen. Auch die Acten, welche
dem dritten Theil (S. 449—571: Vifitation im Herzogthum
Lüneburg unter Ernft dem Bekenner im Jahre 1543) zu
Grunde liegen, weifen Defecteauf: aufser der Inftruction
fehlen die Vifitationsacten der Ämter Gifhorn und Harburg
. Erfteres fcheint 1543 überhaupt nicht vifitirt zu
fein, weil man auf die Vifitation von 1534 zurückgriff.
Erfetzt werden die fehlenden Nachrichten für Gifhorn
durch Abdruck des im Jahre 1534 aufgeftellten Pfründen-
verzeichniffes. das auch fonft neben dem für das Amt
Winfen a. d. L. aufserdem noch vorhandenen Regifter
von 1530 (f. Anm. 1157, die fchon bei Drennhaufen —
S. 521 — zu beachten ift) mehrfach verwerthet wird.
Angaben über das Amt Harburg find überhaupt nicht
vorhanden. Die gröfste Lücke in den aufbehaltenen
Urkunden zeigt der vierte Theil (S. 573—591), die Vifitation
im Grubenhagenfchen unter Philipp d. Ä. vom
Jahre 1544 enthaltend. Auch hier fehlt die Inftruction
und aufser ihr die Vifitationsacten für den ganzen örtlichen
— den Ofteröder — Bezirk des ehemaligen Herzogthums
Grubenhagen. Die im dritten und vierten Theil
abgedruckten Quellen befinden fich im Archiv des Kgl.
Confiftoriums zu Hannover.

Was die Gebiete betrifft, in denen diefe Vifitationen
ftattfanden, fo wird — abgefehen von einigen Enclaven
und feiner heutigen Hauptftadt — das ganze heutige
Herzogthum Braunfchweig durch diefelben berührt; von
der heutigen Provinz Hannover, bezw. von dem Gebiet
der hannoverfchen Landeskirche bleiben — die fchon
erwähnten Defekte ungerechnet — aufser mehreren
Städten (neben der freien Reichsftadt Goslar namentlich
auch die Städte Göttingen, Hameln, Hannover, Lüneburg,
Celle) befonders die damaligen geiftlichen Gebiete(Bremen-
Verden; Osnabrück; Hildesheim, fo weit das Stift nicht
occupirt war) die Graffchaften Hoya und Diepholz und
Oftfriesland übrig.

Aufserordentlich werthvolle Beigaben find die Anmerkungen
(1340 an der Zahl!), in denen fich das reiche
Wiflen und die umfaffende Belefenheit des Herrn Herausgebers
offenbart, und die Regifter des Buches. Erftere
orientiren nicht nur über das Gebiet und den Gang der
Vifitationen (f. bef. die Anmerkungen 3, 12, 502, 503,
1309) und über die Vifitatoren (f. Anm. 1, 4—10, 502,
r3o8), fie fammeln gleichzeitig aus den verfchiedenften
Quellen Nachrichten über die einzelnen Kirchen und

Pfarren und geben in der Kürze einen Überblick auch
über die fpäteren bezw. früheren Vifitationen in den betreffenden
Gebieten (f. namentlich Anm. 928), deren
Acten fie mehrfach zur Ergänzung heranziehen (fo neben
den fürs Lüneburgfche fchon erwähnten Ergänzungen
namentlich für Braunfchweig-Wolfenb. die Vis.-Acten v.
1544 und 1568, für Kalenberg-Göttingen die Acten v.
1588). Die Regifter (S. 599—657) find mit der gröfsten
Sorgfalt und Genauigkeit gearbeitet.

Ungern vermifst man in dem Vorwort (S. III) bei
der Aufzählung der bisherigen Literatur reformatorifcher
Vifitationen die genaue Quellenangabe (z. B. fehlt bei
Erwähnung der Vifitationsacten des Wittenberger Kreifes
die Bemerkung, dafs fie in: Neue Mittheilungen aus dem
Gebiete hift.-antiqu. Forfchungen IX (1862) Heft 3 u. 4
zu finden find). Vollftändigkeit ift wohl nicht beab-
fichtigt. Beifpielsweife find nicht angeführt: Grofsmann,
die Vifitations-Akten der Diöcefe Grimma. Leipzig 1873,
Joh. Müller, die Protocolle der Kirchenvifitationen in
den Aemtern Vogtsberg und Plauen 1529 und 1533 in:
Mittheilungen des Alterthumsvereins zu Plauen i. V. VI
(1887) und die Protocolle der Kirchenvifitationen in den
Aemtern Zwickau, Crimmitschau und Werdau i. J. 1529
in: Allerlei aus Drei Jahrhunderten von G. Buchwald
(Zwickau, 1888).

Neben dem herzlichften Dank, der dem Herrn
Herausgeber für feine mühevolle Arbeit gebührt, mag
der Wunfeh diefe Befprechung fchliefsen, dafs nun auch
für die übrigen Gebiete der niederfächfifchen Kirchen
die reformatorifchen Urkunden in ähnlicher Weife ge-
fammelt werden möchten. Wo die Reformation nicht
in der Form der Vifitation fich vollzogen hat, da fammele
man doch alles andere noch vorhandene Material, das
geeignet ift, über den Verlauf der Reformation Licht
zu verbreiten. Die oben erwähnte Zeitfchrift bietet dazu
ja nun die Gelegenheit. Mögen denn zu folchen Sammlungen
viele ähnlich berufene Hände fich finden! —
Efchershaufen (Brfchw.) Ferdinand Cohrs.

Baldensperger, Prof. Dr. W., Carl August Credner, fein
Leben und feine Theologie. Mit Credner's Bildnifs.
Leipzig, Veit & Co., 1897. (99 S. 8.) M. 1.—

Die theologifche Facultät zu Giefsen hat am 10. Januar
1897 den hundertjährigen Geburtstag Credner's
durch einen Feftact gefeiert, bei welchem der gegenwärtige
Vertreter der neuteftamentlichen Exegefe Prof.
Baldenfperger die Feftrede hielt. Diefe Rede erfcheint
hier in erweiterter Geftalt und von zahlreichen Anmerkungen
begleitet, welche theils Actenmaterial, theils
Erläuterungen zum Text, namentlich eine eingehende
Würdigung der theologifchen Arbeiten Credner's bieten.
Baldenfperger hat fich auf's Gründlichfte in feinen Gegen-
ftand eingearbeitet. Er führt uns die wiffenfehaftlichen
Leiftungen Credner's im Einzelnen vor Augen; er verfolgt
aber auch das Leben desfelben, namentlich feine
langjährige Wirkfamkeit in Giefsen und die mannigfaltigen
Kämpfe, welche er hier durchzufechten fich ge-
nöthigt fah, mit folcher urkundlicher Treue und Genauigkeit
, dafs uns zugleich ein wichtiger Ausfchnitt
aus der Gefchichte der theologifchen Facultät, ja der
Univerfität Giefsen geboten wird. Credner war nicht
nur ein felbftftändiger Forfcher, fondern auch ein mannhafter
Charakter, mit welchem unter Umftänden nicht
ganz leicht auszukommen war, der aber jedenfalls immer
nur ideale fachliche Ziele verfolgt und fich grofse Ver-
dienfte erworben hat durch Bekämpfung von mancherlei
Mifsftänden, die er vorgefunden hat, und die ihm auch
fpäter noch entgegentraten. Namentlich die von der
damaligen Demagogenfurcht eingegebenen reactionären
Beftrebungen des katholifchen Kanzlers von Linde
haben in ihm einen hartnäckigen Gegner gefunden.