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Ausgabe:

1897 Nr. 14

Spalte:

395-397

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schneller, Ludwig

Titel/Untertitel:

In alle Welt! 1897

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 14.

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weift er 1852 auf: ,zuerft die Einfeitigkeit eines religiöfen
und dogmätifchen Pofitivismus, in welchem das kritifche
Prinzip der Reformation erftarrte, dann das ebenfo ein-
feitige Hervortreten der kritifchen und weltlichen Con-
fequenzen, und in der Gegenwart das Ringen nach ver-
nünftig-chriftlicher Vermittlung beider Seiten' (S. 441).
Nach jener Ablehnung Hegel's nimmt es aber kaum
Wunder, wenn über F. Chr. Baur, den ,einfeitig fkeptifchen
Studierftubengelehrten' (S. 518) nicht minder ungünftig
abgeurtheilt wird. Auch Beyfchlag follte nun doch wohl
den Arbeiten der Tübinger Schule fern genug flehen,
um ein hiftorifch ruhigeres Urtheil über fie abgeben zu
können. Aber in feiner Darftellung häufen fich nur die
abfchätzigen Prädicate: lächerlich, unwürdig, ftärkfte
Befangenheit, raffinirte Verdächtigung und Vergewaltigung,
aprioriftifcheGewalttätigkeit, monotoneskritifches Hexenlied
, ,der Straufs'fche Mythennebel war hier in den
Schmutz der Tendenzlüge verwandelt' (S. 242 f.). Und
wie leicht ftellte fich ihm die Aufgabe dar, diefe Irr-
thümer zu überwinden. Ueber die erfte Auflage von
Ritfchl's Altkath. Kirche fchrieb er: ,das Buch ift im
Vergleich mit Baur und Schwegler nüchtern, aber bei
allem Fleifs der Durchführung in principiis in deren
Fufstapfen; eine gründliche Kritik, die mir halbfertig in
der Seele liegt, mufs es aus den Angeln heben' (S. 356).
Man wird dem fpäteren Herausgeber der Deutfch-evan-
gclifchen Blätter fchwerlich zu nahe treten, wenn man
den Gefammteindruck feiner Selbftdarftellung dahin zu-
fammenfafst: feine Intereffen wie feine Begabung neigten
mehr nach der praktifchen und kirchenpolitifchen als
nach der wiffenfchaftlichen Seite hin.

Rumpenheim. S. Eck.

Schneller, Paft. Ludw., In alle Welt! Auf den Spuren
des Apoftels Paulus von Antiochia bis Rom. Leipzig
, Wallmann in Komm., 1897. (544 S. m. Ab-
bildgn. gr. 8.) Geb. M. 6.60

Schon dreimal hat die theol. Litztg. Veranlaffung
gehabt, Werke Schneller's zur Anzeige zu bringen.
Seine erfte Arbeit ,Kennft du das Land? Bilder aus dem
gelobten Lande zur Erklärung der heil. Schrift' bot
,mannigfaltige Beiträge zu einem concreteren lebendigen
Verftändnifs der Bibel' (angez. von Furrer, Theol. Litztg.
1889, Sp. 249). Die beiden folgenden: ,Evangelienfahrten'
(angez. von Hans, Theol. Lit/.tg. 1892, Sp.459) una > Apoftel-
fahrten'(angez. von Furrer, Th. Litztg. 1895, Sp. 617) gaben
zufammenhängende Darftellungen der Gefchichte Jefu
Chrifti und der Apoftel, ebenfalls mit der Tendenz, durch
Zeichnung des geographifchen und hiftorifchen Hintergrundes
die heilige Gefchichte anfchaulicher und lebendiger
zu machen. Ihnen reiht fich nun die Gefchichte
des grofsen Heidenapoftels ebenbürtig an. Denn was
uns hier geboten wird, ift nichts anderes, als eine populäre
Erzählung des Lebens Pauli in der angegebenen
Weife. Die Vorzüge, welche die Recenfenten der früheren
Werke zu rühmen hatten, kehren auch hier wieder; ebenfo
die Schwächen, welche nicht verfchwiegen werden
konnten.

Der Verf. kennt nicht nur das heilige Land aus
eigener Anfchauung, fondern auch einen grofsen Theil
der Länder und Städte, in welchen fich die Gefchichte
Pauli bewegt hat. Als Wanderer ift er ,den Spuren des
Apoftels Paulus' durch Syrien, Kleinafien und Griechenland
gefolgt. Und mit diefer Kenntnifs der Länder und
Städte verbindet er eine ganz hervorragende Gabe anfchaulicher
Schilderung. So find die Abfchnitte, in
welchen er uns den landfchaftlichen Hintergrund der
Gefchichte Pauli fchildert, die eigentlichen Glanz-Partien
feines Buches. Aber er weifs auch fonft lebendig und
feffelnd zu erzählen. Dabei mufs allerdings die Phantafie
mithelfen. Die kurzen hiftorifchen Notizen der biblifchen

Quellen werden zu farbenreichen Bildern erweitert; doch
wird nirgends hinzugedichtet, fondern nur ausgemalt.
So dürfte das Buch fich befonders eignen als Hülfsmittel
zum Religionsunterricht. Wer Schneller's Schilderungen
gelefen hat, wird in befonderem Mafse befähigt fein,
auch der Jugend die Gefchichte anfchaulich zu erzählen.

Eine Schwäche Schneller's, die aber mit feinen Vorzügen
eng zufammenhängt, ift feine ablehnende Stellung
gegenüber der hiftorifchen Kritik. Die volle Glaub-

I Würdigkeit der Apoftelgefchichte ift ihm etwas ganz
Selbftverftändliches, und die Kritiker, welche diefelbe
bezweifeln, kommen fchlecht weg. Auch die Gefchichte
felbft erfcheint ihm im vollen Glorienfchein. Die
fummarifchen Angaben der Apoftelgefchichte über das
rafche und mächtige Wachfen des Evangeliums erfahren
durch feine idealifirende Wiedergabe noch eine erhebliche
Steigerung. Wenn die Apoftelgefchichte (in diefem
Falle gewifs glaubwürdig) erzählt, dafs Paulus in Puteoli
,Brüder' gefunden habe, fo fieht Schneller darin be-
ftätigt, ,dafs man fchon damals kaum an einer bekannten
Küfte landen konnte, ohne Chriften zu
finden' (S. 484). Es ift eben die fröhliche Begeifterung
eines poetifchen chriftlichen Gemüthes, nicht die nüchterne
Betrachtung des Hiftorikers, die hier den Griffel
führt. Angefichts diefer Gefchichts-Auffaffung ift es um
fo anerkennenswerther, wenn er die Befchränktheit des
paläftinenfifchen Judenchriftenthums recht ftark hervorhebt
(S. 87 fr. 93 ff. 331 f. 391. 406), und fogar anerkennt, dafs
Paulus die Wiederkunft des Herrn noch zu erleben
hoffte (S. 272).

Im Einzelnen hat den Verf. feine lebhafte Art und
die nicht ganz ausreichende hiftorifche Orientirung zu
manchen unrichtigen Angaben verleitet. Kaifer Claudius
war nicht ,ein entfehiedener Judenfeind' (S. 27); er hat
ja feine Regierung mit einem Toleranz-Edict für die
Juden begonnen. — In Betreff der Lage von Lyftra folgt
der Verf. (S. 56, 65) älteren Vermuthungen, die fich als
irrig erwiefen haben. Es lag nicht füdöftlich von Ikonium,
fondern füd-füdweftlich, und nur etwa halb fo weit von
Ikonium, als man früher angenommen hatte (f. meine
Bemerkungen, Theol. Litztg. 1889, col. 198; die dort
mitgetheilte Infchrift fleht jetzt auch Corp. Inscr. Lat. III
Supplem. n. 6786). — Die durch die Schlacht bei Iffus
,verbreitete' römifche Weltherrfchaft (S. 103) ift natürlich
nur ein Druckfehler. Etwas anderes aber ift die Meinung,
dafs die römifchen Meilenfteine ,die Entfernung bis
zum Forum in Rom angegeben haben' (S. 117), was
höchftens fehr indirect der Fall war. — Ob der
Chreftus des Suetonius ein Aufwiegler Chreftus oder
Jefus Chriftus ift, mag als offene Frage gelten; die
Behauptung aber, dafs letztere Anficht ,vor einer be-
fonnenen Wiffenfchaft fich nicht halten' laffe (S. 180),
kann doch nur der aufftellen, der nicht weifs, dafs in
anderen Fällen die Verwechslung von Chriftus und
Chreftus ficher bezeugt ift. — Altäre mit der Auffchrift
,einem unbekannten Gott' follen nach S. 212 ,in Griechenland
nicht feiten' gewefen fein. Thatfächlich find bis
jetzt nur folche für .unbekannte Götter' (im Plur.) bezeugt
. — Curtius' Abhandlung über ,Paulus in Athen'
wird S. 224 beifällig citirt und gegen die Theologen
ausgefpielt; auch theilt Schneller einen längeren Paffus
daraus wörtlich mit; ich mufs aber bezweifeln, ob er ihn
direct aus Curtius entnommen hat, denn er weicht gerade
in dem entfeheidenden Hauptpunkte von Curtius ab, indem
er die Scene auf den eigentlichen Areopag verlegt,
was nach Curtius unmöglich ift. — Merkwürdig ift, dafs
Sehn., der doch manche Ruinen gefehen hat, den LJnter-
fchied von Theater und Amphitheater nicht kennt.
Gladiatorenkämpfe follen im .Theater' ftattgefunden
haben (S. 237); und vermöge einer unglücklichen Combi-
nation von I Kor. 15, 32 mit Apgefch. 19 wird S. 356
für wahrfcheinlich erklärt, dafs Paulus ,die Arena des

J ephefinifchen Theaters' habe betreten müffen, um dort