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Ausgabe:

1897

Spalte:

312-313

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Paulus, Nik.

Titel/Untertitel:

Luthers Lebensende und der Eislebener Apotheker Johann Landau 1897

Rezensent:

Cohrs, Ferdinand

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3H

Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. II.

312

abgeholfen, dafs er den Nummern des zweiten Bandes
in Klammern noch die Nummer des erften Bandes beigefügt
hat, hinter der das Stück flehen müfste.

Von allgemeineren Erfchei nungen find durch
neue Stücke beleuchtet: die Templer S. 51—63, 65—72;
die Beghinen 72—89, 92—96, 301; die Geifsler 96—142,
188, 303; die Tänzer 144—159; die Brüder des gemein-
famen Lebens 150—158, 159—185, 190h, 216—229,
398—410; die Vauderie 264—266, 269—271; im letzten
Viertel des 15., und im Anfang des 16. Jahrhunderts er-
fcheinen nur noch Fälle von Unglaube und Läfterung.

Ueber einzelne Perfonen findet fich Material für
Tanchelm (S. 3—6; unbedeutend), für Lambert le Begue
(S. 9—36) und für Nicolas Serrurier (aus den Jahren 1412 fr.
S. 198 fr.). Letzteres ift der Abhandlung A. Cauchie's
entnommen, die 1893 erfchienen ift, aber in Deutfchland {
kaum bekannt geworden fein wird.

Das Material für jene allgemeineren Erfcheinungen
ift zum Theil recht werthvoll. Aber ich berichte hier
nicht näher darüber. Meifl fehen wir daraus doch nur, j
wie die bekannteren allgemeineren Erfcheinungen fich
in den Niederlanden im einzelnen dargeftellt und ausgebreitet
haben. In diefem Sinne wird man bei uns vor
allem die neuen Quellen zur Gefchichte der Beghinen
und Geifsler begrüfsen, auch fich freuen, dafs aus den
Verhandlungen über die Rechtgläubigkeit der Brüder
des gemeinfamen Lebens noch mehr bekannt geworden i
ift. (S. 159—176, 190 f.) Dagegen darf ich wohl annehmen, |
dafs über die neuen Stücke, die fich auf Lambert le
Begue beziehen, nähere Angaben erwünfcht feien. Es
find darunter drei Aktenftücke von Lambert felbst an
Calixt III. (Gegenpapft 1168—1178) gerichtet, zwei von
feinen Freunden und Leidensgenoffen an diefelbe Adreffe
und eine Bulle des Papftes zu ihren Gunften. Sie flammen 1
aus dem Mufeum Hunterianum in Glasgow und waren
von G. Waitz 1879 erwähnt, von U. Robert zum Theil
in feinem Bullarium Calixt's II. als Stilübungen abgedruckt |
worden. Aber erft Fredericq hat fie (zuerft in den Bulletins
der Brüffeler Akademie 3. Ser. 29,148 fr. und 9906°.)
in ihrer ganzen Bedeutung erkannt, vollftändig veröffentlicht
und ihre Aechtheit nachgewiefen. Sie beftätigen
und ergänzen die bisherigen Nachrichten über Lambert
in der Vita Odiliae, bei Alberich von Trois-Fontaines u. a.
Sie rücken die Zeit feiner Wirkfamkeit etwas höher hinauf:
er mufs fpäteftens 1178 oder 1179 geftorben fein. Sie
beftätigen, dafs Lambert vor allem Bufsprediger war,
zeigen aber, dafs er fich fehr lebhaft auch gegen das
Verderben- im Klerus wendet, insbefondere gegen die
Gebühren, die für Spendung der Sakramente und anderer
kirchlicher Handlungen gefordert wurden. Das bringt
den Lütticher Klerus gegen ihn auf. Man legt ihm
theologifche Fallen und verdreht feine Antworten, bis '
man glücklich eine Anklage auf Verachtung der Sakra-
mente daraus machen kann. Er wird mit feinen Anhängern
im Klerus in formlofem Prozefs verurtheilt,
appellirt nach Rom, wird eingekerkert und entflieht, j
Einen Theil feiner Freunde bringt man mit Drohen und
Verfprechen dazu, Lambert öffentlich als Häretiker zu
verwerfen. Man lagt ihnen, fie brauchten ja nicht an
diefen Lambert zu denken, fondern an irgend einen !
andern, der nach ihrer Meinung wirklich Häretiker fei i
oder auch gar nicht zu exiftiren brauche. Sie thun es,
bereuen aber und melden diefes ganze fchöne Verfahren
dem Papft. Lambert wird dann fchliefslich vom päpft-
lichen Gericht freigefprochen und reftituirt, ftirbt aber
auf der Heimreife. Seine Eingabe an den Papft beftätigt
auch u. a., dafs er wirklich der Verfaffer des Antigraphum
(-us) Petri ift und das Leben und Leiden der h. Jungfrau
fowie die Apoftelgefchichte ins Franzöfifche überfetzt,
in Reime gebracht und mit moralifchen Betrachtungen
durchflochten hat. Wie ich aus dem früheren Auffatze
Fredericqs S. 149 erfahre, hat der Kanonikus Dacis im
jMemorial. Revue des interets religieux. Liege, annee iSyj'

S. 659—674 vom Antigraphus einen Auszug gegeben,
die Schrift felbft aber im Intereffe des Klerus für unächt
erklärt. Aus andern Handfchriften (f. Fredericqs Auffatz
S. 163 f.) hat neuerdings P. Meyer aufserdem Spuren davon
nachgewiefen, dafs Lambert auch die paulinifchen Briefe
überfetzt habe. Auch Alberich bezeugt ja von ihm eine
reiche literarifche Thätigkeit.1)

Ich habe noch eine Bitte an den verehrten Herausgeber
. Der Druck der Urkunden ift fehr klein und eng
und die Zeilen im Verhältnifs dazu viel zu lang: mir
haben beim Lefen immer die Augen weh gethan. Es
wäre eine grofse Wohlthat, wenn die folgenden Bände
in diefer Beziehung beffer ausgeftattet würden. Einiger
Raum könnte dadurch erfpart werden, dafs die Regelten,
die am Kopf jedes Stücks flehen, verkürzt würden. Sie
füllen jetzt zum Theil ganze Seiten und liefsen fich doch
auf einige Zeilen einfchränken, da fie ja das Original
nicht erfetzen, fondern nur feinen Inhalt ganz allgemein
angeben follen. Ob aber in den folgenden Bänden die
Typen bleiben oder gröfser werden, jedenfalls bitte ich
an den innern Rand Zeilenzahlen zu fetzen. Sie follten
bei Textausgaben nie fehlen, am allerwenigften bei fo
engem Druck (48 Zeilen auf der Seite!). Das werthvolle
Werk wäre fo gewifs noch leichter zu benutzen.

Nicht übergehen möchte ich auch, dafs wie fchon
der Titel fagt, Fredericq bei diefem wie dem erften Band
die Arbeit in Gemeinfchaft mit feinen ,Leerlingen' gethan
hat. Er nennt diefe Genoffen feines ,praktifchen Lehrgangs
' d. h. feines Seminars S. XI f. und hebt S. IX hervor
, dafs auch ehemalige Schüler weiter mitgearbeitet
haben. Das ift nicht nur an fich eine fchöne Einrichtung,
fondern auch ein erfreuendes Zeichen von anhänglicher
Arbeitsgemeinfchaft, um die ihn mancher Fachgenoffe
beneiden wird.

Breslau. K. Müller.

Paulus, Dr. Nik., Luthers Lebensende und der Eislebener
Apotheker Johann Landau. Mainz, Kirchheim, 1896.
(IV, 25 S. gr. 8.) M. —.60

Im Anfang des Jahres 1890 gab Paul Majunke feine
berüchtigte Schrift ,Luthers Lebensende, eine hiftorifche
Unterfuchung' heraus, in der er anfcheinend allen Ernftes
nachzuweifen fuchte, dafs Luther fich felbft das Leben
genommen habe. Schon damals erfchienen neben den
Erwiderungen von evangelifcher Seite (bef. Kolde, Th.,
Luthers Selbftmord, eine Gefchichtslüge P. Majunkes.
Erl. u. Lpz. 1890; derf., Noch einmal Luthers Selbftmord,
ebenda; Kawerau in der Chriftl. Welt, 1890, S. 197 ff.
222 ff. 250 ff. und 586 ff. u. a. m.) auch auf römifcher
Seite folche, die Majunkes leichtfertiges und frivoles
Verfahren bedauerten und verdammten (f. namentlich:
Hill. Jahrbuch der Corres-Gefellfchaft, XI, 2. Heft, S. 375).
Majunke freilich fpielte feine Rolle als exakter Hiftoriker
mit grofser Kühnheit weiter. (Die hiftorifche Kritik über
Luthers Lebensende; Ein letztes Wort an die Luther-
Dichter; Luthers Teftament an die deutfche Nation:
Seine letzten Schriften, feine letzten Worte, feine letzte
— That; — fpäter gefammelt erfchienen! —) und fand
an Dr. Martin Honef (Der Selbftmord Luthers gefchicht-
lich erwiefen. München, 1890) fogar noch feinen Meifter.

Bei diefer literarifchen Fehde wurde hüben und
drüben mehrfach der von Cochlaeus zuerft 1548 veröffentlichte
,Bericht eines Mansfelder Bürgers' erwähnt,
Majunke hätte ihn gerne benutzt, um die Glaubwürdigkeit
der .Hiftoria', des von Jonas, Coelius und Aurifaber
verfafsten Berichts über Luthers Tod, anzufechten (Lebensende
. 4. Aufl. S. 11 ff), mufste aber von Kolde fich be-

i) Beiläufig bemerke ich, dafs S. 26 u. d. M. des Corpus statt non
prineipum hujus soiii, was F. selbft mit ? verlieht, hujus seculi zu
lefen sein wird. S. 30 Z. 7 v. u. ift mir das Wort agnitis dunkel geblieben
.