Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1897

Spalte:

256-258

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schulze, Martin

Titel/Untertitel:

Die Religion Jesu und der Glaube an Christus 1897

Rezensent:

Ritschl, Otto

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

255

Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 9.

unfere kurze Inhaltsüberficht gezeigt, ebenfo dafs das
Werk von ffreng katholifchem Standpunkte aus geichrieben
ift; damit find die Urtheile über die einzelnen
Perfonen und Richtungen von felbft gegeben, Lamennais'
Abfall, Döllingers bedauernswerthes Ende wird beklagt,
über den Proteftantismus wird nicht gehäffig geurtheilt,
aber er hat in diefer ganzen Welt eigentlich keinen
Raum. Höchft intereffant und lehrreich find aber die
Hinweife, dafs der Avenir mit feinen demokratifchen und
focialpolitifchen Ideen gewiffermafsen 60 Jahre zu frühe
kam, dafs unendlich viel von dem, was damals gewünfcht
und geweisfagt wurde, in der Gegenwart in Erfüllung
gegangen ift, befonders die immer mehr hervortretende
Demokratifirung der katholifchen Kirche und des Papft-
thums felbft. Ob das Papftthum, wie der Verfaffer
glaubt, im 20. Jahrhundert demokratifch fein wird,
wiffen wir nicht; dafs es im Stande fein wird, die Demokratie
zu reguliren, bezweifeln wir, ebenfo dafs die
Kirche das Scepter der Wiffenfchaft ergreifen und feft-
halten kann. Ob die Demokratifirung für die Welt ein
Glück oder Unglück fein wird, diefem non liquet des
Verfaffers ftimmen wir völlig bei, wegen aller diefer Ausführungen
aber gehört das gutgefchriebene Buch zu den
wichtigeren kirchengefchichtlichen Werken über unfer
Jahrhundert.

Stuttgart. Theodor Schott.

Mvaxaxiötjg rf. tp., B. A., 'O ieoög xX-rjoog xaxd xöv tax
altöva. (Mrffijtiog Magyovviog.) In El/.oatnevxaExriqlg
xrjg Y.airrjysaLag Kiovaxavxivov —. Kovtov. 'Ev L4&^vaig
ix xrjg Tvnnygacpiag xrjg ßaaiXr/.tjg avlftg NixoXdov
r. 'Iyyliatj 1893. (52 S. 8.) Leipzig, Spirgatis. M. 5—

Bei griechifchen Werken aus neuerer Zeit entfchul-
digt es fich wohl, wenn erft einige Jahre nach dem Er-
fcheinen ihre Anzeige gebracht wird. Es ift leider noch
immer fo, dafs fie nicht regelmäfsig nach der Ausgabe
bekannt werden. Und vom Bekanntwerden bis zum
Haben ift auch noch ein Schritt.

Der im Vorftehenden genannte Auffatz gehört zu
den Arbeiten, die von früheren Schülern dem K. S.
Kontos, Profeffor in Athen, zu feinem 25jährigen Jubiläum
gewidmet find. Die übrigen 13 Stücke des Buchs
find philologifchen Inhalts, bis auf das letzte, von Evan-
gelides behandelte, das eine bisher unedierte Xvoig des
M. Eugenikos v. Ephefus bringt für die ihm vom Kaifer
Joh. Palaeologos vorgelegte Aporie, warum nach dem
platonifchen Beweis von der Unfterblichkeit der Menfchen-
feele (Phaidros cap. 24) nicht auch den Thierfeelen Unfterblichkeit
zuzufchreiben fei.

Der Verfaffer des uns namentlich angehenden
Artikels ift einer der tüchtigften jüngeren griechifchen
Gelehrten, der namentlich in Tübingen ftudiert hat und
dadurch auch befonders für fein vorliegendes Thema angeregt
ift. Denn er konnte hier den handschriftlichen
Nachlafs des Martin Crufius benutzen, der mancherlei
enthält, was in deffen Turcograecia und den übrigen
ähnlichen Publikationen der Zeit nicht vorkommt. Die
erften drei Bände diefer forgfältigen Aufzeichnungen des
Crufius habe ich hier felbft eingefehen. Aufser diefer
Literatur, die noch nicht benutzt war, hat der Verfaffer
aber auch das bereits über Margunios Gefchriebene
fleifsig herangezogen, vor allen Dingen die Biographie
des Genannten von Legrand in feiner Bibliographie
Hellenique 1885 Bd. IL, aber auch die ältere Litteratur,
in der befonders das Türkifche Tagebuch des Stephan
Gerlach zu nennen ift, das noch viel zu wenig bekannt
ift. Es enthält ungefähr das vollftändig, was Stephan
Gerlach kurz in feinen Briefen an die Gönner in Deutschland
fchrieb. Diefe Briefe aber find die Quellen für
die Annotationes in der Turcograecia. Man kann fich
daher denken, dafs das Tagebuch mancherlei enthält,

was die Turcograecia nicht bietet. Nach den Literaturangaben
, in denen ich die beiden irreführenden Druckfehler
berichtige, nämlich dafs die Turcograecia nicht
1854, fondern 1584, und das Tagebuch nicht 1764 in
<hlo3Qsvxiq, fondern 1674 in Frankfurt a/M. erfchienen
ift, giebt der Verfaffer eine kurze Ueberficht über die
bedeutenden Theologen des 16.Jahrhunderts feiner Kirche
überhaupt, wo allerdings mindeftens Pachomios Rhufanos

' und Damaskinos der Studit fehlen.

Dann kommen wir zum Hauptinhalt der Arbeit,
zuerft zu einer guten chronologifchen und pragmatischen
Darfteilung des Lebens des Margunios, die wir hier nur
im Umrifs geben. Geboren 1549 in Creta aus guter
Familie, Studierte Margunios wie viele feiner Landsleute
in Padua. Nachdem er fich eine hinreichende Bildung,
angeeignet, erhielt er einen Ruf an die Patriarchatsfchule
zu ConSantinopel, dem er aber erft 1584 folgte. Darauf
Bifchof von Cerigo, behielt er auch diefe Stelle
nicht lange, fondern wandte fich zuletzt nach Venedig,
wo er 1602 Starb. Hiergerieth er namentlich in eine heftige
Fehde mit Gabriel Severos über den Ausgang des hl.
Geintes und die Union, wobei Margunios den milderen
Standpunkt vertrat, hier knüpfte er auch Verkehr mit
vielen Gelehrten des Abendlandes an, unter andern
mit den Tübingern. Auf feine Werke kann hier eben-

, falls nicht weiter eingegangen werden, fondern nur auf
die Stücke, die der Verfafser zum erften Male als
Beigabe zu feinem Auffatze veröffentlicht. Aufser verschiedenen
kleineren Briefen kommt da namentlich in

j Betracht ein längeres Schreiben des Margunios an den
Patriarchen Jeremias v. Conftantinopel und zwar noch
von Padua 1575 gefchrieben, das den Patriarchen als
ein öffentlicher Brief auffordert, die Reform der Kirche
in die Hand zu nehmen. Man dürfe nicht länger dulden,
dafs die griechifche Kirche unter den Vorwürfen der
Andern flehe. Solcher Vorwürfe giebt es nach M.
namentlich drei, Ketzerei, gänzlicher Mangel an Bildung
und Sittenlofigkeit. Den erften Vorwurf weift Margunios
natürlich als unbegründet zurück. Die beiden
andern mufs er zugeben. Bei den Klagen über die
Unbildung des griechifchen Clerus bringt Margunios
nicht gerade Neues. Um fo intereffanter ift es, dafs
er bei dem Vorwurf der Sittenlofigkeit darauf hin-
weift, dafs die Priefter die Abfolution um Geld verkauften
, ein Vorwurf, den im 15. Jahrhundert am lauteften
Jofeph Bryennios erhebt, fowie dafs das Mönchthum
corrumpirt fei. Die Einen gingen nach Italien, um fich
zu bilden, brächten aber nur Ketzereien heim, andere
fchweiften ihr Leben lang umher, um Almofen zu betteln
u. f. w. Durch alles dies habe das Volk den
Refpect vor dem Clerus verloren und fei in religiös-
fittlichen Indifferentismus verfallen. Margunios richtet
dann zum Schlufs eine energifche Aufforderung an Jeremias
, den Schäden abzuhelfen. Man erkennt aus diefem
Schreiben, dafs in jener Zeit ein Streben durch die
griechifche Kirche ging, fich zu erneuern; es ift das erfte
Erwachen feit 1453. Wenn Jeremias, Margunios und die
übrigen Vorkämpfer der Zeit ihr Ziel nicht erreichen,
fo hindert das doch nicht, fich an den frifchen Regungen
jener Zeit zu erfreuen.

Hannover. Ph. Meyer.

Schulze, Privatdoz. Lic Mart, Die Religion Jesu und der
Glaube an Christus. Halle, J. Krause, 1897. (V, 77 S.
gr. 8.) M. 1.20

Zunächft ift das Vorwort zur Kenntnifs zu nehmen.
Darin fagt der Verf., wer feine beiden Vorlefungen über
die hl. Schrift gelefen habe, werde überrafcht fein, ihn
nun auf der entgegengefetzten Seite zu finden. Aber er
fei nur zu Kahler zurückgekehrt, von dem er einft ausgegangen
fei. ,Wiffenfchaftliche Einfichten und perfön-