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Ausgabe:

1897

Spalte:

202

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fink, Dan.

Titel/Untertitel:

Glaube und Kritik 1897

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Seite 1

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202

Deutfchland feit langer Zeit in vollem Flufs. Auch wird
der deutfche Lefer manchen Gedankenkreifen begegnen,
die ihm aus feinen eignen Forfchern bekannt find. So
find beifpielsweife die Einwirkungen von Lipfius, deffen
Dogmatik S, mit grofser Anerkennung begrüfst hat
(vgl. Revue critique Jahrgang 1880 Nr. 19: Anzeige der
2. Aufl.), an manchen Stellen wahrnehmbar. Auch j
von andern Religionsphilofophen und Theologen hat S.
zu lernen gewufst. Trotzdem wäre es ebenfo voreilig [
als ungerecht, wenn man unter uns das Buch kurzer Hand
mit dem Urtheil abfertigen wollte, der Kenner der re-
ligionsphilofophifchen Arbeit des letzten Menfchenalters
in Deutfchland werde hier neue Gefichtspunkte nicht
finden. Wer fo reden wollte, würde vergeffen, welch
hohen Werth eine fcharfe Formulirnng der zur Discusfion
flehenden Fragen auf wiffenfchaftlichem Gebiete bean-
fpruchen darf. Auch diejenigen, die fich felbftftändig an
dem Ausbau der religionsphilofophifchen Disciplinen betheiligen
, werden fich an der Virtuofität freuen, mit
welcher S. die Probleme anfafst, fie auf ihre Bedeutung
hin prüft, und die Richtung angiebt, in deren Verfolgung
eine Löfung gewonnen werden kann. Selbftverftändlich
wird es an Einwürfen, Bedenken, Ausftellungen nicht
fehlen. Gematteten es die mir gezogenen Grenzen, es
würde zu eingehenden Auseinanderfetzungen der Stoff
nicht fehlen. Es fei mir erlaubt, nur Einiges anzudeuten
. Die Energie, mit welcher S. die Immanenz
Gottes vertritt {Quid interius Deo? lautet fein Motto)
wird bei Manchen den Schein erwecken, als ob er die
Transcendenz Gottes und den transcendenten Zweck der
Weltentwickelung preisgeben wollte; diefe Interpretation
wäre gewifs durchaus verfehlt, jenes Transcendente
ift für den Verf. nur nach feinen Wirkungen in der reli-
giöfen Erfahrung gegenwärtig, an und für fich aber
bildet es den Grenzbegriff jedes Erkennens; doch würde !
S. Mifsverftändniffen vorgebeugt haben, wenn er den
Gottesbegriff nicht blofs bei Gelegenheit des Gedankens j
der Religion und Offenbarung oder des religiöfen Er- |
kennens behandelt hätte, fondern diefem Gegenftande in
einem umfaffenderen Abfchnitt näher getreten wäre.
Ebenfo klingen einige Ausfagen Sabatier's (vgl. S. 33 und j
öfters) fo, dafs man meinen könnte, das religiöfe Bedürfnifs
erzeuge felbft feinen Gegenftand, der Hunger und Dürft j
nach der Gerechtigkeit fchlage felbft in Sättigung um; eine
Erörterung der Theorien Feuerbach's oder A. Lange's
hätte diefen Schein zerftreut, oder aber wenn S. nicht
kritifch verfahren wollte, fo genügte es, feine gewifs am
unrichtigen Orte angebrachte Theorie des religiöfen Erkennens
mit den Ausführungen über Religion und
Offenbarung in directeren Zufammenhang zu bringen,
um die beifpielsweife von H. Bois erhobene Anklage
auf Illufionismus endgiltig zu widerlegen. Andere Punkte
hätte man eingehender behandelt gewünfcht, fo die
Frage nach der Bedeutung der Myftik, nach der Stellung
und dem Werth des ethifchen Factors in religiöfen
Fragen, nach der Berechtigung der ästhetifchen Function;
doch ich mufs es mir verfagen, auf diefe Themata 1
näher einzugehen und fchliefse mit einer allgemeineren
Bemerkung. Ich möchte mich energifch gegen das ab- j
fcheuliche Wort verwahren, welches S. zur Bezeichnung I
feiner und feines Collegen Menegoz's Anficht adoptirt
hat: ,En combinant /es vues de M. Menegoz et /es miennes
qui sc completent en effct reciproquement, on a pu
baptiser la conception nouvelle de Symbolo-fideisme' (S.
406, Anm.). Diefer häfsliche Barbarismus flammt, wenn
ich recht unterrichtet bin, aus gegnerifchem Lager, aus
einem in der Eglise Uber (3. und 17. Auguft 1894) er- |
fchienenen anonymen Artikel; leider hat ihn auch Men£- I
goz acceptirt, und er ift durch die Revue de Montauban
ebenfalls gebraucht und verbreitet worden (fo von H. Bois
und E. Gourelle); er foll in feinem erften Gliede S's Thefe I
vom fymbolifchen Charakter des religiöfen Erkennens
formuliren; den Ausdruck fideisme hat Menegoz gebildet

{Reflexions sur /'Evangile du salut. 1879; la Theologie
deTEpitre aux Hebreux, 1894, pg. 285—289) um die Lehre
vom evangelifchen Heilsglauben zu bezeichnen, der als
rein religiöfe Gröfse nicht zu identifiziren fei mit der
fides quae creditur. Diefer Symbolo-fideisme foll nun
das Programm einer neuen Schule, der Tzcole de
Paris bilden. Man kann es der Gefundheit des franzö-
fifchen, jeder Unklarheit abholden Geiftes überlaffen,
diefe todtgeborene Formel rafch zu Grabe zu tragen. Die
geiftvollen Ausführungen von Menegoz find etwas anders
und beffers als die Erfindung einer neuen Theorie, die durch
ein drolliges Epitheton ornans nur discreditirt werden könnte;
fie bezeichnen die Rückkehr zur religiöfen Pofition der refor-
matorifchen Gründungsepoche, zum rein evangelifchen
Heilsglauben, den der Franzofe mit hinreichender Deutlichkeit
durch das einfache Wort foi im Unterfchied
von croyance zu benennen vermag. Anderfeits kann diejenige
Seite des religiöfen Erkennens, die S. symbolisme
critique nennt ebenfowenig zum Schlagwort einer neuen
Doctrin oder Partei aufgebaufcht werden, denn es bezeichnet
diefer übrigens nicht einwandfreie Ausdruck die
durch die Phantafie bedingte Vorftellung. in welche das religiöfe
Bewufstfein den Inhalt feines Erkennens einzuhüllen
genöthigt ift. Zerrinnt das Phantom p des
Symbolo-fideisme, fo fällt auch die Fiction einer Ecole
de Paris hin. Die rege Theilnahme und die hohe Anerkennung
, mit welcher die Kundigen die aus den
Kreifen der Parifer Theologen hervorgehenden Leiftungen
verfolgen, berechtigt, ja verpflichtet fie dazu, das zweideutige
Lob, das man mit jenem Prädicate unfern Collegen
von Paris fpendet, unbedingt zurückzuweifen. Es genügt
zu ihrem Ruhm, dafs fie zum Gefammtertrag der theo-
logifchen Forfchung der Gegenwart zahlreiche und
werthvolle Beiträge geliefert haben, und ihre bleibende
Bedeutung wird ihnen nicht aus einer auf dem Symbolo-
fideisme fundirten Sonderftellung erwachfen, fie liegt
vielmehr in dem weit gröfseren und dankenswertheren
Verdienft, mit Pland angelegt zu haben an der im Geifte
evangelifchen Glaubens und evangelifcher Freiheit unternommenen
Arbeit der modernen Theologie. An der Spitze
diefer im Dienfte der grofsen gemeinfamen evangelifchen
Sache thätigen Arbeiter wird der Name des gegenwärtigen
Decans der Parifer Facultät unvergeffen bleiben.

Strafsburg i. E. P. Lobftein.

Fink, Rabb. Dr. Dan., Glaube und Kritik. Ein offenes
Wort zur Verftändigung an alle Bibelverehrer, und zugleich
ein folches der Entgegnung auf die Schrift:
Jefus und das Alte Teftament' von Lic. J. Meinhold.
Leipzig, H. Haacke, 1896. (V, 121 S. gr. 8.) M. 2.50

Die Schrift bietet nicht, was der Titel verheifst; fie
geht nicht auf eine prinzipielle Behandlung des in der
Ueberfchrift angedeuteten Problems ein. In zehn lofe
neben einander gereihten Capiteln befpricht der Verf.
einzelne Fragen aus der altteftamentlichen Kritik und
Theologie, welche ihm den Anlafs zu fcharfen Ausfällen
gegen Meinhold geben, und ihm die Genugthuung gewähren
follen, den evangelifchen Theologen unter dem
Wuft rabbinifch jüdifcher Gelehrfamkeit zu erdrücken.
Nur gelegentlich erfährt man, was der Verf. unter Glauben
verfleht und wie er fich die Aufgabe der Bibelkritik
denkt. Man vgl. die Ausführungen über ,Die Schöpfungsund
Urgefchichte» (S. 25 fg.), Die oft in Kleinigkeiten
und Confequenzmachereien fich verirrenden Diskuffionen
entziehen fich der näheren Analyfe. Eine Verftändigung
zwifchen den Gegnern ift durch die durchaus verfchieden-
artigen Vorausfetzungen und Ziele beider ausgefchloffen.

Strafsburg i. E. P. Lobftein.