Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1896

Spalte:

140-145

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gevaert, Fr. August

Titel/Untertitel:

La Mélopée antique dans le chant de l‘église latine 1896

Rezensent:

Köstlin, Heinrich Adolf

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3, Seite 4

Download Scan:

PDF

140

doch folche Fehler vermeiden! — Ferner bedauere ich
die Unbehülflichkeit und Undurchfichtigkeit, die mehrfach
zu Tage tritt. Wer redet denn deutfch: ,Fragen
haben fich aufgeworfen' (ortae sunt II, 2) oder ,Es find
mannigfaltige Annahmen des Glaubens' (foll heifsen: ,das
Wort ,Glaube' wird in verfchiedenem Sinne verftanden',
II 58) oder ,man begreift fich durch die Sündenlaft niedergedrückt
' [oppressum se intelligit II 60), oder ,Chriftus heilt
von Unfeftigkeit' {infirmitas II 61) u. a. m.? Gleich die
erften Zeilen in Bd. II find in diefer Beziehung völlig
mifsglückt: ,wir werden an erfterStelle den chrifll.Glauben
ausdrücken' {enunciabimus) anflatt ,ich werde zuerft den
Begriff .chriftl. Glaube' feftftellen' — und gleich darauf:
,wir werden drittens behaupten, dafs die Chriften etc.'
(dicemus), wo unfer ,behaupten' die ungehörige Vorftellung
eines Gegenfatzes gegen ,begründen' oder ,beweifen' erweckt
. Oder wer wird deutfch fagen, dafs ,die gefetz-
liche Macht durch die Sünde gefteigert wird' II 73? —
Endlich ftofsen wir auch auf Stellen, wo der Ueberfetzer
in der Eile der Arbeit feinen lat. Text einfach falfch
gelefen hat. Schon das mufs auffallen, dafs fich ihm
Ii 57 die Seitenüberfc hrift, die das ganze 3. Buch
führt, ,De CJiaritate' bei Cap. 2 in den Text, als wenn
es eine befondere Capitelüberfchrift wäre, verirrt hat,
oder dafs II 60 letzte Zeile das Wort ,sola' übergangen ift.
Schlimmer noch ift, dafs er II 62 für auctam mercedem,
rectam oder justam gelefen hat und ,gerechten Lohn'
überfetzt. Noch fchwerer verftändlich ift, dafs er II 2 in
den Satz ,Parem illam [fideiri] Judaeis olim fuisse con-
fendtm? ein ,non' hineingelefen hat und fich daher mit
dem Gegentheil deflen, was S. gefagt hat, abquälen
mufste, natürlich ohne einen verftändlichen Sinn herauszubekommen
. — Ich habe nur einige Capp. genauer verglichen
und fo viele Anftöfse gefunden; ich will hoffen,
dafs anderes dem Ueberfetzer beffer gelungen ift.

In Bd. III bietet er uns in möglichft getreuer Wiedergabe
den lat. Text des letzten Stückes der Christianismi
Restitutio: De mysterio trinitatis et vcterum disciplina ad
Phil. Melanchthonetn .. Apologia. Er behauptet II 303, fie
fei bisher ,völlig unbekannt'. Doch wohl ebenfo bekannt
oder unbekannt, als der ganze Murr'fche Neudruck es ift!
Immerhin foll uns ein bequemer Neudruck willkommen
fein. Spiefs will den Murr'fchen Text buchftabengetreu
wiedergeben, fodafs er Druckfehler desfelben zunächft
copirt, dann aber in eckigen Klammern berichtigt. Diefe
Akribie ift doch wohl einem Nachdruck gegenüber,
deffen Buchftabentreue fich am Originaldruck nicht nachprüfen
liefs, ein Nimium. Im Ganzen ift der Abdruck
recht forgfältig — am wenigften genau ift die Correctur
der erften Blätter ausgefallen, wo u u. v bald nach Murr'-
fcher bald nach heutiger Schreibweife wechfeln, aufser-
dem fich neben dem I das der Vorlage völlig fehlende
J eingefchlichen hat. Andererfeits giebt Sp. allmählich
auf, auch das ae der Vorlage nachzubilden und geht zum
gewohnten ae über. Dem angehängten Druckfehlerver-
zeichnifs wären noch allerlei Nachträge anzufügen, fo
ftört S. 2 Z. 13 v. u. et ad te ft. ut ad te. Sollte aber
diefer Tractat einen Neudruck erleben, fo hätten wir
ihm einen folchen gewünfcht, der uns ftatt der hier oft
ganz befondere Schwierigkeiten dem Verftändnifs bereitenden
alten Interpunktion eine dem Sinne angepafste
böte. Man fuche nur einmal in den Sinn der Worte einzudringen
: me/also adducere criminaris, cum eos [Irenäus
und andere Alte] idipsuni sensisse contendo. In verbo, non
realem distinctionem, sed Christuni apud Deuni (S. 1)!
Wir wünfchten ferner eine Ausgabe, die den Lefcr darüber
orientirte, wo denn Melanchthon's Anfchuldigungen,
auf die hier S. replicirt, zu finden find, und die uns die
Kirchenväterftellen, über deren Auslegung S. mit Mel.
disputirt, nachwiefe. All folche Hülfen, die der Herausgeber
dem Lefer m. E. fchuldig ift, fucht man hier leider
vergebens.

Es thut mir leid, dafs mein Urtheil über das Spiefs'-

fche Unternehmen dahin lauten mufs: die aufgewendete
Mühe und die Liebe des Verf.'s zur Sache leiften für
unfer wiffenfchaftliches Verftändnifs Servet's nicht, was
fie nach berechtigten Erwartungen leiften könnten.

Breslau. G. Kawerau.

Strümpell, Prof. Ludw., Abhandlungen aus dem Gebiete der
Ethik, der Staatswissenschaft, der Ästhetik und der Theologie
. 6 Hefte. Leipzig, A. Deichert Nachf., 1895. (III,
33, 49, 59> 5°, 47 u. 39 S. gr. 8.) M. 4. —

Nur kurz fei auf diefe Sammlung hingewiefen, in der
der ehrwürdige Verfaffer, der nun feit mehr denn 5oJahren
als geiftvoller Vertreter der Herbart'fchen Philofophie
zuerft in Dorpat, dann in Leipzig gewirkt hat, feine früheren
, auf ethifche und verwandte Probleme bezüglichen
Abhandlungen zufammengeftellt hat. Ich hebe nur diejenigen
hervor, die für den Theologen, d. i. fpeciell den
theologifchen Ethiker, von Intereffe find. In dem Auf-
fatz über ,die fittliche Weltanficht des Spinoza' wird ausgeführt
, dafs das Verhältnifs des Sittlichen zum Kosmo-
logifchen, wie es im fpinoziftifchen Pantheismus vorge-
ftellt wird, in Gegenfatz zu dem fittlichen Bewufstfein
tritt, fodafs fich die Ethik in Naturrecht auflöft. In der
Abhandlung über ,die Freiheit des logifchen Denkens'
wird diefe Freiheit in Parallele mit der Freiheit des fittlichen
Wollens geftellt und dadurch auf einen einheitlichen
Zufammenhang zwifchen theoretifcher und praktifcher
Philofophie hingewiefen. In der folgenden Abhandlung:
,Ueberficht und Beurtheilung der hauptfächlichften Begründungsweifen
der Ethik' erörtert und kritifirt der Verf.
die verfchiedenen Verfuche, die Ethik blofs als Güterlehre
oder als Pflichtenlehre oder als Tugendlehre aus-
zugeftalten. Hieran fchliefst fich die im Thema nah verwandte
einfüge Dorpater Habilitationsdiffertation: ,de
summt boni notione, qualem proposuit Schleiermacherus,
dissertatio'. Den werthvollften Beftand der Sammlung
bilden m. Er. die Abhandlung: ,die fittlichen Ideen', in
der der Verf. fich mit Herbart's Darftellung der urfprüng-
lichen fittlichen Ideen auseinanderfetzt und den wahren
Inhalt diefer Ideen genauer zu bezeichnen fucht, und dann
die beiden Abhandlungen: ,das Ideal der Tugend und
die Pflichterfüllung' und ,Selbfterkenntnifs und Charakterbildung
im Flinblick auf die fittlichen Ideen', wo nun die
Confequenzen, die fich aus der Anwendung der fittlichen
Ideen auf den einzelnen Menfchen ergeben, dargelegt
werden. Gedankenreich ift auch der aus einem Vortrag
erwachfene Auffatz: ,die moralifchen Grundlagen des
öffentlichen Verkehrs'. Hier fucht der Verf. ,folche fittliche
Wahrheiten aufzuftellen, von deren Anerkennung
und Beachtung es abhängt, dafs der öffentliche Verkehr
des fittlichen Beifalls werth und der Ausdruck eines an
fich würdigen Verhaltens ift'. Den Schlufs der Sammlung
bildet eine Abhandlung unter dem Titel: ,die falfche
Verbindung zwifchen Philofophie, Theologie und Kirche'.
Der Verf. formulirt den Gedanken, den er hier durchführt
, dahin, ,dafs derjenige, welcher aus der eigentlichen,
d. i. kirchlichen Theologie eine Religionsphilofophie macht,
nothwendig den Sinn der Kirche, derjenige, der aus der
Philofophie eine kirchliche Theologie macht, nothwendig
den Sinn der Philofophie verkennt'.

Jena. H. H. Wendt.

Gevaert, Fr. Aug., La Melopee antique dans le chant de
l'eglise latine. Gand, Ad. Hoste, 1895. (XXXVI,
446 S. Lex.-8.)

Der Verfaffer geht von der Annahme aus, dafs in
dem liturgifchen Gefange der katholifchen Kirche das
Ebbe der antiken Mufik auf uns gekommen fei. Diefe
Annahme fcheint ihm aufser Zweifel zu fein. Es handelt
fich jedoch darum, fie über das Niveau einer allgemeinen