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Ausgabe:

1896

Spalte:

119-121

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Flöring, Friedrich

Titel/Untertitel:

Das Alte Testament im evangelischen Religionsunterricht 1896

Rezensent:

Fay, Friedrich Rudolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1896. Nr. 4.

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menten vorbehalten bleibt, das dogmatifche Syftem des zehnten Jahrhunderts ift ja kein Einziger mehr. .Literar-
Verf.'s zum Abfchlufs bringen wird, fo läfst fich über hiftorifche Kritik wird doch von allen Schulen geübt —

feinen Verfuch nur ein vorläufiges Urtheil abgeben. Zwei
Seelen wohnen in feinem kunftvoll angelegten und fchön
ausgeftatteten corpus doctrinae: die eine, getragen von

fogar in den von orthodoxer Seite herausgegebenen
Biblifchen Gefchichtsbüchern, fo in dem für das Grofs-
herzogthum Heffen, das z. B. auf S. 133 Jef. 40 ff. als

echt reformatorifchem Geifte und entfprungen aus den exilifch behandelt' (S. 20). Darum wird es als richtig
Tiefen des genuin evangelifchen Heilsglaubens, ftrebt ] anerkannt werden müffen, wenn der Verf. in feinem
darnach, die Dogmatik als reine Darfteilung der durch dritten Leitfatz fagt: Die Schwierigkeiten diefes Unter-
das Evangelium geweckten fides zur Geltung zu bringen; richts, die im Charakter des Stoffes begründet find, ....
die andere gehört einer durch die Reformation im Princip find bei der herkömmlichen theologifchen Auffaffung nur
überwundenen Vergangenheit an, welche aber, durch die 1 fcheinbar geringer als bei der neueren kritifchen. Die
Epigonen wieder reftaurirt, die rein religiöfe Erkenntnifs ; erftere hat das gefchichtliche Verftändnifs des A.T.'s in
des Evangeliums häufig durch anderweitige, aus fremden j feinen wichtigften Theilen (Prophetifche und nachpro-
Gebieten und Punflüffen flammende Factoren getrübt hat. phetifche Entwickelung) nicht gefördert und es nicht ver-
Möge in dem noch zu erwartenden Bande, zu deffen j hindern können, dafs im religiöfen Denken und Leben
Vollendung wir dem Verfaffer auch fernerhin die unge- unferes Volkes gerade das A.T. für viele ein Stein des
fchwächte Kraft und Schaffensfreudigkeit wünfchen, die Anftofses geworden ift'. Das ift wahr und ebenfo wahr
er bereits fo glänzend bewiefen, jene erfte, ausdemWefen ift, wenn es weiter heifst: ,Die letztere bringt die orga-
des reformatorifchen Glaubens geborene Seele immer nifche Entwicklung der Offenbarung in der Gefchichte
reiner und voller zum Ausdruck gelangen, damit fein J Israels befonders deutlich zum Ausdruck und verhilft der
Werk in viel höherem Mafse als die weit hinter ihm 1 Wirkfamkeit der Propheten zu ihrem Recht. Ihre Erzurückbleibenden
Schriften feiner unmittelbaren Vor- j gebnifse find bei aller Hervorhebung des menfchlichen
gänger Arnaud, Matter, Gretillat, der Theologie Factors in der Gefchichte Israels religiöfer Beurtheilung
des franzöfifch redenden Proteftantismus zum bleibenden und Verwerthung ebenfo zugänglich wie die herkömm-
Segen gereiche! I liehen Anfchauungen' (S. 27.28). Wer fich von der Richtig-

Strafsburg i. E. P. Lobftein. keit diefer Behauptung überzeugen will, der lefe doch

ö einmal, ftatt über die angeblich lo ,ungläubige' Kritik in

grofsen Verfammlungen loszuziehen, in der Stille feines
Flöring, Prof. Dr. Frdr., Das Alte Testament im evange- 1 Studirzimmers ein Buch, wie das ,Alte Teftament.
lischen Religionsunterricht. [Vorträge der theolog. Kon- ; Seine Entftehung und Ueberlieferung' von dem

ferenz zu Giefsen, IX. Folge.] Giefsen, Ricker, 1895.

allzu früh vollendeten W. Robertfon Smith in Roth-

ftein's vorzüglicherUeberfetzung! Vielleicht wird mancher
(52 b. 8.) 1V1. 1. j cjann zu der Einficht kommen, dafs die Vertreter der

Die feit elf Jahren erfcheinenden Vorträge der theologifchen
Conferenz zu Giefsen haben fchon manchen
werthvollen Beitrag zur Löfung obfehwebender Zeitfragen
gebracht. Als folchen dürfen wir auch den
vorliegenden bezeichnen. Sieben Leitfätze find es, die
von dem verehrten Verf. aufgeftellt und allfeitig, wahrhaft
überzeugend beleuchtet werden. Dafs das Alte Tefta-

,neueren kritifchen' Auffaffung fo fchlimm nicht find, wie
er gemeint hat, und mancher vielem von dem beipflichten,
was unfer Verf. auf S. 28—39 zur Ueberwindung der
im Charakter des Stoffes begründeten Schwierigkeiten
(,Verhältnifs zum Chriftenthum; eine taufendjährige Volks-
gefchichte; Complicirtheit des Quellenbeflandes') anräth.
Auf zweierlei kommt es ihm an: auf richtige Auswahl

ment, ,durch die Gefchichte der Kirche als Religionsbuch j des Stoffes einerfeits, auf fachgemäfse Behandlung
der Chriftenheit erwiefen' im evangelifchen Religions- j desfelben anderfeits. Was die erftere anbetrifft, fo follte:
Unterricht .unentbehrlich' fei, wird gegenüber dem .durch Weglaffung von gefchichtlichen Stücken, die vom
ungenannten, fich als .chriftlichen Theologen' bezeich- ■ chriftlichen Standpunkte aus nicht fruchtbar zu machen

nenden Verfaffer des Buches: ,Das Judenthum in der
religiöfen Volkserziehung des deutfehen Proteftantismus
' fchlagend nachgewiefen (S. 5—15). Dann
wird die Aufgabe des altteftamentlichen Religionsunterrichts
unter Abweifung der dogmatifchen und Anempfehlung
der gefchichtlichen Methode dahin benimmt,

find, Raum gewonnen werden, um mehr als bisher die
Wirkfamkeit der Propheten in ihrem Volk (nicht nur
ihre Weisfagungen) und die Frömmigkeit Israels in Poefie
und Lehrgedicht der kindlichen Auffaffung zugänglich
machen zu können' (S. 38). Was die Behandlung diefes
fo ausgewählten Stoffes anlangt, fo gilt dem Verf. als

,das Verftändnifs des Chriftenthums, vornehmlich der j Princip der Satz: ,Chriftocentrifch foll aller Religions-
Perfon Jefu Chrifti anzubahnen und die chriftliche Lebens- Unterricht fein und darum auch der altteftamentliche'
frömmigkejt .... anzuregen und zu vertiefen' (S. 13—19). ] (S. 36). Hieraus folgt, dafs nur die Art der Behandlung
Wenn die dogmatifche Methode als eine folche bezeich- zweckentfprechend fein wird, ,die . . . überall die grofsen
net wird, ,die im Religionsunterricht Gottlob auszufterben ! Glaubensgedanken und die fittlichen Ideen Israels in
beginnt' (S. 16), fo haben wir unferfeits nur den Wunfeh, ' ihrem gefchichtlichen Sinn und in ihrer gefchichtlichen
dafs ihr recht bald ein fanftes Ende befchieden fein [ Entwicklung in den Vordergrund rückt und für das
möge, da fie eine wirklich lebensvolle und wahrhaftige j religiöfe und fittliche Leben des Kindes fruchtbar macht.
Auffaffung des alten Teftaments unmöglich macht. Sie Nicht dogmatifche Auslagen, nicht unfehlbare hiftorifche,
hat fich geradezu unfähig gezeigt, die Schwierig- ; ethnographifche und naturwiffenfehaftliche Theorien hat
keiten (S. 19—28), ,die fich der Löfung diefer Aufgabe das A.T. dem chriftlichen Religionsunterrichte zu bieten,
des altteftamentlichen Religionsunterrichts nun entgegen- : fondern herzbewegende Kunde von den Wegen Gottes
ftellen', zu überwinden. .Auch ftrengkirchliche Laien ; mit diefem Volk in feiner Gefchichte und von Menfchen,
empfinden das Bild, das ihnen in der Schule vom A.T. , die bei aller Fehlbarkeit in ganz unvergleichlicher Weife
gezeichnet wurde, als ungenügend' (S. 22). Als Beifpiel den lebendigen Gott gefucht haben' (S. 39). Leitfatz 5
wird M. Rieger genannt, deffen Schriftchen: ,Ueber die und 6 befchäftigen fich mit der Vertheilung des UnterAbnahme
der Bibelkenntnifs in der Gemeinde, richtsftoffes auf die verfchiedenen Claffen der verfchie-
Darmftadt 1889', wie auch wir fagen müffen, ,leider nicht 1 denen Unterrichtsanftalten, ohne in Einzelheiten einzu-
genug bekannt geworden ift'. Ref. hat es f. Z. mit gröfster | gehen (S. 39—45). Sehr gut wäre es, wenn in der
Zuftimmung und Befriedigung gelefen und möchte die 1 Fortbildungsfchule ein .biblifch und hiftorifch gehaltener
Gelegenheit benutzen, die vorzügliche Brofchüre eines 1 Religionsunterricht' gegeben werden könnte (S. 40), ,bei
.ftrengkirchlichen Laien' allen eben fo gerichteten Geift- ! dem dann die lebensvolle religiöfe Entwicklung innerlichen
zu empfehlen. Ganz orthodox im Sinne des fieb- 1 halb des Alten Bundes und zum Neuen Bunde hin