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Ausgabe:

1896 Nr. 4

Spalte:

115-119

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bovon, Jules

Titel/Untertitel:

Dogmatique chrétienne. Tome premier 1896

Rezensent:

Lobstein, Paul

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US Theologifche Literaturzeitung. 1896. Nr. 4. 116

auch von Collegianten in Ritfchl's Darfteilung der Ge- ! Chriftenthu m und Proteftantismus, einen Theil des Stoffs

fchichte des Pietismus I nicht die Rede ift.

Wenn fo auch ein befcheidener Ertrag für die Ge-
fammtentwickelung zu verzeichnen ift, fo bleibt doch den
Collegianten das Ehrenzeugnifs, dafs fie eine ,Kirche'
gebildet, die nichts von dem zurückgenommen hat, was
durch den Proteftantismus gegeben war (S. 418).

Königsberg. Benrath.

Bovon, Prof. Jules, Dogmatique chretienne. Tome premier.
[Auch unter d. T.: Etüde sur l'oeuvre de la reMemption.
II: La formule dogmatique, Dogmatique chretienne.]

Lausanne, Georges Bridel & O, 1895. (549 S. gr. 8.) ^~"f ^ T^TEM^^^^K'7om'D^^

vorwegnehmen, welcher felbft in die Dogmatik gehört
und daher in der Einleitung nur aus unerwiefenen Macht-
fprüchen zufammengefetzt lein kann. Selbftverftändlich
ignorirt der Verf. jene Probleme nicht; er bringt fie
aber in einem andern Zufammenhang zur Sprache, indem
er die Unterfuchungen über die Religion in das anthro-
pologifche Lehrftück einfügt, und das Problem der Offenbarung
unter den Titel der gefchichtlichen Vorbereitung
und Verwirklichung des Heils fubfumirt. Es liefse fich
wohl bei diefer Gruppirung über Einzelnes mit dem Verf.
rechten, doch mufs diefer Verfuch, den Hauptinhalt der
hergebrachten Prolegomena dem Syftem felber zurückzugeben
, als glücklich und nachahmungswerth bezeichnet

Nachdem Bovon in den zwei erften Bänden feiner und der Dogmatik, fowie von der Methode der Dogmatik;
umfaffenden Schrift über ,das Heilswerk' von der hifto- er geht in diefem Abfchnitte von fehr gefunden, wenn
rifchen Grundlage der Verföhnungslehre gehandelt hatte, auch noch oft genug beftrittenen Gefichtspunkten aus;
geht er nun zur Darlegung und Begründung des Dogma's namentlich bekunden die Erörterungen über das Ver-
felbft über. Sein Buch ift aber viel breiter angelegt, als hältnifs der evangelifchen Glaubenslehre zur heiligen
es der urfprüngliche Titel erwarten liefs. Der 550 Seiten Schrift und zu den Bekenntnifsen einen echt gefchicht-
ftarke Band ift in Wahrheit der erfte Theil einer Glaubens- I liehen Sinn, der fich mit feinem religiölen Verftändnifs
lehre und führt auch die felbftändige Ueberfchrift ,Dog- j paart. Weniger gelungen dürften die erkenntnifstheore-
matique chretienne'; die ,oeuvre de la redemption', auf j tifchen Ausführungen fein: diefelben leiden an einem
welche es Bovon befonders abgefehen hat, wird erft im j Gebrechen, das auch fonft an manchen Stellen des

zweiten Bande feines Werkes zur Darfteilung gelangen.
Dem vorliegenden Buche dürfen die bereits in den zwei
früheren Bänden hervortretenden Eigenfchaften vielleicht
in noch höherem Mafse nachgerühmt werden: überficht-
liche Gruppirung des Stoffs, reiche Belefenheit, umfaffende
Kenntnifs der dogmatifchen Literatur Deutfchlands fowie
der englifch und franzöfifch redenden Länder, gewandte
Darlegung der ftreitigen Probleme, befonnenes und mit
feltenen Ausnahmen billiges und mafsvolles Urtheil,
klare und elegante Darfteilung, — das find Vorzüge, die
dem Werke Bovon's gewifs zahlreiche und dankbare
Lefer fichern werden. Auch verdient die Unabhängigkeit,
mit welcher der an der theologifchen Facultät der Freikirche
des Waadtcantons angeftellte Profeffor gegen hergebrachte
Anfchauungen auftritt, und die Offenheit, mit
der er feine Abweichung von der traditionellen Schultheologie
erklärt, unfere volle Achtung. Könnten doch
in unfern fogen. frommen und confervativen Kreifen
manche Zeloten aus dem hier deutlich vorliegenden That-
beftand lernen, was eine im reformatorifchen Heilsglauben
wurzelnde kirchliche Gemeinfchaft vertragen
kann, und wie das Vertrauen, das eine chriftlich durchgebildete
Perfönlichkeit auch den furchtfamen Gemüthern
abzugewinnen vermag, im Stande ift, über Heterodoxien
und Ketzereien hinüberzuhelfen, die fonft nur Entfetzen
und Entrüftung hervorrufen: es wäre ein Leichtes, eine
ftattliche Reihe von Sätzen zufammenzutragen, welche
den Diffenfus des Verf.'s von dem landläufigen Betriebe
unferer Schultheologie in ein helles Licht ftellen würden.
Diefe Thatfache ift innerhalb der Kirche, welcher der
durch diefelbe berufene Lehrer dient, kein Geheimnifs;
nichts defto weniger hat fie feiner Berufsthätigkeit keinen
Abbruch gethan, und wer die dortigen Verhältnifse
kennt, darf kühnlich behaupten, dafs jene vertrauensvolle
Stellung der Geiftlichen und Laien zum theologifchen
Lehrer kein Zeichen von Lauheit oder Indifferenz, fondern
ein Beweis chriftlichen Glaubens und echter Bruderliebe
ift. Wenn ich nun im Folgenden befonders die
Punkte berühre, die den Gegenfatz unferer Pofitionen
zur Darfteilung bringen, fo will ich dadurch den zwifchen
uns beftehenden, oft fehr weitgehenden Confenfus keineswegs
leugnen oder verhüllen; vielleicht wird aber eine
eingehendere Erörterung der controverfen Fragen er-
fpriefslicher fein und zur Charakteriftik des Standpunktes

Syftems wiederkehrt, es fehlt ihnen an Schärfe der Be-
griffsbeftimmung und an Confequenz in der Verfolgung
der oft richtig angedeuteten, aber unficher feftgehaltenen
Gedanken. Wie diefe Kritik gemeint ift, wird fogleich
aus einigen Beifpielen erhellen. Der vorliegende Band
umfafst in drei Haupttheilen, die Anthropologie und
Theologie (Les origines: Vkomme, fils de Dieu, und als
Unterabfchnitte: L'komme, Dieu), die Lehre von der
Sünde [Le peche: 1'komme, fils de Dieu, rebelle), und die
erfte Abtheilung der Lehre von der Gnade {La gräce:
Vkomme, fils de Dieu, sauve). In feinen anthropologifchen
Ausführungen läfst fich der Verf. nicht in Erörterungen
über die Naturbedingungen und Naturverhältnifse des
Menfchen ein; mit Recht fieht er in den Ausfagen über
die empirifche Erfahrung in Betreff des Menfchen nur
Grenzbegriffe, die nicht auf den Charakter von Glaubens-
fätzen Anfpruch erheben können. ,Die chriftliche Pfycho-
logie, fagt B. treffend, betrachtet den Menfchen unter
dem Gefichtswinkel des Chriftenthums' (p. 148). Vielleicht
hätte eine confequentere und umfaffendere Durchführung
diefes Kanons noch reichere und fruchtbarere Refultate
ergeben. Der Abfchnitt über die Religion enthält höchft
intereffante und lichtvoll dargeftellte Auseinanderfetzungen
mit einzelnen, gerade in der Gegenwart wichtigen Vergehen
(vgl. über H. Spencer, p. 155—168; über Max
Müller, 171—176); dagegen verzichtet B. grundfätzlich
auf eine vollftändige Aufzählung und Kritik der religions-
philofophifchen Syfteme der neueren Zeit, — eine Be-
fchränkung, die dem Dogmatiker nicht zum Vorwurf
gemacht werden kann. In dem von ihm vorgefchlagenen
Verfuch nimmt der Verf. feinen Standort im Chriften-
thum, fpec. im Evangelium, welches ihm den Schlüffel
zum Verftändnifs der Religion darbietet; die fehr be-
ftimmte Vertretung des Rechtes der Myftik innerhalb
des Chriftenthums würde noch wirkfamer und gewifs
erfolgreicher ausfallen, wenn der Begriff der Myftik tiefer
gefafst und deutlicher formulirt worden wäre. — Den
gewichtigften Bedenken unterliegt m. E. das der fpeciellen
Theologie gewidmete Capitel. Mit vollem Recht lehnt
B. das Verfahren der landläufigen Theologie ab, die das
Trinitätsdogma unter die allgemeine Lehre von Gott fubfumirt
und dasfelbe von dem chriftologifchen und fote-
riologifchen Lehrftück loslöft. Er fordert, dafs der chriftliche
Theologe nur auf Grund der Heilsoffenbarung, aus

diefer neuen Glaubenslehre einen directeren Beitrag liefern. ! dem Heilswirken Chrifti und dem Walten des heiligen

Es ift gewifs zu billigen, dafs B. mit der herkömm- Geiftes die Erkenntnifs des dreieinigen Gottes gewinne

liehen Weife der Prolegomena gebrochen hat, die in j und demgemafs auch wiffenfehaftlich formulire; darum

breiten Erörterungen über Religion und Offenbarung, j will er auch den locus de trinitate erft am Schlufs des