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Ausgabe:

1896

Spalte:

641-643

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bertholet, Alfred

Titel/Untertitel:

Die Stellung der Israeliten und der Juden zu den Fremden 1896

Rezensent:

Siegfried, Carl

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. zu Berlin, und D. E. Schürer. Prof. zu Göttingen.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 18 Mark

NE: 25.

5. December 1896.

21. Jahrgang.

Bertholet, Die Stellung der Ifraeliten und der
Juden zu den Fremden (Siegfried).

Lietzmann, Der Menfchenfohn (Holtzmann).

Häring, dixaioovvr] 6eov bei Paulus (Holtzmann
).

Beversluis, De heilige Geest en zijne wer-

kingen volgens de Schriften des Nieuwen Ver-

bonds (Holtzmann).
Baumgartner, Die Philofophie des Alanus de

Insulis (= Beiträge zur Gefch. der Philofophie

des Mittelalters von Baeumker und v. Hert-

ling 11, 4) (Deutfch).
Nuntiaturberichte aus Deutfchland, 3. Abth.

»572—1585, 2. Bd. bearb. von Hänfen, uDd
3. Bd. bearb. von Schell ha fs (Virck).

Kübel, Chriftliche Ethik, 2 Thle. (Lobftein).

L u tha rd t, Kompendium der theologifchen Ethik
(Lobftein).

Winter, D. Karl Friedrich Auguft Kahnis
(Thieme).

Bertholet, Lic. Alfr., Die Stellung der Israeliten und der
Juden zu den Fremden. Freiburg i. B., J. C. B. Mohr,
1896. (XI, 368 S. gr. 8.) M. 7.—

Wir haben das gehaltreiche, in vielen Beziehungen
anregende und Belehrung bietende Werk gern gelefen.
Leider hat der Verfaffer die Wirkung desfelben einiger-
mafsen dadurch beeinträchtigt, dafs er fich durch die
Maffen feiner Collectaneen, die fich, abgesehen von fämmt-
lichen Disciplinen der Fachliteratur, auch auf claffifch-
archäologische, juristische und andere Gebiete erstrecken,
öfter hat verleiten laffen, den leitenden Faden fallen
zu laffen und fich ganz in die Erörterung von Nebenfragen
zu verlieren. Man glaubt ftellenweise eine Ge-
fchichte Israels S. 208 ff., 265 ff., eine hebräifche Archäologie
S. 22 ff. u. a., eine israelitifche Religionsgefchichte
S. 91 ff-, 113 ff, eine Einleitung in das A. T. S. 136 fr.,
eine Gefchichte der apokryphifchen und hellenistifchen
Literatur S. 102 ff, 257 ff. u. a. m. zu lefen. Zwar find auch
diefe Abfchweifungen an fich ganz intereffant und die
bisweilen etwas überladenen Citate aus anderen alten
Rechten und Sitten belehrend und oft werthvoll, aber
fie erfchweren die Verfolgung der Hauptfrage. Ver-
fuchen wir den leitenden Faden der Unterfuchung zu
erfaffen und feilzuhalten.

Der Verf. beginnt mit der „Stellung der Fremden in
Israel in der ethnifchen Periode", womit die ältere
gefchichtliche Zeit gemeint üb Hier ift von befonderem
Werth die Erörterung des Sprachgebrauchs von Nokhri
und Ger, fowie die unter vollitändiger Heranziehung des
in Betracht kommenden Materials geführte Unterfuchung
über die Lage der durchreifenden und der anfäffigen
Fremden im älteren Israel. Insbefondere wird abfchliefsend
die religiöfe Stellung der in Israel anfäffigen Fremden
erörtert mit dem Resultat, dafs fie damals in Israel die-
felbe war wie in den heidnifchen Nachbarländern. Der
Fremdling trat in eine Cultgemeinfchaft mit dem betreffenden
israelitifchen Gefchfecht und dadurch unter den
Schutz des Gefchlechtsgotr.es. — Mit den Propheten
beginnt eine Reaction gegen alles Fremdländische. Unter

zu einer gewiffen Doppelströmung. Auf der einen Seite
wird die Abweifung alles Fremden, alles deffen, was
aufserhalb der Gemeinde Israels fteht, immer fchärfer,
dagegen fucht man andererfeits die fremden Elemente,
die fich innerhalb der Gemeinde bereits befinden, der-
felben immer näher anzugliedern. So bildet fich ein
gegenfätzliches Verhalten aus gegen die Gojim und gegen
die Gerim, worin der alte Unterfchied von Nokhri und
Ger gewiffermafsen feine Wiedererneuerung erlebt. Die
Gerim galten als anfchlufsfähig, und je mehr durch die
deuterojefajanifchen Schriftfteller der univerfaliftifche
Charakter der israelitifchen Religion herausgebildet wurde,
defto mehr wuchs auch die Hoffnung auf die Anziehungskraft
diefer Religion für die Gerim. — Diefe ganze Ent-
wickelung der Religion unter den prophetifchen Einflüffen
ift vom Verf. fehr gut und klar dargeftellt. — Das war
nun aber während des Exils alles blofse Theorie
geblieben. Als man nach dem Exil ins Vaterland zurückkehrte
, hatte man Gelegenheit, fich mit der praktifchen
Löfung diefer Frage zu befchäftigen. Da (teilte fich
denn doch heraus, dafs, fobald der Zuflufs der Gerim
gröfsere Dimenfionen annahm, der Gemeinde die Gefahr
drohte, von diefen aufgefogen zu werden. Nur die Her-
ftellung einer rein jüdifchen Gemeinde konnte davor
retten. Und fo blieb denn nichts anderes übrig, als den
idealiftifchen Univerfalismus der Deuterojefajaner alsbald
aufzugeben und die Gefichtspunkte des partikulariftifchen
Judaismus zu den leitenden zu machen. Nachdem die
äufserliche Säuberung der Gemeinde durch Esra und
Nehemia erreicht war, ging man dazu fort, diefelbe durch
eine Brenge Religions- und Cultverfaffung gegen alle
Welt abzufchliefsen und insbefondere auch das Fremdenrecht
auf eine ganz neue Bafis zu (teilen. Wie das
im Einzelnen gemacht wurde, darüber hat der Verf. S. 152
bis 176 eine fehr gründliche und lefenswerthe Unterfuchung
angeftellr. Das Hauptrefultat ift, dafs der
Fremdling jetzt religionsgesetzlich nur noch fo weit in
Betracht kommt, als er die jüdifche Religion angenommen
hat. Ger ift jetzt ganz gleichbedeutend mit Profelyt
geworden. — Noch einmal follte der Kampf zwifchen
^^"^^^aiMr^SA'l^. allmählich ein religiöfer I den univerfalütifchen und partikulariftifchen Grundfätzen

ausgefochten werden in der griechifchen Periode. Die
erfteren regen fich auf paläftinifchem Boden in einer
Anzahl von Pfalmen, im Hiob, Koheleth, dem Buche
Ruth u. a., ganz befonders aber find fie vertreten in dem
jüdifchen Hellenismus in einer reichen griechifch ge-
Ziel" dafs Israel fich7n femer religiöfe Literatur. Doch die makkabäifche Periode

lerne und die Fremden als Menschen zweiter Classe j verfchaffte dem Partikularismus den Sieg. Mit der blofsen

Gegenfatz zwifchen Israel und den Fremden aus. Es
kommt zu einer religionsgefetzlichen Regelung des Verhaltens
gegen die Fremden, bei der durchweg auf
Scheidung Israels von diefen hingearbeitet wird. Vorzugsweife
die deuteronomifche Prophetie erftrebt das

betrachte. Der Begriff Ger hört damit auf, ein blofs
nationaler und focialer zu fein, der Nachdruck wird auf
das religiöfe Verhältnifs gelegt. Das deuteronomifche
Gefetz beginnt damit, dem Ger eine beftimmte religiöfe
Stellung anzuweifen. In Folge deffen kommt es in der
deuteronomifchen und nachdeuteronomifchen Theologie

Annahme der religiös-ethifchen Grundfätze des Judenthums
durch die Fremden gab man fich nicht zufrieden.
Man verlangte Annahme des ganzen Religions- und
Cultusgefetzes. Damit war die Ifolirung des Ju.lenthums
verewigt und die Verwirklichung des Universalismus
einer anderen Religion überlaffen. — Diefe abfchliefsende

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