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Ausgabe:

1896

Spalte:

636-637

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Finke, Heinrich

Titel/Untertitel:

Acta Concilii Constanciensis. 1. Bd.: Acten zur Vorgeschichte des Konstanzer Konzils (1410 - 1414) 1896

Rezensent:

Werminghoff, Albert

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Theologiche Literaturzeitung. 1896. Nr. 24.

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wie Ratisbonne (der bezeichnender Weife von V. gar
nicht berückfichtigt wird), bei aller Bewunderung für die
grofsen Eigenfchaften B.'s ift er doch auch gegen deffen
Schwächen nicht blind, er bemerkt, dafs B. zuweilen
übertreibt, um die Aufmerkfamkeit des Lefers zu feffeln
I, 270, II, 195, dafs es nicht das Mafshalten ift, durch
das üch feine Sprache immer auszeichnet. Man darf,
was B. den von ihm bekämpften Perfonen übles nach-
fagt, nicht ohne weiteres für baare Münze annehmen,
wenn auch V. hier, mit Recht, bemerkt, dafs B. felbft
die Wahrheit des von ihm Ausgefagten geglaubt hat —
er hat fie nur eben zu leicht geglaubt. Einen Zug bei
B. fcheint mir V. nicht berückfichtigt zu haben, der, man
mag ihn nun beurtheilen wie man will, jedenfalls vorhanden
ift, eine gewiffe berechnende Klugheit. Selbft
in der Angabe der Vita III, 3, 8 ift er angedeutet, und
die Briefe geben mancherlei Belege dafür, z. B. 21. 33
u. a. Er fcheint ja mit der rückfichtslofen Offenheit,
mit der B. in vielen Fällen fich ausfpricht, in einem ge-
wiffen Widerfpruch zu flehen, um fo weniger aber darf
er für das gefammte Charakterbild des Mannes aufser
Betracht gelaffen werden. — Mancherlei Intefeffantes
bietet der Abfchnitt Bernard oratcur. V. findet in B.'s
Stil einen gewiffen Mangel an richtigem Gefchmack, aber,
bemerkt er I, 470, das, worauf die Gröfse des Redners
beruht, ift nicht fowohl die Reinheit des Gefchmacks als
der Schwung der Gedanken und das Feuer des inneren
Ergriffenfeins, und darin hat B. keinen Nebenbuhler zu
fürchten. — Am wenigflen werden wir uns von der
Würdigung B.'s nach der theologifchen Seite befriedigt
fühlen können. Zwar fehlt es auch hier nicht an be-
achtenswerthen Bemerkungen, wie I, 487 über den Unter-
fchied zwifchen B. einerfeits und F"enelon und Frau
v. Guyon andererfeits in der Anficht von der Liebe,
auch ift V. unbefangen genug, um fich gegen die Wegdeutung
des Widerfpruches B.'s wider die immacidata
conceptio B. M. auszufprechen II, 81, wobei er freilich
glaubt, das Sophisma, deffen B. fich bediene, leicht be-
feitigen zu können. Aber das eigentlich Originale in
B.'s Theologie kann ja von ftreng römifch-katholifchem
Standpunkte aus gar nicht gewürdigt werden; Aeufserun-
gen B.'s wie die, welche Ritfehl zufammengeftellt hat,
würden, wenn ein nachtridentinifcher Schriftfteller fie fich
erlaubt hätte, z. Th. geradezu der kirchlichen Cenfur
verfallen fein — wie dürfte man alfo auf fie Gewicht
legen, und doch bleibt, wenn man von ihnen abfieht,
Bernhard nicht Bernhard. Damit berühre ich einen Punkt,
an dem die Möglichkeit eines fruchtbaren fich Auseinanderfetzens
, die mit einem Forfcher wie V. in weitem
Umfange möglich ift, doch ihre Grenze findet. Wir
Evangelifchen werden in der ,Gloria postliuma' B.'s das
Lob, das Luther ihm ertheilt hat, obenan ftellen. V.
dagegen fagt II, 474: die Feinde der Kirche haben den
heil. Bernhard mit Luther verglichen. La comparaison
est infiniment injurieuse pour l'abbe de Clairvaux. Bei
einem folchen Gegenfatz ift eine Verftändigung ausge-
fchloffen, und die Polemik wäre zwecklos. Anftatt auf
diefe einzugehen bemerke ich lieber, dafs es doch nur
wenige Stellen find, an denen wir uns durch den Ausdruck
einer fo fchroff römifchen Haltung verletzt fühlen,
während das Buch recht Vieles bietet, was der Evange-
lifche nicht nur mit Intereffe, fondern auch mit innerer
Zuftimmung lefen wird.

Es gefchieht dem Verdienfte des in vieler Hinficht
zu rühmenden Werkes kein Eintrag, wenn wir glauben,
dafs auch einer künftigen Biographie B.'s noch Vieles
zu thun übrig bleibt, nicht nur in der Feftftellung von
Einzelnem, fondern auch in der Herausarbeitung des
vollen Gefammtbildes des Mannes, der in der Kirchen-
gefchichte fo wenige feines Gleichen hat.

Berlin. S. M. Deutfch.

Finke, Heinr., Acta concilii Constanciensis. Erfter Band:
Acten zur Vorgefchichte des Konftanzer Konzils
(1410—1414). Münfter i. W., Regensberg, 1896.
(VIII, 424 S. gr. 8.) M. 12. —.

Finke's erfte Veröffentlichung zur Gefchichte des
Konftanzer Concils, feine ,Quellen und Forfchungen',
hatte eine Fülle neuer Kenntnifs vermittelt; der erfte bis
jetzt erfchienene Band feiner ,Acta concilii Constanciensis
' ergänzt fie nach rückwärts, indem er für die
Jahre 1410 bis 1414 ein reiches, bisher verborgenes Material
erfchliefst. Dort wechfelten Unterfuchung und
Quellenveröffentlichung miteinander ab, hier ift der
Charakter einer Publikation von Acten ftrenger gewahrt,
obfehon den ausführlichen Einleitungen ein ziemlich
breiter Raum zugebilligt ift. Allerdings vermeiden fie
den häufigen Fehler, ihrer eigenen Beftimmung zuwider
den hiftorifchen Verlauf der Ereigniffe felbft darzuftellen.

F. hatte, wie er im Vorworte auseinanderfetzt, ur-
fprünglich geglaubt, die Vorgefchichte des Konftanzer
Concils auf wenigen Bogen erledigen zu können; ausgedehnte
Nachforfchungen in Archiven und Bibliotheken
ergaben jedoch ein fo umfängliches Material, dafs feine
Vereinigung zu einem befonderen Bande die Sammlung
der ,Acta' paffend eröffnet. Die meifte Ausbeute gewährten
zwei Handfchriften aus Wien und Rom: die
erftere angelegt von dem ehemaligen Rathe Ruprecht's von
der Pfalz, Job Venner, einem Parteigänger Gregor's XII.;
die zweite ein Formelbuch der Bibliotheca Palatina,
werthvoll für die Gefchichte des Concils und der erften
Regierungsjahre Sigmund's.

Das Concil zu Pifa hatte der abendländifchen Kirche
an Stelle der Einheit die ,verfluchte Dreieinigkeit' gebracht
. Die folgende Zeit bis zum Beginn der Konftanzer
Verfammlung ift von mannigfach fich kreuzenden Verhandlungen
mit und unter den drei Häuptern der
Chriftenheit ausgefüllt, deren jedes für fich die päpftliche
Vollgewalt beanfpruchte, deren keines zum bedingungs-
lofen Verzicht auf die pontifikale Würde fich verliehen
wollte. Das Concil zu Rom blieb ohne Erfolg; erft die
Vertreibung Johann's XXIII. nach Florenz brachte eine
Annäherung diefes Papftes an den römifchen König
Sigmund zu Stande: dem Konftanzer Concil gelang die
fchwierige Aufgabe, dem nahezu vierzigjährigen Schisma
ein Ende zu bereiten.

Nicht als ob F.'s Veröffentlichung die hier angedeuteten
Grundzüge unferer Kenntnifs als unrichtig er-
wiefe; aber fie rückt die Ereigniffe jener Jahre vielfach
in ein neues fchärferes Licht, deckt hier neue Zufammen-
hänge auf, läfst dort das Wirken der handelnden Perfonen
klarer durchfehauen: unfere Anzeige mufs fich
befcheiden, aus dem Reichthum des Dargebotenen das
Wefentliche hervorzuheben.

.Unionsverhandlungen und Concilspläne in den Jahren
1410 bis 1413' überfchreibt F. den erften Abfchnitt
(S. 1—107). Seinen Kern bildet eine Reihe von
Correfpondenzen, die durch die Thätigkeit Karl Malatesta's
im Sinne der Union veranlafst waren. Mit Recht betont
F., dafs in ihm die vielverfchlungenen Verhandlungen
jener Jahre in weit höherem Grade, als man gedacht,
ihren einigenden Mittelpunkt fanden. — Noch ergebnifs-
reicher möchten wir das zweite Capitel, ,das römifche
Concil 1412 und 1413', nennen. Wenig beachtet von der
Mitwelt, verfpottet oder zum wenigflen vergeffen von
der Nachwelt, erhält hier die von Johann XXIII. berufene
Synode zum erften Male eine Schilderung, welche
umfichtig die noch immer fpärlich fiiefsenden Quellen
verwerthet, die Lücken früherer Darftellungen ausfüllt
und ihre Irrthümer befeitigt. Vor allem fei auf die
überzeugende Darlegung hingewiefen, durch welche die
der Parifer Univerfität vorgelegten Reformpläne für das
franzöfifche National- und das römifche Concil, die sogen.
Avisata, als Vorläufer der Reformfchrift Peter's von Ailli,